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Jüdische Korrespondenz · 1917-08-02 · 23 (2.8.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
23 (2.8.1917)
Date
1917-08-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Jüdische Korrespondenz. Jezierna während der russischen Invasion gelitten. Bei ihrem Rückzug haben jedoch die Russen die Stadt in Brand zu stecken versucht, was ihnen aber nicht gelang. Reiche Munitions- und Lebensmittelvorräte fielen in die Hände der verbündeten 'Truppen. Die umliegenden Dörfer sind vollständig zerstört. Stanislau hat stark gelitten. Der größte Teil der Prrvathäuscr ist eingeäschert. Das Magistratsgebäude ist beschädigt. Biele obdachlose Einwohner lagern im Freien. Die Regierungsgebäude, der Bahnhof, die Staatsbahndirektton und die Bahnwerkstätten sind unversehrt. Halicz ist arg zugerichtet. Die meisten Häuser sind ohne Dächer; auf dem Friedhof sind die Gräber durcheinandergewühlt. Die „Gazeta Wieczorna" veröffentlicht einen Bericht über die Schreckenstage in Tarnopol, der bcstättgt, daß die Russen dort systematisch und rücksichtslos das Leben und das Eigentum der Bevölkerung vernichteten. In wenigen Städten Galiziens, welche das furchtbare Schicksal der Russeninvasion erlebten, hat das Ungemach derartige Dimensionen angenommen wie in Tarnopol. Aus Schilderungen von Augenzeugen seien folgende Einzelheiten wiedergegeben: Nach dem Einbrüche der Russen war das Leben in der Stadt anfangs noch halbwegs erträglich, ab und zu kam es zu Ausschreitungen, aber schließlich gelang cs doch, dem wüsten Treiben der Soldateska ein Ziel zu setzen. Mit der Annäherung der verbündeten Truppen begann sich aber eine bedenkliche Bewegung unter den Müssen bemerkbar zu machen. Bon meuternden Soldaten wurde der Kommandant der 17. Division erschossen. Bald darauf ttat Lebensmittelmangel ein. Die Einwohner aßen Sägespänebrot, das sie vom russischen Militär um teures Geld kaufen mußten. Am 15. d. drangen während der Sonntagsmesse vier Kosaken in die Jesuitenkirche, beschädigten durch Revolverschüsse Altarbilder und hieben mit ihren Säbeln unter Schmähungen aus die Menge los, worauf sie sich auf den Priester stürzten, dem sie den Ornat vom Leibe rissen und schwere Verletzungen zufügten. Am 16. d. wurden der Apotheker Krzyzanowski und der Advokat Dr. Schwarz als Geiseln unter Militäreskorte nach Moskau wegfeführt; beide Bürger hatten sich während der lusseninvasion der notleidenden Bevölkerung fürsorglich angenommen. An demselben Tage übersielen Soldatenabtcilungen plündernd, sengend und mordend Privathäuser. Viele Frauen wurden geschändet, mißhandelt und getötet. Kindern wurden Finger von den Händen abgeschnitten, Augen ausgestochen und Gelenke gebrochen. Augenzeugen schildern, mit Bestialität seien vor ihren Augen ihre Mütter und Schwestern abgeschlachtet worden. Derartige Szenen kamen in der ganzen Stadt vor. Männer wurden massenhaft sortgeschleppt oder in grauenerregender Weise zu Krüppeln gemacht, alles das aus Rache dafür, daß die russischen Truppen gezwungen waren, die vortrefflich befesttgte Stadt zu verlassen. In den letzten drei Wochen vor dem Rückzuge der Russen herrschte bei der Armee in Tarnopol wahre Hungersnot. Tarnopol wurde in Brand gesteckt. Das Sokolgebäude, das Obergymnasium und viele Privathäuser wurden mit Petroleum begossen und angezündet. Zwei der schönsten Straßen der Stadt, die Milkiewiczgasse und die Dritte Maigasse, sind den Flammen zum Opfer gefallen. Zahlreiche Häuser bilden daselbst Trümmerhaufen. Auch in anderen Straßen ist die Zahl der zerstörten Häuser nicht gering. DerKriegsberichterstatter der „VossischenZeitung", Hans Kyser, der zusammen mit den siegreichen Truppen in Tarnopol einzog, schildert seine dortigen Wahrnehmungen folgendermaßen: In der Nacht zum 21. Juli wurden die Einwohner Tarnopols von herumziehenden Patrouillen aus dem Schlaf geweckt mit dem Befehl: sie hätten sofort all ihr Hab und Gut den russischen Soldaten und Offizieren auszuliefern, widrigenfalls sie erschossen würden. Sämtliche Straßen und Gassen wurden abgegangen, die Rolläden der