Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 28 (13.9.1917)
- Date
- 1917-09-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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]Ddisclie Roppespondenz Preis per Nummer 10 Heller. TTT , , , , . 1 T , l Redaktion und Administration: Vierteljährlich K 1 20. Wochenblatt Uir jlldlSGn0 Interessen. Wien, VHI. Alserstraüe 55. Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet. Redakteur. onas reppe | jrr scheint jeden Donnerstag. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Nr. LM Wien, 13. September 1917. III. Jahrgang. Allen unseren geehrten Lesern und Freunden wünsche« wir ein Glückliches Jahr! Oie Redaktion. Der vierte Kriegs-Nosch-Haschana. Zum vierten Mal wird das jüdische Neujahrsfest mitten im Toben des Weltkrieges begangen, das erhaben-furchtbare Fest, an welchem der Herr der Heerscharen über Völker und Menschen zu Gericht sitzt, das Schicksal der Staaten und Länder bestimmt, über Krieg und Frieden entscheidet. Viermal hintereinander ward blutiger Krieg die Losung, — o, möge endlich diesmal die Wiederkehr des Friedens bestimmt werden. Das ablaufende Jahr war eines der blutigsten und speziell der eben zu Ende gehende Sommer hat schrecklich viel Blut fließen gesehen. An allen Fronten wurde gekämpft, blutig gekämpft. Andererseits haben die Friedensbemühungen, die in diesem Jahre besonders lebhaft einsetzten, bis heute kein reales Resultat gebracht. Die Zahl der Kriegführenden wurde auch vermehrt, das große aufstrebende Nordamerika, das altersschwache China und einige Kleinstaaten wurden in den Kriegsstrudel hineinwird mit bluttgen Lettern in der Geschichte des Weltkrieges verschrieben sein. Nichtsdestoweniger weist dasselbe auch einige Lichtseiten aus, die nicht ganz übersehen werden dürfen. Heute, da der wilde Krieg noch tobt und die sogenannten „Kulturvölker" der Sttmme der Menschlichkeit gegenüber sich taub stellen, kann wohl die Tragweite dieser Ereignisse nicht ganz und voll gewürdigt werden. Immerhin mögen sie hier, in dieser Rohbilanz des Jahres 5677, als Aktiva gebucht sein. Wir wollen hoffen, daß sie es bleiben werden. In erster Reihe kommt da die gewaltige Umwälzung in Bettacht, die in Rußland vor sich gegangen ist. Der Sturz des Zarismus, ganz gleichgültig, wie sich die Verhältnisse im russischen Reiche gestalten werden, ist einer der schönsten Triumphe der Menschlichkeit und der Freiheit. Wie ein schwerer Alp hat der Zarismus auf die gesamte Kulturwelt gedrückt. Sein Sturz ist an und für sich ein Erfolg. Ein Erfolg ersten Ranges speziell für das jüdische Volk, dessen 6 Millionen Söhne in diesem großen Reich einem geradezu unerträglichen Drucke ausgesetzt waren. Die Ereignisse in Rußland sind noch nicht zum Abschlüsse gelangt und man muß der Entwicklung der Dinge immerhin mit großen Besorgnissen entgegensetzen. Eines aber scheint schon jetzt sicher zu sein: Die früheren Verhältnisse dürit-n kaum wiederkehrcn. Die einmal Proklg«n Gleichberechtigung der Juden dürfte auch tw Falle einer neuen Rrstaurierungsumwälzung nicht mehr rückgängig gemacht werden. Selbst eine Rückkehr des Zarismus, die angesichts der Erscheinungen der letzten Tage nicht ausgeschlossen ist, dürfte da wenig ändern. Der Zar hat sich ja überzeugen müssen, wie wenig Wurzel sein System im Volke fassen konnte, und auch er dürfte jetzt andere Methoden zur Anwendung bringen. Somit hat sich die Niederringung der Zarenmacht seitens der Mittelmächte — denn nur diesem Umstande ist die Umwälzung zu verdanken; ein siegreicher Zar wäre kaum gestürzt worden — als