Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1917-08-23 · 26 (23.8.1917) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
26 (23.8.1917)
Date
1917-08-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3495278-3495343-3495368--0437-3521108
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Jüdische Korrespondenz. pcjfräftig erwiesen. Die, wie mau weiß, meist russischen Juden in der englischen Diaspora meldeten sich angeblich in Hellen Scharen, nachdem das erste Mißtrauen gegen die sonderbare militärische Veranstaltung durch den unermüdlichen Eifer der Rekrutierungsosfizicre in blindes Vertrauen und stürmische Begeisterung umgcwandelt worden war. 9hm ja, man kann sich vielleicht auch so ausdrücken. Tatsächlich hat die armen Leute, die recht wenig für die sogenannten Ideale der Entente übrig haben, nur der unerhörte Gewissenszwang, den man auf sie ausübte, dem Werber gefügig gemacht. Man hat ihnen gesagt, sie dürsten nie mehr nach England zurückkchren, wenn sie es sich einfallen ließen, in russische statt in englische Dienste zu treten, halte ihnen außerdem eröffnet, daß gar nicht daran zu denken sei, ihre Familien nach Rußland zu verbringen, es aber abgelehnt, irgendwelche Garantien für deren Ergehen'zu übernehmen, wenn sie in England zurückblieben. Auf der anderen L>eite versprach man entsprechende Kriegsunterstützungen, Hinterbliebenenrenten und Sterbegelder denjenigen Familien, deren Oberhäupter ins englische Heer eintreten würden. Nur um das Dekorum zu wahren, wurde der Ausweg beschritten, aus dem auf diese Weise gepreßten Kanonenfutter besondere jiddische Formationen zu bilden. Mau mußte doch dem russischen Bundesgenossen etwas antworten können, wenn er nach dem Verbleib so und so vieler Rekruten russischer Staatsangehörigkeit und jüdischen Glaubens fragte. „Das Selbstbestimmungsrecht der kleinen Nationen", teurer Freund, ist ihnen zu Kopf gestiegen! Jawohl! Sie ruhten und ruhten nicht, bis sie jiddische Uniformen, jiddische Fahnen, jiddische Offiziere und jiddische Feldküchen hatten! Es war einfach nicht anders möglich, sie in den Dienst unserer Ideale zu stellen, wenn man nicht aus ihre Ideen einging. Well, sie müßten eigentlich aus russischer Seite kämpfen. Aber da wir nun doch einmal Bundesgenossen sind, so kämpfen sie ja auch für Rußland, wenn sie an englischen Fronten stehen!.. So kann man jetzt sprechen und Rußland kann nicht allzuviel dagegen sagen. Geschickt eingefädelt, wie? Allerhand Hochachtung! Uebrigens ist das jiddische Regiment gar nicht so originell, wie man glauben sollte. Es hat sogar in diesem Kriege schon eines gegeben, und zwar auf englischer Seite vor Gallipvli. Damals warben die Engländer mit vorgehaltenen Revolvern Rekruten für den Transportdienst aus der jüdischen Urbevölkerung an. Das berühmte Selbstbestimmungsrecht entdeckten sie erst später. Und die Revolver bewährten sich. Als ein paar Dutzend Isaaks und Abrahams, die keine Lust hatten, Trainsoldaten des vereinigten Königreiches zu werden, über den Haufen geknallt waren, liefen dem tüchtigen Obersten Patterson die lieben Juden nur so zu. Die Revolver bewährten sich, wie gesagt. Revolver bewähren sich nämlich immer. Und es müssen nicht einmal wirkliche Revolver sein, mit denen man auf Menschen schießen kann. Ebenso gut, wenn nicht viel besser ist der moralische Browning. Oberst Patterson ist wirklich tüchtig. Wenn er nicht ans Menschen schießt, so schießt er auf Seelen. Die Strecke ist jedesmal groß. Guter Sport ist die Hauptsache, alles andere ist Unfug. God save the lang! Da waren min diese armen türkischen Inden plötzlich königlich großbritannische Maultiertreiber und machten ihre Sache, so gut sie konnten. Fuhren Munitirm und Proviant im Kugelregen, gehorchten und starben, starben und gehorchten. Und sie waren sehr glücklich dabei, versichert Oberst Patterson, und der muß es ja schließlich wissen. Trotzdem waren sie nicht ganz glücklich. Sie hatten nämlich das dringende Bedürfnis, feindliche Stellungen zu stürmen, und zwar hatten sie es genau in dem Moment, in dem der Zusammenbruch des englischen Expeditionskorps begann. „Wir wollen Gewehre haben und für den König von England kämpfen!" sagten sie. (Sagt Patterson.) Run, sie bekamen die Gewehre und sie kämpften. Trotzdem sie nie