Geschäfte mit Aexten eingeschlagen, die Türen der Privatwohnungen erbrochen, alle Schränke, die Kellerräume und Böden durchsucht und was nicht mitgenommen werden konnte, wurde auf die Straße geworfen und dort als gute Nahrung für die beschlossene Brandschatzung Tarnopols mit Pettoleum begossen. In einem Goldwarengeschäft in der dritten Maigasse wurde nach der völligen Ausräubung der erste Brand gelegt. Es folgte eine große Galanteriewarenhandlung in derselben Straße, das Cafe- Wien und das Haus des Advokaten Dr. Weißnicht. Mit aufgepflanztem Bajonett standen die russischen Soldaten vor den Ausgängen der Häuser, die sic von unten anzündeten, ohne die Bewohner der oberen Stockwerke ,zu benachrichtigen und ließen niemand ein noch aus. Die Bewohner mußten aus den Fenstern springen und sich über die Höfe flüchten, wo ihnen die Flammen und der Rauch der benachbarten in Brand gesetzten Häuser entgegenschlugen. Planmäßig wurden die Geschäftsstraßen, erst die Russische Straße, dann die Dritte Maigasse und die Mickeiwiczastraße in Asche gelegt. Nichts als ihr Leben konnten die Familien retten. In der Russischen Gaffe wurde ein siebzehnjähriger Knabe, der, von seiner Schwester aus dem Schlafe geweckt, fliehen wollte, von zwei Kosaken gepackt und erstochen. Ein Schuster wurde mit seinen zwei Gesellen ermordet, ebenso eine Eierhändlerin, die sich weigerte, ihre Waren auszuliesern; ihre Tochter wurde geschändet. Im Spital sprach ich einen Händler aus der Lemberger Gasse, der schwer mißhandelt und dessen beide Töchter, 17jährig und 22jährig, von einer Horde von Soldaten geschändet wurden. Auf der Straße tvurden den angesehensten Bürgern ihr Geld und ihre Wertsachen abgefordert, und wer sich weigerte, wurde mit dem Gewehrkolben niedergeschlagen und bis aufs Hemd ausgeraubt. Die Stadt brannte an allen Ecken. In den Straßen und Häusern plünderten die betrunkenen Mordbuben. Die Stadt ist von den Russen völlig ausgeplündert und verbrannt — drei Tage und drei Nächte lang wüteten die fliehenden Revolutionsheere, die für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit kämpfen, in der Stadt, zündeten Haus um Haus der wohlhabenden Kanfleute an, beraubten die Bürger in ihren Wohnungen und aus offener Sttaße, schossen in die Fenster, ermordeten mehr als achtzig Bürger, schändeten junge Mädchen und übten ohne Gnade das Schreckens regiment einer vollständigen Anarchie aus. — Ich habe kein ähnliches Bild einer Verwüstung einer Stadt bisher im Kriege gesehen — die Bevölkerung ist zum größten Teil an den Bettelstab gebracht. Männer und Frauen kampieren auf den Landstraßen oder auf dem fteien Felde. Nur Blumen konnten sie, vor Freude weinend, unseren durchziehenden Truppen zuwerfen, und wem die russische Soldateska noch einen Teppich gelassen hatte, hing ihn aus den verbrannten Fenstern, aus denen noch der Rauch schwelt. Männer, die alles verloren haben, sprechen weinend die Vorübergehenden an, Frauen mit verhärmten Gesichtern, die die deutlichen Spuren der furchtbaren Schreckenstage und -nächte zeigen, drücken den vorübergehenden deutschen Soldaten die Hände, vor Glück und Dankbarkeit stumm — warum seid Ihr Deutschen nicht ftüher gekommen? Noch einen Tag und diese Räuberhorden hätten uns alle umgebracht. So umringen junge und alte Männer die deuffchen Befteier. Ich habe mich durch Augenschein von der Wahrheit vieler kaum glaubwürdigen Erzählungen selbst überzeugt, bin in die völlig ausgeplünderten Wohnungen hinaufgestiegen, habe die Straßen besichttgt: das Elend Tarnopols ist unbeschreiblich. __ Der Werdegang der Ludenemanzipation in Finnland. Die „Jüd. R." schreibt: Den finnischen Juden war es nicht vergönnt, ihre Emanzipation durch einen Regierungsakt verwirklicht zu sehen, wie es in Rußland der Fall war. Die finnischen Juden erhalten ihre Gleichberechtigung in kleinen Dosen und haben um jede neue Errungenschaft einen erbitterten Kamps auszufechten. Das jüdische Komitee in Helsingfors, das die Propaganda für die Emanzipation führt, hat seine wichtigste Stütze in der finnischen sozialdemokratischen Partei, die die Mehrheit im Landtag