eine völkerbefreiende Tat ersten Ranges erwiesen. Auch die Niederringung Rumäniens, die eben im abgelaufenen Jahre sich abspielte, kann unter diesem Gesichtspunkte beurteilt und bewertet werden. Auch dort dürfte sich das Schicksal der Hunderttausende Juden, die seit vielen Dezennien unter einem schmachvollen Joche ächzten, günstiger gestalten. Rumänische Versprechungen können zwar nicht allzu hoch eingeschätzt werden. Aber das Debatte, das die rumänischen Schakalenpolittker erlebten, und die Blamage, die sie sich politisch wie militärisch holten, dürfte sie schon dazu zwingen, der öffentlichen Meinung der Kulturwelt etwas mehr Achtung entgcgenzubringen. Nach dem Kriege dürften die Bratianu und Jonescu, vorausgesetzt daß sie wieder eine Rolle spielen werden, ihre alte Heuchlerpolitik nicht mehr fortsetzen können. Mehr denn je werden sie auf die Gnade Europas angewiesen und deswegen gezwungen sein, daraus die Konsequenzen zu ziehen. Das Auftauchen der Friedenssragc hat auch ein neues Schlagwort aufs Tapet gebracht, mit dem zwar viel Mißbrauch gettieben wird, das aber nichtsdestoweniger in der Zukunft wohl einiges Heil bringen dürfte. Es wird heute sehr viel von der „Demokratie" gesprochen, die stärker als bisher im Leben der Völker zur Geltung kommen soll. Wie gesagt, es wird viel Mißbrauch mit diesem Atttibut getrieben und gar viel Heuchelei tritt hiebei in die Erscheinung. Aber so ganz wirkungslos dürfte die Sache nicht bleiben. Der Geist der wahren Demokratie wird seinen Einzug halten und dann wird der Völkerhaß und der Völkerneid, ". . ' ' ~f*- schwer zu leiden hatten und haben, verschwinden müssen. Schlagworte sollen zwar immer bloß als solche bewertet werden. Aber ohne Wirkung bleiben sie nicht, speziell wenn es sich um eine wahrhaft edle Sache handelt, die nur durch die Bosheit der Menschen verzerrt wird. Wir wollen also hoffen, daß auch dieses Moment der schwer geplagten Menschheit und besonders dem jüdischen Volke zugute kommen wird. Die Ereignisse in Palästina und die Kämpfe um dieses heilige Land haben die jüdischen Gemüter im Laufe des abgelaufenen Jahres wiederholt furchtbar aufgeregt und in Spannung gehalten. Die Kämpfe um dieses Land haben zu einer Evakuierung wichtiger Städte und zu einer Bedrohung des dorttgen jüdischen Besitzstandes geführt. Glücklicherweise haben sich die Befürchtungen als übertrieben und die seitens der Entente absichtlich verbreiteten Hiobsnachrichten als falsch und verleumderisch erwiesen. Immerhin hat das Palästinaproblem den Juden aller Länder im Laufe des Jahres vieles zu schaffen gegeben. Anderseits ist die Diskussion, die dieses Problem in der Weltpresse hervorgerufen hat, zumindest in dem Sinne als Aktivum zu bewerten, als die breite Oeffcntlichkeit sich daran gewöhnt hat, die Judensrage viel ernster als bisher zu behandeln und zu beurteilen. Muß auch auf das entschiedenste vor jeder Selbsttäuschung gewarnt werden, die die Versprechungen der Entente irgendwie ernst nehmen möchte, so ist das Aufwerfen der Frage an und für sich als bedeutungsvoll zu bettachten. „ ... da du bannest die Herrschaft der Tyrannei von der Erde". Mit diesen Worten schließt eines der schönstenGebelstücke unserer Neujahrslithurgie. Dieses innige Gebet, das wir seit Jahrtausenden am Neujahrsfeste zum ewigen Vater im Himmel emporsteigen lassen, ist mit dem Sturz des Zarismus im abgelaufenen Jahre in Erfüllung gegangen. Wir wollen hoffen, daß der Gott unserer Väter auch.in diesem Neujahr unsere inbrünstigen Gebete erhören und und unserem Flehen Erfüllung angedeihen lassen wird. In diesem