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Jüdische Korrespondenz · 1922-07-19 · 22 (19.7.1922) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
22 (19.7.1922)
Date
1922-07-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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essen zu schützen und zumindest leidliche Verhältnisse zu schaffen. __ Z'foni. Die Lage der rumänischen Inden. (Der amerikanische Konsul in Bukarest über die Verfolgung der rumänischen Juden durch die rumänische Regierung.) Das offizielle Organ der amerikanischen Zionisten, „Das Jüdische Volk", veröffentlicht in Nr. 13 ein Interview mit dem früheren amerikanischen Konsul in Bukarest, Vopiko, der vor kurzeni von Rumänien zurückgekehrt ist, in dem er schauderhafte Einzelheiten über die Verfolgungen berichtet, die die rumänischen Inden von seiten der rumänischen Regierung zu erdulden hatten. „Der Konsul", schreibt das Blatt, „hat beim ersten Wort des Interviews nach der Lage der rumänischen Juden einen tiefen Seufzer ausgestoßen. Wie die Schafe, erklärte er, sind sie znsammengetrieben worden, und mit zitternden Herzen erwarten sie ihr Ende". Er schilderte die patriotischen Leistungen der rumänischen Juden und die Art, wie man sie dafür belohnt habe: durch Verleumdungen und grausame Verfolgungen in den Städten, durch Beleidigungen und Zurücksetzung der jüdischen Soldaten an der Front. „Im Jahre 1913 während des Balkankrieges", erzählte er, „hat die Regierung einen warmen Appell an ihre jüdischen Untertanen gerichtet, durch den sie sie zum freiwilligen Eintritt in die Armee aufforderte und ihnen für diesen Fall volle Gleichberechtigung versprach. In kurzer Zeit stellten die rumänischen Juden eine Armee von 30.000 Soldaten auf; Tausende von jüdischen Frauen und Mädchen halfen in der Kriegsfürsorge mit. Den Dank dafür erhielten die rumänischen Juden im Jahre 1915 durch ein Geheimzirkular, welches vom rumänischen Generalstab an sämtliche Offiziere versandt wurde und von welchem die folgende Stelle die charakteristischste ist: „Es ist notwendig, auf alle Nichtrumänen, besonders auf die Juden, achtzugeben. Es ist wünschenswert, keinen Juden zu einem höheren Grade zu befördern; doch muß das alles, um sie nicht zu erbittern, geheimgehalten werden." Doch dies ist noch nicht alles, fuhr der Konsul fort. Statistische Ziffern haben bewiesen, daß jüdische Verwundete in viel kleinerer Zahl als die nichtjüdischen in die Lazarette kommen. Woher kommt das? Fallen sie in größerer Zahl ^oder werden sie nicht nach der Schlacht von den Sanitätlern in die Lazarette gebracht? Es hat sich gezeigt, daß beides der Fall ist; man schickt sie in viel stärkerem Maße ins Feuer und läßt sie nach den Schlachten als Verwundete auf den Feldern liegen." Als charakteristisches Dokument, welches klarer als alles andere das Verhältnis der rumänischen Bevölkerung zu den Juden klarstellt, teilte der Konsul einen Brief mit, der von der tonangebenden „Kulturliga" an die jüdische Zeitung „Jnfratiera" im Jahre 1915 gerichtet wurde und folgenden Wortlaut hat: „Es ist die Zeit gekommen, da Sie eine Bewegung gegen uns inszeniert haben, gleiche Rechte im Lande fordernd; bei dieser Gelegenheit wollen wir Ihnen in kurzen Worten ausdrücken, was ein jeder von uns Ihnen gegenüber empfindet. Sie sind als Fremde zu uns gekommen und sind die ganze Zeit Fremde geblieben, und als solche haben Sie unsere Toleranz in höchstem Maße ausgenützt. Die Gefahr Ihres Wachstums und Ihrer Vermehrung in unserem Lande voraussehend, haben unsere Vorfahren sich dagegen durch den Art. 3 unserer Konstitution gesichert und auch durch Art. 7, welcher die Rechte der Naturalisation für Fremde, Sie eingerechnet, beschränkt. Die Art. 26 und 27 der Konstitution verbieten Ihnen, Vereine zu gründen und Proklamationen zu publizieren; dessenungeachtet haben Sie mit Ihrer charakteristischen Zähigkeit alle diese Bestimmungen übertreten und belästigen uns dauernd mit Ihren Forderungen und Protesten. Sie haben einen Teil unserer Presse vergiftet und verdorben. Im Hinblick auf Ihre Organisationen und Vereine haben auch wir viele Ligen gründen müssen, um uns gegen Sie zu wehren und Ihnen beizukommen. Wir