bildet. Aber auch diese Mehrheit ist in dieser Frage nicht entschlossen genug, um mit einer Abstimmung diese Schmach Finnlands aus der Welt zu schaffen. Den ersten Sieg feierte die Jndenemanzipation Mitte Mai, als der Landtag das von der russischen Provisorischen Regierung eingereichte Gesetzesprojekt erörterte. Das Projekt sprach von den Rechten der „russischen Staatsbürger in Finnland" und zerfiel in zwei Teile: 1. die Freiheit des Handels und der Berufswahl und 2. das passive und attive Wahlrecht. Die erste Frage wurde von dem Landtag einstimmig bejaht. Die zweite Frage ries eine Spaltung der Stimmen bcrvor. Einige Vertreter der Altfinomanen und der Agrarpartei sprachen gegen das passive Wahlrecht der Juden. Mit der Mehrheit der sozialdemokratischen Stimmen wurde auch dieser Teil des Gesetzesprojektes positiv entschieden. Damit war eigentlich die Frage der bürgerlichen Freiheit für einen bedeutenden Teil der finnischen Juden — nämlich für die russischen Staatsangehörigen — erledigt. Bald darauf überreichte die Petersburger Regierung ein zweites Gesetzesprojekt über die Gleichberechtigung der Juden in Finnland. Am 2. 15. Juni gelangte diese Gesetzesvorlage im Landtag zur Verhandlung. Zur Verteidigung der Judenemanzipation traten auf der Vertreter der schwedischen Partei Dr. Lillie, die Sozialistin Frau Karhigen und die Sozialistin Frl. Dr. Pultin, Frau Koskinen (Suametoranische Partei) dagegen vertrat die Ansicht, daß nur denjenigen Juden, die gegenwärtig in Finnland wohnten, die Emanzipation gewährt werden könne, aber die Aufnahme neuer Juden müsse auf das strengste verboten werden. Der Vertreter der Agrarierpartei Lauto verlangte die Zulassung von neueingewanderten Juden, die sich mit Landwirtschaft und Viehzucht beschäftigen wollen. Dagegen müßte eine Reihe von Maßregeln getroffen werden, um die Einwanderung jüdischer Kaufleute zu verhindern. Um die Emanzipationsbestrebungen zu unterdrücken, brachten die finnischen Antisemiten ein altes Argument ins Gefecht. Die Vorsitzende des Tierschutzvereins, Frau Fon-Kanow, versuchte schon lange, den Landtag für ein Verbot des jüdischen Schaechtgesetzes zrfigewinnen. Die Debatte über die Judenemanzipation schien ihr am geeignetsten zu sein, um ihre Liebliugsfrage von neuem aufzurollen, und sie veröffentlichte jetzt ein besonderes Werk über die Grausamkeit der jüdischen Religionsvorschriften über das Schlachten. Die Antisemiten benutzten dieses Märchen als ein Kampfmittel gegen die Juden und rollten die Schechita-Frage während der Behandlung des Emanzipationsgesetzes vor den Mitgliedern des Landtages auf. Als Gegengewicht gegen das vorgeschlagene Emanzipationsgesetz verlangten sie die Annahme eines Gesetzes, das die Schechita verbiete. Die Fortsetzung der Debatte wurde auf die nächste Sitzung des Landtages vertagt. Die Juden und die Antisemiten entfalten inzwischen eine rege öffentliche Tätigkeit im Kampfe für und gegen die Emanzipation. Rundschau. Das Flüchtlingsschutzgesetz. Die Bestimmungen des Flüchtlingsschutzgesetzes, das vom Äbgeordnetenhause beschlossen wurde und das wir in voriger Nummer veröffentlicht haben, sind inzwischen mit Ausnahme derjenigen, die im 8 9 normiert waren, seitens der Regierung mit rückwirkender Kraft vom 21. Juli angefangen in Kraft gesetzt worden. Die Maßnahme erwies sich als notwendig, nachdem das Herrenhaus gegen den 8 9 Bedenken erhoben hat, was die Erledigung und Sanktionierung des Gesetzes verzögerte. Beim Wiederzusammentritte des Parlaments dürfte die Sache definitiv erledigt werden. Immerhin erleiden die Flüchtlinge dadurch keinen Schaden, da sie seit dem 21. Juli die erhöhten Unterhaltsbeiträge ausgezahlt erhalten sollen. Die Esrogim - Frage. Die „Agudas Jisroel" hat in einer sehr wichttgen Sache die Initiative ergriffen. Um die Wiederholung der Mißstände zu verhindern, die sich im Vorjahre beiin Verkauf der Esrogim und Lulawim ereignet hatten, hat sich die Aguda gemeinsam mit der Kultusgemcinde an die maßgebenden Stellen mit dem Ersuchen gewendet, diesen beiden Körper-

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