Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 23 (2.8.1917)
- Date
- 1917-08-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz. schulden, in deren Länder sie seit vielen Jahrhunderten Schutz und Ruhe gefunden haben. Mit dem Ausbruch des Weltkrieges und mit dem Eingreifen der Türkei in denselben wurde natürlich auch das Palästinaproblem auf die Tagesordnung gebracht. Man wußte ja: jetzt kämpft die Türkei auf Tod und Leben und das Schicksal dieses Kampfes wird auch das Schicksal Palästinas beeinflussen. Der Umstand aber, daß sämtliche Großmächte in den Krieg verwickelt waren, brachte es mit sich, daß die zionistische Weltorganisation außerstande war, eine einheitliche Haltung zu bekunden. Es machten sich zwei Strömungen geltend: einerseits wurde die sogenannte „türkische Orientierung" weiterhin vertreten, die dahin geht, mit der Hilfe der Türkei und an der Seite derselben die Verwirklichung der zionistischen Pläne anzustreben. Man glaubte auch, daß der Anschluß der Türkei an die Mittelmächte diesen Plänen nur zugute kommen werde, da man von Berlin und Wien au6, wo man ein solch lebhaftes Interesse an einer Gesundung der Türkei hat, dieselbe fördern dürfte. Eine andere Strömung vertrat im Gegenteil den Standpunkt, daß man von der Türkei selbst nichts zu erwarten habe, da sie in Verkennung der eigenen Interessen den zionistischen Bestrebungen mißtrauisch gegenübersteht. Auch von deren Verbündeten ist wenig zu erhoffen, da diese kaum etwas fördern werden wollen und können, ivas der Türkei nicht paßt. Hingegen könnte ein Anschluß der Zionisten an die Entente eher zum Ziele führen, da diese, als Gegnerin der Türkei, alles tun werde, um derselben unbequem zu werden und deren Integrität zu schmälern. Diese Entente- Orientierung wurde noch dadurch gestärkt, daß die Mächte derselben, besonders England und Frankreich, es sich angelegen sein ließen, den Zionisten Süsse Versprechungen zu machen, tvogegen man in Berlin und Wien passiv verhielt. Schließlich kam noch ein Umstand hinzu: der Glaube gewisser Kreise an dem endgültigen Sieg der Entente, welche dann den Frieden diktieren und ihr Versprechen einlösen können wird. Es muß ausdrücklich betont werden, daß diese Entente-Orientierung zunächst sehr wenige Anhänger zählte und sich nur auf den engen Kreis der Zionisten Englands und Frankreichs beschränkte. Die offizielle Leitung verhielt sich reserviert und die offiziöse Literatur bestrebte sich nach wie vor. der türkischen Orientierung insofcrne das Wort zu reden, daß sie bemüht war, auf die großen Vorteile hinzuweisen, die der Türkei und den Mittelmächten, rcsp. dem Mitteleuropa-Gedanken erwachsen könnten, falls Palästina durch die Juden zu neuem Leben erwachen sollte. Ein großer Teil der russischen Zionisten sowie die Neutralen verhielten sich ebenfalls zumindest äußerlich reserviert. Das Eingreifen Amerikas in den Krieg und das englische Vordringen gegen Palästina haben eine Wendung der Dinge herbeigeführt. Die Chancen eines Sieges der Entente wurden jetzt günstiger beurteilt, und auch die Möglichkeit, daß England noch während des Krieges sich in den Besitz von Palästina setzen wird, somit nicht bloß theoretisch sondern auch praktisch imstande sein werde, über das Schicksal desselben zu entscheiden — diese Umstände haben vieles dazu beigetragen, um die Entente-Orientierung im zionistischen Lager zu verstärken. Die Sachlage ist heute eine solche: Die Leitung der Zionisten in den Vierbundstaaten halt nach wie vor an der türkischen Orientierung fest und versucht es auf dem Wege gewisser Unterhandlungen, von der Türkei die Gewährung einer freien Einwanderung für Juden nach Palästina, sowie das Recht, Grund und Boden zu erwerben lvie auch die Freiheit der Sprache in Schule und Gesellschaft, zu erlangen. Die Entente-Orientierung, welche seitens der englische:: Zionisten geleitet wird, propagiert Verhandlungen mit den Ententemächten auf einer viel weitgehenderen Grundlage: Palästina soll zunächst als Nationalzentrum des jüdischen Volkes anerkannt werden. Die Juden in Palästina gelten als Angehörige einer jüdischen Nationalität ohne Rücksicht auf deren Staatszugehörigkeit, und auch die Neueingewanderten gelten sofort als solche. Weiters wird die Errichtung einer jüdischen Chartergeseüschast für Palästina mit