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Jüdische Korrespondenz · 1917-07-12 · 21 (12.7.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
21 (12.7.1917)
Date
1917-07-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 im Lande ansässigen Juden zu Fremden zu stempeln, damit sie später keinerlei bürgerliche Rechte erlangen könnten — und dabei waren unter diesen „Fremden" ebenfalls mobilisierte Soldaten, die eben Dienst machten oder vor kurzem Urlaub erhalten hatten! Unter diesen Umständen zog inzwischen Rumänien in den Krieg und mobilisierte ca. 80.000 jüdische Soldaten, die nun seit beinahe einem Jahre auf dem Schlachtfelde für einen Staat bluten, der sie dauernd und mit beispielloser Hartnäckigkeit als „Fremde" betrachtet. Wird nun diese ungeheuere Aufhäufung von Ungerechtigkeit und Bedrückung auf einmal aus der Welt verschwinden? Vor der russischen Revolution wäre es müssig gewesen, eine solche Frage zu stellen, geschweige denn, sie zu beantworten. Der künstlich in Stadt und Land, in Schule und Kirche, in Haus und auf der Straße großgezogene Judenhaß kann natürlich nicht im Handumdrehen ausgerottet werden, ebensowenig wie die Sinnesart der Bojaren in bezug auf die Agrarreform sich tatsächlich geändert hat. Doch nun ist eben der gewaltige Umschwung in Rußland gekommen und hat alle alten Vorurteile und die undemokratische Denkweise auch der Lenker der rumänischen Schicksale über den Haufen geworfen. Wir befinden uns am Vorabend einer friedlichen, aber deshalb doch gründlichen politischen Revolution im kleinen Lande an der Donau. Die Bauern erhalten direktes und gleiches Wahlrecht — d. h. sie werden zu der Leitung des Staates zugezogen —, die Bauern sind aber im großen und ganzen ein gutmütiger, freundlicher Menschenschlag und durchweg nicht antisemitisch gesinnt. Die Arbeiter gründen eine bisher in Rumänien unbekannt gewesene parlamentarische Arbeiterpartei und auf ihrem Programm steht gleich an leitender Stelle: Volle bürgerliche Gleichberechtigung der Juden. Die wirklichen Judenfeinde bleiben somit auf eine geringe Anzahl vergebens noch Widerstand leistender Bojaren und auf die durch jahrzehntelange schlechte Anleitung vergiftete Intelligenz beschränkt, in der aber auch vernünftige Stimmen nicht fehlen, die den Antisemitismus abfchütteln. Eine Beibehaltung der bisherigen Judenpolitik in Rumänien ist daher schon aus den angeführten Gründen nicht wahrscheinlich. Aus diesem Grunde ist jetzt das Versprechen der rumänischen Regierung, betreffend Judenrechte, sehr ernst zu nehmen. Daß es die rumänische Regierung immerhin noch nicht über sich gebracht hat, in einer offenen und deutlichen Sprache zu erklären: Wir geben den rumänischen Juden sofort alle Bürgerrechte, weil wir anerkennen, daß der bisherige Zustand eines modernen Külturstaates unwürdig war — das stellt den rumänischen Staatsmännern kein besonders günstiges Zeugnis aus. Doch sind die Tage der Judennot in Rumänien gezählt; die Judenfrage wird im Sinne der Freiheit und Demokratie endgültig gelöst werden. * Diesen Ausführungen könnte man im großen und ganzen beipflichten. Nur scheint der Autor ganz außeracht gelassen zu haben, daß die Umwälzung in Rußland eigentlich nur eine Folge der Siege der Mittelmächte ist und daß diesem demgemäß das Hauptverdienst an der zu erwartenden Emanzipation der Juden in Rumänien gebührt. Dies möge hier zur Ehre der historischen Wahrheit festgestellt werden._(D. R.) Entlarvung riner englischen Preßmache. Vor einigen Monaten wurde im Haag ein angebliches „Jüdisches Korrespondenzbureau" errichtet, das auch regelmäßig „Mitteilungen" herausgab und Nachrichten über die Juden betreffenden Ereignisse in allen Ländern verbreitete. Die Art und Weise, wie diese Mitteilungen redigiert wurden, ließ es sofort vermuten, daß man es da mit einem Unternehmen zu tun hat, daß sich keineswegs durch Objektivität auszeichnet und gewisse Zwecke verfolge, die nur der Entente in den Kram passen können. Tatsächlich sind die meisten Lügennachrichten und Uebertreibungen über die Ereignisse in Palästina, die Meldungen