Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 23 (2.8.1917)
- Date
- 1917-08-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. Vierteljährlich K 1 20. Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet. Wochenblatt für jüdische Interessen. | Redakteur: Jonas Kreppei. i Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Wien, 2. August 1917. III. Jahrgang. Das befreite Galizien. Der vierte Jahrestag des Weltkrieges sollte nicht vorübergehen, ohne die Kriegslage wesentlich zu verändern und eine neue Tatsache zu schaffen, die so sehr für den Gesamtverlauf des Krieges charakteristisch ist. Die letzte Woche des dritten Kriegsjahres brachte die Befreiung des letzten Zipfels Galiziens von der feindlichen Okkupation. Tarnopol, Czortkow,Husiatyn, Skala rc., all die Städte und Ortschaften, die der Russe in den ersten Kriegswochen besetzen konnte und die seither ununterbrochen in seinem Besitz waren, sind ihm plötzlich in einem unaufhaltsamen Siegeszug entrissen morden. Nach einer fast dreijährigen feindlichen Invasion sind diese Städte und deren Bevölkerung wieder österreichisch. Die russische Revolution, die, ihrem eigenen Programme untreu, in den ersten Julitagen eine Eroberungsoffensive gegen Lemberg und Drohobycz unternommen hatte, erlitt bei Zborow ein neues Gorlice, es hat auch das verloren, was es seither im Besitz hatte und was es im Vorjahre mit den unerhörtesten Opfern erringen konnte — es wollte justament Lemberg wieder haben und hat nun auch Stanislau, Kolomea und Tarnopol verloren. Nun stehen die siegreichen Truppen der Mittelmächte vor den Toren von Czernowitz und der Tag ist nicht mehr fern, da Oesterreich-Ungarn mit Stolz verkünden wird: Kein Feind mehr auf vaterländischem Boden! — Die dreijährige Kriegsbilanz schließt für. Oesterreich- Ungarn mit einem Glanzerfolge ab. Ist die Bedeutung dieser Begebenheiten, vom militärischen Gesichtspunkte betrachtet, überaus groß, so sind die politischen Nebenerscheinungen und Ausstrahlungen derselben nicht von minderer Bedeutung, sowohl hinsichtlich der allgemeinen Politik, als auch hinsichtlich der Juden frage. Es ist ja schon das Los der Juden, daß sie überall und durch jedes Ereignis in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Wiederaufnahme der russischen Offensive bedeutet einkrsetts den Zusammenbruch der russischen Freiheit-- sache. In dem Momente, da die Revolution sich selbst untreu geworden ist und eine Eroberungsoffensive unternahm, hat sie die Menschheitsideale verleugnet, in deren Namen sie zunächst ausgetreten war. Die Revolution war dazu prädestiniert, dem schrecklichen Weltenringen ein Ende zu bereiten, sie hätte sich mit ewigem Ruhm bedeckt und die Dankbarkeit einer, Welt erringen können. Aber der große Moment hat ein kleines Geschlecht angetroffen. Kerenski und Genossen haben sich der Krieghetze der Entente nicht erwehren können und sind ins Verderben gerannt. Heute sind die Kadetten wieder die Herren in Petersburg, und wer weiß, was der Morgen bringen, wird. Die Reaktion ist immerhin im Anmarsche begriffen, die Demokratie ist diskreditiert und demoralisiert, und wenn nicht alle Anzeichen trügen, sind die Tage ihrer Herrschaft gezählt. Der Zar — oder der Zarismus — konnte sich keine bessere Taktik wünschen, als es diejenige war, die die russischen Umstürzler verfolgt haben. Im Innern ohne jeden Kredit und Einfluß, auf den Schlachtfeldern geschlagen — was hat diese Revolution noch zu bedeuten und zu sagen?! — Die in diesen Blättern wiederholt zum Äusdruck gebrachte Anschauung, daß nur ein baldiger Friedensschluß die Errungenschaften der russischen Umwälzung sichern kann, hat sich nur zu deutlich bestätigt. Das chauvinistisch-imperialistische Rußland muß der Reaktion preisgegeben sein. Für die Kultur, den Fortschritt und die Demokratie