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Jüdische Korrespondenz · 1917-09-06 · 27 (6.9.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
27 (6.9.1917)
Date
1917-09-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 27 nunmehr gedruckten stenographischen Protokolle konnte man diese „Heldentat" erfahren. Da sie demnach die Sache im stillen vvllführt haben, ist es naturgemäß klar, was sie damit bezweckten: die jüdischen Klubmitglieder zu verärgern, in einen Konflikt zu verwickeln und sie entweder aus dem Klub hinanszuekeln, oder mit Hilfe derartiger Weiterungen die Möglichkeit zu erlangen, die Herrschaft au sich zu reißen. Der Inhalt der Interpellation ist derart verlogen und niedrig, daß es wahrlich kaum verlohnt, darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Die Gut- und Blutopfer der Juden im Kriege sind allbekannt und jede spezielle Verteidigung ist überflüssig. Es mutet auch komisch an, wenn ein Graf Skarbek, der es vorgezogen hatte, bis zur Einberufung des Parlaments aus bekannten Gründen in der Schweiz zu weilen, es wagt, über den Patriotismus der Juden zu Gericht zu sitzen. Noch komischer ist es, wenn die Herren Alipolen in ihrer Interpellation es wagen, auch im Namen des ruthenischen Volkes zu sprechen... Es würde sich also gar nicht lohnen, über diese Interpellation, die übrigens niemand gelesen, niemand gehört und nieniand beachtet hat, geschweige denn beantworten wird, auch nur ein Wort zu verlieren. Allein, mögen auch die jüdischen Mitglieder des Polenklubs die Beweggründe der Allpolen kennen und es vermeiden wollen, auf ihre Provokation zu reagieren, — es dürfte ihnen dennoch schwer fallen, sich diese Taktik seitens der „Kollegen" gefallen zu lassen, und die jüdische Oeffeutlichkeit — wir betonen dies ausdrücklich — kann kein Verständnis für das Tolerieren einer solchen Provokation seitens des Polenklubs haben. Die jüdischen Mitglieder des Polenklubs, welcher Gruppe sie auch angchoren, müssen diesmal so viel bürgerlichen Mut autbringcn, um gegen dieses Vorgehen entschiedenst Verwahrung einzulegen. Ist das Präsidium, sind die gemäßigten Elemente außerstande, der antisemitischen Hetze der Allpolen Schranken zu ziehen, so ist cs ihre Pflicht, zumindest jede Solidarität mit diesem Vorgehen abzulehnen und dasselbe öffentlich zu desavouieren. Es liegt dies auch in ihrem eigenen Interesse, wenn es verhütet werden soll, daß die Allpolen und ihre Schildknappen die polnische Politik beherrschen. Wenn die Allpolen gegen die Klubstatuten, gegen die Klubtraditionen verstoßen, so tst es Sache des Klubs, diesbezüglich Remedur zu schaffen. Die Spekulation der Allpolen, mit der Hilfe einer Judenhetze sich wieder in den Sattel zu schwingen, darf und soll nicht geduldet werden. Die jüdischen Klubmitglieder müssen da zur Abwechslung einmal energisch auflreten? L>pectator. Die Kämpfe um Palästina. In Heft 21 der „Neuen Jüdischen Monatshefte" schreibt Prof. Franz Oppenheimer: Tankwagen im Angriff auf Gaza, Fliegerbomben ans Jerusalem! Die idivgraphischen Historiker sagen: „das ist noch nicht dagewcsen". Und sie haben recht. Aber die Ben Akibas der Histiriologie, die „Romothetiker", sagen: „alles ist schon dagewesen" — und sie haben auch recht, haben sogar „im oberen Stockwerke recht", um mit Friedrich Wischers „Auch Einem" zu reden. Denn auch die Pharaonen griffen bei Gaza mit Streitwagen an, wenn sie auch nicht von Benzinmotoren, sondern von Pferden oder gar von zahmen Löwen gezogen wurden, und wenn sie auch nicht mit Maschinengewehren, sondern bescheiden mit Sensenklingen Tod verbreiteten. Und auch die Kreuzfahrer versuchten, die heilige Stadt in Brand zu setzen, auch von beweglichen Maschinen aus, nur nicht von Flugzeugen, sondern von Belagerungstürmen durch Katapulte; und sie warfen nicht hochexplosive Brandbomben, sondern bescheidene Pechkränze. So scheint fast nur die Technik vorgeschritten zu sein seit vier- oder fünftausend Jahren. Aber der Mensch scheint noch immer der gleiche zu sein. Er hat nur sein historisches Geschäft, das Töten, viel besser gelernt: auch hier haben wir jetzt den Großbetrieb an Stelle des alten Kleinhandwerks, und die Ausbeute ist dementsprechend. * Wie wir erfahren, haben die jüdischen Mitglieder des Polenklubs beschlossen, an das Präsidium einen eneraischenProtestzu