haben Sie nicht gebeten, zu uns zu kommen, und wir halten Sie nicht bei uns. Sie mögen dorthin gehen, woher Sie gekommen sind. Solange Sie dies nicht tun und Sic bei uns bleiben, benehmen Sie sich so, daß es möglich ist, Sie zu erdenn in diesem Falle könnte schneller noch, als Sie sich vorstellen können, etwas Entscheidendes getan werden, und dann werden die Unschuldigen von Ihnen mit ihrer Habe und ihrem Gut wie auch mit ihrem Leben dafür zahlen müssen. Rumänien gehört den Rumänen. Heraus von hier, Ihr Juden!" Dieses Dokument bedarf keines Kommentars. Es spricht mit genügender Deutlichkeit für die entsetzliche Lage, in der sich das rumänische Judentum befindet, und die, soweit die Haltung der rumänischen Regierung in Frage kommt, durch den Krieg in keiner Weise gebessert, sondern im Gegenteil noch in hohem Grade verschlechtert worden ist. Was sagen die Verbündeten Rumäniens, England, Frankreich und Amerika dazu!. .. Aus dem öllerreichischen Reichsrate. In den letzten Sitzungen des österreichischen Abgeordnetenhauses wurde die Judenfrage vielfach zur Sprache gebracht. Gelegentlich der Debatte über die Flüchtlingsfrage haben die deutschnationalcn Teufel und Freißler gegen die jüdischen Flüchtlinge den Vorwurf erhoben, daß sie nicht arbeiten wollen. Sie erhielten hiebei scharfe Zurechtweisungen seitens der jüdischen Abgeordneten Reizes, Strancher, Steinhaus und Kuranda. Abgeordneter Reizes hat auch in einer längeren Rede die Verhältnisse der Flüchtlinge ausführlich geschildert und dringende Abhilfe gefordert. Auch der rumänische Abgeordnete Grigorovici hat in scharfen Worten die Angriffe gegen die jüdischen Flüchtlinge zurückgcwiesen. Der Antrag des Abg. Dr. Steinhaus, die Verordnung, wonach es den geflüchteten Advokaten unmöglich gemacht wurde, sich in Wien zu etablieren, außer Kraft zu setzen, wurde fast einstiminig angenommen. Diese Verordnung wurde bereits seitens der Regierung als ansgehoben erklärt. Gelegentlich der Diskussion über die Kriegsgewinnsteuer war es der christlich-soziale Abg. Jerzabek, der die Juden der Preistreiberei beschuldigte. Er erhielt eine sehr kräftige Zurückweisung seitens des Abg. Kuranda. Bei der Diskussion hinsichtlich eines Reservaterlasses des Armeekommandos betreffend der Zuteilung der Mannschaften zum Ueberwachungsdienst der Kriegsgefangenen ergriff Abg. Straucher das Wort und schilderte die Leistungen der Juden in der Armee, vollste Gleichstellung derselben fordernd. Gelegentlich dieser Berührungen der Judenfrage ließ sich folgende Tatsache konstatieren. Die Angriffe gegen die Juden von antisemitischer Seite fanden fast gar keine Zustimmung, selbst in den eigenen Parteikreisen, hingegen machten die jüdischen Abwehrreden fast immer einen sehr guten Eindruck. Es ist dies ein Beweis dafür, daß man heute im Parlamente wenig Lust zu sogenannten Judendebatten hat. Die Zeiten der Judenhetzen der Schneider und Genossen sind längst vorüber. Auch dies ist ein Zeichen der Zeit. Don der „Ägudas Iisroel". (Kricgswaisenfürsorge.) Die Aktion der „AHudas Iisroel" hinsichtlich der Kriegswaisenfürjorge macht gute Fortschritte. Wie wir bereits gemeldet haben, hat vor kurzem in Krakau eine Konferenz in dieser Angelegenheit stattgefunden, die den Beschluß gefaßt hatte, ein spezielles Komitee zu bilden, das die Errichtung eines Kriegswaisenhauses auf religiöser Basis betreiben soll. Wie nachträglich gemeldet wird, handelte es sich hiebei tatsächlich um einen Anschluß an die Aktion der „Aguda". Die galizische Statthalterei hat den Vorschlag der „Aguda" akzeptiert und ist bereit, auf eigene Kosten ein jüdisches Kriegswaisenhaus zu eröffnen und auszuhalten, das in religiöser Hinsicht unter der Aufsicht der „Aguda" stehen soll. Die „Aguda" hat nur ihrerseits für die Mehrkosten, die die rituelle Führung und die religiöse Erziehung erforderlich machen werden, aufzukommen. Damit ist die ganze Sache in das Stadium der Durchführung gelangt und dürfte hoffentlich gar bald in Angriff genommen werden. Das Krakauer Komitee, dem die Führung der Angelegenheit übergeben werden soll, hat einen begeisterten Aufruf erlassen, dessen Wirkung eine sehr große ist. Dem Komitee gehören sänitliche Mitglieder