Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 27 (6.9.1917)
- Date
- 1917-09-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3495278-3495343-3495369--0441-3521113- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
indische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. „T , , . , T . Redaktion und Administration: vierteljährlich k 1-20. Wochenblatt für jüdische Interessen. Wien, VIII. AlserstraLe 55. - PpHflL’tpur' Inrnic krrpnnpl Nac hdruck mit voller Quellenangabe gestattet. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Administration : Wien, VIII. Alserstraße 55. E r s c h e i n t j e den Donnersta g. Nr. 27. Wien, 6. September 1917. III. Jahrgang. Das neue Ministerium. -> Oesterreich hat nunmehr ein neues Kabinett, oder eigentlich richtiger: das bisherige provisorische Kabinett Seidler ist in ein definitives mngewandelt, respektive ergänzt und verstärkt worden. Der Ministerpräsident, sowie die meisten Ressortleiter sind weiterhin verblieben, sie sind nur zu definitiven Ministern ernannt worden. In zwei Ministerien wurden Personalveränderungen vorgenommen; außerdem wurden zwei neue Männer ins Kabinett berufen, und zwar als indirekte Repräsentanten der Ukrainer und Südslaveu, die zum ersten Male Vertreter im Rate der Krone erhielten. Es werden auch zwei neue Ministerien geschaffen, für soziale Fürsorge und für Volksgesundheit. Sind die Aeußerlichkeiten dieser Kabinettsbildung an und für sich interessant, Hai die Berufung eines Ukrainers und eines Südslaven in dasselbe eine weitgehende politische Bedeutung, ist die Schaffung der neuen ini wirklichen Sinne des Wortes Bolksministerien lebhaft zu begrüßen, — so verdient auch das allgemeine Programm des neuen Kabinetts die weitgehendste Zustimmung. Ursprünglich war bekanntlich die Bildung eines parlamentarischen Kabinetts geplant und der Ministerpräsident hat diebezüglich großen Eifer entwickelt. Die parlamentarischen Gruppen konnten oder wollten sich aber dazu nicht verstehen und so blieb nichts anderes übrig, als das Definitivum in einer anderen Richtung erfährt trotzdem — wie das Regierungsprogramm versichert — keine Aenderung. Die Regierung rechnet auch weiterhin auf die bisherigen Stützen des parlamentarischen Betriebes. Die Zusammensetzung des Kabinetts soll es aber den bisher dissentierenden politischen und nationalen Elementen erleichtern, sich mit diesem Kurs zu befreunden und an positiver Arbeit teilzunehmen. Die neue Regierung strebt vor allem die Kräftigung und Belebung der inneren Wirtschaft, die Verbesserung und Sicherung der Versorgung für die Gesamtheit wie für den einzelnen an. Sie will die Bedürfnisse der Kriegführung unter allen Umständen gewährleisten, zugleich aber die Opfer der Bevölkerung auf das geringste zulässige Maß zurücksiihren. Sie ist hiebei von der Ueberzeugnng geleitet, daß darin die beste Bürgschaft für eine rasche und glückliche Beendigung des Krieges liegt, wie sie die glänzenden Leistungen der Streitkräfte der Monarchie und ihrer treuen Verbündeten zuversichtlich erwarten lassen. Zugleich sollen die Vorbedingungen für eine möglichst reibungslose Ueberleitung der Kriegswirtschaft in normale Verhältnisse und für eine segensreiche, die Rückschläge des Krieges rasch überwindende Friedensentwicklnng geschaffen werden. Die Regierung wird sich bei ihren einschlägigen Bemühungen stets den untrennbaren Zusammenhang und die innige Wechselwirkung zwischen der Stabilität der Staatsfinanzen, der Gedeihlichkeit des Wirtschaftslebens und einer dem sozialpolitischen Empfinden der Zeit gerecht werdenden Entwicklung der allgemeinen Wohlfahrt gegenwärtig hatten, insofern nämlich nur eine auf gesicherte Lebensbedingungen gestellte und der staatlichen Fürsorge vertrauensvoll bewußte arbeitende Bevölkerung jene Anpassung an die Verhältnisse