über die Bemühungen der Entente, in Palästina eine jüdische Republik zu errichten usw., von diesem Bureau ausgegangen, ebenso wie diverse tendenziöse Meldungen hinsichtlich der Berhältniffe der Juden in den Staaten der Mittelmächte und der Türkei. Es war nun ganz evident, wem dieses „jüdische" Bureau dient und welche Zwecke es verfolgt. Nunmehr wurde es entlarvt. Die Bundesleitung der zionistischen Organisation in Holland hat sich angesichts des Umstandes, daß dieses Bureau vorzugeben pflegte, es sei ein zionistisches Unternehmen, veranlaßt gesehen, eine scharfe Erklärung zu veröffentlichen, daß die Organisation mit dieser Mache nichts gemeinsam hat und daß dieses Bureau nur den Interessen der Entente, keineswegs aber den wahren Interessen der Juden dient. Nunmehr dürste diesem Söldling der Herren Engländer wohl das Handwerk gelegt worden sein. Wenn man bedenkt, daß die zionistischen Organisationen im neutralen Auslande sich all derartigen Treibereien gegenüber bisher sehr reserviert verhalten haben, so kan» man sich vorstellen, wie arg es dieses Bureau getrieben hahen mag, daß die Bundesleitung der holländischen Organisation sich veranlaßt gesehen hat, mit einem derartig scharfen Protest hervorzutreten. Es wäre vielleicht auch schon höchste Zeit, dem Treiben des Herrn Sokolow als Emissär der Entente einen Riegel vorzuschieben. Charakteristisch ist, daß die z i o n i sti s ch e Konferenz in Rußland sich gegen den Plan, an der Seite der Entente für die Eroberung Palästinas zu kämpfen, überaus scharf ausgesprochen hat. Usischkin und Tschlenow sind doch politisch reifer und haben mehr Verantwortlichkeitsgefühl als Sokolow und Xabotynski. Rundschau. Aus dem Reichsratc. Der Flüchtlingsausschuß des österreichischen Abgeordnetenhauses, speziell das Subkomitee desselben, hat die Flüchtlingsfrage sehr eingehend behandelt und wichtige Beschlüsse zur Verbesserung der Lage der Flüchtlinge erfaßt. Abg. Reizes hat besonders die Lage der jüdischen Flüchtlinge in den Flüchtlingsbaracken eingehend geschildert und dringende Abhilfe verlangt. Es ist auch beschlossen morden, die Freizügigkeit der Flüchtlinge zu sichern und mehrere Barackenlager ganz aufzulassen, darunter dasjenige von Deutschbrod (Böhmen) und im Schloß Reifenstein (Steiermark). Die dortigen Flüchtlinge sollen in größeren Gemeinden Böhmens und Mährens untergebracht werden. Die Flüchtlingsunterstützung wird auf K 2'— per Tag und Kopf erhöht. In der Donnerstagfitzung des Reichsrates sollen diese Anträge im Plenum zur Verhandlung gelangen. Abg. Dr. straucher überreichte Interpellationen bezüglich der Revision des Hilsner-Prozesses sowie wegen der Lage der jüdischen Flüchtlinge in Mähren und Schlesien. Abg. Dr. Steinhaus beantragte im Justizausschusse, die seinerzeitige Verordnung des Justizministers, wonach der Oberlandesgerichtssprengel Wien für die Uebersiedlung von Advokaten aus anderen Gerichtssprengeln gesperrt wurde, außer Kraft zu setzen. (Angenommen.) Kultusgemeindekonferenz in Lemberg. Die Lemberger Kultusgemeinde hat für den 10. d. M. eine Konferenz der 30 größeren Kultusgemeinden Galiziens nach Lemberg einberufen, um über verschiedene aktuelle Kultnsgemeindefragen zu beraten. Ein Bericht über den Verlauf dieser Konferenz liegt vorläufig nicht vor. Generalversammlung der „Israelitischen Allianz zu Wien". Am 25. Juni fand die 44. Generalversammlung der „Israelitischen Allianz zu Wien" statt. Aus dem vorgelegten Rechenschaftsberichte ist zu entnehmen, daß die Allianz auch im letzten Jahre ihre Tätigkeit auf die Unterstützung der Flüchtlinge und der Fürsorge für die Juden im k. u. k. Okkupationsgebiete in Polen konzentrieren mußte. Dank der einige Millionen Kronen betragenden Beiträge aus Amerika war die Allianz imstande, im Berichtsjahre für Polen etwa 6 Millionen Kronen flüssig zu machen. Große Beträge sind auch für die Flüchtlinge in Westösterreich sowie den Hilfskomitees in Galizien überwiesen worden. Ans dem k. «. k. Okkupationsgebiete in Polen. Aus Lublin wird uns geschrieben: Der Generalgouverneur Graf Szeptycki hat jüngst eine