richten, in welchem sie gegen diese Provokationen entschieden st Verwahrung einlegen und eine entsprechende Stellungnahme des Klubs fordern. „Eintönig und voller Wiederholung ist die Weltgeschichte", sagt Friedrich Ratzeh der Schöpfer der Anthropogeographie. Weil der Mensch immer der gleiche ist, ist auch seine Politik immer die gleiche. Was Palästinas Schicksal war zu allen Zeiten des Altertums und Mittelalters, daß es die einzige Landbrücke ist zwischen Europa, Asien und Afrika, der schmale Aufmarsch- und Etappenraum zwischen Wüste und Meer; daß es die Umschlagstellc ist zwischen Mittelmeer-Handel und Orient-Handel — das bestimmt auch heute noch sein Schicksal als Schlachtfeld und politisches Ziel der Großmächte. Nur daß die „Großmächte" damals Völker von nach unseren Großbetriebsbegriffen kleinen Ausmaßen und geringer Menschenzahl und Macht waren: Aegypten, das heute, nach den Dammbauten, kaum 20.000 Quadratkilometer Fruchtland hat (das europäische Rußland allein hat rund fünfeinhalb Millionen), stand gegen die vorderasiatischen „Großniächte" ungefähr gleicher Zahl und Militärmacht: das Hhetiterreich Assyrien, Babylonien, Persien. Heute aber kämpfen die politischen Großunternehmungen gegeneinander, die Trusts der Nationen, Mitteleuropa gegen das angelsächsische Leviathan-Kapital mit seinen unzähligen Trabanten. Aber Motiv und Siegespreis sind noch die pharaonischen, die Landbrücke nach Indien, das militärische Aufmarsch- und Etappengelände und die Herrschaft über den Handel zur See und über Land. Nun wollen England und Amerika das zionistische Ideal verwirklichen, der Judenstaat soll im heiligen Lande neu erstehen. Auch schon dagewesen! Auch Cyrus hat die früher fortgeschleppte Bevölkerung zurückgesiedelt — und auch damals ließen sich die Propheten willig einreden, er tue es aus Idealismus, und priesen ihn; aber der weise Cyrus trieb geradeso unidealistische Politik der Macht wie Woodrow Wilson und Lloyd George: sie brauchen eine in Tod und Not ergebene Besatzung für den Brückenkopf, der den Weg nach Indien und Jnnerasien sichert, und sind froh, daß sie der Selbstsucht ein zartsarbenes Mäntelchen umhängen können: Erfüllung eines zweitausendjährigen Traumes, Schutz einer kleinen Nation. Vielleicht glauben sie sogar daran: der Mensch und die Völker glauben immer, daß das gut und groß und vernünftig ist, was ihnen nützt. Wahrscheinlich hat auch Cyrus daran geglaubt, daß er ein edles und frommes Werk tue, wenn er den Tempel wieder aufbaue. Und die Propheten von heute sind gerade noch so gläubig und lobessreudig wie damals. Nur schrieben sie im Altertum noch keine Leitartikel in Zeitungen, darin haben wieder die Jdiographen recht. Zeitungen sind eine der großen Errungenschaften der Neuzeit. Ich wünsche von Herzen, daß der Traum von Zion Wirklichkeit werde, daß Ahasver seinen dürren Wanderstccken ins alte Land Pflanze, wo er wieder Blüte und Frucht tragen soll: aber ich glaube nicht, daß dieser Krieg mit seinem Knäuel von Diplomatenränken die Erlösung bringen wird. Wehe dem jüdischen Volke, wenn es die alte Heimat gewinnt, che der Traum seines Propheten Wahrheit geworden ist von jener Zeit, wo die Schwerter umgeschmiedet sein werden zu Sicheln und der Löwe Großmacht friedlich liegen wird neben dem Lamm Kleinstaat. Palästina als Pufferstaat zwischen den politischen Leviathan-Trusts: das jüdische Volk würde die Püffe am schmerzlichsten zu spüren haben. Aber vielleicht — viele Zeichen sprechen dafür — bringt dieser ungeheure Krieg die Erfüllung des Prophetentraunis. Vielleicht ist es der letzte Krieg der Menschengeschichte, nicht, weil die Menschen sich geändert haben, sondern gerade weil sie die gleichen geblieben sind: denn nie haben die Herrschenden Krieg geführt, als wenn sie sich davon Vorteile versprachen. Da nun dieser Krieg gezeigt hat, daß sogar der Sieger, wenn es einen Sieger geben wird, daß sogar die Herrenklasse des Siegervolkes nur Nachteile davon gehabt haben wird, wird man vielleicht dieses untauglich gewordene Mittel fallen lassen. Und dann wird sich mit dem Traum des Propheten der des Volkes in gleicher Stunde erfüllen können: dann mag die letzte Fliegerbombe dieses Weltgemetzels das seit Jahrtausenden vermauerte Tor in der urasten Klägern aner aufsprengen, damit der Erlöser festlich