und jene Fülle von Energien aufzubriugen vermag, die für eine gesunde, blühende Gestaltung der Volkswirtschaft erforderlich find, und nur ein auf diese beiden Grundpfeiler gestützter, in jeder Hinsicht streng geordneter staatlicher Betrieb seinen Verpflichtungen nach beiden Richtungen hin dauernd gerecht werden kann. An politischer Beziehung wird die neue Regierung in erster Linie bestrebt sein, in verständnisvoller Zusammenarbeit mit dem Reichsrate das bereits angekündigte Programm eines zeitgemäßen Ausbaues unserer Verfassung unter Wahrung der Bedürfnisse der Gesamtheit und im Sinne einer der Gleichberechtigung der Völker entsprechenden nationalen Autonomie seiner Verwirklichung näherzubringen. Das neue Kabinett will ausgesaßt sein als eine Regierung der getreuen Erfüllung aller staatlichen Verpflichtungen, der erfolgreichen Bewältigung der Kriegsaufgaben, der intensiven wirtschaftlichen, sozialpolitischen und staatsfinanziellen Arbeit, der nationalen Unbefangenheit und der Ausgleichung der Gegensätze auf verfassungsmäßigem Boden. Dieses in kurzen Zügen skizzierte Programm der Regierung ist. nur geeignet, die lebhafteste Zustimmung aller Bevölkerungskreise zu finden, die es mit dem Vaterlande ernst meinen. Es ist zu erwarten, daß das Kabinett im Parlamente die nötige Unterstützung und werktätige Mitarbeit finden wird, um sein Programm durchführen zu können. Die ernste Zeit, die wir jetzt durchleben, ,nacht es dringend erforderlich, ans dem Provisorium hinnuszukommen und stabile Verhältnisse zu schaffen. Die Ankündigung der Regierung, in politischer Beziehung einen zcitgMiüßen Ausbau der Verfassung unter Wahrung der Bedürfnisse der Gesamtheit und im Sinne einer der Gleichberechtigung der Volker entsprechenden nationalen Autonomie anzustrebcn, wird speziell in den Kreisen der österreichischen Jndenschaft den lebhaftesten Beifall finden. Es ist der Völker gewahrt werde und jede Regierung, die sich dieses Ziel zur Aufgabe stellt, kann aus das weitgehendste Vertrauen der Juden Oesterreichs rechnen. _ Mpolmsche Provokationen. Nach dem militärischen Zusammenbruche Rußlands haben sich die Allpole» mit ihrer „Orientierung" veranlaßt gesehen, sich äußerst reserviert zu verhalten. Das Gros derselben fand es für richtig und ratsam, mit den abziehenden Russen düs polnische Land zu verlassen und in der Fremde ihre verlorene Herrlichkeit zu bejammern. Diejenigen, die geblieben sind, versuchten es, sich durch das Abschntteln der früheren Freunde und Kollegen das politische Vegetieren möglich zu machen, — im großen und ganzen aber verhielten sic sich äußerst ruhig im Hintergründe. Die Umwälzung in Rußland und die Aussicht, zusammen mit dem neuen „demokratischen" Rußland eine politische Wiederauferstehung zu erleben, hat diese abgetakelten Politiker veranlaßt, sich wieder ans Licht hervorznwagen und aufs neue zu versuchen, sich zur Geltung zu bringen. Das alte, wiederholt verleugnete Programm wurde wieder ausgefrischt, die alten abgedroschenen Schlagworte erneuert und die bereits bankerottierte Politik zu neuem Leben erweckt. Heute streben sowohl die Allpolen in Polen dazu, die dortige öffentliche Meinung zu beeinflussen und ihrer Orientierung dienstbar zu machen, was ihnen auch teilweise — freilich zum Schaden des Polentums — gelungen ist. In Galizien hinwieder verlegten sich die Glgbinski und Skarbek darauf, die Herrschaft im Polenklub an sich zu reißen, um auch da die ehemalige Politik des „Slowo Polskie" zu kontinuieren. Wohl missend, daß ihr zusammengeschmolzener Anhang zu klein ist, um die Erreichung dieses Zieles zu ermöglichen, haben sie sich mit einigem Erfolg darauf verlegt, die polnische Volkspartei an ihren Karren zu spannen, hie und da ziehen auch merkwürdigerweise die Herren Daszynski und Genossen mit, die für jedes oppositionelle