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Jüdische Korrespondenz · 1917-08-09 · 24 (9.8.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
24 (9.8.1917)
Date
1917-08-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Jüdische Korrespondenz. Auch der russische Botschafter in Rumänien hat auf die Auftage der provisorischen Regierung geantwortet, daß die Lage der rumänischen Juden eine schreckliche sei, daß die Juden in Massen aus ihren Wohnorten, die an der Grenze liegen, vertrieben werden; und bei dieser Gelegenheit benimmt sich die Militär- und Polizeimacht den Juden gegenüber äußerst grausam, uni desto größere Bestechungen von ihnen herauszukriegen. Wie bekannt, zahlen die Juden in Rumänien dreimal so viel Steuer wie die Rumänen selbst, sie dienen im Militär, sind aber trotzdem von allen politischen Rechten ausgeschlossen. Die jüdischen Aerzte sind auch sehr beschränkt in der Ausübung ihrer professionellen Rechte, die Juden dürfen nicht Rechtsanwälte werden, dürfen nicht Inhaber von Apotheken sein, und werden von jedem Regierungsposten ausgeschlossen. In den unentgeltlichen Unterricht werden die Juden nur gegen Bezahlung ausgenommen, und auch da nur so weit, als es die Zahl der durch die Rumänen nicht besetzten und sreigcbliebencn Plätze erlaubt. Jetzt werden die Juden für ihre Beziehungen zu den Russen verfolgt. Die Regierung übergeht die jüdische Bevölkerung bei der Verteilung mit Lebensmitteln, so daß sie dem Hunger preisgegeben ist. In den jüdischen Vierteln sind in hohem Maße verschiedene Epidemien verbreitet, in Jassy sterben täglich zirka 100 Juden. Die kranken Juden werden in keinem rumänischen Spital ausgenommen, obwohl das jüdische Spital in Jassy durch das rumänische Militär requiriert wurde." „N. I. N." Die angebliche palästinakommisfion der amerikanischen Regierung. In letzter Zeit brachten verschiedene Tageseitungen die Nachricht, daß Präsident Wilson eine pezielle, aus Zionisten jMorgenthau, Prof. Frankfurter und Lewiii-Epstein) bestehende Kommission zum Studium der Palüstinasrage einberufen habe, die auch mit den Ententeregierungen in Verbindung treten solle. Einige Zeitungen meldeten bereits die Ankunft der Kommission in Europa. Ter Konen - Hagener Korrespondent der „Neuen Jüd. Nachrichten" laßt hierzu nun folgende Mitteilung zugchen, aus der hervorgeht, daß diese Nachrichten auf Irrtum und Mißverständnis beruhen. Er k- Jn letzter Zeit verbreitete die amerikanisch-jüdische Presse Gerüchte, daß Präsident Wilson eine spezielle jiidische Kommission nach Palästina delegieren wolle, die an Ort und Stelle die Lage und die Verhältnisse studieren und dann über die Gründung eines Judenstaates m Palästina berichten solle. Ein KcwrespvndentdcsNew-9)orker„ Tire Laneriean Hebrew“ erhielt in dieser Angelegenheit im Staatsdepartement in Washington die Mitteilung, daß diese Gerückte aus keiner Grundlage basieren, sei es doch auch ausgeschlossen, eine Kommission nach einem Lande zu schicken, mit dem man die diplomatischen Beziehungen abgebrochen habe. Eine ähnliche Antwort erteilte auch in einer Unterredung Pros. Felix Frankfurter, der in den Gerüchten als Mitglied der genannten Kommission genannt lourde. Die der Angelegenheit zugrunde liegenden Tatsachen ergehen sich aus der Meldung des New Yorker jüd. „Vorwärts" vom 22. Juni, wonach sich der gewesene amerikanische Botschafter in Konstantinopel, 9Jh\ Henry Morgenthcm, auf dem Wege nach Aegypten befinde, um von dort ans die Hilfsaktion für die Inden Palästinas zu organisieren. Morgenthau soll mit den türkischen Behörden in Verbindung treten und die nötigen Schritte einleiten, daß das Geld des loint Distribution Commitlees und die für die notleidenden Juden bestimmten Lebensmittel unter die Juden Palästinas verteilt werden. In Begleitung Morgenthaus befindet sich der innge jüdische Professor der Havard-Universität Professor Felix Frankfurter. Diese Version wird auch durch folgende Nachricht bestätigt, welche das „Jsr. Wochenblatt" in Zürich veröffentlicht: Henry Morgenthau, der frühere amerikanische Botschafter in Konstantinopel, saßt seine Ansichten über die