Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 26 (23.8.1917)
- Date
- 1917-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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]Ddische Hoppespondenz Preis per Nummer 10 Heller. Vierteljährlich K 120. Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet. Wochenblatt für jüdische Interessen. j; Redakteur: Jonas Kreppei. | Redaktion und Administration •. VIII. Alserstraße 55. Wien, LS. August 1917. III. Jahrgang. Der Zar in Sibirien. „Dieweil du ertränkt Haft, haben sie dich ertränkt; zuletzt werden auch Ex-Zar Nikolaus und Familie weilen jetzt in Sibirien. Dort, wohin der gewesene Beherrscher aller Reußen all diejenigen zu verschicken pflegte, die ihm unbequem waren, die sein schlechtes Gewissen beunruhigten und plagten, — dorthin wurde er nun von denjenigen verbannt, die seine Stelle eingenommen haben. Jetzt ist ihm die Rolle zugesallen, das Gespenst zu bilden, das die Kerenski und Genossen nicht ruhig schlafen läßt; jetzt konnten sie sich ihrer Herrschaft nicht sicher fühlen, insolange der Gefangene von Zarskoje Selo ihre Macht stets bedrohte — sie taten also das, was sie von ihm gelernt haben — solche Dinge lernt man leicht — und verfuhren mit ihm so, wie er mit seinen Gespenstern zu verfahren Pflegte: Bei Nacht und Nebel wurde er nach Sibirien überführt.... Die ewige Gerechtigkeit hat diesmal sehr konsequent und gründlich ihr Werk vollbracht. Maß für Maß! Womit der Ex-Zar am stärksten gefrcvelt hat, damit wurde er bestraft, 'selbst die Details sind hier die ähnlichen: Wie oft pflegte es zu Passieren, daß die Familie eines Verschickten es freiwillig vorgezogen habe, das Exil zu teilen, um zusammen mit ihrem Oberhaupte zu sein: Kinder des Ex - Zarenpaares es'freiwillig gewählt haben, ihren Eltern zu folgen, um mit ihnen zusammen zu bleiben. Sibirien! Welche schreckliche Erinnerungen werden bei Tausenden und Abertausenden bei der Nennung dieses Namens wachgerufen. Für Unzählige bedeutet dieses Wort ein Schicksal. Für die Millionen russischer „Untertanen" war es ein Schreckenswort, schrecklicher als alle Qualen der Hölle. In der Hand der jeweiligen russischen Machthaber war es eine Peitsche, mit der sie ein ganzes Volk zu sklavischem Gehorsam zwingen konnten, eine Geißel, die sie auf die Leiber derjenigen niedersausen ließen, deren Geist und Seele sich nicht knechten lassen wollten. Die russische Macht stützte sich vornehmlich auf dieses Hilfsmittel und ward zum Schrecken kleiner und großer — Völker.... Heute muß der Ex-Zar in „höchsteigener Person" die Segnungen dieses Systems verspüren und empfinden. Man kann sich leicht die Gefühle vorstellen, die ihn beherrschten, als er plötzlich in finsterer Nacht aus dem Schlafe geweckt, in Nacht und Dunkel hinausgeführt und ohne Angabe von Gründen das Urteil vernehmen mußte: Nach Sibirien! So ist es unter seinem Regime Tausenden und Abertausenden ergangen und so erging es nun- Jawohl. „Dieweil du ertränkt hast, haben sie dich ertränkt; zuletzt werden auch die, die dich ertränkt, ertrinken." Indem der Zar seiner Expansionslust die Zügel schießen ließ, indem er Millionen opfern ließ, um nur das Ziel seines Ehrgeizes erreichen zu können, — hat er damit den Eintritt der Ereignisse möglich gemacht, die seiner Herrlichkeit ein jähes Ende bereiteten. Er glaubte noch immer, mit der Hilfe seiner Kosaken regieren und herrschen zu können, mit der Hilfe der Knute im Innern und mit der Hilfe der Maschinengewehre auf den Schlachtfeldern Millionen zu blindem Gehorsam zu zwingen und in den sicheren Tod schicken zu dürfen. Aber er hat sich verrechnet. Es kam der Tag, an welchem dieses System in sich