Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 22 (19.7.1922)
- Date
- 1922-07-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz. zwei neuen Institutionen, das Heim für erwerbende Frauen und Mädchen und die dort abgehaltenen Wirtschaftskurse, Segen gestiftet. Die wichtigsten unter all diesen Einrichtungen werden aber jene bleiben, die in dem uns heute nötigsten Zweige sozialer Fürsorge mustergültig und beispielgebend gewirkt haben: die Wöchnerinnen- und Säuglingsfürsorge, denen sich dort das Mütterheim, hier die Kinderheilstätte anfügen. Wiederum haben sich fast tausend Frauen der Wvchnerinnenfürsvrge anvertraut, mit dem erstaunlichen Resultat, das aber begreiflich wird, wenn man die Organisation dieser Einrichtung kennt, daß keine der Frauen bei der Entbindung starb. Gleich glänzende Resultate hat die Säuglingsfürsorge aufzuweisen, die im Berichtsjahre 1128 Schützlinge umfaßte. Und man fragt sich mit dankbarer Rührung, wie vielen unter diesen Frauen, wie vielen unter diesen Kindern Frau Anitta Müller tatsächlich das Leben erhalten haben mag. Es ist als wäre hier das Problem gelöst, das uns' so lange schon bewegt und beute um so lebendiger an uns herantritt, die Bevölkerungspolitik in die richtigen Wege zu lenken, die nicht danach strebe, mehr Leben in die Welt zu setzen, sondern Leben zu erhalten, indem der wuchernden Säuglingssterblichkeit gesteuert wird. Ganz sicher gebührt dieser Frau, die so Außerordentliches unter den widrigsten Umständen geleistet, die Mithilfe aller an ihrem Werke, und man wünscht mit ihr, daß es diesem Jahresbericht gelingen möge, ihr neue Helfer zu werben und die alten wiederum aufzurufen, damit ihr Werk so lange fortgesetzt werden könnte, als noch eine der unglücklichen Flüchtlingsfrauen heimatlos, wurzellos mit dem Schicksal um ihr und ihres Kindes Leben ringt. Eine jüdische Industrie in Polen. Man mag Antisemit oder Philosemit sein oder dem Judentum neutral gegenüberstehen; unter allen Umständen ist es notwendig, mit Schlagworten aufzuräumen, die irreführen müssen. Gegenüber dem Schlagwort von der ausschließlichen Handelseignung der Ostjuden ist es keine gleichgültige Tatsache, wenn z. B. durch einen offiziellen Bericht des russischen Ackerbau-Departements 1893 festgestellt wurde, daß in Litauen und Weißrußland der Kleingemüsebau sich hauptsächlich in Händen der Inden befinden. Ein besonders geeignetes Beispiel bietet die jüdische Konfektionsindustrie von Brzeziny, jener kleinen Stadt von etwa 18.000 Einwohnern, darunter 13.000 Juden, abseits der Bahn, 15 Kilometer von Lodz, die seit dem Durchbruch Scheffer-Litzmann im November 1914 rühmlichst bekannt ist. Eine spezifisch jüdische Industrie ist dieses Verlagsgewerbe, und zwar nicht allein ihrem Ursprung nach, weil es nur von Juden organisiert wurde, sondern in allen Teilen, denn alle Glieder dieses Verlagsorganismus: Unternehmer (Verleger), Faktoren, Zwischenmeister und Arbeiter sind Juden, selbst die Hilfsgewerbe wie die Spedition mit allen Arbeitskräften und selbstverständlich die Finanzierung ist in Händen der Inden. Die ganze Konfektionsindustrie von Brzeziny ist knapp drei Jahrzehnte alt. Sie ist mehr als amerikanisch rasch gewachsen. Der Platz stand 1914 in regster Beziehung einerseits mit den wichtigsten Wollstoff herstellenden polnischen Plätzen, insbesondere natürlich Lodz, Tomaschow, aber sehr