einziehe in das jubelnde Jerusalem. Die russtschen Juden in England. Das Jüd. Korrespondenzbureau im Haag meldet: Die Frage der Dienstpflicht der Russen in England ist entschieden. Ein Abkommen, das die Unterschriften des russischen Ministers für auswärtige Angelegenheiten Tereschenkos und des englischen Botschafters Buchanan in Petrograd trägt, verpflichtet die Russen in England (vieeversu die englischen Bürger in Rußland) zur Erfüllung der Dienstpflicht in der englischen Armee oder zur Rückkehr nach Rußland. Am 9. August lief der Termin ab, bis zu dem man sich zur Rückkehr nach Rußland melden konnte. Die Russen in England sind mit der getroffenen Vereinbarung nicht sonderlich zufrieden, da sie nur den Dienstpflichtigen, aber nicht auch ihren Familien die Rückkehr nach Rußland zugesteht. In mehreren Massenversammlungen haben die Russen gegen die Konvention aus diesem Grunde entschiedenen Protest erhoben. Die „Foreighn Jews Protection Society" erklärte in einer Resolution, daß sie gegen die Dienstpflicht der Russen in England so feindlich gesinnt ist, daß man aus einen langen und entschiedenen Widerstand gegen jeden Versuch seitens der englischen Regierung, die Konvention (mit der russischen Regierung) durchzuführen, rechnen müsse. Doch erzielte sie nur den Erfolg, daß die Polizei einen Einfall in ihre Bureaux tat, den Sekretär des Komitees verhaftete und die Northcliffe-Presse heftige Angriffe aus die russtschen Juden richtete. Auch eine parlamentarische Aktion zeitigte kein Ergebnis. Auf eine Interpellation des Abgeordneten Joseph King erwiderte Mac Pherson namens des Kriegsministeriums, daß das Interesse des Landes ihm verbiete, Einzelheiten über die Transportmöglichkeiten nach Rußland mitzuteilen. Die Heftigkeit des Widerstandes der Russen nahm inzwischen zu. Die Ueberzengung, daß die Durchführung der englisch-russischen Konvention nicht zu verhindern sei, brach sich immer mehr Bahn. In einer Konferenz der Organisationen, welche russische Bürger vertreten, wurde beschlossen, alle Verhandlungen über die mit der Dienstpflicht der Russen in England zusammenhängenden Fragen mit der russischen Regierung zu führen, sich an diese behufs Versorgung der in England zurückbleibenden Angehörigen zu wenden und um Verlängerung des Termins einzukommen, der dem russisch-englischen Vertrage Gesetzeskraft gebe. Auch beschloß die Konferenz, von der Veranstaltung von Demonstrationen und Protestversammlungen abzusehen, da sie die Interessen der Russen in England nur gefährdeten. Man wies in der Konferenz aus die kritische Lage in Rußland, aus den Streit, den Rußland gegen die Anarchie und die drohende Gegenrevolution führe, und aus die Notwendigkeit, die russische Regierung mit aller Macht in ihrem Bestreben zu unterstützen, Rußland und seine Freiheit zu retten. Eine Deputation sprach bei den vier Vertretern des Sovjet vor, die in London weilen, und erwirkte ihre Zusage, die russische Regierung telegraphisch zu ersuchen, die Heimreise auch der Familien der nach Rußland einrückenden Dienstpflichtigen zu ermöglichen. Es ist wenig wahrscheinlich, daß dieser Bitte entsprochen werden wird. Die Frage der Dienstpflicht der russischen Juden hat in den letzten beiden Jahren' in steigendem Maße die englische Oeffentlichkeit beschäftigt. Die große Anzahl dienstfreier russischer Juden löste in der englischen Volksmasse und der Northcliffe-Presse starke antisemitische Stimmungen aus, während die Versuche, sie ohne gesetzliche Grundlagen zum Eintritt in die englische Armee zu veranlassen, an dem entschiedenen Widerstand der Russen und englischer Freiheitsfreunde, wie Lord Sheffield, Israel Zangwill und Joseph King, scheiterten. Namentlich Joseph King trat mit seltener Energie für die russischen Juden und das bedrohte englische Asylrecht ein. Die russische Revolution bestimmte viele russische Juden in Frankreich, England und Amerika zurfreiwilligen Heimkehr. Nunmehrwirdder Rest durch die neue englisch-russische Militärkonvention erfaßt. Die fränzöstsche Regierung hat ei» ähnliches Abkommen mit Rußland getroffen. Die Unterhandlungen mit den Bereinigten Staaten stehen kurz vor ihrem Abschlüsse. Von anderer Seite wird berichtet: Die 30.000 russischen Juden, die die englische Regierung in

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