Jnspizierungsreise durch das Okkupationsgebiet unternommen, wobei er die meisten Städte besuchte. Uebcrall haben beim Generalgouvernenr jüdische Deputationen vorgesprochen, seine Exzellenz empfing die Deputationen sehr freundlich, erkundigte sich über die einschlägigen Verhältnisse und versprach die freundlichste Berücksichtigung aller berechtigten Wünsche. Im Aufträge des k. u. k. Generalgouvernements bereist Herr Professor Dr. Ballaban gegenwärtig das Okkupationsgebiet, um Erhebungen über das jüdische Schulwesen zu pflegen. Aus Warschau. Vorige Woche fand hier eine Neuwahl des Komitees der „Agudas Hoordodoxim" statt. Die Organisation entwickelt stch immer stärker, sowohl hier als auch in der Provinz. In den Tagen des 3. bis 5. d. M. fand hier eine Konferenz des „Misrachi" statt, an welcher sich 70 Delegierte aus 23 Städten beteiligten. Den Vorsitz führte der Rabbiner Zlotnik ans Gumbin. Die Beratungen waren sehr lebhaft, vielfach kam der Gegensatz zwischen der Orthodoxie und dem modernen Nationalismus zur Geltung. Schließlich wurde beschlossen, weiterhin im Anschlüsse an die zionistische Organisation zu arbeiten. Vom russischen Judentume. Wie aus Stockholm gemeldet wird, ist die Frage eines allgemeinen jüdischen Kongresses in Rußland in Frage gestellt, da sich das vorbereitende Komitee bezüglich der Tagesordnung nicht einigen kann. Von bundistischer Seite wird gegen die Aufnahme des Punktes bezüglich Sicherstellung der jüdischen Gleichberechtigung in allen Ländern opponiert, die Zionisten wiederum fordern absolut die Behandlung der Palästina-Frage seitens des Kongresses. Bisher konnte keine Einigung erzielt werden. Eine eigenartige Frage wurde jüngst in jüdischen Versammlungen in Petersburg und Moskau behandelt, und zwar: ob Täuflinge weiterhin als Mitglieder der jüdischen Gemeinden zu betrachten seien, wenn sie sich trotz der Taufe als Angehörige (?) des jüdischen Volkes erklären. Charakteristisch ist, daß es in Moskau erst dann zu einem verneinenden Beschlüsse gekommen ist, als mehrere strenggläubige Teilnehmer gedroht hatten, sich sonst von den Beratungen zu absentieren. ^er Judenpogrom in Leeds. Die traurigen Ereignisse, die am Sonntag und Montag den 3. und 4. Juni sich in Leeds ereignet haben, wurden bereits gemeldet. Die aus England eingetroffenen jüdischen Zeitungen bringen die Einzelheiten dieses traurigen Vorfalls. Sonntag um 9 Uhr 30 Minuten abends versammelten sich ein paar Tausend junge englische Hooligans in dem jüdischen Stadtviertel Liland von Leeds, darunter auch einige Erwachsene und eine ganze Anzahl Frauen, und begannen die jüdischen Läden zu plündern. Im Verlauf des Abends wurden sämtliche Schaufenster der jüdischen Geschäfte des Stadtviertels zerschlagen und das jüdische Eigentum auf den Straßen vernichtet. Drei Stunden lang dauerte dieser Krawall. Eine Panik ergriff die jüdische Bevölkerung des Stadtviertels. Die Polizisten, die in der Nähe waren, toaren nicht imstande, den Mob zu beruhigen. Montag früh begannen die Plünderungen von neuem. Hie und da vereinigten sich jüdische junge Leute, um das jüdische Vermögen zu schützen. Mehrere Hooligans und einige jüdische junge Leute wurden noch am selben Tage verhaftet. Der Polizeichef, bei welchem die Führer der jüdischen (Gemeinde intervenierten, veröffentlichte eine Warnung an die christliche Bevölkerung und eine Verordnung an die Polizei, die Unruhen sofort zu unterdrücken. Falls die Unruhen noch einen Tag dauern würden — erklärte der ^Polizeichef —, wird die Stadtverwaltung den schaden der Juden ersetzen müssen. In ihrer Eingabe an den Polizcichcf erklärten die Juden, daß sie eine Selbstwehr der jüdischen Jugend organisieren würden, wenn die Behörden nicht sofort energisch einschreiten. Montag abends und Dienstag früh wurden einige der Beschuldigten vor Gericht gestellt; ungefähr 20 junge Leute, darunter auch einige Juden, die an dem Selbstschutz beteiligt waren, wurden mit einer Geldstrafe von 20 bis 40 Schilling belegt und einige für eine Woche in Haft genonimen.

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