des Krakauer Rabbinats sowie zahlreiche angesehene Bürger orthodoxer Richtung an. (Fleischaktion.) Auch die Aktion der „Agudas Iisroel", hinsichtlich der Beschaffung von Koscberfleisch für orthodoxe Mindestbemittelte, macht acwisie Fortschritte und es ist zu erwarten, daß die Sacke gar bald durchgefnhrt werden wird, lieber Verlangen der Kultusgemeindc hat die Leitung der „Aguda" derselben diesbezüglich detaillierte Vorschläge unterbreitet, die nnnmelir an das k. k. Ernäbrungsamt weitergeleitet wurden. Prinzipiell sind die stnaßgebenden Kreise mit den Vorschlägen der „Aguda" einverstanden, die dahin gehen, daß die „Aguda" bereit ist, einige separate Fleischbänke unter ihrer Aussicht eröffnen zu lassen, wo das Fleisch an die ' i Betracht kommenden Kreise verabreicht werden (Die Flüchtlinge in Deutschbrod.) Wie bereits gemeldet, werden die Flüchtlingsbaracken in Deutschbrod ausgelassen und die dortigen Flüchtlinge sollen in verschiedenen größeren Gemeinden Böhmens untergcbracht werden. Es möge nun daraus verwiesen werden, daß diese Wendung der Dinge eigentlich dem Eingreifen der „Aguda" zu verdanken ist. Dieselbe hat sich seinerzeit für die religiösen Forderungen der Flüchtlinge lebhaft interessiert und dorthin eine Delegation emsendet, um die Verhältnisse an Ort und Stelle zu untersuchen. Dabei sind auch die anderen Unzulänglichkeiten des Barackenlagers ans Tageslicht gekommen, und dieser Umstand gab den Anstoß zur schließlichen Auslassung des Lagers. Die dortigen Flüchtlinge, deren Los sich jetzt immerhin günstiger gestalten dürfte, werden dies dem Umstande zu verdanken haben, daß sie sich so eifrig für die Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse eingesetzt haben. Die Fliichtlingsaktion der Frau Änitta Müller. Frau Anitta Müller versendet zum zweitenmal' den Jahresbericht über die Tätigkeit ihrer Wohlfahrtsinstitutionen. Man kennt diese Fürsorgeeinrichtungen, die eine kluge und warmfühlende Frau zum Schutze eines unglücklichen, vertriebenen Volkes geschaffen und mustergültig geleitet hat. Man hat in der ersten Zeit, da neben dem Leid der Flüchtlinge fast das eigene Leid, der eigene Kummer versinken wollte, mit Dankbarkeit und Bewunderung zugesehen, wie diese junge, starke Frau, bauend auf die eigene Kraft und auf die Notwendigkeit, aus der ihre Schöpfungen fast organisch erwuchsen, ein edles, 5ßes und kluges Werk nach dem andern schuf, die dann sämtlich wundervoll der stattlichen Fürsorge für die Flüchtlinge einfügten, sie ergänzten, ins Individuelle vertieften und ausgestalteten. Nun erfahren wir, daß auch im zweiten Kriegsjahr diese Institutionen fortgewirkt haben, daß sie auch heute noch bestehen, und daß die Not, die sie geschaffen, noch keineswegs getilgt ist. Dieser Jahresbericht spricht von der zweiten Flüchtlingsepoche, er spricht von dem zerstörten Lande, das seinen Kindern noch nicht die nötigen Existenzbedingungen bieten kann, es erzählt von der Not der sozial höher gestellten Kreise unter den Flüchtlingen, die allmählich ihre kleinen Ersparnisse abbröckeln sahen und min bitter und verschämt gezwungen sind, die Hand nach Wohltaten ausznstrecken, deren Annahme ihnen hier freilich leicht gemacht wurde, denn bei Frau Anitta Müller heißt es, den Armen beizustehen ist soziale Pflicht aller Besitzenden, sei es, daß sie Besitzende an Geld, Macht, Zeit, Fähigkeit seien. Sic selbst und ihr kleiner Stab bewährter Mitarbeiter sind diesem Leitsatz gefolgt. Unentwegt haben sich diese Frauen der immer schwereren Arbeit hingegeben, haben die immer drückender werdende Sorge und Geldbeschaffung aus sich genommen — auf eine wunderbar tapfere und vornehme Art auf sich genommen. Das zweite Jahr hat den Wohlfahrtsinstitutionen der Frau Anitta Müller die Arbeit durchaus nicht vermindert. Die Zahl der Schützlinge ist ungefähr in gleicher Höhe geblieben, ja sie hat sich in manchen!, wie in der Arbeitsschule, die sich in den Ausstellungen als eine Kunstschule gezeigt hat, noch erheblich vergrößert. Auch der Tee- und Suppenanstalt haben die immer bitterer werdenden Zeiten neue Scharen von Hungrigen zugeführt, und sicherlich haben auch die

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