zuvor ein Gewehr in der Hand gehabt hatten. Trotzdem sie nicht wußten, wie man zielt und ladet. Sie hielten die Gewehre, die sie laut Patterson so stürmisch begehrt hatten, an den Leib gepreßt, wie die Torarolle am Bersvhnungstag und näherten sich den feindlichen Bastionen unter frommen Gesängen. Sie verstanden es so wenig, zu kämpfen, löte sie es verlangt hatten. Aber sie verstanden zu sterben. Und sie starben. Kein einziger kam mit dem Leben davon. Die Türken und Oesterreicher schossen wie auf dem Exerzierplatz... Tie russischen Juden vom Davidsregiment wird England ia kaum wagen, so skrupellos hinzuopfern. Oberst Patterson ist voller guter Vorsätze. Sie fommen zunächst in ein besonderes Zeltlager, weil es in den alten Büchern heißt: „Wie schön sind deine Zelte, Jakob!" Hier werden sie in die Geheimnisse des Drills eingeweiht und gründlich ausgebildet werden. Für koscheres Essen und Gelegenheit, die dienstfreie Zeit religiösen Hebungen zu widmen, wird gesorgt sein. Auch später im Felde soll das Davidsregiment rituell verpflegt werden. Und es wird ausschließlich jüdische Offiziere haben. Jawohl! 9iur der Höchstkommandierende wird kein Jude sein. Aber der Höchstkommandierende ist bekanntlich Nebensache. (Besonders wenn er Patterson heißt.) . .. Traurig, aber wahr!. . . Die Iudenemamipatiou in Rußland. Der Petersburger jüdische Advokat Bramson schildert folgendermaßen den Werdegang der Judenemanzipation in Rußland: Die Frage der Gleichberechtigung der Juden tauchte zum ersten Male in der denkwürdigen Nacht vom ersten März auf, als der Arbeiter- und Soldatcnrat dem zeitweiligen Komitee der Reichsduma und den Vorstehern der provisorischen Regierung die bekannte Erklärung zur Judenfrage vorlcgte, die später veröffentlicht wurde. Beim Arbeiter- und Soldatenrat herrschte in dieser Frage gar keine Meinungsverschiedenheit; niemand zweifelte daran, daß alle jüdischen Rcchtsbegrenzungen schnellstens abgeschafft werden müßten, deshalb wurde auch der Passus über die Abschaffung aller nationalen und religiösen Beschränkungen gleich hinter die Erklärung der Amnestie gestellt. Keiner der Minister hat sich dagegen geäußert. In den darauffolgenden Tagen hatten die Minister die Arbeit unter sich zu verteilen und konnten nicht gleich daran denken, auf welche Weise die Gleichberechtigung der Jllden durchgeführt werden solle. Bald wurde bckanntgemacht, daß der Justizminister Kerenski die Erledigung aller Fragen bezüglich der Gleichberechtigung und dergleichen selbst übernommen habe. Nun kam die Zeit, das den Juden gegebene Versprechen einzulösen. In jüdischen Kreisen herrschte große Unruhe ivegen der Verzögerung in der Durchführung der Gleichberechtigung. Ich ging damals zum Justizminifter und erklärte ihm, die Regelung der Gleichberechtigung der Juden sei dringend notwendig. Kerenski sagte mir, er sei vollständig einverstanden damit und erinnerte mich daran, daß er bereits im Jahre 1906 niit mir einen Gesetzentwurf wegen der Gleichberechtigung der Inden ausgearbcitet und durch die Arbeitergruppe in der Duma eingebracht hatte. Er lud sofort den Direktor des Departements ein, beauftragte ihn, ein Verzeichnis der jüdischen Beschränkungsmaßregeln aufzustellen, um sie alle auf einmal abzuschaffen und bestimmte zugleich, daß ich an der Kommission zur Zusammenstellung dieses Verzeichnisses teilnehmen soll. Diese Kommission arbeitete 8 Tage lang ununterbrochen unter der Leitung des bekannten russischen Rcchtsgelehrten M. Boschtowski. In ihr waren fast alle Beamten des RechtSrats und ich als der einzige Jude tätig. Jedes Mitglied der Kommission bekam einen Band des Gesetzbuches, aus dem er alle die Juden betreffenden Stellen ausziehen mußte. Ich hatte dafür zu sorgen, daß diese Arbeit so schnell und zweckmäßig wie möglich geschehe, um die Interessen der Juden am besten zu wahren. Mit großer Befriedigung möchte ich feststellen, daß mir diese schwierige Aufgabe völlig gelungen ist, sp daß dieses wichtige Gesetz in verhältnismäßig kurzer Zeit ausgearbeitet werden konnte. Inzwischen entstand die Frage, wie das Gesetz formuliert werden sollte. Ich selbst konnte die Verantwortung für eine solche wichtige und große Sache nicht übernehmen und wandte mich deshalb an de» jüdischen Abgeordneten Friedmann und an den