zusammengebrochen war. Eines schönen Tages verlor Nikolaus II. Thron und Krone, Herrlichkeit und Freiheit. Nun weilt er in Sibirien, — in dem Lande, dessen Steppen und Eisfelder angeblich dazu bestimmt waren, seine Herrschaft und Herrlichkeit für alle Zeiten zu sichern. Niemand wird Nikolaus II. eine Thräne nachweinen. Die Verbrechen dieses Tyrannen waren derart groß und furchtbar, daß cs wahrlich schwer fällt, ihm gegenüber die rein-menschlichen Gefühle aufkommen zu lassen. Aber, andererseits ist sein Schicksal nur allzu geeignet, den gegenwärtigen Machthabern inRußland als Memento zu dienen. Die Kerenski und Genossen sind heute auf dem besten Wege, den Blsttspuren des Ex-Zaren zu folgen und sein System wieder ausleben zu lassen. Um ihre Herrschaft zu befestigen, haben sie nicht bloß den Ex-Zaren nach Sibirien verbannt, — was übrigens nur recht und billig ist — sondern sie greisen auch im Innern und an den Fronten zu denselben, allerdings wenig bewährten Mitteln. Mit Terror, Ausnahmsgesetzen und Gewalt wollen sie die russischen Völker weiterhin zwingen, das furchtbare Blutvergießen fortzusetzen, das bereits seit länger als drei Jahre dauert. Was der Ex-Zar mit dem Mäntelchen der Religion und des Panslavismus umhüllen wollte, das garnieren sie mit einer „demokratischen" Verbrämung. Als ob wahre Freiheit und echte Demokratie mit derartigen Mitteln errungen und aufrecht« erhalten werden können! Heute herrscht in Rußland nicht mehr Kerenski, sondern Kornilow, nicht mehr der Arbeiter- und Soldateurat, sondern die schwarzen Geister des Zarismus in neu vermummter Gestalt, logische Moment gekommen seid wird. Was heute den Friedensfreunden gegenüber geschieht, kann morgen jedem Freund der Freiheit geschehen; was man sich heute den Finnländern gegenüber erlaubt, kann morgen auch den anderen Völkern gegenüber angewendet werden. Welche Gefahren speziell den Juden drohen, braucht gar nicht besonders betont zu werden. Sind sie doch überall der Sündenbock, der für alles büßen muß. Das Schicksal Nikolaus U. möge aber dem Kerenski und Genossen als flammendes „menetekel“ dienen; werden sie die Methoden des Ex- Zaren anwenden, droht ihnen dasselbe Schicksal. „Zuletzt werden auch die, die dich ertränkt, ertrinken." — Die zwecklose Fortsetzung des aussichtslosen Krieges läßt sich mit dem wahren Geiste der Demokratie nicht vereinigen. Sie haben zu wählen: entweder Frieden nach außen und Freiheit nach innen; oder Krieg und — als letzte Konsequenz — Sibirien. Zur Heimkehr der galtzischen Rabbiner. Die glückliche Befteiung Ostgaliziens und der Bukowina von der feindlichen Invasion hat eine wichtige Frage aufs Tapet gebracht, die eine sehr ernste Behandlung erfordert. Gar bald dürste die Rückkehr der Flüchtlinge in die Heimat vor sich gehen. Wie an anderer Stelle ausführlich berichtet, wurde bereits ein Teil ostgalizischer Bezirke für die Rückkehr freigegeben. Andere Gebiete dürsten bald folgen. Gar viele werden wohl schwerlich das wieder finden, das sie zurückgelassen: Die russischen „Kulturhelden" haben in gar vielen Städten „gründliche Arbeit" geleistet und das Herz eines jeden Engländers müßte vor Freude jauchzen, angesichts der Zerstörungen und Verwüstungen, die die „Boches" in dem wiedereroberten Gebiete vorgefunden haben. Aber schließlich wird sich der Einzelne immerhin recht und schlecht Helsen können. Derjenige aber, dem dies unmöglich sein sollte, dürfte ganz einfach vorläufig weiterhin ein Flüchtlingslcben führen... Ganz anders verhält es sich aber mit einer Kategorie Flüchtlinge, die eigentlich keine derartige Aufenthaltsfteiheit besitzt und für welche ernste moralische Gründe vorliegen, die eine möglichst