Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 20 (5.7.1917)
- Date
- 1917-07-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Haifa 1× ep/1047930
- Safed 1× ep/1046078
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. Lv effe an einet Fortsetzung des Krieges haben, daß sie im Gegenteil in der Wetterführung desselben eine Gefahr für ihre so schwer errungene Freiheit sehen müssen, da doch die Fortsetzung des Krieges den Bestand des freien Rußland gefährde, — unterliegt keinem Zweifel. Die Motivierung ihrer diesbezüglichen Haltung mit der Rücksicht aus ihre Glaubensgenossen in den Ländern der Mittelmächte macht aber den Eindruck, daß es sich um eine neue Eutentehetze handelt. Diejenigen, die gegen den Krieg sind, sollten damit verdächtigt werden, daß sie im Interesse der ausländischen Juden handeln.... Das Spiel ist aber zu durchsichtig, um nicht erkannt zu werden. Immerhin bedeutet diese Meldung eine neue Charakteristik der Ententepolitik. Die Lage in Palästina. Die fortgesetzt aus Palästina einlangenden Nachrichten bestätigen, daß von einer Judenverfolgung dortselbst keine Rede sein kann. Die Not der Evakuierten ist nichtsdestoweniger sehr groß und die Hilfsaktion erfordert zumindest 100.000 Francs in Gold monatlich. Der letzte telegraphische Bericht, vom 20. Juni, den die „Jnd. R." in Berlin veröffentlicht, besagt: In Jaffa halten sich über 50 Juden auf. Die Zahl der Araber, die sich zur Zeit in Jaffa aufhalten, betrügt ungefähr 3000. Eine beträchtliche Zahl von ihnen hatte, wie bekannt, die Stadt nicht verlassen, andere hatten sich in die benachbarten Orangerien verzogen und waren von hier aus nach und nach in die Stadt zurückgekehrt. Genaue Zahlenbestimmungen sind aber sehr schwer. Nach Lage der Dinge stehen neue Evakuierungen nicht bevor. Das Gerücht über die Räumung von Haifa ist völlig unbegründet. In den letzten Wochen sind keine größeren Abwanderungen aus Jerusalem und den Kolonien vorgekvmmen. Da in den Kolonien nur die Landwirtschaft treibende Bevölkerung zurückbleiben durfte, mußten, wie bereits früher gemeldet worden ist, einige hundert unbemittelte Einwohner, welche sich AufenthaltsscheMc nicht beschaffen kennten, die Kolonien verlassen. Aus Jerusalem verziehen wöchentlich 20 bis 30 jüdische Familien, darunter Amerikaner, Ungarn, Oesterreicher und Deutsche. Das hat seinen Grund in persönlichen Verhältnissen und der wirtschaftlichen Not im Lande. Ein früherer Bericht vom 21. Mai meldet: Jaffa ist von der jüdischen und christlichen Bevölkerung leer. Außer den Beamten war eine Anzahl mohammedanischer Familien geblieben, einige kehrten ans den benachbarten Pflanzungsbvjaren zurück. Das jüdische Stadtviertel Tel Awiw wurde von ca. 20 jungen Juden gut bewacht. Die Wache war gut organisiert. Die jungen Leute fegten die Straßen, bewässerten die Gärten und unterhielten eine gemeinschaftliche Küche. Verschiedene industrielle Betriebe, wie die mechanischen Werkstätten, die Druckerei Jtin, die Betriebe von Gnralski - Stein, Neumann, Gußmann waren in Jaffa verblieben. Zwischen der Kolonie Petach Tikwah und Jaffa bestand ein ziemlich reger Verkehr. Häuser, Gärten und Mobiliarbesitz in Tel Awiw waren unversehrt. — In Petach Tikwah sind die Einwohner selbst, auch die 9)emitett am Platze geblieben. Von den Jaffaer Flüchtlingen, die nach Petach Tikwah gekommen waren, waren nur einige Hundert der bemittelteren Leute geblieben, dagegen die große Masse der ärmeren Zuwaudercr abgeschoben worden. Die gleiche Maßnahme traf einige hundert Personen, die schon früher im Lause der Kriegszeit nach Rischon-lc-Zion zugezogen waren. — Aus der Kolonie Rechoboth und den anderen Kolonien war fast niemand fortgegaugen, auch die Hemcuiten nicht. In Kfar Saba hatten sich gegen 1000 Flüchtlinge angesiedelt. Für 300 Schulkinder ist ein geregelter Unterricht in acht Klaffen von den freien Lehrern eingerichtet worden. Was die Wohnungsfrage anlangt, tvaren von den dort befindlichen Handwerkern aus Eukalyptuszweigen Hütten angelegt worden. Die Frage der Versorgung mit Wasser war auch einigermaßen gelöst worden. Sehr schwer war die Lage der großen Masse der Flüchtlinge, die in Untergaliläa noch keinen festen Platz gefunden