Ausschuß für Politik, den die jüdischen Deputierten der Duma gebildet hatten. Außer dem ständigen Mitarbeiter dieses Ausschusses nahm an der Beratung auch der Vorsitzende des „Bund" teil. Das Kollegium bildete zwei Kommissionen: eine für junge jüdische Juristen, die sämtliche russischen Gesetze durchstöbern und dafür Sorge tragen mutzten, daß keine einzige jüdische Begrenzung ausgelassen würde. Die zweite Kommission (Sljosberg, Friedmann, Grusenberg, Winawer, Frumkin und Bramson) arbeitete inzwischen eine passende Form des Gesetzes aus. Bei den Beratungen wurden zwei Standpunkte vertreten: Winawer z. B. vertrat die Ansicht, daß das Gesetz betreffs der Abschaffung der nationalen Beschränkungen mit dem Gesetz der Abschaffung der Standesbeschränkungm verbunden sein müsse. Als Begründung führte er an, es sei nicht angängig, die Beschränkungen der Juden früher als z. B. die Beschränkungen des Bauernstandes abzuschaffen. Ich dagegen war der Meinung, daß eine solche Verbindung nicht zweckmäßig sei) weil mit der Abschaffung der Standesbegrenzungen viele damit verbundene Einrichtungen ebenfalls abgeschafft werden müßten; das würde aber viel Zeit in Anspruch nehmen und mit großen Schwierigkeiten verbunden sein. Außerdem wies ich daraus hin, daß für den russischen Bauern die Agrarfrage viel wichtiger sei als die Frage der Standesbegrenzungen. Ich beschloß, Kerenski darüber zu befragen. Letzterer erklärte darauf entschieden, er finde es angebrachter, die jüdische Gleichberechtigung mit der Abschaffung der Standesbegrenzungen nicht zu verbinden. Auch in bezug auf die Form des Gesetzes wurden verschiedene Vorschläge gemacht. Winawer äußerte die Meinung, daß die Verordnung wegen der Gleichberechtigung in allgemeiner deklarativer Form veröffentlicht werden müsse; es sollte in prinzipieller Weise ausgedrückt werden, daß alle Bürger gleichberechtigt und alle diesbezüglichen Begrenzungen abgeschafft seien. Andere Kommissionsmitglieder meinten, das Gesetz dürfe nur ein Verzeichnis aller abzuschaffenden Beschränkungen angeben. Ich dagegen war der Ansicht, daß das Gesetz einige deklarative Formeln enthalten müsse, mit der gleich- - zeitigen Zusicherung einer gleichzeitigen Veröffentlichung des Verzeichnisses der Beschränkungen. Kerenski äußerte sich gegen allgemeine Formeln, verlangte vielmehr ein klares und deutliches Verzeichnis aller Begrenzungen, die aus der Welt geschafft werden sollten, um die Rechtlosigkeit ein für allemal mit ihren Wurzeln auHzureißen und die mittelalterlichen Verordnungen abzuschaffen. Ich wies Kerenski auf die Schwierigkeit hin, mit welcher das Zusammenstellen eines solchen vollkommenen Verzeichnisses verknüpft ist. Es wurde deshalb beschlossen, das Dekret mit allgemeinen Sätzen einzuleiten, dann die wichtigsten Beschränkungen und zuletzt alle übrigen Beschränkungen der jüdischen Rechte anzusühren, die abgeschafft würden. Die Frage der jüdischen Gemeinde und des Uebertritts von einer Religion in die andere wurde beschlossen nicht zu berühren. Dafür wurden alle administrativen Verordnungen betreffs der Juden wie auch die einschränkenden Bestimmungen der Militärverwaltung in das Verzeichnis ausgenommen. Auch die Wahrung der Interessen der ausländischen Juden wurde nicht übersehen. So ist das Gesetz wegen der jüdischen Gleichberechtigung entstanden. Vom Justizministerium wurde das Gesetz zur Beratung an die provisorische Regierung übergeben, die keine wesentlichen Aenderungen daran vornahm. Das Gesetz mit den Aenderungen ging in das Justizministerium zurück und die vorgenommenen Aenderungen wurden vom Rat der jüdischen Abgeordneten bestätigt. Jetzt mußte nur noch die provisorische Regierung das Gesetz bestätigen. Man kann sich vorstellen, welche Aufregung wir alle in den Tagen erlebt haben, als das Gesetz der provisorischen Regierung zur Prüfung vorlag. Die Minute, in welcher der Sekretär mir die telephonische Mitteilung machte, daß das Gesetz genehmigt sei, zähle ich zu den glücklichsten meines Lebens. Jüdische Kriegsnot in Tarnopol. In einem Aufsatz über das befreite Tarnopol schreibt der Berichterstatter der „FrankfurterZeitung": Bon größeren öffentlichen Gebäuden sind ziemlich unversehrt die beiden als russische Lazarette

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.