bleibt da wenig Andererseits haben die Ereignisse bei der Vertreibung der Russen aus Galizien das erschreckende Schauspiel zutage gefördert, daß es eigentlich mit dieser ganzen Demokratie nicht wett her war. Die Grcueltaten, die die abziehenden Russen diesmal im Lande verübt haben, stehen jenen nicht im geringsten nach, die seinerzeit unter dem Befehle Rikolaj Nikolajewitschs vollbracht wurden, in vielfachen Beziehungen war es diesmal noch ärger. Mord, Raub, Brand, Schändung, Plünderung rc. bezeichnen die Spuren des russischen Abzuges. Ganze Städte wurden in Trümmerhaufen verwandelt, Massenmorde unschuldiger Bürger waren auf der Tagesordnung, die zügellosen Kosakenhorden haben diesmal ihre wilden Gelüste ebenso frei befriedigen können wie unter der Herrschaft des „Väterchen Zar"... In Rußland hat sich nichts geändert, als die Regierungsform. Die Methoden sind die alten geblieben. Daß es wieder einmal die Juden waren, die sich die verwilderte Soldateska zum Opfer auserwählt hat, bestätigt nur das früher Gesagte. Die Schilderungen der Details, die die Tagespresse veröffentlicht, sind geradezu haarsträubend. Man greift sich an den Kopf und fragt verzweifelt: Hasot Noami? — ist das die Revolution, die in allen Herren Ländern so besungen und gepriesen wurde?! Aber nicht bloß in Galizien, auch in Rußland selbst scheint sich hinsichtlich der Judenlage wenig geändert zu haben. Die Nachrichten aus dem Reiche wissen fortgesetzt von Pogromagitationcn zu melden, deren man nicht Herr werden kann, von der Notwendigkeit, neue Gesetze zum Schutze der Juden zu schaffen, da man mit den bisherigen nicht auskommen kann; die jüdische Jugend organisiert sich in Selbstschutz-Verbände, wie zur Zeit des Zarismus — mit einem Worte: Die Revolution, die sich selbst untreu geworden ist, hat auch im Punkte der Judenfrage völlig versagt. Wer weiß, ob nicht die Lage der Millionen Juden in Rußland gar bald weiterhin das Schmerzenskind der Judenfrage sein dürfte. Zu verdanken werden wir dies natürlich jenen „Freiheitsmaulhelden" haben, die in London, Paris und Washington von Freiheit triefen und die russische Revolution mit dem Wiedcrhineinhetzen in den Krieg diskreditiert und in- Verderben gestürzt haben. Angesichts dieser Ereignisse bedeutet der Siegeszug der Mittelmächte in Galizien und der Bukowina für die dortigen Juden neuerdings eine Besreiungstat. Die gewaltige Freude, mit der sie den Einzug der siegreichen k. u. k. Armee sowie der deutschen Truppen in die wicdereroberten Städte begrüßten, War nur allzusehr begründet. Die Juden von Stanislau, Kolomea und Tarnopol hatten auch gar bald die Gelegenheit, ihren neuen Herrscher zu begrüßen, dem sie bisher nur im Herzen huldigen durften. Sie haben auch ihren Gefühlen freien Lauf gelassen und wieder einmal den glänzenden Beweis ihres Patriotismus und ihrer unwandelbaren Anhänglichkeit an Kaiser und Reich geliefert. Die Wiedereroberung dieses Gebietes ist demgemäß auch vom jüdischen Standpunkte aus lebhaft zu begrüßen. Tausende und Abertausende Juden wurden buchstäblich befreit und können heute frei aufatmen. Die Tausende und Abertausende jüdischer Flüchtlinge aus jenem Gebiete, darunter viele, die seit Kriegsausbruch von Heim und Herd verjagt waren, haben nunmehr die Aussicht, gar bald in die Heimat zurückkehren zu können. Für Unzählige bedeutet dies direkt ein großes, unschätzbares Glück. In diesen schweren Zetten, die wir durchleben, bedeutet auch dies einen wesentlichen Trost, der uns gerade zum ersten Trostsabbath höchst gelegen kommt. Spectator. Zur Palästina-Frage. (Von zionistischer Seite.) Die Palästinafrage ist eines jener Probleme, deren Lösung man — mit Recht oder Unrecht — von dem Ausgang des Weltkrieges erwartet und das deswegen gegenwärtig sehr eifrig diskutiert und behandelt wird. Kurz