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Jüdische Korrespondenz · 1917-08-09 · 24 (9.8.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
24 (9.8.1917)
Date
1917-08-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Jüdische Korrespondenz. Das „Jüdische Museum" m Wien. Bon Dr. Moritz Bronner, Lausanne. Die „Gesellschaft für Sammlung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums" (Jüdisches Museum) in Wien begeht dieses Jahr ihr 20. Jubiläum seit ihrer Begründung. In Anhetracht der gegenwärtigen Zeitumstände dürfte die Leitung der Gesellschaft von jeder öffentlichen Feierlichkeit absehen. Wir können jedoch dieses Jubiläum nicht Vorbeigehen lassen, ohne einen kurzen Blick auf die rühmliche Geschichte der Gesellschaft zu werfen und in Dankbarkeit und Verehrung jener Männer zu gedenken, die, von ernstem Wollen und Liebe zu ihrem Volke erfüllt, innerhalb einer relativ kurzen Zeit Erstaunliches geleistet haben. Vor 20 Jahren war es, als Baurat Wilhelm Stiaßny den Gedanken aussprach, eine Gesellschaft zu gründen, deren letzter Zweck die Sammlung und Erhaltung jüdischer Kunst- und historischer Denkmäler, also die Begründung eines jüdischen Museums sein sollte. Dieser edle Gedanke fand allseits lebhafte Zustimmung und Begeisterung und sofort schlossen sich dem ideal veranlagten Baurat (der — wie erinnerlich — nicht allein ein guter Synagogenbauer war, sondern sich auch für die zionistische Idee begeisterte, mit Herzl über die Gründung einer jüdischen Stadtkolonie an der palästinensisch-ägyptischen Grenze diskutierte und den Wiener jüdischen Kolonisations-Verein ins Leben rief) Männer von Ruf und Namen an, die gleich ihm ihr jüdisches Herz am rechten Flecke trugen. Adolf von Sonnenthal, Ritter von Goldschmidt, Oberrabiner Dr. Güdemann, Hofrat Prof. Dr. Politzer, Abraham Epstein und — wer zählt die Namen — viele andere antworteten seinem Rufe und stellten ihre Zeit und ihr Wissen in den Dienst der edlen Sache. Innerhalb ganz kurzer Zeit war eine Gesellschaft, die die Elite der österreichischen und speziell Wiener Judenheit zu ihren Mitgliedern zählte, gegründet. Auch viele andere hervorragende Juden aus allen Ländern erklärten sofort ihren Beitritt. Dank zahlreicher Gaben konnte Baurat stiaßny bald verkünden, daß an die Eröffnung des „Jüdischen Museums" geschritten werden könne. Es ist hierbei nicht uninteressant zu erwähnen, daß die erste Gabe, welche eigentlich bei dem Baurat Stiaßny den Gedanken an ein jüdisches Museum hervvrgerufen hatte, ein prächtiges venezianisches Gebetbuch aus dem 17. Jahrhundert in prächtigem Silberfiligran, einband — ein Familienerbstück der Familie Wolf- Eisenstadt — war. Die Religion ist beim Judentum eben immer die Grundlage alles Lebens! Die Eröffnung des „Museums für jüdische Altertümer", wie es sich damals betitelte, fand im aristokratischen Rathausviertel statt und die Sammlung hatte dort einen nicht unwürdigen Platz. Aber das jüdische Museum teilte gar bald daslSchicksal des jüdischen Volkes, dessen Geschichte es wiederspiegeln soll: es wanderte. Einerseits erwiesen sich die Räumlichkeiten für die reichlich zufließenden Gaben zu klein, anderseits wurden die Geldmittel knapp — wie es ja leider immer der Fall ist, wenn es sich um jüdische Dinge handelt. Von der Rathausstraße wurden die Sammlungen in die Privatwohnung des Baurates Stiaßny, von dort in die Praterstraße 20 und dann wieder in die Praterstraße 16 übersiedelt. Aber trotz diesen, eine normale Entwicklung hemmenden Wanderungen mehrte sich infolge der unermüdlichen Tätigkeit des Kuratoriums der Besitz des Museums stetig. Einen herben Verlust erlitt die Gesellschaft durch den unerwarteten Tod ihres unvergeßlichen Präsidenten Wilhelm Stiaßny. Eine kurze Stagnation trat ein. Bald jedoch wurde diese unfruchtbare Periode überwunden. Hofrat Prof. Dr. Adam Politzer, der rühmlichst bekannte und fast von allen Staaten ausgezeichnete Begründer der Wiener Ohrenheilkunde, wurde zum Präsidenten der Gesellschaft gewählt. Schon früher hatte er mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit das Amt eines Vizepräsidenten verwaltet und dem Museum einen großen Teil der Sammlungen geschenkt. Unter seiner Leitung, sowie der tüchtigen Mitarbeit der beiden Vizepräsidenten, der Herren Reg.