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Jüdische Korrespondenz · 1917-09-06 · 27 (6.9.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
27 (6.9.1917)
Date
1917-09-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 27 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 die englische Armee zwingen will, haben in einer Konferenz beschlossen, lieber mit ihren Familien nach Rußland zurückzukehren, und falls die englische Regierung darauf beharrt, ihnen Gelegenheit dazu zu verweigern, dem englischen Dienstzwang mit passivem Widerstand zu begegnen. Sie haben gleichzeitig telegraphisch an die russische Regierung appelliert. Inzwischen tut die Northcliffe-Presse ihr bestes, die Ostendbevölkerung zu einem ähnlichen Pogrom aufzuhetzen, wie er nach dem ersten diesjährigen Luftangriff in London stattfand. Die Lage gilt als sehr gefährlich. Immerhin scheint sich die englische Spekulation, die Juden damit zu ködern, daß man sie in ein „jüdisches Regiment" einreihen wollte, nicht eingegeben zu haben. Sie ziehen es sicher vor, nach Rußland zurückzukehren, als sich für England zu verbluten ... Die Aufregung der Northcliffe- Presse ist somit begreiflich. . . Der Grand von Saloniki. Wie bereits gemeldet, ist in der Nacht vom 18. auf den 19. August die ganze Altstadt von Saloniki niedergebrannt. Weitere Meldungen besagen, daß der Brand infolge des heftigen Windes ungeheure Ausdehnung angenommen habe. Bekanntlich sind 70 Proz. der gesamten Bevölkerung Salonikis Juden, so daß der durch den Brand hervorgerufene Schaden in erster Reihe die jüdische Bevölkerung Salonikis betrifft. Tausende von Juden sind ihrer Wohnstätte und ihrer Habe und ihres Gutes beraubt. Einer Nachricht aus Saloniki ist zu entnehmen, daß die Behörden Maßnahmen zur Verteilung der notwendigen Lebensmittel an die Obdachlosen und zum Abtransport eines Teiles der Bevölkerung in die umliegenden Dörfer von Saloniki getroffen haben. Einen interessanten, aber etwas phantastisch anmutenden Vorschlag bezüglich des Abtransportes der Abgebrannten machte, wie die „Neue Züricher Zeitung" vom 26. August mitteilt, eine mit englischen politischen Kreisen in naher Beziehung stehende Persönlichkeit. Da die Unterbringung der durch die Brandkatastrophe Verunglückten aus militärischen Gründen schwierig und mit großen Gefahren verbunden sei, andererseits aber gegenwärtig sehr zahlreiche Verproviantierungsschiffe von Alexandrien nach Saloniki verkehrten, die dann den Rückweg ohne jede Ladung oder mit Wasserballast machen müßten, geht der Vorschlag dahin, einen Teil der Saloniker Bevölkerung mittels dieser leeren Schiffe nach Cypern zu verbringen, wo sie ausreichend Bewegungsfreiheit und Arbeitsmöglichkeit finden dürsten, da die Verhältnisse auf dieser Insel im großen ganzen nicht ungünstig wären und die Zahl der Einwohner sehr gering ist. Aus solche Weise könnten 20—30.000 Personen nach Cypern transportiert werden, ohne in die dortigen Verhältniffe eine gar zu große Störung zu bringen. Es fei ohne weiteres anzunehmen, daß die Saloniker Militärbehörden diesem Projekt nicht ungünstig gegenüberstehen würden, da sie auf diese Weise der Verpflegung und Versorgung einesteils der notleidenden Bewohner entledigt würden. Die Ueberfahrt nach Cypern könnte auf den erwähnten leeren Schiffen unentgeltlich geschehen und in Cypern selbst, welches erst der Erschließung und der gründlichen Bewirtschaftung harrt, würden die Flüchtlinge leicht sich einleben können. Ein mit großen Mitteln ausaestattetes Hilfskomitee könnte in kurzer Zeit verschiedene Ateliers und Arbeitshäuser für die arbeitsfreudige Saloniker Bewohnerschaft errichten und die Flüchtlinge würden sich auf der klimatisch von Saloniki nicht sehr verschiedenen Insel recht wohl fühlen. Nach Beendigung der Feindseligkeiten würde es ihnen offen stehen, nach ihrem Heimatorte zurückzukehren oder auf Cypern selbst zu bleiben oder aber in Palästina und im nahen Aegypten ihr Auskommen zu suchen. Rundschau. Weitere Freigabe galizischer Bezirke. Im Aufträge des Ministeriums des Innern erläßt