den Juden Palästinas zu gewährende Hilfe und über das Leben der Juden in Konstantinopel in nachstehenden Acußerungcn zusammen. Nach ' Morgenthau werden die amerikanischen Juden die Wohltätigkeitsanstalten übernehmen, die die französischen und englischen Rothschilds in Palästina gründeten. Der Krieg zwang diese menschenfreundliche Familie, ihre Bemühungen auf dem Humanitären Gebiete in Palästina zu unterbrechen. Morgenthau sagt, er habe von Baron Rothschild (Paris) einen Brief erhalten, in dem er mitteilt, daß seine Familie für Palästina 100,000.000 Franken in den letzten 30 Jahren verausgabt hätte. Während des Krieges können die Rothschilds für das feindliche Ausland nichts tun. Ebensowenig könne das jüdische Unterstütznngswerk Englands (Jewish Relief work of England) für Palästina etwas tun, seitdem die Türkei in den Krieg eingetreten sei. Das Geld, das aus England und Frankreich zu jüdischen Unterstiitzungszweckcn zu kommen pflegte, müsse jetzt aus Amerika kommen. Aus Polen. Aus Warschau wird geschrieben: Der Verein der Chedarimlehrer (Agudas Hamelamdim) wendet sich in einem eindrucksvollen Ausruf beschwerdeführend an die Oeffentlichkeit, weil die Unsitte, daß die reichen Leute während ihrer sommerlichen Abwesenheit von Warschau die Melamdim ohne Bezahlung lassen, noch immer nicht aufgehört hat. Unter den heutigen Verhältnissen liege darin geradezu ein Todesurteil für die armen Lehrer, die auch in dieser erzwungenen Ferienzeit essen und trinken müssen. Man kann nur hoffen, daß der Appell durchdringt. Der bekannte Chassidim-Rabbi Twerski in Kosmir ist am 8. Tamus gestorben. Er soll einen außerordentlich umfangreichen letzten Willen hinterlassen haben, in dem ü. a. eine Summe von hunderttausend Rubel für Erez-Jisroel-Zwecke bereitgestellt wird. Am Tage der Beerdigung brachte die Witwe zehntausend Rubel zur Verteilung. Die gleiche Summe soll zum Bau eines Beth Hamidrasch aus den Namen des Rabbi in Kielce verwendet werden. In der am 25. Juli stattgehabten Plenarsitzung des „Rabbinischen Rates" der Agudas Hcwrtodoxim, die unter Vorsitz des Rabbi von Radzin stattfand, wurden folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Der rabbinische Rat muß auch angesichts der veränderten Verhältnisse seine ablehnende Haltung gegenüber dem Zionismus und Misrachismus beibehalten. Mit Rücksicht auf die grundsätzliche Stellung des Zionismus zur jüdischen Religion kann kein ehrlicher Jude, der an dem überlieferten Glauben sesthült, sich mit den Zionisten vereinigen; ebensowenig dem Misrachi, nachdem dieser sich auf Grund des zionistischen Programms mit dem Zionismus zusammengeschlossen hat. 2. Das zurzeit von zionistischer Seite in den polnischen Gemeinden veranstaltete Plebiszit, durch welches die Volksmasse zu einer Abstimmung über die Wiedergewinnung Palästinas als Heimstätte für die Juden aufgesordert wird, erachtet der rabbinische Rat für praktisch bedeutungslos und lediglich dazu bestimmt, dem Zionismus die Herrschaft in den Gemeinden zu erobern. Der größte Teil der Unterzeichner weiß nicht, worum es sich bei dem Plebiszit handelt. Dieses ist lediglich geeignet, der ernsthaften Arbeit für Jischuw-Erez- Jisroel, wie auch der Jndcnheit im allgemeinen, zu schaden. 3. Was Jischnw-Erez-Jisroel betrifft, so ist es selbstverständlich, daß der rabbinische Rat im Geiste der jüdischen Tradition an der Heiligkeit dieses Gedankens und der Liebe zum Heiligen Lande sesthält. Mit Rücksicht aus die unklare politische Lage dürfen jedoch nach Ansicht des rabbinischen Rates praktische Schritte auf diesem Gebiete nicht vor Beratung mit den Thoragrößen anderer Länder unternommen werden. Wie ein polnisches Blatt meldet, hat der Staatsrat die noch in Kraft besindlichen russischen Vorschriften und Bestimmungen über den Grnnderwerb durch Juden aufgehoben. Das Ende des Schulwerks der Alliance Israolite Universelle. In den „91 I. Monatsheften" (Berlin) schreibt C. Z. Klötzel: Nach Mitteilungen jüdischer Blätter hat die A. I. Ü. ihre in den französischen Kolonien befindlichen Schulen gänzlich den Händen der ftanzösischen Regierung überantwortet und so ihre