-Rat Dr. S. Frankfurter und Dr. Bvla Taussig und des Kuratoriums, dem auch heute noch die geistigen Spitzen der Wiener Judenheit angehören, erlebte das Museum einen neuen, glänzenden Aufschwung. Die Sammlungen wurden in die hellen, geräumigen obern Stockwerke der Talmud-Thora- Schule in der Malzgassc 16 untergrbracht und neu geordnet. Stabsarzt Dr. Sigmund Stiaßny, der Sohn des Gründers, hatte in rührender Pietät für das Werk seines Vaters über die kleinsten Einzelheiten dieser mühevollen Neuordnung gewacht; hierin wurde er auch von Prof. Isidor Kaufmann, dem bekannten Maler jüdischer Genrebilder, und dem berühmten Porträtmaler David Kohn, insbesondere bei der künstlerischen Gruppierung der Sammlungen, aufs beste beraten und von den andern Mitgliedern des Kuratoriums aufs eifrigste unterstützt. _ iSchluß folgt.) Rundschau. Eine Jüdin als Schutzengel. In dem offiziellen Berichte über den Besuch des Kaisers in Czernowitz wird u. a. folgendes berichtet: Eine Jüdin hatte in Czernowitz russische Einquartierung. In dem einen Raume saßen Kosaken, in dem anderen beherbergte sie elf österreichische Soldaten. Als die Gefahr drohte, daß die russische Einquartierung sich auch ^dieses Raumes bemächtigen werde, ging sie zum «Stadtkommandanten, dem sie von einer schweren Erkrankung ihrer Tochter erzählte. Er gab schließlich ihren Bitten nach und befreite sie von jeder Einquartierung. Sie btieb der Schutzengel unserer Soldaten. Keine Judeumifthaudlung in Palästina. Aus Stockholm wird gemeldet: Dem Astonblad zufolge hat die Regierung der Vereinigten Staaten vor einiger Zeit die schwedische Regierung telegraphisch ersucht, die angeblichen Mißhandlungen der Juden in Palästina an Ort und Stelle untersuchen zu lassen. DieschwedischeGesandtschaftinKonstantinopel, die mit der Ausführung des Auftrages betraut wurde, erklärt nun in einem amtlichen Bericht, alle Angaben über N i e d e r m e tz e l u n g c n von Juden in Palästina, die setzt oder früher während des Weltkrieges stattgcftiiiden haben sollen, seien unrichtig. Tatsächlich seien keine Gewalttaten gegen die jüdische Bevölkerung Palästinas vorgekommen. Die schwedische Regierung hat dem amerikanischen Gesandten in Stockholm das Ergebnis mitgeteilt. Die Autonomie der ungarischen Juden. Der ungarische Minister a latere Gras Theodor Batthanyi gab im Rahmen seiner Programmrede, die er anläßlich seiner Wiederwahl als Abgeordneter in Szekszard gehalten hat, sehr wichtige Erklärungen bezüglich der Autonomie der Juden in Ungarn ab. Der Minister erklärte den Führern der Szekszarder israelitischen Knltusgemeinde, daß er „mit Leib und Seele" ein Anhänger der gesetzlichen Inkorporierung der Autonomie der jüdischen Konfession sei, wozu die vaterländische Jndenschaft, die auf hohem Kulturniveau steht und zu allen eiten begeisterte Empfänglichkeit für die Ideen des ortschrittes bekundet hat, einen berechtigten Anspruch habe. Die neue Regierung, welche gewillt ist, den Gedanken der Rechtsgleichheit und Rechtsverbreiterung zu verwirklichen, wird bestrebt sein, auch diese Reform ehemöglichst durchzuführen, lieber» dies erklärte der Minister, daß die Regierung es sich zur Aufgabe gestellt hat, die Autonomie der katholischen und der israelitischen Konfession nach dem Grundsätze der vollen Rechtsgleichheit und Parität in die Tat umzusetzen. Propaganda zu einem Judenpogrom in Petersburg. Das offizielle Organ des Ausschusses der Arbeiter und Soldaten „Jswestisa" meldet: Die „schwarzen Hundert" beginnen aufs neue ihre gemeingefährliche Propaganda gegen die Juden^Jn den letzten Tagen wurden auf den belebtesten Straßen Petersburgs Proklamationen mit der Aufforderung, Pogroms gegen die Juden zu veranstalten, verbreitet. Aus einigen Straßen wurde diese Agitation in solch lebhafter Weise betrieben, daß die jüdischen Geschäftsleute sich gezwungen sahen, ihre Geschäfte zu schließen. „Jswestija" protestieren gegen diese verbrecherische Tätigkeit und bemerken: Alle Personen, die die Bevölkerung zu einem Pogrom aufhetzen, werden zur gerichtlichen Verantwortung gezogen und verhaftet werden. Die provisorische Regierung muß sofort die notwendigen Maßregeln treffen. Die Demokratie muß verhindern, daß die Freiheit des Wortes zu verbrecherischen