Schlagwort zu haben sind. Die Verhältnisse im Polenklub haben eine derartige Entwicklung genommen, daß diese drei Gruppen von Zeit zu Zeit tatsächlich die Politik des Klubs beeinflussen und gar mancher Mißerfolg, den die polnische Politik in letzter Zeit aufznweisen hat, ist ans das Konto dieser Taktik zu buchen. Um aber ihre Herrschaft zu vervollkommnen und zu befestigen, wird alles getan, um die gemäßigteren Elemente des Klubs, die Demokraten und Konservativen, zu terrorisieren und zumindest zum Stillschweigen zu bringen. Eine Zeitlaiig habcii diese letzteren sich dem Terror gefügt und die Herren Glgbinski, Witos und Konsorten die polnische Politik bcstiinmcn lassen. Als sie jedoch eingesehm haben, wohin diese Taktik knnseqnenterweise führen muß, haben sie den Blut gefunden, sich dem Terror entgegeiiznstellen. Die Folge davon war die Sprengung der Landtags- Klubsitznng, die mu 2. d. M. in Krakau stattgefunden hat und die über das Schicksal des Oberste» polnischen Nationalkomitees entscheiden sollte. Das weitere Kapitel dieser Entwicklung dürfte sich nunmehr im Polenklub des Reichsrates abspiclen, wo die Allpolen und ihre Freunde neue Kümpfe ausführen wollen. Die ganze Sache an und für sich ist eine interne polnische Angelegenheit, und nur hätten cs sonst nicht für notig erachtet, dieselbe an dieser Stelle auch nur zu erwähnen. Allein, u>k überall, spielt auch da die Judeiisrage mit. Bekanntlich zahlt der Polenklub zehn jüdische Mitglieder, die vornehmlich der demokratischen und konservativen Partei ange- -hür^.,Wür^llM«Lß..ümsL.LWppe-n. zahleunMig stärken. Jnsolange diese Gruppen intakt sind, können die Ällpolen, selbst mit der Hilfe der Volkspartei, die Majorität im Potenklnb nicht erlangen. Die Sozialisten Um ja nur von Zeit zu Zeit mit und für die Dauer ist eine Kombination Glambinski- DaszynLli unmöglich und undenkbar. Die Herren Allpolen haben sich nun daraus verlegt, den Judenpnn kt für sich auszunütze». Sie haben eine antisemitische Hetze inauguriert und benützen, die gegenwärtigen anormalen Verhältnisse im Polenklub, wo jede Disziplin gelockert und die Macht der Leitung geschwächt ist, um auch im Parlament eine solche Hetze zu betreiben. Allein numerisch zu schwach, nm diese Aktion zu führen, ist es ihnen gelungen, die Volks- Partei vorzuschicben, mit deren Hilfe sie die Jndcuhctze mit Erfolg zu betreiben hoffen. Sic strebe» damit ein doppeltes Ziel an: einerseits wollen sie mit ihrem antisemitischen Programm neuen Anhang finden, da sic die frühere „Orientierung" noch immer nicht offen zu propagieren wagen; andererseits wollen sie mit ihrer Laltik die jüdischen Mitglieder des Polenklubs derart verärgern, daß diese entweder sich zum Austritt ans dem Klub gezwungen sähen oder in anderer Weise remonstrieren müßten, wodurch das Chaos im Klub noch vergrößert und die Möglichkeit vorhanden sein wird, im Trüben zu fischen. In diesem Sinne haben sie vor einiger Zeit den berüchtigten Antrag Banas einbringen lassen, der bekanntlich eine Iudenstatistik im Heere fordert und der bereits zu einer heftigen Diskussion im Polenklub Anlaß gegeben hat. Da sie damals ihr Ziel nicht erreicht haben, versnchlen sic es nachher mit einem schwereren Geschütz. In einer der letzten Reichsratssitzungen haben die Herren Witos, Skarbek t!) und Genossen eine verleumderisch-denunziatorische Interpellation hinsichtlich des Verhaltens der galizischen Juden im Militärdienste eingebracht, eine Interpellation, die in Ton und Inhalt den ärgsten antisemitischen Orgien eines Schneider und Bergan! von Anno dazumal nichts nachgibt. Es ist selbstverständlich, daß sie diesen Schritt ohne Zustimmung des Klubpräsidiums und ohne dessen Wissen unternommen haben. Ilm vorläufig kein Aussehen zu erregen, haben sie selbst in ihren Blättern nichts darüber berichtet und erst aus dem