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Jüdische Korrespondenz · 1917-09-13 · 28 (13.9.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
28 (13.9.1917)
Date
1917-09-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 bluten, gegen mich spricht, so find, glaube ich, alle Philosophen und sogar die größten Kriegshetzer darüber einig, daß diese Kriegführung, diese moderne Erfindung von todbringenden technischen Errungenschaften, die ganze Absurdität der entfesselten Leidenschaften zeigt. Kommen diese Zeiten, so wird man auch keinen Unterschied machen zwischen Mensch und Mensch. Wir Menschen sind dazu da, nicht gegen- oder neben-, sondern miteinander zu leben; wir sind daraus angewiesen, daß einer dem anderen beistehe und helfe, und nicht, daß wir uns gegenseitig zerfleischen. Wie lange es noch dauern wird, bis wir den Zeitpunkt erleben, in dem unsere Hoffnung zur Tatsache wird, kann niemand angeben; aber diese Hoffnung ist unser einziger Lichtblick, der uns die Wolken und Nebel für einen Augenblick zerreißen läßt, um uns in unserem Glauben zu bestärken. Ich stelle nur den Grundsatz aus, daß die Inden in den Ländern, in denen sie wobnen, ihre patriotischen Pflichten nach jeder Beziehung und Richtung hin erfüllen mögen. Ich habe auch nichts dagegen, wenn die italienischen Juden nur Italiener sind, nichts dagegen, wenn die französischen Juden sich mir als Franzosen fühlen. Aber eines mochte ich hervorheben und sehr stark unterstreichen: man möge auch uns österreichische und deutsche Juden mit Ratschlägen verschonen, die mir aus Kurzsichtigkeit und geringem Verständnis der berufenen Ratgeber hervorgehcn. So hat seinerzeit der Pariser Rothschild in Saloniki die Juden ausgesordert, der Entente gute Dienste zu leisten, da nur die Franzosen diejenigen seien, die die Menschenrechte auf ihr Schild geschrieben haben, und England, das demokratische und liberale England, das Land sei, das keinen Unterschied zwischen Mensch und Mensch mache. Rothschild sprach in echter Begeisterung; tiefe Stille aber herrschte in dem dichtgefülltcn Tempel, als Rabbi Jakob Meier aus Saloniki in aufrichtiger Begeisterung das Wort ergriff, um sich gegen die Ausführungen des ententefreundlichen Rothschild zu wenden, indem er unter Aufzählung der nackten Tatsachen ausführtc, daß er unmöglich sich den Ausführungen des Vorredners anschließen könne, im Gegenteil, mit aller Heftigkeit sich gegen dieselben wandte, da diesem schlichten Manne es unbegreiflich erscheinen mußte, daß wirklich demokratische Kulturländer sich mit dem damaligen Despotismus des nunmehr auch von der Entente verurteilten Zarismus vereinigen können, uni die Waffen für Zivilisation und Kultur zu schwingen. Wer Kultur verbreiten will, und gar in anderen Ländern, muß dafür sorgen, daß im eigenen Lande diese Worte nicht leere Begriffe sind. Daß in Rußland damals die Behandlung der Juden geradezu dem Begriff der Menschheit Hohn sprechen mußte, war doch allen klar. Der Manu mit den schlichten Worten, aus denennur wirkliches Interesse für sein Volk sprach, da aufrichtige Empfindung und Ueberzeugung seine Triebfeder waren, übte nach den damaligen Berichten den größten Eindruck auf die Zuhörer aus. Es ist wahrhaftig nicht meine Absicht, mich vom jüdischen Standpunkte aus etwa gegen die Franzosen oder Engländer oder gar Italiener zu wenden. Ich weise nur flüchtig auf die Dreysuszeiteu hin, wo im menschenfreundlichen Frankreich unsere Glaubensgenossen eine viel schlimmere Zeit erlitten hatten als lvir in der Aera Stöcker oder in der Aera Lueger. Ich verweise auf die letzten Hetzartikcl, die man in England gegen die Juden losgelassen hat, als ein Jude zum Minister ernannt worden ist. Aber, wie gesagt, ich habe durchaus nicht die Absicht, mich gegen die englischen, französischen oder italienischen Zustände zu tvenden. Ich wollte nur andeuten, daß auch dort nicht das goldene Zeitalter herrsche, daß einzig und allein nur dort die Juden sich wohl fühlen, nur dort im Besitze aller Rechte sich befinden und nur dort die bürgerliche Freiheit genießen. Ich habe auch nicht die Absicht, etwa die These aufzustellen, daß es uns Juden in Deutschland und Oesterreich besser ergeht als unseren Glaubensgenossen in Italien, Frankreich und England; nur