Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 26 (23.8.1917)
- Date
- 1917-08-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz. benutzten ruthenischen und polnischen Gymnasien sowie die Realschule und das Stadthaus, das Postgebäude, das Justizhaus, in welchem der Stab des 18. russischen Armeekorps einst lag und später das Lazarett des russischen Städtevereins sowie die Intendantur untergebracht waren. Im Innern sind aber auch alle diele Häuser ausgeraubt. Die großen Eabriken, Mühlen, Brennereien, Brauereien sind mt und sonders gesprengt, soweit sie nicht schon im Jahre 1915 zerschossen wurden, als die österreichisch-ungarische Front bis zu 15 Kilometer vor Tarnopol herankam. Alle Straßen liegen in Trümmern, alle Privathäuser sind zerstört. Die jüdische Geschäftsstraße (die Perlstraße), die Hauptstraße (Mickiewiczstraße), die Straße des 3. Mai, alle sind rauchende Trümmerhaufen, aus denen noch die Rauchschwaden empvrsteigen. Die freiwillige Feuerwehr arbeitet jetzt mit aller Kraft. Unter mächtigen Staubwolken stürzen fortwährend Mauern ein. In den Straßen wälzt sich der Strom der Mensche», meistens Juden. Tarnopol hatte 40.000 Einwohner, davon zwei Drittel Juden, die über jeden durchkommenden pkab, die Reiter und die singenden Trupps Infanterie in immer erneute Hochrufe ausbrechen. Die Leute sehen entsetzlich aus. Seit fünf Tagen aus den Kellern nicht herausgekommen, sind sie ungewaschen. Die meisten haben weder Hab noch Gut. Noch am Freitag Morgen hatte man keine Ahnung hier, was passierte. Erft nachts begannen die Russen ihre Depots, so gut es ging, zu räumen und den Rückzug vorzubereiten. Am Samstag ließ der Generalkommissär der russischen Republik, Krasoski, den Bürgermeister rufen und beauftragte ihn mit der sofortigen Gründung einer Zivilmiliz. Am Abend würden die Deutschen kommen. Von diesem Augenblick an setzte das zügellose Rauben, Morden, Plündern und Brennen ein, an dem sich nicht nur Kosaken, sondern auch reguläre Truppen, und zwar Mannschaften wie Offiziere beteiligten. Es gibt keinen Laden in Tarnopol, der nicht — von Samstag an hielten alle Läden geschlossen — erbrochen worden wäre. Die Waren wurden weggebracht oder auf die Straße geworfen und angezündet. Die Soldaten stürzten in die Häuser, riefen „Hände hoch!" und nahmen in Ruhe Geld und Wertsachen. Wer nicht parierte, wurde erbarmungslos niedergeschossen. Ich selbst sah heute früh noch Leichen von Zivilisten in den Straßen liegen. Die Angaben schwanken, wie viele Einwohner getötet wurden; die einen sagen 80, die anderen nennen Zahlen bis 300. Aber auch die noch Lebenden sind einfach Bettler. Ich sprach einen angesehenen Rechtsanwalt, der nur noch besitzt, was er auf dem Leibe trägt, Großkaufleute und einstmals reiche Juden, denen es nicht besser geht. Sicherlich wird ja aus den Kellern und Verstecken der Juden noch manches zutage kommen. Aber am Gesamtbild ändert das nichts. Die Friedensfordecungen des jüdischsozialistischen Ärbeiterverbandes. Das holländisch-skandinavische Komitee veröffentlicht eine Erklärung der Delegation des jüdischsozialistischen Arbeiterverbandes „Pvale Zion", bestehend aus Borochow, Chassanowitsch, Kaplansky, Locker und Zerubavel. Die Delegation spricht sich für den bindenden Charakter der Konferenzbeschlüsse, für die Gründung eines Friedensbundes der Völker, Abrüstung, Einwanderungsfreiheit, nationale Autonomie usw. aus. Die Delegation unterstützt die Forderung der Ukrainer und Czechen auf Errichtung eines internationalen Tribunals zur Wahrung der Rechte aller Völker und fordert ferner die Wiederherstellung Belgiens, Serbiens, Rumäniens, Montenegros, die Vereinigung Polens innerhalb der ethnographischen Grenzen und die Umwandlung Rußlands, Oesterreich-Ungarns und der Türkei in Nationalitätenbundesstaaten. In Polen werden Bürgschaften für die Rechte der Juden als Bürger und Nationalität gefordert. Die Delegierten verlangen eine Personalautonomie in allen Ländern, wo Juden in Mafien wohnen, wie Rußland, Oesterreich-Ungarn, Polen, Litauen, Ukraine usw. Die Delegierten bedauern, daß die Mehrzahl der polnischen Sozialisten bezüglich der Judenfrage den polnischen Bourgeoisstandpunkt einnehme. Die Delegierten erwähnen die Unterdrückung