Sinne schließen wir mit dem altjüdischen Wunsche: „Es beginne das neue Jahr und dessen Segnungen!" Unser Verhältnis z« den Staaten, in denen wir wohnen. Im „Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz" (Zürich) veröffentlicht ein „österreichischer Jude" folgenden Aufsatz: Ich habe vor ungefähr sechs Jahren in der „Zeitung des Judentums", Berlin, eine ausführliche Abhandlung unter dem Titel „Das Verhältnis des Judentums zum Staate" veröffentlicht. In dieser Abhandlung habe ich mich ganz energisch gegen die Verleumdung gewendet, daß wir Juden ein feindliches Element im Staate sind, daß uns ein nationales Band umschlingt, unter dessen Einfluß wir nur unsere Interessen im Auge behalten, nicht aber die der Allgemeinheit, respektive das Wohl des Staates, in dem wir wohnen. — Eine Verleumdung, wie sie schon in den ältesten Zeiten von Judenhassern ausposaunt wurde, bei jeder näheren Betrachtung aber selbstverständlich zu allen Zeiten als jedweder Berechtigung und Grundlage entbehrend erkannt worden ist. Ich habe im Gegenteil mit statistischen Daten nachgewiesen, daß in allen Ländern, in denen Juden wohnen, sie das zuverlässigste Element sind, aus das Thron und Verfassung sich stützen können. Ja, selbst in Ländern, wie in Rußland und Rumänien, wo die Juden vogelftei waren, wo die Regierung, sobald es eine Gärung im Volke gab, die Juden als Blitzableiter behandelte, wo die Grundpfeiler der -Gerechtigkeit «ud des Staatsweseus erschüttert worden sind, wo man ruhig unschuldige Menschen den bestialischen Instinkten, die man künstlich erzeugt hatte, hingeopfcrt hat (ich brauche nicht an die Pogrome zu erinnern), selbst in diesen Ländern waren die Juden noch nicht die unzuverlässigsten Elemente der sie so schlecht behandelnden Staaten. Ich erinnere nur an die Tatsache, daß die Spaniolen, die seit mehr als 400 Jahren aus Spanien vertrieben und verjagt, doch noch ihre Anhänglichkeit zu ihrem Vaterlande bewahrt haben, indem sie nach Ausspruch des Senators Pollido die einzigen Elemente sind, bei denen man die Sprache des 15. Jahrhunderts Spaniens studieren kann. Im übrigen brauche ich weiter gar nicht des näheren über die Treue und Zuverlässigkeit der Juden zu schreiben; es genügt, auf die Tatsache hinzuweisen, daß die Regimenter, in denen eine große Zahl unserer Glaubensgenossen sich befindet, zu den tapfersten und zähesten gehören. Diese Behauptung greife ich nicht aus der Luft, ich berufe mich auf die Tatsachen, an denen wohl kein Mensch zweifeln wird, da diese Behauptung von den Regimentskommandanten auf Grund ihrer Erfahrung aufgestellt worden ist. Wir Juden gehören nicht zu den Elementen, die der Treue und Aufopferung nur dann fähig sind, wenn man ihnen in allem gerecht wird. Es ist noch nicht lange her, daß der Jude in Preußen ein Leutnantspatent nicht erlangen konnte, nur deshalb, weil er Jude ist; und dennoch mögen die größten Judenhasser sich in Preußen erkundigen, mit welchen Opfern gerade die Juden ihre Pflichten gegen Staat und Thron erfüllt haben. Man sehe sich nur die Anzahl der eisernen Kreuze bei jüdischen Trägern an — ich glaube mit gutem Rechte behaupten zu können, daß diese verdient werden müssen, daß man nicht sagen kann, daß man sie für Geld gekauft hat. Wir haben die Hoffnung nicht verloren, daß es doch noch ein Zeitalter geben wird, in dem die Menschen zur Einsicht gelangen werden, daß die Grundpfeiler des Staatswesens Gerechtigkeit und Menschlichkeit sind. Wenngleich dieser unmenschliche Krieg mit allen seinen Gehässigkeiten und Grausamkeiten, wodurch täglich Tausende von Menschen ver-