weitgehenden politischen, sozialen und ökonomischen Rechten geplant. Schließlich soll die hebräische Sprache als die herrschende in der Verwaltung sowie im, öffentlichen Leben anerkannt werden. Wie die Anhänger der Entente-Orientierung versichern, sollen die Ententemächte geneigt sein, diese Forderungen als Grundlage für die eigentlichen meritorischen Verhandlungen anzuerkennen. Fragt man sich nun, vom zionistischen Gesichtspunkte betrachtet, welche Orientierung eigentlich vielversprechender sein mag, — so kann nur der oberflächliche Beurteiler dazu gelangen, der Entente- Orientierung den Vorrang zuzubilligen. Dieses Programm verspricht wohl theoretisch viel mehr, ist aber praktisch kaum erreichbar und leidet außerdem an mehrfachen Defekten moralischer und realer Natur. Wollen wir einmal auftichtig sein: Palästina befinbet sich heute in den Händen der Türkei und die Kriegslage ist eine solche, daß kaum mit einem Siege der Engländer zu rechnen ist. Selbst im äußersten Falle wird ein partieller Sieg Englands noch immer das Schicksal Palästinas nicht definitiv entscheiden, da die allgemeine Kriegslage auf allen Kriegsschauplätzen für den Frieden maßgebend sein wird. England und dessen Alliierten können wohl viel versprechen, wie sie es den Italienern, Rumänen rc. gegenüber getan haben, sind aber außerstanoe, die Erfüllung der Versprechungen sicherzustellen. Aber angenommen den Fall, — was unwahrscheinlich ist, — sie wären hierzu imstande, dürften sie sich kaum dazu verstehen wollen. Einerseits reflektiert England selbst aus Palästina als auf einer Brücke zwischen seinen afrikanischen und asiatischen Besitzungen und dürfte sich kaum dazu herbeilassen, das Land den Juden auszuliefern; anderseits trägt sich England mit weitgehenden Plänen hinsichtlich eines großarabischen Staates unter seinem Protektorate herum und dürfte sich kaum dazu verstehen, die Araber der Juden wegen vor den Kopf zu stoßen. England braucht auch weder jüdisches Kapital, noch jüdische Arbeit und Unternehmungsgeist, um das Land urbar zu machen, es besitzt genug eigene Mittel und Kräfte und müßte in den Juden nur lästige Konkurrenten sehen. All diese Momente sprechen gegen eine Entente-Orientierung, wozu noch ein weiterer Umstand hinzukommt : Diese Orientierung bedeutet eine Illoyalität der Türkei und einen Affront den Mittelmächten gegenüber, die als Bundesgenossen der Türkei an deren Integrität lebhaft interessiert sind. Man stelle sich nun die Folgen einer solchen Haltung vor im Falle eines Sieges des Bierbundes, resp. eines Verständigungsfriedens auf der Grundlage des Status quo ante, was höchstwahrscheinlich ist, — welche Aussichten könnten dann die zionistischen Bestrebungen haben? Ganz anders sind jedoch die Aussichten der türkischen Orientierung zu bewerten. Zunächst verstößt diese Haltung nicht gegen die gebotene Loyalität der Türkei gegenüber und ist moralisch vollkommen intakt. Die Türkei ist auch die Herrin von Palästina und in der Lage, über das Schicksal desselben Entscheidungen zu treffen. Sie ist auch aus politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Gründen an einer Besiedlung des Landes durch Juden lebhaft interessiert, und trotz gar mancher entgegengesetzter Erfahrungen ist es nicht ausgeschlossen, daß die maßgebenden Kreise diesen Umstand anerkennen und entsprechend berücksichtigen werden. Auch die Mittelmächte haben ein großes Interesse an der Wiederbelebung von Palästina und sind anderseits nicht im geringsten daran interessiert, dortselbst Unruhen zu stiften, Juden und Araber gegenseitig zu verhetzen, die türkische Herrschaft zu schwächen, — wie dies im Interesse der Engländer liegt. Freilich, mit einem derartigen weitgehenden Programm, wie dies gegenüber der Entente geschieht, kann man der Türkei nicht kommen. Aber der gesunde Menschenverstand diktiert es, daß hier das Minimalprogramm, weil erreichbar, viel wichtiger und günstiger sei als das Maximalprogramm, das im besten Falle bis auf weiteres bloß einen archivarischen Wert haben kann. Selbst angenommen den Fall, daß die etwaigen Verhandlungen mit der Türkei vorläufig zu keinem Ergebnis führen sollten, kann ja die Sache bei dem eventuellen Friedenskongreß zur Sprache gebracht werden. Sind nun die Mächte der Entente wirklich solche uneigennützige