Polizeipräsident Gayer einen Aufruf, mit dem nachstehend angeführte, im „weiteren Kriegsgebiete gelegene Bezirke, bezw. Gemeinden Galiziens für die Rückkehr der Flüchtlinge allgemein freigegeben werden: der ganze politische Bezirk Stryj, der ganze politische Bezirk Zydaczow, der politische Bezirk Bobrka mit Ausnahme der Gemeinden Chodorow und Strzeliska-nowe, der Bezirk Kalusz mit Ausnahme der Stadt Kalusz, der politische Bezirk Bohorodczany mit Ausnahme der Gemeinden Bohorodczany Dtadt, Solotwina und Lisjec Stadt, und der politische Bezirk Stanislau mit Ausnahme der Stadt L-tanislau. Für die Rückkehr gelten die gleichen Vorschriften wie bei der früheren Freigabe von Bezirken und Gemeinden Galiziens". Ein „jüdischer" Gemeinderat gegen die Flüchtlinge. In einer der letzten Sitzungen deS Wiener Gemeinderates ereignete sich folgender grotesker Vorfall: Gelegentlich der Approvisionierungsdiskussion erklärte der jüdische (!) Gemeinderat Stein, daß man die Bewegung in Galizien gegen der Ausfuhr von Lebensmitteln nach Westösterreich mit der Forderung beantworten solle, die Flüchtlinge aus Galizien dorthin zurückzuschicken. Diese Forderung ist zwar nicht originell, da sie von antisemitischer Seite wiederholt erhoben wurde. In den ernsten Kreisen weiß man jedoch, daß die paar Tausend Flüchtlinge in der Zweimillionenstadt kaum wesentlich zu den Lebensmittelschwierigkeiten beitragen und daß es sich hiebei nur um ein demagogisches Schlagwort handelt. Die Flüchtlinge, deren Heimat frei ist und die zurückkehren können, tun dies auch freiwillig und ihnen gegenüber braucht man keine Zwangsmittel anzuwenden; diejenigen hingegen, die nicht zurückkehren können, können auch nicht ganz einfach ausgewiesen werden. Es mutet deswegen höchst merkwürdig an, wenn gerade ein „jüdischer" Gemeinderat den traurigen Mut hatte, in dieses schrille Horn zu blasen. Hiebei möge noch eine Episode in Erinnerung gebracht werden: Im vorigen Jahre hat Herr Stein gegen den Leiter der Flüchtlingszentrale, Dr.Schw arz- Hiller, eine Hetzkampagne arrangiert. Die Sache fand ein Nachspiel im Gerichtssaal, wobei St. keine beneidenswerte Rolle gespielt hat. Jetzt muß man sich die Frage vorlegen: Hat Herr Stein deswegen den Dr. Schwarz-Htller bekämpft, weil ihm die Flüchtlinge nicht zu Gesicht stehen, oder kann er die Flüchtlinge nicht leiden, weil er dem Leiter der Flüchtlingszentrale nicht gewogen ist . .. Zur Räumung Gazas und Jaffas. Aus Konstantinopel wird gemeldet: Viele Zeugnisse aus neutralen Quellen, die Berichte des spanischen Konsuls in Jerusalem und vielfache Erklärungen interessierter Kreise beleuchtende vorteilhaften Bedingungen, unter denen die -Städte Gaza und Jaffa von der Bevölkerung geräumt worden sind, und die die lügenhaften falschen Darstellungen der Vierverbandspresse nicht zu verdunkeln vermögen. Es wäre widerwärtig, auf diese Frage zurückzukommen, wenn wir uns nicht genötigt sehen, den Angaben der aus London verbreiteten Nachricht über ein der spanischen Negierung von der Hohen Pforte angeblich gegebenes Versprechen förmlich entgegenzutreten, nach dem den Evakuierten die Erlaubnis zur Rückkehr in ihre Heimstätten erteilt werden solle. Wir sind zu der Erklärung ermächtigt, daß die spanische Regierung in Anerkennung der Bollgültigkeit der strategischen Gründe, die diese Räumung nötig gemacht haben, niemals einen Schritt in diesem Sinne bei der Hohen Pforte getan hat, daß mithin der Hohen Pforte selbst jeder Anlaß fehlte, eine derartige Zusage zu machen. Regierungsjubiläum des Königs von Bulgarie«. Aus Sofia wird geschrieben: Zar Ferdinand beging dieser Tage sein 30. Regierungsjubiläum. Mit besonderem und berechtigtem Vertrauen blicken seine jüdischen Landeskinder auf den Zaren Ferdinand, der ihnen sein gerechtes Wohlwollen stets bewiesen hat. Unbeirrt durch die auch in Bulgarien unter dem Einfluß des alten Rußlands betriebene antisemitische Propaganda hat König Ferdinand die Rechte seiner jüdischen Untertanen geschützt und wiederholt seine wahrhaft tolerante Gesinnung bewiesen. Bezeichnend für