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Jüdische Korrespondenz · 1917-09-13 · 28 (13.9.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
28 (13.9.1917)
Date
1917-09-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Sr, 28 die Rabbiner ihren Unterhalt durch Lieferung von Hefe und Sah an ihre Gemeindemitglieder verdiene« mußten, der wird die Rotwenditzkcit zur Schaffung einer Organisation zu würdigen wissen. Durch die erwähnte Verordnung ist endlich die Möglichkeit zur gedeihlichen Arbeit der Gemeinden gegeben, da sie sämtlich mit Korporationsrechten ausgestattet sind. Die Juden jeder politischen Gemeinde bilden eine jüdische Gemeinde, die auf Grund des gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts aller Steuerzahler Vorsteher uud Rabbiner wählt. Nur in dm Großgemeinden Warschau und Lodz wird der Vorstand in zwei Kurien gewählt. In der ersten haben die Männer mit Hochschul¬ oder sechsklassiger Mittelschulbildung, mit Rabbiner- Diplom und dem Reifezeugnis einer landwirtschaftlichen oder Handwerkerschule Wahlrecht, während in der zweiten alle übrigen dieselbe Anzahl von Gemeindebevollmächtigten wählen. Damit alle Richtungen zur Geltung kommen, wird den Großgemeinden Proportionalwahlrecht gegeben; nach demselben Prinzip werden die übergeordneten Instanzen, die Kreisgemeinden und der Oberste Rat, von den Gemeindevorständen bezw. Delegierten der Krcisgemeinde gewählt. Außer in den kleinen Gemeinden hat der Staat das Recht, einen gewissen Teil der Vertreter zu ernennen. Um die religiösen Prinzipien zu ihrem Recht kommen zu lassen, ist ein Viertel bis ein Drittel aller Verwaltungskörper mit Rabbinern zu besetzen. Die Vorbereitungen zu den Wahlen sind bereits im Gange. In der Provinz vollziehen sie sich im allgemeinen ruhig. Parteikämpfe treten dort hinter dem Bestreben zurück, diejenigen Juden ans Ruder zu bringen, denen man die Fähigkeit zutraut, unter den gegenwärtigen überaus großen Schwierigkeiten die Gemeindeverhältnisse in Ordnung halten zu können. Dagegen dürfte in Warschau und in Lodz der Kampf der verschiedenen Anschauungen heftig werden. In der ersten Kurie wird das zahlenmäßig schwache Assimilantentum gut abschneiden, weil die jüdischen Schulen zu russischer Zeit keine öffentlichen Rechte besaßen und infolgedessen unter der Intelligenz diejenigen Schichten überwiegen, die ihrer Anschauung nach entsprechend mehr Wert aus abgeschlossene allgemeine Bildung als auf jüdische Erziehung legen. Indessen stehen sich auch bei den Assimilanten mindestens zwei Gruppen gegenüber, da die der sogenannten Neo-Assimilanten (jetzt „Unabhängige" genannt) den übrigen den Vorwurs machen, daß sie die jüdischen Interessen nicht wahrnehmen. Es läßt sich jedoch schwer Vorhersagen, wer bei den Wahlen mehr Aussicht hat. Das wesentlich größere Interesse konzentriert sich auf die zweite Kurie, in der sich die verschiedensten Parteien gegenübertreten. Die Hauptgruppen sind die Orthodoxen, die Zionisten, Nationalisten und Arbeitergruppen. Die Orthodoxen hoffen bei dieser ersten Machtprobe für ihre neugegründete Organisation (Verband der Orthodoxen) auf eine größere Anzahl von Vertretern. Die bürgerlichen nationalen Gruppen nähern sich unter der Losung des gemeinsamen Kampfes für eigene kulturell-nationale Rechte trotz der sonstigen Programmverschiedenheiten für die Wahl einander an. Zu ihnen gehören außer den Zionisten und der Volksgruppe auch die neu hervortretenden sogenannten bürgerlichen Gruppen. Es dürfte also mit einer regen Wahlbeteiligung aus allen Bevölkerungsschichten gerechnet werden, zumal gerade die 'Arbeit der ersten Jahre von außerordentlicher Bedeutung für die Zukunft des polnischen Judentums werden muß. Dr. Malajas Klage. Eine eigenartige Situation hat sich gegenwärtig im christlichsozialen Lager in Wien herausgebildet. Während von verschiedener Seite, jüdischer und nichtjüvischer, behauptet wird, der Antisemitismus sei im Wachsen begriffen und es drohe eine neue antisemitische Welle — kommt ein Teil der christlichsozialen Partei mit der Klage, daß deren Leitung den antisemitischen Grundsätzen untreu geworden ist. Der Stadtrat und Abgeordnete Dr. Mataja hat an den