erheblich auch mit Bialystok. Die Unternehmer von Brzeziny standen aber andererseits als Verkäufer auch in Fühlung mit den entferntesten östlichen Grenzstädten des Reiches. Sie lieferten nicht nur in die genannten Gouvernements von Europäisch - Rußland, sondern ebenso nach Tomsk, Barnaul, Taschkent, Chardin, Wladiwostok usw^Das wichtigste ist, daß die mindestens 5000 Menschen zählende jüdische Arbeiterschaft in ungeheuer intensiver Weise gearbeitet hat, und sie hat außerordentlich billig gearbeitet. Die gesamte Ausarbeitung an einem Mantel z. B. wurde mit 1‘50 Rubel bezahlt. Es gab Massenaufträge, wobei für das Ausnähen einer Hose 10 Kopeken gezahlt wurden, da haben allerdings etwa fünf Leute die verschiedenen Nähte an der Hose gearbeitet, haben es aber zu einer Leistung von 150 Hosen an einem Tage gebracht, freilich bei einer Arbeitszeit von l> Uhr morgens bis 12 Uhr nachts. Abgesehen vom Schabbes wurde durchschnittlich 15—18 Stunden täglich gearbeitet. Bei dieser Arbeitszeit wurde aber auch allerdings trotz der niedrigen Lohnsätze viel verdient. Jüdische Schneidergesellen strömten geradezu nach Brzeziny, und es dürften wohl über 2000 solcher Gesellen vor Kriegsausbruch in der Stadt beschäftigt gewesen sein, während der Rest der Arbeiter, weibliche Hilfskräfte, größtenteils Familienangehörige der Meister gewesen sind. Es steht fest, daß Brzeziny für jüdische Schneidergesellen ans ganz Polen eine Anziehungskraft gebildet hat. Man wußte, es gilt fest zu arbeiten, aber man wußte auch, daß es viel zu verdienen gibt, und daß es am Schabbes ein frohes reiches Genießen zu geben pflegte. (Professor von Zwiednick in der München- Äugsburger Abendzeitung.) Chronik. („Hamizpc" erscheint wieder.) Das hebräische Wochenblatt „Hanuzpe" beginnt wieder in Krakau, unter der Redaktion dos früheren Redakteurs S. M. Lazar, der nun als 51 jähriger vom Militärdienste entlassen wurde, zu erscheinen. Abonnement K 4 vierteljährlich. (Eine Rede des Fürftprimas von Ungarn.) Dem 86 jährigen Simon Krammer in Esztergom (Grans, dessen acht Söhne seit Kriegsbeginn Frontdienst leisten, wurde, wie „Egyenlöseg" meldet, dieser Tage eine kaiserliche Auszeichnung zuteil. Se. Majestät machte dem alten Krammer K 500 bar und eine mit den Initialen des Kaisers verzierte silberne Uhr zum Geschenk. Das kaiserliche Geschenk wurde am 3. dieses Monats im Festsaale des Rathauses in Anwesenheit eines zahlreichen vornehmen Publikums durch den Obergespan des Komitats dem Ausgezeichneten überreicht, wobei der Obergespan die Festrede hielt. Den Höhepunkt der Feier bildete die Ansprache des gleichfalls anwesenden Fürstprimas Dr. C s e r n o ch, der in einer patriotischen Rede den ausgezeichneten Vater begrüßte und ihn den patriotischen Bürgern als leuchtendes Beispiel hinstellte. Auch die Esztergomer israelitische Kultusgemeinde nahm an diesem feierlichen Akt teil, indem der Kultusvorstand unter Führung des Präsidenten Dr. Zoltan Berenyi fast vollzählig erschienen war. (Vandale« aas dem alten Judenfriedhof.) Aus dem alten Judenfriedhof in der Prager Josefstadt, der zu den interessantesten Denkmälern Altprags gehört, wütete ein halbes Jahr lang eine Bande von Vandalen, welche die Grabsteine beschädigte. Im Laufe der Zeit hatten sie einen Schaden von ungefähr K 4000 angerichtet, ohne daß es gelungen wäre, der Friedhossschänder habhaft zu werden. Vor einigen