Zwecken ausgeiiüht wird, und die Verteiler dieser Flugschriften 'müssen alle hinter Schloß und Riegel kommen. Judenverfolgungen in Rumänien. Nach dem Sowjetorgan „Jswestisa" bat bei Vandervelde anläßlich dessen Besuchs m Mibailem (Rumänien) ein gewisser Piscm Hilfe dagegen erbeten, daß den jüdischen Soldaten selbst als Verwundete und Typbuskranke die Aiiinabme in Spitäler verweigert wird. ES werde ilmeii auch das Essen von Hühnern verboten, und selbst ans ärztliches Attest darf für einen jüdischen Soldaten kein Huhn geschlachtet werden. DaS Jüdischsprechcn sei streng verboten, und es feien sogar fünfjährige Kinder, die sich dieser Sprache bedienten und dabei ertappt wurden, verhaftet ivorden. Nack der Abreise Vanderveldes wurden Pisem und sein Bruder verhaftet. Das Soldatenkvmitee der neunten russischen Armee hat eine Untersuchung in Angelegenheit der Judeiiverfolgniige» in Rumänien angeordnet. Maxim Gorki über die Gleichberechtigung der Jude» in Rußland. Maxim Gorki schreibt in seinem Blatte „Nowaja Schis»": „Die Gleichberechtigung der Juden ist eine der schönsten Errungenschasten der russischen Revolution. Indem wir den Inden als gleich berechtigten Bürger anerkannten, haben wir von unserem Gewissen einen schimpftichcii, blutigen, schmutzigen Fleck genommen. In dieser Handlung ist nichts, was uns das Recht gibt, stolz zu sein oder uns zu freuen. Endlich hat man sich zu einer guten Tat aufgerafft, aber man fühlt keine Freude. Der Antisemitismus lebt und er beginnt wieder fei» Haupt zu beben und seine giftige Agitation wieder zu verbreiten. Und warum geschieht dies? Weil unter den anarchistisch gesinnten Bolschewiki sich zwei, drei oder sogar sieben Juden befanden und weil man fürchtet, daß diese sieben Inden Rußland vernichten werden. Also für die Sünden der sieben jüdischen Bolschewiki soll das ganze jüdische Volk in Rußland bluten . . . Wenn man so urteilt, so muß man Lenin als echt russischen Sünder anerkennen, und dann müßten für die Sünden eines Lenin sämtliche Bewohner des Gouvernements Simbirsk, aus welchem Lenin stammt, verantwortlich gemacht werden. Der größte Teil der Inden sind Menschewiki, aber die nationalistische Presse behauptet, daß alle russischen Juden Anarchisten sind. Ich habe zu meinem Erstaunen festgestellt, daß die jüdische Rasse eine viel vernünftigere. Liebe zu ihrem russischen Vaterland hegt als viele Russen ... Ich glaube nicht an einen Erfolg der antisemitischen Propaganda, ich glaube, daß der Verstand des russischen Volkes, sein Gewissen, sein ansrichtiger Drang nach Freiheit es nicht znlassen werden, daß man ein Volk drangsalieren und mißhandeln solle. Ljörn Gjörnson und die galtzischen Juden. Björn Biörnson. der bekannte skandinavische Schriftsteller, der in seinem turzlich «bei Oesterheld k (So.. Berlin) erschienenen Buch „Bvm deutschen Wesen" die Parter des deutschen Volkes gegen ferne Feinde ergriffen hat, schildert u. a. <S. 1!>8—200) seine Erlebmye auf einer [fahrt durch Galizien und tnuprt an ein aut die dortigen Juden sich beziehendes Stimmungsbild die folgenden Betrachtungen 1!*H~üoo>: „ . . . Und diese klugen, armen, wunderlichen Menschen in ibren priesterlichen Stnrtnnen. die Philosophen zu fein wissen und das Leben mit Resignation und meistens mit bescheidener Webmut nehmen — so spricht es aus ihren Augen - , sie sind uns im Kamps mns Dasein überlegen — weil sie Geduld und Nnrechtleiden gelernt haben — aus dem stärksten Glauben heraus, der stärksten Sehnsucht nach der neuen L-sienbarung — zu der ne wohl nicht mehr selbst, aber ihre Aachkömmen. oder die nach ihnen, gelangen würden. — Ihre Sehnsucht zahlt nach Jahrtausenden. Wir sind alle Parvenüs in ihren Augen. Wir kamen lange, lange danach angehunipelt — und machten unser Ideal nach Christus, der kein Gott für sie isi — sondern ein Jude — den die Welt anbetet, «ie sonnen sich in dem Gedanken. Wir Christen hatten die Macht, die mir ja gegen sie jahrhundertelang mißbraucht haben — vor ihr mußten sie sich beugen — aber in ihrem Innern lachten ne uns aus — wir können ihr Leben auslöschen, das sie übrigens ungern hergcben —■ sie aber tragen ihr Ideal unter ihren schmutzigen Lumpen. Sie verachten uns — und sie

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