Parteichef Prinz Liechtenstein eine Denkschrift gerichtet, in welcher er unter anderem folgende Klage erhebt: Jüdische Korrespondenz. „Bon dem Gedanken ausgehend, daß eine politische Partei in den von chr verfochtenen und durchgeführten Grundsätzen wurzelt, die ja auch die Existenzberechtigung verleihen, beklagen die Unterzeichneten vor allem, daß die Parteileitung seit Jahren einem entschlossenen Bekenntnis zu den Parteigrundsätzen aus dem Wege geht. Namentlich gilt dies vom Antisemitismus. Die christlichsoziale Partei ist nur als antisemitische Partei denkbar und in der Tat haben die Parteigenossen gerade für diesen Programmpunkt die größten Opfer gebracht. Aber wann wäre die Parteileitung in diesen Jahren jemals offen und rücksichtslos für den Antisemitismus eingetreten? Einzelne Mitglieder der Partei haben den Antisemitismus in dankenswerter Weise zur Geltung gebracht. Seitens der Partei fehlt jede derartige Stellungnahme. Bei diesem negativen Verhalten hat es sein Bewenden nicht gehabt. Die Wiener Bevölkerung hat sich in der Zeit unseres unvergeßlichen Führers Dr. Lueger daran gewöhnt, in allen Dingen des öffentlichen Lebens ihre Augen auf das Rathaus zu wenden und die christlichsvziale Partei nach dem Wirken des Rathauses zu beurteilen. Gerade im Rathause aber genießen jüdische Organisationen und Personen den größten Einfluß, während die Partei vollkommen in den Hintergrund getreten ist. Infolgedessen sind gerade die überzeugten und verläßlichsten Parteigenossen in ihrem Glauben an die Partei erschüttert und eine allgemeine tiefgehende Unzustiedenheit, ein Mißmut ohnegleichen hat sich ihrer bemächtigt, der die schlimmsten Konsequenzen für das Schicksal der Partei zeitigen muß." Die Sache entbehrt natürlich nicht einer gewissen Komik. Einerseits kann man die „Herren in Wien" keineswegs einer Judenfreundlichkeit beschuldigen, anderseits scheint der Antisemitismus des Dr. Mataja sonst nicht so felsenfest zu sein. Eine Wiener Zeitung schreibt diesbezüglich: Also, wer ist dieser Dr Mataja und was will er eigentlich? Er ist ein verkrachter Advokat, der seinen einfachen bürgerlichen Beruf verfehlt hat. Ein Mann, der die Fähigkeit besitzt, mit einem einzigen Gesäß auf zwei Hochzeiten zu sitzen, eine jener Existenzen der Großstadt, der das Vorbild Dr. Luegers in den starkumnebelten Kopf gestiegen ist, und'der seine diversen Leidenschaften am liebsten in Judengesellschaft spazierengeführt, wo er sich scheinbar heute noch wohlfühlt. Hat vielleicht dieser Dr. Mataja vergessen, daß er, nachdem er in der Gemeinderatsdebatte ein Dutzend Juden verspeiste, dann in der von ihm verachteten Judengesellschaft sein opulentes Abendessen mit einem halben Dutzend Krügel Pilsner einnahm und Abend für Abend im Caf« Central saß, wo er mit dem jüdischen Dr. H. F., mit dem Juden Dr. T., mit dem jüdischen Eskompteur B. und, wenn diese fehlten, mit anderen Juden „Rostopschin" getrommelt hat, welches zum näheren Verständnis für die Leser nicht etwa ein Schnaps, wie man im Zusammenhangs mit Dr. Mataja vermuten könnte, oder ein russischer General, sondern ein hasardmäßig ausgebautes Tarockspiel ist? Dazu noch war dieser enragierte Judenfresser auch immer sehr geneigt, mit diesen Juden in seinen vielen freien Stunden auch anderen, noch minder ethischen Vergnügungen der Großstadt zu sröhnen und seine sehr verdächtig entwickelte Hakennase in Dinge zu stecken, die mit Antisemitismus ganz und gar unvereinbar sind. Welche ungeheuerliche Verlogenheit, welche abgrundtiefe ethische Minderwertigkeit mag wohl dazu gehören, daß gerade ein so geartetes Individuum der antisemitischen Bewegung zn neuerlichem Glanze, einer neuen Epoche gemeinsten Judenhasses und Judenverfolgung verhelfen will? Von der „Ägudas Jisroel". Die Landesorganisation „Agudas Jisroel" kann anläßlich des Jahreswechsels auf ein Jahr reicher Arbeit und segensbringender Tätigkeit zurückblicken. Den Lesern dieser Blätter sind die Details dieser Arbeit wohl bekannt. Sowohl auf dem geistigen Gebiete wie in materieller Hinsicht hat die „Aguda" für die Flüchtlinge, speziell für die orthodoxen Kreise derselben, für die sich sonst niemand kümmerte, alles mögliche getan, um