Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 20 (5.7.1917)
- Date
- 1917-07-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Dorische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. ___ , , T . Redaktion und Administration: vierteljährlich k i-2o. Wochenblatt für jüdische Interessen. Wien, VIII. AlserstraLe 55. Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet. Redakteur. Jonas Kreppei. Erscheint jeden Donnerstaa. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag 20. Wien, 5. Juli 1917. III. Jahrgang. Des Kaisers Gnadenakt. Den Völkern Oesterreichs ist dieser Tage eine freudige Ueberraschung zuteil geworden. In einem Handschreiben an den Ministerpräsidenten hat der Kaiser seinem unerschütterlichen Willen Ausdruck gegeben, die durch eine göttliche Vorsehung ihm anvertrauten Rechte und Pflichten in der Weise ausznüben, daß die Grundlagen für eine gedeihliche und segensreiche Entwickelung aller seiner Völker geschaffen werden. Die Politik des Hasses und der Vergeltung, die, durch unklare Verhältnisse genährt, den Weltkrieg auslöste, wird nach dessen Beendigung unter allen Umständen und überall ersetzt werden müssen durch eine Politik der Versöhnlichkeit. Dieser Geist muß auch im Innern des Staates vorwalten. Es gilt, mit Mut und Einsicht.und in wechselseitigem Entgegenkommen Völkerwünsche zu befriedigen. In diesem Zeichen der Versöhnlichkeit will der Kaiser mit Gottes mächtigem Beistand seine Regentenpflichten üben und will, als Erster den Weg milder Nachsicht betretend, über alle jene bedauernswerten politischen Verirrungen, die sich vor und während des Krieges ereigneten und die zu strafgerichtlichen Verfolgungen führten, den Schleier des Vergesscns breiten. In diesem Sinne erläßt der Kaiser den Personen, die von einem Zivil- oder Militärgerichte wegen einer der folgenden im Zivilverhältnisse begangenen Majbaren Handlungen verurteilt worden-tiud, Lre . verhängte Strafe: Hochverrat, Majestätsbeleidigung, Beleidigung der Mitglieder des kaiserlichen Hauses, Störung der öffentlichen Ruhe, Aufstand, gewaltsames^ Handeln gegen eine öffentliche Behörde, sowie Vorschubleistung zu, einem der angeführten Verbrechen. Der Kaiser erwartet mit Zuversicht, daß alle seine Völker sich in gemeinsamer Arbeit zur Lösung aller jener großen Aufgaben zusammenfinden, die zur Heilung der Wunden, die der Krieg geschlagen hat und zur Neuordnung der Dinge an der Schwelle einer neuen Zeit herantreten. Der Kaiser wählte hiezu den Tag, an welchem der Kronprinz Erzherzog Otto die Feier seines heiligen Namenspatrons begeht, und so soll die Hand eines Kindes, welches berufen ist, dereinst die Geschicke der Völker zu leiten, Verirrte ins Vaterland zurückführen. * Das kaiserliche Gnadenmanifest hat in der ganzen Monarchie die lebhafteste Befriedigung hervorgernfen und mit kindlicher Liebe und Dankbarkeit wurde dieser neue Beweis kaiserlicher Gnade und väterlichen Wohlwollens begrüßt. Die politische Tragweite dieses Manifestes und dessen Bedeutung für die zukünftige Gestaltung der innerpolitischen Verhältnisse in der Monarchie ist seitens der Tagespreise ausführlich behandelt und erörtert worden und es ist hier nicht der geeignete Ort, daraus näher einzugehen. Wir wollen dem allerjüngsten Gnadenakt des Kaisers nur insoferne einige Worte widmen, als derselbe einen Zusammenhang mit der Jndenfrage in Oesterreich haben kann. Mit Stolz und Selbstbewußtsein können wir hiebei konstatieren, daß die österreichische Judenschaft diesmal in der glücklichen Lage ist, keinen Anspruch darauf erheben zu 'müssen, auch ihrerseits dieser kaiserlichen Gnade teilhaftig zu werden. Wir werden nicht übertreiben, wenn wir mit