der Juden in Rußland unter dem früheren Regime und in Rumänien. Zusammeufassend stellen sie eine Reihe von Forderungen, darunter die volle Gleichberechtigung in allen Landern, nationale Selbstverwaltung, nationale Gleichberechtigung und Sicherstellung, ungehinderte jüdische Kolonisationstätigkeit durch Schaffung eines jüdischen Heimatlandes in Palästina, Ausstattung Palästinas mit einer Selbstverwaltung, Schaffung moderner demokratischer Rechtsverhältnisse, sozialpolitische Maßnahmen usw. Die Durchführung aller Forderungen soll unter eine internationale Garantie gestellt werden. Grand drs Leopoldstadler Tempels. Die Wiener Judenschaft hat einen überaus schweren Schaden erlitten. Der größte Tempel Wiens ist Freitag den 17. d. M. von einem furchtbaren Brand heimgesucht worden, dem ein großer Teil des Gotteshauses zum Opfer gesalleu ist. Der Schaden, den das Brandunglück zur Folge gehabt hat, ist ein überaus bedeutender. Er füllt sowohl künstlerisch als materiell schwer in die Wagschale. Der Lcopoldstädter Tempel, ein Werk Leopold Försters, ist in den Jahren 1853 bis 1858 erbaut worden und ist eines der bemerkenswertesten Bauwerke im maurischen Stil, die unsere Stadt aufzuweisen hat. Die Fassade des schönen dreiteiligen Ziegelrohbaues mit seinen zierlich durchbrochenen Fenstern und seinen vier Kuppeln ist schon von der Praterstraße aus sichtbar. Bor einigen Jahren ist das Gotteshaus unter der sachverständigen Leitung des seither allzu früh verstorbenen Banrates und Gemeinderates Stiaßny einer Renovierung unterzogen worden. Es ist als ein großes Glück zu bezeichnen, daß bei dem Brandunglück die mutige und tüchtige Arbeit der Feuerwehr das Weitcrgreifen der Flammen verhinderte und namentlich, daß die wertvolle Bibliothek der israelitischen theologischen Anstalt, die sich in dem gegenüberliegenden Hause befindet, vor Vernichtung bewahrt wurde. Die Schadenhöhe wird verschieden angegeben. Sie scheint aber hinter einer Million Kronen nicht weit zurückzubleiben. lieber den Brand, seine vermutliche Entstehnngsursache, seine Ausbreitung und seine Bekämpfung liegt der nachstehende Bericht vor: Freitag vormittag hat im Tempel aus Anlaß des Gebnrtssestes des Kaisers ein Gottesdienst für die israelitische Mannschaft stattgefunden; er war von vielen Hunderten jüdischer Soldaten besucht, begann um 9 Uhr und war um etwa 10 Uhr zu Ende, ldrabbiner Dr. Frankfurter hatte in deutscher, ldrabbiner Dr. Grünwald in ungarischer Sprache gesprochen, und bei geöffneter Bundeslade war das Gebet für den Kaiser gesprochen worden. Die Soldaten hatten sich aus dem Gotteshause entfernt, und die Tore waren geschlossen worden. Rechts und links hat der Tempel zwei große öfe, die durch mächtige Tore gegen die schmale empelgasse abgesperrt sind. In dem linksseitigen dieser Höfe spielte gegen S/411 Uhr vormittags der 14jährige Sohn Erich des Portiers des Tempels, Herrn Leopold Löwy. Der Vater des Jungen, der auch den Dienst in der Telephonzentrale der Kultusgemeinde in der Seitenstättcngasse versieht, war um diese Zeit dort. Als der Knabe durch Zufall beim Spiele mit einem Sessel zum Tempel aufsah, erblickte er, wie aus einer der großen architektonischen Rosetten im ersten Stocke Feuerschein sichtbar war. Der Kleine hatte so viel Geistesgegenwart, sogleich die Feuerwehr telephonisch zu verständigen und auch telephonisch seinem Vater Mitteilung zu machen. Der Brand muß gleich nach Schluß des Gottesdienstes ausgebrochen sein und durch volle drei Viertelstunden im Innern der Galerie unbemerkt gewütet haben. Als die Feuerwehr ankam, fand sie die Lage schon ungemein bedrohlich. Der Hof zur linken Seite war vollkommen verraucht und überdies mit schwerem Qualm gefüllt. Durch alle Rosetten der linken Seitenfassadc, deren Scheiben zersprungen waren, drang heller Feuerschein. Die Flammen wurden mit großer Wucht durch die entstaudenen Löcher in den Scheiben getrieben und überspannten den Hof mit einem wahren Feuerbaldachin. Ein Zugang in den Hof konnte im ersten Augenblicke nicht erzwungen werden, weil die Hitze, die das brennende alte Gebälke verbreitete, so stark war, daß selbst die feuererprobteu Mannschaften nicht Vorkommen konnten. Nach dem ersten Augenschein mußten die