gesagt, handelt es sich darum, die Frage einer stärkeren Änsiedlung der Juden in diesem Lande unter den notwendigen L-icherstellungen einer Lösung zuzufnhren. Die Details dieser Frage sind aber derart mannigfach und divergim'nd, daß selbst derjenige, der die Sache eifrig verfolgt, sich nicht immer über den Stand der Dinge klar sein kann. Der Schreiber dieser Zeilen, der selbst ein eifriger Anhänger dieser Idee ist und sich lebhaft an den Bemühungen zu deren Verwirklichung beteiligt, hält es für angebracht, gegenwärtig, da die diesbezügliche Erörterung besonders lebhaft ist, den Stand der Sache einigermaßen darznlegen, insoferue dies möglich und zulässig ist. Den Ausgaugpunkt stahm diese Frage von der Herzlschcn Judcnstaatsidee, die späterhin die Gestalt des Charterismus angenommen hatte. Der Grundgedanke war, daß die Juden mit Zustimmung der Türkei, unter öffentlich-rechtlicher Garantie, aber unter gleichzeitiger Wahrung der Souveränität des Sultans, in Palästina eine Art Autonomie politischer und kultureller Natur erhalten. Ursprünglich stellte sich Dr. Herzl die Sache viel weitgehender und auch viel leichter vor. Als er jedoch die Schwierigkeiten erkannte, die seinen Weg kreuzen, versuchte er es zunächst mit einem Minimalprogramm, mit der Erlangung eines Charters seitens des Sultans. Späterhin verzweifelte er auch an dem Gelingen dieses Plaues, versuchte cs mit dem „Nachtasyl" in Uganda, mußte aber unter dem Drucke der Partei wieder palästinensisch werden uno wurde plötzlich seinem Volke entrissen, bevor die Idee reifen konnte. Die Partei, rc.jp. die Organisation, setzte aber die Arbeit fort, ohne den Grundgedanken, die Verwirklichung der Pläne mit der Hilfe und unter Zustimmung der Türkei anzustrebcn, zumindest formell aufzugeben. Die Zionistenkongresse übermittelten stets Huldigungstelegramme an den Sultan, und die zionistische Literatur bemühte sich stets, den Nachweis zu erbringen, daß die Verwirklichung der zionistischen Pläne der Türkei nur zum Heil und Segen gereichen werde, da diese daun das Land urbar, ertragfähig und steuerkräftig machen tverden: die Juden werde» im Lande eine loyale Bürgerschaft abgeben, Handel und Gewerbe fördern, eine mächtige Stütze der Koiistantiuopler Regierung sein und damit deren Besitzstand in Syrien gegen etwaige innere Umwälzungen oder äußere Angriffe schützen. Von türkischer Seite wurden diese Liebeswerbunge» freilich sehr kühl erwidert. Immerhin hat die Regierung offiziell nie prinzipiell gegen die zionistischen Bestrebungen Stellung genommen, sic motivierte wiederholt ihre reservierte Haltung mit der gebotenen Vorsicht gegenüber derartigen weitgehenden Plänen, machte wohl hie und da Schwierigkeiten, aber ebensoviele Konzessionen. Es war ein nicht ganz geklärtes Verhältnis, das zwar die Zionisten nicht befriedigen konnte, aber auch nicht zum Verzweifeln brachte. Immerhin mußte man sich im zionistischen Lager sagen, daß nur irgend eine internationale Verwickelung dazu beitragen dürste, die Frage aktuell zu machen und ans die politische Tagesordnung zu bringen. Man dachte dabei vielfach an die Eventualität eines' Krieges, der über die Zukunft der Türkei zu entscheide» haben wird, meinte aber, daß die Juden dann entweder berufen sein werden, in Palästina die Erbschaft der Türkei anzutretcn, oder daß sie als Verbündete derselben Palästina als Lohn für ihre Unterstützung erhalten werden. Der Türkei gegenüber als Feind aufzutreteu, daran dachte niemand und man verwahrte sich dagegen auf das entschiedenste, schon mit Rücksicht auf das Dankbarkeitsgefühl, das die Juden der Türkei Soebenerscheint: „IR8 VIERTE KRIEGSJAHR“ (Oesterreich-Ungarns Bilanz dreier Kriegsjahre). Von J, Kreppei. Preis K 1*—. MWT Zu beziehen durch die Administration „Jüdische Korrespondenz“, sowie durch alle Buchhandlungen. "HM