lebhafter Genugtuung feststellen, daßsichka umein Jude finden dürste, der in die Lage gelangen wird, von dieser Amnestie Gebrauch zu machen. Es fällt uns nicht ein, die Vergehen und Verfehlungen, die hie und da irgend einer unserer Glaubensgenossen begehen sollte, ableugnen und denselben vor der verdienten Strafe bewahren zu wollen. Aber mögen sich auch unter uns manche Nichtswürdige finden, die Verbrechen begehen,—Hochverräter, Majestätsbcleidiger, Ausstandanstister rc. sind die Juden nicht. Unser Patriotismus, unsere Anhänglichkeit zu Kaiser und Vaterland ist über jedem Zweifel erhaben. Indem wir es, gleich allen anderen Völkern, mit Freude begrüßen, daß der hochherzige Monarch spontan die Initiative zu einem solchen Akte ergriffen hat, dessen Folgen die segensreichsten sein dürsten, indem wir den heißesten Wunsch zum Ausdruck bringen, daß die Erwartungen, die der Kaiser an diesen Schritt knüpst, in baldige Erfüllung gehen mögen, — können wir nicht umhin, gleichzeitig stolz und selbstbewußt zu betonen, daß das Verhalten unserer Glaubensbrüder die Erlassung eines derartigen Gnadenmanifestes nicht nötig gemacht hat. Mit höchster Befriedigung lehnen wir diesmal unseren Anteil an dieser Gnade dankend ab. Das kaiserliche Gnadenmanifest hat aber für die österreichische Judenschaft noch eine weitere Bedeutung. Indem der edle Monarch seinen Völkern mit dem rühmenswerten Beispiel einer Politik der Versöhnlichkeit vorangeht, indem der Kaiser die Politik des Haffes verwirft, drückt er damit den erhabenen Wunsch aus, daß diese Politik nicht nur im Verhältnisse zivischen Völker und Staat, sondern zwischen den Völkern der Monarchie untereinander aufhören und einer Politik der Versöhnlichkeit - Hlatz «ache»->mSAe?"O<M-"BM^d«"Wrtt^ hatte.fir viel unter der Politik des Hasses zu leiden wie die Juden, keines ist an einer Politik der Versöhnlichkeit so lebhaft interessiert als die Juden. In dem neuen Oesterreich, dem der Kaiser mit seinem hochherzigen Gnadenakte die Wege ebnen will, dürste es für Haß und Mißgunst kein Betätigungsgebiet geben und dann werden sich auch die Juden der Monarchie jener Segnungen des Friedens und der friedlichen Arbeit erfreuen können, die ihr höchster Wunsch sind. In diesem Sinne bedeutet das kaiserliche Manifest auch für die Inden der Monarchie eine freudige Botschaft, eine glückliche Verheißung. __ Spectator. Die Engländer bombardieren Jerusalem! Der Türkische Generalstabsbericht vom 28. Juni meldet, daß die Engländer einen Luftangriff auf Jerusalem unternommen, wobei sie etwa 70 Bomben aus den Oelberg abgeworfen haben. Menschenleben waren hiebei keine zu beklagen, der Sachschaden ist gering. — Der englische Generalstabsbericht bestätigt diese Meldung, erklärt aber zur Verschleierung, daß es sich um einen Angriff auf militärische Anlagen „hinter Jerusalem" gehandelt hat. Die Stilisierung des englischen Bericht ist der deutlichste Beweis dafür, daß selbst die rücksichtslosen Engländer nicht den Mut haben, diese Missetat offen einzugestehen und sich hinter der Ausrede verstecken, daß es sich um einen Angriff „hinter Jerusalem" gehandelt hat. In der Tat ist dieser Angriff eine Ruchlosigkeit, die in der gesamten Kulturwelt die höchste Empörung Hervorrufen müßte. Jerusalem ist eine' heilige Stadt für sämtliche Religionsbekenntnisse, dort befinden sich die heiligen Stätten aller Konfessionen, unersetzbare Heiligtümer, gegenüber welchen die sogenannten Altertümer von Löwen und Reims kaum in Betracht kommen. Welcher Lärm wurde nicht geschlagen, als die Deuffchen seinerzeit aus militärischen Gründen sich gezwungen sahen, diese Städte zu bombardieren und manches zu zerstören. Welche gewaltige