linksseitigen Galerien als verloren gelten. Das Hauptaugenmerk der Feuerwehr war daraus gerichtet, die Galerien der rechten Seite, die Nachbarschaft und das Mittelschiff zu retten. Beherzte Männer hatten schon beim ersten Feuerruf die Lade mit den Gesetzestafeln gerettet. Auch die silbernen Tempelgerätschaften wurden in Sicherheit gebracht; hingegen ist der kunstvoüendele schwere Vorhang der heiligen Lade ein Raub der Flammen geworden. Die Flammen hatten indessen, nachdem sie den tos zur linken Seile überquert hatten, auch an dem »ohngcbäude der Gemeinde Schaden gestiftet. Im ersten Stock sind die Räume der Israelitischen t(»ologischen Lehranstalt mit Bibliothek und Hörsälen. Die Biblivtheksrüume haben vor den Fenstern Laden aus Blech. Diese habe» sich bestens bewährt; während die Scheiben sprangen und das Gebälke der Fensterrahmen vom Feuer ergriffen wurde, widerstanden die Laden, so daß die kostbare Bibliothek erhalten blieb. Die Feuerwehr arbeitete mit der höchsten Anstrengung, um zu retten, was noch zu retten möglich war. An der Stirnseite des Gebäudes ivurde zur vollen Hohe bis zu einer der beiden Turmrosettcn eine pneumatische Schiebleiter hochgezogen. Feuerwehrmänner erkletterten die Höhe und richteten durch die zersprungenen Scheiben der Rosette die Strahlen in das Innere des Tempels. Durch alle acht Rosetten, deren Scheiben zersprangen, drangen Flammen. Tie architektonischen Zieraten der Rosetten, die ans Sandstein bestehen, der ans Eisengebälke angebracht ist, wurden durch die Glitt zersprengt und fielen in großen Stücken, die Löschmannschaft gefährdend, in den Hof. In der ('•Hut bahnten sich Offiziere und Mannschaft der Feuerwehr den Weg zur linken Galeriestiege und drangen in die beiden Galerien vor. Sie sahen sich einem wahren Feuermeer gegenüber. Wie Zunder brannten die schweren Eichenbalken der Bänke, brannte der Fußboden der Galerien, brannte es bis hoch hinan unter das Dach. Mittags war die Gefahr für das Gotteshaus gebannt, aberein Blick in den Tempel zeigte noch immer das Wüten der Flammen, die alle Balken der Decke, alle Bänke in den beidm Galerien vernichtet hatten. Schwarz, morsch und verkohlt hingen die Balken an den Mauerklammern und stürzten nach und nach ein. Um die zweite Nachmittagsstunde ivar die Hauptarbeit getan und ein großer Teil der Löschmannschaft konnte einrücken. Starke Brandivachen mit fünf Schlauchlinien blieben im Tempelgebäude bis zur völligen Dämpfung der Flammen, die erst in den Abendstunden möglich tvurde. Die Nachricht, daß der Leopoldstädter Tempel brenne, hatte sich wie ein Lauffeuer in Wien verbreitet. Tausende Menschen strömten in die Prcttcrstratze. Besonders groß war die Aufregung unter den Juden. Ans dein Brandplatze hatte sich Polizeipräsident Gayer eingesunden. Er blieb durch Stunden auf dem Platze und stieg bis unter das Dach. Auch Bürgermeister Dr. Weiskirchner fand sich im Tempel ein und sah die verbrannten Galerien an. Er sprach dem Gemeinderate Dr. Schwarz -Hiller das Beileid im Namen der Gemeinde Wien ans. Dann hatte sich auch Stadtkommandant GM. Ritter v. Massig und Statthalter Dr. Freiherr v. Bleyleben eingefunden. Der Brand hat weit größere Verheerungen angerichtet, als es nach der Bewältigung des Feuers den Anschein hatte. Die beiden linksseitigen Galerien sind mit ihren Betpultcn, Bänken und der Wandverkleidung von den Flammen ganz verzehrt worden. Auch die beiden rechtsseitigen Galerien haben schweren Schaden gelitten. An zwei stellen ist auch das Dach des Gotteshauses von den Flammen ergriffen und stark beschädigt worden. Auch eine Anzahl von kostbaren gestickten Vorhängen zur Bundeslade, die in einem vertieft angebrachten Raum ausbewahrt waren, wurden vernichtet. Bisher läßt sich der Schaden ziffermäßig noch immer nicht feststellen. Ueber die Entstehungsursache des Brandes ist Sicheres noch nicht erhoben worden. Die Vermutung, daß Soldaten nach dem Gottesdienste ans der Galerie durch Rauchen den Brand verschuldet haben, scheint nach den Erhebungen nicht zuzutreffen. Für die Möglichkeit eines Kurzschlusses spricht der Umstand, daß sich der Brand so außerordentlich schnell verbreitet hat. Eine vorläufige Wiederherstellung des Tempels dürste Monate in Anspruch nehmen.