eines noch. Gerade das freiheitliche Frankreich und das demokratische England haben die russischen Flüchtlinge jüdischen Glaubens gezwungen, in den Reihen ihrer Bedrücker gegen die angebliche Unterjochung der Zivilisation zu kämpfen. Dagegen haben wir in Oesterreichs und in Deutschland sehr viele rumänische und russische Flüchtlinge, und ich glaube nicht, daß auch nur ein einziger Fall zu verzeichnen Jftdisehe Korrespondenz. wäre, daß unsere Staaten diese unglücklichen Opfer gezwungen hätten, die Waffen zu ergreifen und in unseren Reihen gegen ihre ftüheren Unterdrücker zu kämpfen. Cs ist auch sehr schön, wenn Wilson mit der Entente den Juden Palästina wiedergeben will; aber es ist doch merkwürdig, wie großmütig man im Verschenken ist, und zwar von Terrstorien, die einem nicht gehören. Wir Juden im allgemeinen haben durchaus keine Veranlassung, uns den Türken gegenüber feindlich zu zeigen; wenn es ein Volk gibt, dem wir aus dem Grunde unseres Herzens treu und ergeben sein müßten, so sind es die Türken in allererster Reihe, von denen wir immer nur Gutes erfahren haben. _ Englische Ouertreibereien in der Palästinafrage. Aus London wird an das Jüdische Korrespondenzbureau im Haag berichtet, daß daselbst vor kurzem eine Konferenz von Delegierten verschiedener Nationalitäten, die Syrien und Palästina bewohnen, abgehalten wurde. Die Konferenz debattierte eingehend die zionistischen Bestrebungen und erklärte sich gegen die Errichtung eines Judenstaates in Palästina. Die Delegierten behaupteten, daß die gegenwärtige Politik des Zionismus einen Judenhaß von derartigen Dimensionen in der Türkei hervorgerufen habe, daß den Juden in Hinkunft selbst nicht gestattet werden würde, sich in Palästina niedcrzulasscn. Diese Nachricht klingt an und für sich höchst merkwürdig. Man wäre versucht, sie als unglaubwürdig zu beurteilen, würde sie nicht durch das Haager Jüdische Korrespondenzbureau verbreitet werden, das keinesfalls in dem Verdacht steht, antienglische Politik zu betreiben. Angesichts des Umstandes, daß England angeblich die zionistischen Bestrebungen in Palästina stützen will, mutet es eigentümlich an, daß die Gegner der zionistischen Bestrebungen ausgerechnet in London ihre Konferenz abgehalten haben. Diese Beschlüsse bedeuten doch einen Affront gegen England!.. . Die Vermutung liegt nahe, daß wir es mit einer der üblichen englischen Intrigen zu tun haben. Während die schlauen Insulaner die Juden mit den Aussichten aufPalästina ködern wollen, hetzensie gleichzeitig die Araber rc. gegen die Juden auf — um sich dann hinter der Ausrede verstecken zu können, daß die einheimische Bevölkerung Palästinas gegen die Erfüllung der den Juden gemachtenVersprechungen ist — diese also nicht realisiert werden können.. . Echte John Bull-Politik! Die Lage der rumänischen Jude». Nachdem die russische Militärverwaltung den von der rumänischen Regierung verhafteten Sozialisten Dr. Rakowski Befreit hatte, begann die rumänische Negierung Gerüchte zu verbreiten, daß die Inden von Jassy die russische Regierung austeizten, sich in die rumänischen Angelegenheiten einzumischen und den König Ferdinand von Rumänien zu verbannen. Man verhaftete einige Inden, indem man sie geheimer Beziehungen zu der russischen Militärverwaltung beschuldigte. Noch vor kurzem wurde der jüdische Sozialist Wechsler verhaftet, der an der Befreiung Rakowskis beteiligt war; ferner der 65jährigeHolzmann mitseinemSohn und viele andere. Einige Abgeordnete im rumänischen Parlament protestierten gegen die antisemitischeHetze des Premierministers Bratianu und seiner Agenten. Einer darunter forderte Beweise stir die angeblich verbrecherische Handlung der verhafteten Juden. Bratianu erwidert darauf, daß sie von einer Macht bestochen seien, die sich in die rumänische Angelegenheit hineinmischen möchte. Die Opposition erhob dagegen stürmischen Protest. Der Streit endigte mit einem Duell zwischen dem Abgeordneten und dem Premierminister. Doch durfte darüber die rumänische Presse nichts berichten. Darauf sind die Judenverfolgungen noch wesentlich verstärkt worden, so daß die verbündeten Regierungen die Absicht hegen, die rumänische Regierung zur Erfüllung des 8 44 des Berliner Vertrages von 1876 wegen der Gleichberechtigung der