hatten. Zunächst hatten sich die meisten in der kleinen jüdischen Kolonie Kinereth niedergelassen, andere in Dagania, Jemma, Migdal nutz in TiberiaS. Bon den Bemitkefteren war eine geringe Zahl nach Obergaliläa in die jüdischen Siedlungen Safed und Rosch-Pinah übergegangen. Die rumänische Judeufrage. In derZüricherHalbmonatsschrist „Das Erwachen" schreibt Dr. A. Mibaschan: Ist auch Saul unter den Propheten! — ist man versucht auszurufen, wenn mau die aus Rumänien einlausenden Meldungen liest und ersieht, daß auch in diesem bisher erstklassig-antisemitischen Lande eine Wendung zugunsten einer gerechten Lösung der Judenfrage eingetreten ist. In der Tat erfahren wir in der letzten Zeit, daß allen Hetzereien mancher rumänischer Professoren, die nichts gelernt und nichts vergessen haben, zum Trotz, mehrere deutliche Kundgebungen erfolgt sind, die den Juden große Hoffnung auf eine baldige Lösung ihrer „Frage" einflößen. Die Blätter melden von einer freundlichen Ansprache des rumänischen Königs an eine Wordnung der Jassyer Juden, in der er die Versprechung abgab, na ch siegreicher Beendigung desKrieges werde in Rumänien gleiches Recht für alle herrschen. Vor einigen Tagen lief durch die Tagespresse eine Meldung, daß Bratianu den Kammern am 20. Mai die Erklärung abgegeben habe, die Judenfrage werde nach Friedcnsschluß in freiheitlichem Sinne gelöst werden. Wir hören auch von Kundgebungen, die in Rußland zugunsten der rumänischen Juden stattffnden und die von der rumänischen Regierung eine präzise und bindende Erklärung in Sachen der Judeufrage erzwingen wollen, ja daß sich rumänische Konsularbeamte damit einverstanden erklären, auf ihre Regierung in diesem Sinne einzuwirken. Für den Kenner der Verhältnisse braucht nicht erst gesagt zu werden, daß diese rumänische Freigebigkeit und Gerechtigkeitsliebe nicht im geringsten spontan erfolgt ist, sondern daß hier, wie aus dem Gebiete der allgemeinen innerpolitischen Lage, die Ereignisse in Rußland entscheidend mitgespielt haben.* Eine Reform, wie die von der rumänischen Regierung für die Wahlen und die Agrargesetzgebung angckündigte, wäre in Friedenszeiten ein Ding der absolutesten Unmöglichkeit gewesen, fast ebenso unmöglich, wie die Lösung der Judenfrage, wo die Handlung im Sinne der Gerechtigkeit als ein Staatsverbrechen angerechnet wurde. Den Mut, die rumänische Judeufrage restlos zu lösen, haben die rumänischen Politiker früher nie gezeigt; doch auch auf Teilverbesserungen cinzugehen, war vor dem Kriege absolut unmöglich und würde jedem Minister sein Amt und seine politische Karriere gekostet haben. Rumänische Minister versprachen bekanntlich 1879 Europa gegenüber, die Judenfrage im Sinne der Humanität raschestens zu lösen, taten es aber in der Folge nicht nur nicht, sondern trieben eine bewußt staatlich-antisemitische Politik, die kaum im alten Rußland ihresgleichen hatte. Ein rumänischer Regierungschef erklärte 1913 feierlich in der Kammer, allen am Feldzug gegen Bulgarien beteiligten Juden werde nach „siegreicher Beendigung des Krieges" die Gleichberechtigung erteilt werden. Auch dieses Versprechen wanderte aus den Pfaden des älteren und löste nur einen Sturm von Hohn und Haß in allen nationalistischen Kreisen Rumäniens gegen die Juden ans. Es ist daher für viele fraglich, ob dem jetzigen Königswort und ministeriellen Versprechen ein besseres Schicksal bcschieden sein werde? Wir wagen dies zu bejahen. Die Zeit ergreift nämlich diesmal zufällig für die Schwachen und Bedrückten Partei und wird auch in der rumänischen Judenfrage das richtige Wort sagen. Die heutige rumänische Regierung gilt, das ist kein Geheimnis mehr, genau so viel, als die Petersburger Regierung von ihr halten will. Infolge der russischen Befreiung wurde der rumänische König zum demokratischsten aller Krvnenträger und verzichtete großmütig auf seine Domänen und Güter, die einen Wert von Hunderten von Millionen haben, damit diese unentgeltlich den Bauern verteilt werden können. Das Beispiel des Königs wurde prompt und weitestgehend von den Bojaren des ganzen Landes befolgt und die Agrarfrage, die die blutigste Wunde am rumänischen Staatskörper war, wurde so mit einem Schlage, buchstäblich über Nacht, gelöst. * Die