schulpolitische Mission endgültig ansgegeben. Damit hat die „Alliance", die früher einmal den Stolz und die Hoffnung der gesamten Judenheit bedeutete, aufgehört zu existieren. Denn wenn die A. I. U. mit der Zeit auch eine ganze Reihe von Zielen sich steckte und ihre Tätigkeit auf die verschiedensten Gebiete erstreckte, so war doch ihre ganze Entwicklung innerlich abhängig von dem Grundgedanken, in dem Cremieux und Montefiore sic schufen. Das aber war die Idee, daß das ganze Elend, wenigstens des orientalischen Judentums, begründet Jet in seiner Unwissenheit, und daß die jüdische »schule nach europäischen: Muster als grundlegendes Hilfsmittel in allererster Linie in Frage komme. Dieser Auffassung ist die A. I. U. in ihrer praktischen Arbeit bis in die allerletzte Heit treu geblieben, — ein sicherer Beweis dafür, daß der plötzliche Entschluß, das gesamte Schulwerk auszugeben, keiner prinzipiellen Erwägung, sondern äußerer Nötigung entsprang. Die Stattstik beweist, daß bis unmittelbar vor Ausbruch des Krieges das Alliance-Schulwerk in jeder Beziehung expansiven Charakter zeigte. Die A. I. U. besaß: 1870 14 Schulen 2.300 Schüler 75 Lehrer 1890 54 „ 11.500 „ 354 „ 1910 153 „ 42.000 „ 798 „ 1914 183 „ 48.000 „ 1472 „ Es läßt sich also gerade in den letzten fünf Jahren vor dem Kriege eine sehr bedeutende Steigerung sowohl der Zahl der Schüler, als besonders der Lehrkräfte seststellen, ein sicheres Zeichen dafür, daß die A. I. U. unmittelbar vor dem Kriege in keiner Weise daran gedacht haben kann, ihr Schulwerk zu liquidieren, vielmehr eifrig an seinem inneren Ausbau arbeitete. Die Gründe, welche die A. I. U. zu ihrem immerhin unerwarteten Schritt bewogen haben mögen, können heute nicht mit Sicherheit sestgestellt werden, und es ist daher müßig, sie erraten zu wollen. Sie kommen bei der Bedeutsamkeit der Tatsache an sich auch wenig in Frage. Um so wichtiger ist es, sich die Folgen derselben klarzumachen. Da muß zunächst unumwunden sestgestellt werden, daß das Aushören deS A.-J.-U.-Schulwerks für die orientalischen Juden einen empfindlichen Schlag bedeutet. Am Maßstabe der absoluten Zahlen gemessen, kommt neben dem Riesenwerk der Alliance weder das Schulwerk des Hilssvereins, noch das der Zionistischen Organisation in Frage. In der Türkei allein wurden von ihr an 38 Orten insgesamt etwa 80 Schulen aller Art mit rund 22.000 Schülern unterhalten, d. h. etwa 5"Z des ottomanischen Judentums waren Schüler der A. I. U., — während zu gleicher Zeit in den türkischen Staatsschulen nur knapp 1% der muselmanischen Bevölkerung erzogen wurde. Ganz ähnlich, nur im Verhältnis noch prononzierter, war es in Marokko, Tunis, Aegypten, Persien und Algier; selbst für die serbischen und sogar für die bulgarischen Juden hatte die A. I. U. eine nicht z» leugnende Bedeutung. Der Verlust, den das orientalische Judentum durch den Entschluß der A. I. U. erleidet, ist um so größer, als ihre Schulen in organisatorischer und rein-pädagogischer Beziehung ihnen nicht das mindeste schuldig blieben. Die Alliance-Lehrer erwiesen sich im allgemeinen als die echten Söhne des Landes, das es in der Schulpolitik zur Meisterschaft gebracht hat und es stets verstand, die Leidenschaft des Missionsdranges, den es innerhalb der eigenen Grenzen bekämpfen mußte, außerhalb derselben kulturpolitisch auszunutzen. Es besteht sicherlich ein innerer Zusammenhang zwischen der Wirksamkeit der Kongregationen, deren „Maiso Laiques“ überall im nahen Orient neben dem Christentum das Evangelium französischer Kultur predigen, und der Tätigkeit der Alliance, der erst sehr spät die jüdische Allgemeinheit den Vorwurf zu machen begann, daß sie ihre Schüler in erster Linie zu französischen Bürgern erziehe. Ein Vorwurf, der sachlich berechtigt war, der aber zum Teil aus diejenigen zurückfiel, die ihn erhoben, denn unter ihren Augen und mit ihrer Förderung hatte das Pariser Zentralkomitee jahrzehntelang das orientalische Judentum nach den Idealen des höchstemanzipierten und assimilierten französischen Judentums erziehen lassen. _ (Schluß folgt )

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