die Anschauung des Königs ist eine Aeußerung gegenüber dem Deputierten Farchi. Dieser war im Jahre 1911 auf einem Ausfluge in die Umgegend von Tirnowo der Gast des Königs. Er wurde von demselben in ein längeres Gespräch gezogen, und als er gelegentlich bemerkte, daß er der erste jüdische Deputierte in Bulgarien sei, antwortete König Ferdinand sichtlich erfreut, daß er stets ein Anhänger des Prinzips der Gleichberechtigung aller Bürger Bulgariens ohne Unterschied der Konfession oder Nation gewesen sei. Die Lage der rumänischen Juden. Alle Versprechungen, die der König von Rumänien den Juden gemacht halte, sind bisher lediglich Theorie geblieben. Die rumänischen Juden sitzen noch immer im Ghetto. Es wurde ihnen jegliche Unterstützung seitens der rumänischen Regierung verweigert unter dem Vorwände, daß sie deutsche Agenten wären. Jüdisch auf der Straße zu sprechen, war verboten. Die Tatsache, daß der Judenhasser Pater Jurga auch unter den russischen Truppen agitierte, gab der russischen Regierung Veranlassung zum Eingreifen. Sie ersuchte den russischen Gesandten in Jassy, Bericht darüber zu erstatten. Dieser bestätigte, daß die Rumänen auf ihrem Rückzüge Greuel gegen die Juden verübt hätten. Terestschenko ließ daraufhin die rumänische Regierung wissen, daß die russische Regierung nicht gestatten könne, daß die Juden außerhalb des Gesetzes gestellt würden und bedauerte, daß die rumänische Regierung so wenig mit den Gefühlen der russischen Demokratie rechne. Er erklärte weiter, die russische Regierung tverde eine antisemitische Propaganda im russischen Heere bekämpfen, da diese die Gefahr einer Gegenrevolution mit sich bringen könne. Die rumänische Regierung schickte sofort eine blote an die russische, in der sie eine günstige Lösung der Judenfrage zusagte. Bratianu selber kam nach Petersburg, um die Presse, die energisch für die Juden eintrat, zu beruhigen, und ein Gesandter der rumänischen Regierung, Dr. Lupu, gab dem Arbeiter- und Soldatenrat die Versicherung, daß alle rumänischen Juden, die am Kriege teilnehmen, später das Bürgerrecht erhalten sollten. Die Vertreter des Arbeiter- und Soldatenrates waren jedoch davon nicht befriedigt und nötigten den Gesandten zu der Erklärung, daß die jüdische Frage in der nächsten Sitzung des rumänischen Parlaments behandelt werden sollte. Eine antisemitische Verschwörung in Rußland. In Petersburg wurde eine Verschwörung entdeckt, die sich gegen die Fortsetzung des Krieges richtet und für Wiedereinsetzung des Zaren, der allein den Frieden wieder Herstellen könne, eintritt. Die Verschwörung trägt auch ausgeprägt antisemitischen Charakter, da man die Inden für die Fortsetzung des Krieges verantwortlich macht. Die aus Galizien verschleppten Juden. Das Moskauer Hilfskomitee erhielt folgendes Telegramm vom Jrkutskcr jüdischen Hilfskomitee: „Das Jnnerministerium hat durch ein Telegramm vom 6. April (a. St.) den Polen und allen slawischen Untertanen der mit uns im Kriege stehenden Staaten erlaubt, sich innerhalb Sibiriens frei zu bewegen, um Erwerbsgelegenheit zu suchen. Das Telegramm hat die Inden von dieser Wohltat ausgeschlossen. Wir erachten diesen Befehl, den Juden gegenüber, als ungerecht und unverständlich. Wir erbitten Ihre Mithilfe, daß die oben erwähnte Wohltat auch den Juden gewährt werde." — Das jüdische „Petrograder Tageblatt" vom 17. Juli meldet: Die Vorsteher des Zentralen Hilfskomitees besuchten den dänischen Botschafter und baten ihn, Schritte einzuleiten zur Verbesserung der Lage der Juden, die als Zivilgefangene aus Galizien nach Rußland geschickt wurden. Die Zahl dieser Juden in Rußland beträgt ungefähr 10.000, darunter viele Advokaten, Techniker, Richter usw. Der größte Teil von ihnen weilt in den entlegensten Ortschaften Sibiriens. Man hofft, Schritte einzuleiten, daß ihnen die Rückkehr in die Heimat, über Schweden, gestattet werde. Ein jüdisches Volkskonservatorium. In Odessa wurde ein jüdisches Volkskonservatorium gegründet, das aus folgenden drei Abteilungen be«

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