Niederrmgung Rumäniens seitens der Mittelmächte dürfte wob! am stärksten hiezu beiqetragsn haben. I.T. R.) Tste Bauern erhellten auch politische MeichberechiiAung, das allgemeine und geheime Wahlrecht wird; eingeführt. WaS soll nun mit all delyenigen geschehen, die, bisher fettft entrechtet, als SGne für die Entrechtung der Bauern deren Haß tragen und deren Rache entgegennehmen mußten, um den hohen Herren als Schutzwall zu dienen: mit dm Juden? Und kann es überhaupt in einem Staate mit allgemeinem Wahlrecht eine Gruppe von einheimischen,Bürgern geben, die weder auf dem Dorfe wohnen, noch Landbesitz erwerben, noch freie Berufe ansüben dürfen, noch in der Industrie sich frei bewegen könnm? Nach europäischen Rechtsbegriffen ist ein solches Verhältnis ein Unding und kann nicht bestehen. Wird es auch in Rumänien aus dem politischen Lebm verschwinden können? Um diese Frage zu beantworten, ist ein Mckblick auf die rumänische Judenfrage der letzten Jahrzehnte notwmdig, dmn nur wenn man den eigenartigen Charakter der rumänischen Judenfrage begriffen hat, kann man auch ihre Lösungsmöglichkeitcn bester beurteilen. (Schluß folgt.) Von der „Agudas Jisroel". (Die Kriegsanleihe.) Das Resultat der VI. österreichischen Kriegsanleihe hat diesmal alle Erwartungen übertroffen. Fast volle 5 Milliarden Kronen haben die Völker der Monarchie damit dem Vaterlande zur Verfügung gestellt, um den siegreichen Krieg zu einem ehrenvollen. Ende führen zu können. — Entsprechend dieser Rekordziffer, die alle bisherigen Ergebnisse bei weitem übertrifft, ist auch das Ergebnis der Zeichnunge n durch den Kriegsanleihe-Zeichnungsverein „Agudas Jisrocl" diesmal ein geradezu überraschend glänzendes. Das Resultat der VI. Kriegsanleihe stellt sich gegenüber den Zeichnungen auf die V7. Kriegsanleihe als verdoppelt dar. Nicht weniger als K 598.600 wurden diesmal durch den Agudas Jisroel-Zeichnungsverein subskribiert — eine überraschende Ziffer, die fast durch keinen anderen österreichischen Kriegsanleihe- Zeichnungsverein erreicht wurde. Dabei ist noch in Betracht zu ziehen, daß es sich vornehmlich um Zeichnungen des sogenannten „Kleinen Mannes" handelt, die in der Höhe von X 50 auswärts subskribiert wurden, wovon ein beträchtlicher Teil in kleinen Monatsraten zur Einzahlung gelangt. Man kann sich daraus erst eine Vorstellung davon machen, wieviel Mühe und Arbeit die Leitung der „Aguda" leisten mußte. Dieses Ergebnis bedeutet aber nicht bloß einen moralischen Erfolg der „Agudas Jisroel" und ihrer Leitung, sondern bildet auch ein Ehrenschild für das ganze Judentum. Unsere Glanbensbrüder, deren Namen auch sonst in den allgemeinen Zeichnungslisten hervorragend glänzen, haben damit bewiesen, daß sie ihre patriotischen Pflichten voll und ganz, nicht bloß mit Worten, sondern auch mit Taten, erfüllen. (Die Cheder-Aktion.) Um die „Aguda" in den L-tand zu setzen, ihr Schulwerk entsprechend auszugestalten, hat die Leitung beschlossen, in den Bethäusern eine entsprechende systematische Propagandatätigkeit zu entwickeln. Zu diesem Zwecke hielt Herr Rabbiner Bevisch Steinberg vorigen Sonntag abends im Bethause „Eines weschalom“ eine sehr wirkungsvolle Rede, in welcher er die große Bedeutung der Schulaktivn der „Aguda" für die religiöse Erziehung der Jugend, speziell der Flüchtlingskinder, schilderte und zur materiellen Förderung derselben aufforderte, damit die Aguda in der Lage sein sollte, die bisher errichteten Chedarim auszugestalten und neue zu errichten. Die warmen Worte des Vortragenden machten auf die Zuhörer einen überaus tiefen Eindruck und zahlreiche Bürger traten der Aguda mit entsprechenden Monaisbeiträgen für das Chedarim-Werk bei. Aehnliche Propagandaversammlungen werden auch in den anderen Bethäusern abgehalten werden. (Gebetbücher und Ritualien-Verschleiß.) Um den Verkauf von Gebetbüchern und Ritualien zu beaufsichtigen und zu regeln, hat die Leitung der „Agudas Jisroel" mit dem hebräischen Buchhändler Herrn Jehoschua Gras eine Vereinbarung getroffen, wonach dieser in der Großen Schiffgasse 13 eine besondere Abteilung errichtete, in welcher unter der Aufsicht der „Aguda" Gebetbücher, Tefilin, Talessim, Zizith, Mesusoth und alle anderen Ritn-