Agitation wurde nicht in der ganzen Welt gegen die „barbarischen Boches" in Szene gesetzt, welche Hetze wurde nicht getrieben, wie wird dieses Kapitel des Weltkrieges noch heute dazu benützt, um gegen die Mittelmächte Stimmung zu machen! Den Engländern aber scheint alles erlaubt zu sein. Sie haben einen Luftangriff auf die Stätten unternommen, die allen Völkern heilig sind — sie haben hiefür keine zwingenden Gründe militärischer Natur anführen können — das ganze ist ein Racheakt für eine Niederlage, die sich die Briten in einem Luftkampse bei Gaza geholt hatten: Und doch schweigt die Kulturwelt, es schweigt sogar die katholische Kirche, die sonst hinsichtlich der heiligen Stätten in Palästina sehr empfindlich ist; es schweigen merkwürdigerweise auch jene zionistischen Kreise, die erst vor kurzem eine gewaltige Hetze gegen die Türkei aufgeführt hatten, als englische und französische Agenturen über angebliche Judenverfolgungen in Jaffa zu berichten wußten. Heute schweigt man im schwedischen Parlament, heute protestiert nicht einmal Spanien. Als die Nachrichten über die Evakuierung Jaffas einlangten, rauschte die ganze jüdische Welt vor Aufregung und Empörung aus. Es hat sich später heransgestellt, daß die Nachrichten tendenziös gefärbt und übertrieben waren. Glaubwürdige und verläßliche Quellen wußten später zu melden, daß von Ausschreitungen und Verfolgungen keine Rede sein kann. Die Evakuierung an und ftir sich hat wohl über die Evakuierten große Not gebracht und die Aufregung war begründet. Aber schließlich handelte es sich hiebei um streng militärische Maßnahmen; die mau von brr Ferne, gar nicht genau beurteilen kann. Ganz anders stellt sich natürlich das englische Vorgehen dar. Der Oelberg liegt hart an Jerusalem und es fehlte sicherlich wenig dazu, daß die englischen Flieger die Stadt selbst zum Schauspiel ihres „Heldentums" gewählt hätten. Gewiß war dies auch die Absicht der ob ihrer Niederlage erbosten Briten. Man kann sich leicht vorstellen, welche Opfer ein derartiges Bombardement in dieser dichtbewohnten Stadt mit ihren engen Gassen und Güßchen gefordert hätte und welche historischen Denkmäler und Heiligtümer aller Konfessionen dabei zerstört und vernichtet werden konnten. Merkwürdigerweise aber verhält sich die europäische, die christliche, ja selbst die jüdische öffentliche Meinung fast vollständig ruhig diesem Ereignisse gegenüber. Als ob den frechen Engländern tatsächlich alles erlaubt märe! Glücklicherweise ist den lieben Engländern diesmal ihr Plan nicht geglückt. Aber wer bürgt dafür, daß sie nicht ein zweites Mal den Versuch wiederholen und mit mehr „Glück"'?! — Wenn die öffentliche Meinung derartige Niederträchtigkeiten ruhig hinnimmt, dürfte sie bald das Recht verwirken, in derartigen Dingen überhaupt ein Wort dreinzureden. Für die Inden aller Länder, die die Engländer gerade jetzt mit dem Versprechen ködern wollen, nach der „Eroberung" Palästinas dortfelbst eine jüdische Republik zu errichten, — möge das Bombardement von Jerusalem der beste Beweis dafür sein, was man von John-Bull zu erwarten hat. Ben- A m i t a i. Die russischen Juden für den Frieden. Die „Berliner Zeitung" meldet aus Amsterdam: Der englische Arbeitervertreter Thorne teilt int Wochenblatt „Justice" mit, in Petersburg erklärten die russischen Juden rundweg, man könne »ou ihnen nicht verlangen, daß sie gegen die österreichischen und deutschen Brüder kämpfen. Sie dringen darauf, daß bei den Regierungen Englands und Frankreichs noch einmal Versuche gemacht werden, den Frieden sobald als möglich zustande zu bringen. In dieser Form klingt diese Nachricht höchst merkwürdig. Daß die russischen Juden kein Inter-