Freunde der Zionisten und der Rechte der Völker, wie sie vorgäben, dann dürften sie ja die zionistischen Forderungen bei den Friedensverhandlungen energisch unterstützen. Ein Erfolg wäre dann leichter erreichbar, wen« diese Forderungen sich nicht direkt gegen die Türkei und den Bierbund kehren sollten, was aber unbedingt der Fall ist, wenn die zionistische Politik unter der Ententesahne segelt. All diese Momente haben auch die ernsten und einsichtsvollen Zionisten dazu veraulaßt, die Entente- Orientierung im Zionismus nicht zu billigen. Charakteristisch ist auch der Fakt, daß selbst die führenden russischen Zionisten, wie Usfischkin und Tschlenow, sich erst jüngst beim russischen Zionistenkongreß entschieden gegen den Anschluß des Zionismus an die Entente ausgesprochen haben, und zwar haben sie dieselben Argumente gebraucht, die hier angeführt werden: die Loyalität der Türkei gegenüber, der Umstand, daß diese im Besitze des Landes ist, rc. Der Kongreß hat dieser Haltung lebhaft zugestimmt, ohne zu fürchten, daß dies seitens der Entente-Kriegshetzer mit scheelen Augen angesehen werden könnte. Man kann es wohl begreifen, daß die Zionisten Englands, Frankreichs und Amerikas den Sieg dieser Mächtegruppe wünschen und auch die Verwirklichung des zionistischen Programmes im Rahmen der Ententepolitik sehen wollen. Aber dieser Standpunkt darf außerhalb des Lokalpatriotismus nicht hinausgehen und keineswegs dürfen sich verantwortliche Führer der Organisation dazu hergeben, für die Entente-Orientierung direkt oder indirekt Propaganda zu machen. Deshalb auch hat die Haltung Sokolows weitgehende Mißbilligung gefunden. Als Zionist aus Rußland könnte er sich wohl erlauben, für die Sache der Entente im Zionismus Propaganda zu machen. Aber als Mitglied der zionistischen Exekutive kann ihm eine solche Haltung nicht gestattet sein und das eigene Verantwortlichkeitsgefühl müßte ihm dies verbieten. Tut er es dennoch, dann wäre es verfehlt, etwa auf seine sonstigen publizistischen Fähigkeiten und Leistungen als Journalist, Stilkünstler und Literat Rücksicht zu nehmen und bloß deswegen sein Vorgehen zu billigen. Journalistische tähigkeiten bedingen nicht immer diplomatisches «men. Wer Sokvlow heute aks Diplomat feiern will, weil er zufällig in Diplomatie „macht", stellt seiner eigenen Urteilsfähigkeit kein gutes Zeugnis aus. Die Angelegenheit geht jedoch über den Rahmen des rein persönlichen Moments weit hinaus. Wer die Situation klar überblickt und sich von der Sachlage und den Perspektiven Rechenschaft abgibt, der muß zugeben, daß die türkische Orientierung innerhalb der zionistischen Politik trotz ihres bescheidenen Programmes viel eher Aussichten auf Erfolg und dem Wesen des jüdischen Volkes viel eher angepaßt ist, als die Entente-Orientierung, die viel große Worte macht, ohne greifbare Aussichten zu haben. Die Rolle Italiens, Serbiens und Rumäniens, die seitens der Mittelmächte in Freundschaft vieles erreichen konnten, es aber vorgezogen haben, sich der Entente anzuschließen, um weitgehende.. . „Versprechungen" einzuheimsen und heute mit einem Katzenjammer daznstehen — diese Rolle können die Juden bei allem Streben nach Palästina nicht spielen. _ S-z. Nusseugreuel iu Galizien. Das „Neue Rußland" hat anläßlich der erzwungenen Räumung Ostgaliziens den Beweis geliefert, daß es dem zaristischen Rußland nicht nachsteht. Wie im Sommer 1915, unter dem Kommando ' Nikolaj Nikolajewitschs, haben die russischen Horden auch diesmal ihren Rückzug mit Blut und Feuer bezeichnet. Daß sie es, wie früher, hauptsächlich auf die Juden abgesehen hatten, ist noch charakteristischer für diese frischgebackene Demokratie. Schon der Rückzug aus K a l u s z, wo die Russen kaum 3 Tage weilen konnten, zeigte blutige Spuren, Speziell wurde dort das jüdische Viertel zerstört und die Juden nach Stanislau verschleppt. Heber die weiteren „Heldentaten" der „russischen Demokratie" liegen folgende Berichte vor: Wie dem „Kuryer Lwowski" berichtet wird, bietet die Stadt Zborow das Bild gänzlicher Verwüstung und Zerstörung, nur die Bauernhütten in den Vororten sind unversehrt. Von den größeren Gebäuden in der inneren Stadt ragen bloß Mauern aus den Trümmerhaufen empor. Auch in der Vorstadt Kuklince sind zahlreiche Häuser eingeäschert. Weniger hat das Städtchen