Tagen endlich konnte die Polizei einen Burschen verhaften, welcher eingestand, daß er rm Verein mit fünfzehn Genossen, die im Alter von 14 bis 17 Jahren stehen und durchweg in der Altstadt wohnen, aus Uebermut die Schandtaten begangen habe. Es handelt sich dabei um keine Tat religiösen Hasses, schon darum, weil sich unter den fünfzehn Gassenjungen leider auch drei Juden besinden. (Tie Juden in Rumänien.) In einen offiziellen Berichte, aus Jassy heißt es: In der Judenfrage besteht allgemein die Ansicht, daß diese unbedingt gelöst werden muss«, da man sonst auf allerlei politische Schwierigkeiten im Auslande stoßen würde, namentlich seitdem die russische Regierung alle Beschränkungen gegen die Juden abgeschastt hat. Nur bestehen auch hierin bedeutende Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen Politikern: während Jonescu auf die sofortige vollständige Lösung der Judenfrage drängt, vertreten die übrigen Minister mehr den Standpunkt, daß die Judenfrage auf Grund gewisier Reglementierungen erst nach dem Friedensschluß gelöst werden solle. (Der jüdische Kongreß in Amerika.) Das Kongreßkomitee kabelt dem Jüdischen Korrespondenzbureau im Haag, daß die Wahlen zum Kongreß am 10. Juni unter außerordentlicher Teilnahme der jüdischen Bevölkerung stattfanden. 300.000 Personen gaben ihre Stimme ab. (Ritnellr Sorgen der polnische« Juden.) Das „Jüdische Wort" berichtet von den Bemühungen leitender jüdischer Kreise um die Erhaltung der Barttracht bei den Juden. Ein Gesuch an das öffentliche Gesundheitsamt in Warschau weist darauf hin, daß die Juden sich davor hüteten, ins Krankenhaus zu gehen, we,i ihnen dort die Bärte abgeschnitten würden. Die Folgen für die öffentliche Hygiene bestünden darin, daß sich kranke Juden aus Furcht vor dieser „Schändung" lieber zu Hause versteckten. Die Gesnchsteller erreichten, daß das Gesundheitsamt aus religiöser Toleranz und mit Rücksicht auf die Sicherung der Volksgesundhcitspflege die Verordnung rückgängig machte. Um dem besonderen Gebot des Gesundheitsamtes, auf Sauberkeit zu achten, nachzukommen. sind aus jüdischen Kreisen Wünsche laut geworden, es möchten den Juden von Stadt wegen mehr Badegelegenheit und Seife zur Verfügung gestellt werden. Das Rabbinat will ferner bei der Behörde wegen der Verfügung vorstellig werden, daß sich die jüdischen Bäcker die Bärte abscheren laßen müssen. (Inden in der Bordereitnngskommifsio« für die Konstttnante.) An der „Besonderen Beratung" der Kommission, die zu der Vorbereitungstäligkeit >ür die Konstituante eingesetzt wurde, nehmen nach. „Nowoje Wremja" folgende Juden teil: Als Vertreter der jüdischen Parteien: N. M. Friedmann, O. O. Grusenberg und W- A. Kantorowicz. Als Vertreter russischer Parteien: L. Bramson, M M. Dooranitzki und R. W. Swiatitzki (Arbeiter- und Soldatenrat); dann M- M. Winower (Kadetten-Partei); I. A. Zederbaum, W. N. Krochmal (Sozialdemokratische Arbeiterpartei): M. W. Bernstamm (National-Sozialisten); M. W. Wischniak (Sozialrevolutionäre) und schließlich juristische Sachverständige A. I, Halpern und W. M. Gesten. Spendenausweis für die Schulen der „Kgndas Iifroet", Wie», II., Große Afarrgaffe Ar. 23, für die Monate Ajar und Siwa« 5677. Baues Goldberg, Stanislau; Schächter, Stanislau; Sammler, Stanislau. — Je K. 2*40: Horowitz, Krakau; Weidberg, Krakau. Je L 2*—: Rotsieisch, Drzcworsk; Drimmer, Busztyn; Pfeffer, Swirsz; Linker, Czernowitz; Ostermann, Przemyslany; Wolf, Lemberg; Sohn, Trembowla; Rosenfeld, Trembowla; Freundlich, Brzezaöy; Karl, Kamionka; Okner Brody; Rapaport, Sokal: Becker, Stanislau; Mandel, Stryj; Horowitz, Brody; Geld, Lopatyn; Bergwerg, Kolomea; Sterenberg, Grödek; Bokewrot, Gorlice; Wiener, Lemberg; Uri, Wien; Remer, Ilse, Kolomea; Rapaport, Tarnöw; Seldowicz, Przemysl; Perel; Bergmann, Drohobycz; Geller, Czernowitz; Weißstem, Brzozüw: Pordes, Wien; Rosental, Manastrysz; Bursziyn, Brody; Krammer, Stanislau; Fried, Kuty: Fau, Lubin; Samet, Nilitschyk; Horowitz, Buczacz; Kliegler, Probuzna; Streifler, Kolopiec; Bitmann, Kolopiec; Zuker, Dolina; Katz, Waschkautz; Sygal, Zboröw; Stoizberg, Zborüw; Starkmann. Zboröw; Saß, Zboröw; Kronisch, Zboröw; Kalz, Zboröw; Spira, Drohobycz; Lindeberg, Stanislau; Wachsstock, Krakau; Blaustein, Czernowitz; Ostersetzer, Riedberg; Schrol Peller, Zülkiew; Fisch, Kolomea; Rosenbaum, Zülkiew; Herzig, Lubaczüw; Mermelstein, Skvle; Aschkenazy,Brody; ScheinerMohatyn; Blumenzweig, Rzeszüw; Kanner, Kuty; Engelstein, Buczacz; Koller. Stanislau; Reicher. Suczawa; Waaschal, Kastow; Warman, ZaliSzczyk; Mautner, Lenfchim; Preis, Olejöw; Gottesmann, Jazlowice; Binder, Buczacz; Horowitz, Krakau; Dul, Brzezan; Recht, Busk: Werfel. Skalat; Titmann, Czernowitz; Rosentahl, Tarnöw; Bautner, Nadwörna; Gugig, Kolomea; Stern, Bursztyn; Barer, Sobel Sloda Weingarten; Berger, Brody; Heller, Kolomea; Kornblum, Krakau; Lustig, Kalusz; O. Schwadron, Halicz; Berger, Brody; Altschiller, Klenkowice; Dermer, Buczacz; Sucher, Horodenka; Beker, Boloszowce; Taune, Rozmatow; Moor, Tarnöw; Horawitz, Podheice; Spitz. Premysl; Fruchter, Stanislau; Akselrad, Sokal; Potok, Czernowitz; Feichbaum, MoScisk; Schächter, Horodenka; Lampner, Horodenka: Biller, Radautz; Kantor, Brody; Perel, Bolschowce; Lebhart, Testier; Schlüssel, Wien; Braß, Zastawna; Rosenberg, Drohobycz; Wolf, Stanislau; Scheier, Stanislau; Gleicher, Radziechöw; Sygal, Kamarno; Stahl, Kolomea; Blitner, Rohatyn; Wolf, Lemberg; Landau, Nadwörna; Harlich Czortküw; Birnbach; Rosen, Delattn; Gunsberg, Schreier, Spira Glina; Heilpern, Tarnopol, — Je K 1*—: Weitmann, Rohatyn; Bindler, Tarnopol; Einlager, Trembowla; Goldhaber, Stanislau; Wernstein, Tarnopol; Reich, Zydaczüw; Diller; Wieselberg, Buczacz; Poritis, Husiatyn; Winig, Dobromil; Jager, Trembowla. Neue Sucher. „Was wird ans Polen?" Von Friedrich Naumann. Druck und Verlag von Georg Reimer in Berlin IV. 16. 1917. Preis Mk. 1—. — Der berühmte Verfasser von „Mitteleuropa" behandelt in dieser Schrift die polnische Erage, wie sie sich gerade in den letzten Wochen darstellt. r tut dies auf Grund eigener Anschauungen gelegentlich eines Besuches im polnischen Okkupationsgebiete. Kann man auch nicht immer dem Autor beipflichten, so verdienen dessen Aeußerungen immerhin weitgehende Beachtung hinsichtlich dieses Problems, das infolge der Ereignisse in Rußland nur noch komplizierter geworden ist. Soeben eröffnet! (13) Unter der Aufsicht der „Agudas Jisroel“. Hebräische Buchhandlung und Verschieißstelle für .. , Tefilin, Rezuotti, Mesusoth, Talessim, Zizith Mäßige Preise. SOWie aller anderen Ritualien. Streng verläßlich. Osias Graf, Wien, II., Grolle Schiffgasse Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppei. Genossenschafts-Buchdruckerei, Wien, VIII., Alserstraße Nr. 71. ^97084