ihren Wünschen und Bedürfnissen zu entsprechen. Eine ganz besonders lebhafte Tätigkeit entwickelte die „Aguda" gelegentlich des Pessach-Festes, wo Tausende von Flüchtlingen und jüdischer Soldaten mit Mazzot rc. versorgt wurden. Seite 3 Ein besonderes Kapitel verdient die Chedarim- Aktion der „Aguda" in Wien, welche über tausend Flüchtlingskindcr vor der Verwahrlosung in religiöser und moralischer Hinsicht geschützt hat. Gerade diese Aktion erforderte große Mittel und es war nicht leicht, der Schwierigkeiten Herr zu werden. Dank dem Eifer der Leitung ist jedoch auch dieses Werk vollbracht worden. Zu erwähnen sei auch die Kriegsanleihe-Aktion der „Agudas Jisroel", die ein so glänzendes Resultat ergab, deren Tragtveite für das galizische Judentum erst später klar sein wird. Das Lokal der „Aguda" war im Laufe des Jahres der Konzentrativnspunkt aller jüdisch-religiösen Aktionen. In den maßgebenden Kreisen kennt man genau die Tätigkeit der „Aguda" und man weiß, daß dieselbe die berufenste Repräsentanz des galizisch-orthodoxen Judentums ist. Das neue Jahr stellt die „Aguda" vor neue Aufgaben. Es gilt zunächst, das Schulwerk weiterzuführen, dessen Bestand eine dringende Notwendigkeit darstcllt. Auch die Kriegswaiseu-Aktion soll nunmehr in ein akuteres Stadium gelangen. Es wird auch geplant, für diesen Zweck von den Behörden die Erlaubnis zur Ausgabe einer Kriegswaisen-Lotterie zu erwirken. Die Flüchtlingsfrage an und für sich erfordert weiterhin viel Arbeit und große Geldmittel. Wir wollen hoffen, daß die Leitung, besonders der eifrige und energische Präsident Herr I. I. Thumim, auch weiterhin ihren Aufgaben gewachsen sein, daß aber auch die jüdische Ocffentlichkeit dieser Organisation die nötigen SDiittei zur Verfügung stellen wird. Ben-Amitai. Rundschau. Fast- und Bittag für de« Friede«. Die in Wien weilenden orthodoxen Rabbiner aus Galizien und der Bukowina haben beschlossen, den kommenden Erew-Rosch-chodesch Cheschwan als allgemein jüdischen Fast- und Bittag für den Frieden zu bestimmen. An diesem Tage sollen sich die Juden in den Gotteshäusern versammeln und Gebete für einen baldigen Frieden verrichten. Ein diesbezüglicher Aufruf wird in den nächsten Tagen veröffentlicht werden. Dr. Israel Lewy s. A. Einer der größten jüdischen Gelehrten ist mit dem am Samstag im Alter von 77 Jahren verstorbenen Breslauer Seminarrabbiner Professor Dr. Israel Lewy aus dem Leben geschieden. Er hat als erster die moderne kritische Methode bei dem Studium des babylonischen und des bisher arg vernachlässigten jerusalemischen Talmuds angewandt und damit sehr bedeutende Erfolge erzielt. Die Dienstpflicht der russischen Jude«. Dem Jüdischen Korrespondenzburean im Haag wird geschrieben: Die Hetze gegen die russischen Juden in England ist wieder einmal in vollem Gange. Durch tendenziöse Darstellungen versucht man sie als gesinnungslose Feiglinge zu brandmarken. Tausende russischer Juden haben sich gleich im Beginne des Krieges als Freiwillige gemeldet. Ucber ihre Behandlung in der französischen Fremdenlegion, in die man sie steckte, sind erschütternde Berichte in die Oeffentlichkeit gedrungen. Nach der russischen Revolution sind neue Scharen russischer Juden aus Amerika, England, Frankreich und den neutralen Ländern nach Rußland zurückgekehrt. Einen allerdings sehr entschiedenen Widerstand leisteten sie gegen alle Versuche, sie der englischen Armee einzuverleiben. Auch das jiingst geschlossene englisch-russische Abkommen hat ihren Widerspruch gefunden. Nicht mit Unrecht! Die englische Regierung stellt den russischen Bürgern frei, nach Rußland zurückzukehren oder in die englische Armee einzutreten. Jedoch nur in der Theorie! Sie verwehrt die Mitnahme der Familien, während die russischen Inden verlangen, ihre Familien mitnehmen zu dürfen oder daß zumindest Rußland oder England diese versorge, während England nur für den Unterhalt der Angehörigen der in das englische Heer Eintretenden aufkommt. So hebt England durch diese Bedingungen die Wahlfreiheit der Russen auf. Die englische Presse richtet schon seit Jahren heftige Angriffe an die Adresse der russischen Juden.

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