rumänischen Juden zu veranlassen. Nr. 28 Auf eine Anfrage her russischen Regiewnz hat der rassische Botschafter in Rumänien bestöttgh daß die Lage der rumänische« Juden trostlos ist, daß sie massenhaft in die Ortschaften nahe der Grenze verschickt werden und daß die rumänisch« Polizei dabei ungemein grausam verfährt, um von ihnen möglichst viel Geld heranszupreffen. Bekanntlich zahlen die Juden in Rumänien dreimal so viel Steuer wie die Rumänen selbst, sind zum Militärdienst verpflichte^ besitzen aber nicht die geringsten politischen Rechte. Die jüdischen Aerzte sind in der Ausübung ihres Berufes stark eingeschränkt; die Juden dürfen keine Rechtsanwälte, keine Apotheker sein und keine Staatsämter bekleiden. In den unentgeltlichen städtischen Schulen müssen nur die jüdischen Schüler Schulgeld bezahlen; überdies werden jüdische Kinder in den Schulen erst dann angenommen, wenn über die Aufnahme der rumänischen Schüler bestimmt ist und eventuell einige Plätze für die Juden sreigeblieben sind. Jetzt werden die Juden wegen ihrer Beziehungen zu den Russen verfolgt. Um auf die Juden in dieser Hinsicht einzuwirken, schließt sie die Regierung von der Versorgung mit Lebensmitteln aus, so daß sie Hunger leiden müssen. Die Folge davon ist die Ausbreitung epidemischer Krankheiten unter den Juden. In Jassy sterben täglich etwa 100 Juden. Die kranken Juden nimmt man in den rumänischen Spitälern nicht ans, trotzdem das jüdische Spital von der rumänischen Militärverwaltung belegt worden ist. Eine Besserung der Lage der Juden muß allerdings in engem Zusammenhang mit einer grundlegenden Aenderung der gesamten politischen Verhältnisse des Landes stehen. Bekanntlich hat das rumänische Parlament, angeregt durch die russische Revolution, den Beschluß gefaßt, den Grundbesitz des rumänischen Adels zugunsten der Bauern einzuziehen und eine Agrarreform im Lande durchzuführen. Dieser Parlamentsbeschluß ist aber von dem rumänischen Senat zurückgewiesen worden. Die Lage der rumänischen Bauern ist in vieler Hinsicht ebenso trostlos, ja zum Teil noch trostloser als die der Juden: In Rumänien besteht noch das Dreiklassenwahlsystem. Die erste Klasse besteht aus Grundbesitzern, Fabrikanten und Geldmagnaten, die zweite aus Rumänen, die lesen und schreiben können und etwas Vermögen besitzen. Diese zwei Klassen können direkt wählen und sind im Parlament mit 6/6 der Abgeordneten vertreten. Die dritte Klasse bildet die große Masse der rumänischen Bauern, etwa 80 Prozent der Bevölkerung, die nur indirekt wählen kann und mit einem Sechstel der Gesamtabgeordneten im Parlament vertreten ist. Diese Rechtlosigkeit der rumänischen Bauern führte zu ihrer vollständigen Verarmung. Sie besitzen kein eigenes Land und sind Sklaven der Grundbesitzer, die ihnen für ihre unermüdliche Arbeit kaum mit trockenem Brot lohnen. Eine Gewährung größerer Rechte an die Juden würde bei den rumänischen Bauern, die eigentlich gar keine Jndenhasser sind und vor der Verbannung der Juden aus den Dörfern im besten Einvernehmen mit ihnen lebten, ein Gefühl der Zurücksetzung erwecken. Alle Pläne zur Besserung der Lage der rumänischen Juden sollten daher im Rahmen einer allgemeinen demokratischen Landcspolitik liegen. Die Gemeindeviahlen in Pole». Aus Warschau wird geschrieben: Am 1. November vorigen Jahres erließ Generalgouverneur von Beseler eine Verordnung, betreffend dir Organisation der jüdischen Religionsgesellschast. Dadurch wurde endlich mit dem unhaltbaren Zustand gebrochen, den die russische Regierung in ihrer kleinlichen Furcht vor jedem Zusammenschluß beibehalten wollte: nämlich die jüdischen Gemeinden handlungsunfähig zu machen. Die Russen erlaubtm zwar die Bildung einzelner Gemeinden zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse, aber schon das Steuer- und Umlagerecht der Einzelgemeinden war nicht geordnet, und die Zusammenfassung mehrerer Gemeinden zu Zweckverbänden war verboten, so daß es praktisch unmöglich war, Rabbiner und Beamte zu besolden und soziale Einrichtungen in ausreichendem Maße zu schaffen. Wer den kläglichen Zustand kennt, in den die jüdischen Gemeinden dadurch gerieten, daß sie nicht einmal die notwendigsten Einrichtungen schaffen konnten und

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