baldige Rückkehr gebieterisch notwendig machen. Es handelt sich um die Rabbiner, die einerseits naturgemäß das Flüchtlingsleben schwerer als andere Schichten empfinden, schon deswegen, da sie in der Fremde unmöglich ihren Beruf ausübeu konnten und stärker als die anderen auf die diversen Hilfsaktionen angewiesen waren, was ihnen besonders peinlich sein mußte; andererseits aber sind sie gezwungen, so bald als möglich in ihre Heimatsgemeindcn zurückzukehren, da sie doch die Rabbinerstühle nicht länger verwaist lassen dürfen. In dem Momente, da das jüdische Gemeindeleben wieder zu pulsieren beginnt, müssen auch die Rabbiner zur Stelle sein. Mit ihnen natürlich auch die Dajanim, die Schächter und die anderen religiösen Funktionäre. Nun ist aber die Lage der Rabbiner eine geradezu furchtbare. Die Kultusgemcinden, die während des Krieges entweder überhaupt nicht funktionierten, oder bloß so vegetierten, haben den Rabbinern rc. die Gehälter fast gar nicht bezahlt und dürften auch jetzt kaum imstande sein, dies zu tun, geschweige denn die Rückstände zu entrichten. Es müßte eine hübsche Zeit vergehen, bis die Gemeinden wieder in den Besitz ihrer regulären Einnahmen sein werden. Wie sollen nun die Rabbiner und die anderen Funktionäre imstande sein, ihr Leben zu fristen, speziell angesichts der gewaltigen Teuerung, die an dem Fcstbesoldeten die schwerste Aufgabe stellt. Auch die sonstigen Nebeueimiahmcn ffffii 15' tvlkhrend m ■ Kkl-Ms gMch- Rull. Schließlich waS sollen diejenigen Rabbiner tun, deren Heim und Herd zerstört und vernichtet wurde, und die nun daran gehen müssen, alles neu einzurichten?! Ueber Veranlassung einiger Rabbiner hat nun die „Agudas-Jisroel" diesbezüglich eine Aktion eiugeleitch die momentan den einzigen Ausweg bilden kann und deren Gelingen überaus wünschenswert sein muß. Diese Aktion geht dahin, eine Bereinigung derjenigen Kultusgemeinden zustande zu bringen, die diesbezüglich in Betracht kommen und an die Regierung herantreten sollen mit dem Ansuchen, ihnen in dieser Hinsicht beizustehen, in der Form, daß ihnen unter entsprechenden Kautelcn eine Anleihe gewährt werde, damit sic zunächst imstande wären, den Rabbinern und den anderen Funktionären die Gehaltsrückstände zu bezahlen und die Sicherheit für die fernere regelmäßige Gehaltsauszahlung zu bieten. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß ein solcher Schritt, in der geeigneten u n d k o n k r e t e n F o r m u n t e r n o m m c n, e i n e it positiven Erfolg bringen dürfte. Schließlich bestehen ja in Galizien spezielle Kriegskreditbanken, die für eine solche Aktion in Betracht kommen. Ueber Einladung der „Agudas-Jisroel" fand dieser Tage eine Konferenz der in dieser Sache interessierten Rabbiner statt. Die Beratungen werden unter Zuziehung von Kultusgemeindevertretern weiter gepflogen und wir wollen hoffen, daß es gelingen wird, ein positives Resultat zu erzielen. Jüdisches Glut für England?! Wir haben bereits über den eigenartigen Plan gemeldet, die in England lebenden russischen Juden zu einem speziellen jüdischen Regiment zu formieren, das gegen die Türken kämpfen soll. Eine Wiener Tageszeitung bringt diesbezüglich folgende Korrespondenz aus dem Haag: Dieser Tage schloß die Rekrutierungskampague, die der englische Oberst Patterson in den Judeuquartieren der britischen Inseln veranstaltet hat. Das Zeichen König Davids hat sich, wenn man den englischen Blättern glauben dürfte, als überaus Soeben erschienen: „INS VIERTE KRIEGSJAHR“ (Oesterpeich-Ungarns Bilanz dreier Kriegsjahre). Von J, Kreppei. Preis K 1—. WM" Zu beziehen durch die Administration „Jüdische Korrespondenz“, sowie durch alle Buchhandlungen. "MW