Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 19 (21.6.1917)
- Date
- 1917-06-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 Balkankriege griechische Untertanen geworden sind und deren Gemeinde jetzt eine hervorragende Stellung unter den jüdischen Gemeinden Griechenlands einnimmt. Nach dem Uebergang Salonikis in griechische Herrschaft wanderten tausende jüdischer Familien aus Furcht vor dem griechischen Antisemitismus nach Konstantinopel und Smyrna ans, worüber sich manche griechischen Kaufleute anfänglich freuten. Die griechische Regierung sah aber bald ein, daß sie in den ausgewanderten Juden eine dem Handel und der Industrie des Landes im hohen Maße nützliche Bevölkerung verloren hatte, und bemühte sich, dieselben mit allen erdenklichen Mitteln ins Land zurückzulocken. Als die schlauen Lobgesänge der griechischen Presse über die Juden ihr Ziel verfehlten, ließ die Regierung ein offizielles Dekret veröffentlichen, wonach sämtliche Juden Salonikis, den Interessen der Hafenstadt entsprechend, vom Militärdienst befreit wurden. Mit dieser im März 1914 erschienenen Verordnung gelang es der Regierung Venizelos, viele ausgewanderte Juden zur Rückkehr zu bewegen. Seit dieser Zeit hat sich die Lage in Griechenland wesentlich geändert. Der Traum von einem Groß- Gricchenland hat sich verflüchtigt, die Erbitterung des Volkes wächst von Tag zu Tag, das kleine Häuflein der Venizclos-Anhänger beherrscht die Stadt, deren Bevölkerung für den König und seine friedliche Politik offenkundig Partei nimmt. Als Venizelos mit seiner Kriegs-Proklamation eine schmähliche Niederlage erlitten hatte, ließ der große Diplomat seinen Groll an den unschuldigen Saloniker Juden aus, indem er die vor zwei Jahren den Juden gewährten Privilegien aufhob. In seiner Proklamation erklärt er folgendes: „Die Juden Salonikis sind vor allem an den jetzigen Wirrnissen des Landes schuld; sie bewahren im Herzen noch Liebe zu ihrer früheren türkischen Herrschaft und mißachten die griechische Fahne; sie alle sind Apostel der „Teutonen". Ich befehle daher, die strengsten Maßregeln gegen die Juden von Saloniki zu ergreifen und sie in ausgiebiger Weise für den Kriegsdienst zu verwenden; innerhalb dreier Tage müssen sämtliche Juden bis zum 40. Lebensjahr in die Staatskasernen gebracht werden." Auf diese Weffe flößte Venizelos der griechischen Bevölkerung Mißtrauen gegen die Juden ein, das leicht zu Pogromen führen kann; die Griechen verstehen sich aber auf die Veranstaltung von Pogromen, wie sie es bei der Niedermetzelung von 12.000 Juden in der türkischen Stadt Tripoliza nach der Einnahme derselben durch die Griechen gezeigt haben. Bei der heute in Saloniki herrschenden unruhigen Stimmung kann sich leicht etwas ähnliches ereignen. Zur Frage des Militärdienstes der russtschen Juden in England. Die russische Revolution hat die Lage der russischen jüdischen Flüchtlinge in England nicht nur nicht gebessert, sondern noch sehr verschlimmert. Die englische Presse, schreibt die „Jüdische Presse", setzt ihre Hetze gegen sie unaufhörlich und in immer stärkerem Maße fort und benutzt die gegenwärtige Lage der Juden in Rußland als neues Hetzmittel gegen die pflichtvergessenen „East-Endcr". Es vergeht kaum ein Tag, an dem sich nicht in der großen englischen Presse — besonders in den Northcliffe- Zeitungcn — ein Hetzartikel befindet, der die Frage des Militärdienstes der russischen Juden in England behandelt. Dieses „in England" muß jetzt besonders unterstrichen werden, da jetzt, seit der russischen Revolution und der Abschaffung der russischen Judenaesetzgebung, es sich ganz klar erwiesen hat, daß es sich hier nicht um die Erfüllung einer Forderung eines verbündeten Staates handelt, sondern lediglich darum, die Reihen der englischen Armee mit fremden, nichtenglischen Elementen aufzufüllen. Die russischen Juden in England sollen Äs Kanonenfutter auf der Weststont dienen. Man hat seit der russtschen Revolution plötzlich aufgchört, den russischen jüdischen Flüchtlingen mit der Rücksendung nach Rußland zu drohen; im Gegenteil, die Flüchtlinge verlangen selbst, man solle sie in ihre Heimat zurücksen'den; doch wird ihnen dauernd erklärt, das sei jetzt unmöglich, da man sie auf der Weststont brauche. Auf diesen Ton sind alle Hetzartikel der englischen Presse gegen die jüdischen Flüchtlinge in der letzten Zeit gestimmt. So erschien in der „Daily Mail" vom 9. April ein Artikel gegen sie, in dem das alte Lied von dem glücklichen Schicksal der russischen Flüchtlinge in England und ihrer Pflicht zur Dankbarkeit gegen ihr Adoptivvaterland wiederholt wird. Jetzt, während des Krieges, heißt es im Artikel, könne es nicht mehr geduldet werden, daß die East-Ender weiterhin ungehindert leben und sich dem Heeresdienst entziehen. Der Artikelschreiber der „Daily Mail" erzählt, tvie er es selbst beobachtet habe, daß während der Osterfeiertage die russischen jüdischen Flüchtlinge einen unerhörten Luxus zur Schau getragen haben. 15 Schilling haben sie für Geflügel gezahlt und haben die feinsten Delikatessen aufgekauft. Jetzt, da die Juden in Rußland frei geworden sind, fährt der Artikel fort, sei kein Grund mehr für die russischen Flüchtlinge vorhanden, sich ihrer Pflicht, ihrem Vatcrlande zu dienen, zu entziehen. Da aber die gegenwärtigen Umstände auf dem Meere solche seien, daß es unmöglich ist, sie in ihre Heimat zurückzusenden, müßten sie ihre Dienstpflicht auf der Westfront erfüllen. Die „Times" veröffentlicht in ihrer Nummer vom 11. April einen Brief, unterzeichnet von „einigen verwundeten russischen Offizieren", der voll ist von Verleumdungen und Beleidigungen gegen die russischen Juden, weil sie nicht' in die englische Armee ein treten. Auf eine Anfrage des liberalen Abgeordneten King im Parlament vom 17. April, ob die russischen Untertanen im militärischen Alter, die sich in England befinden, nach Rußland werden zurückfahren können, um für ihr Vaterland zu kämpfen, und nicht für England,' das nicht unmittelbar von einem Ueberfaü bedroht sei, und ob man ihnen die Möglichkeit geben würde, bald zurückzufahren und die Reihen des verbündeten Rußland zu verstärken, hat der Minister des Innern eine ausweichende Antwort gegeben, indem er erklärte, daß er nichts zü den Antworten hinzuzufügen habe, die schon stüher in dieser Angelegenheit erteilt worden sind. Diese Antworten sind aber schon allgemein bekannt, nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis; kein Russe in militärischem Alter, von außergewöhnlichen und seltenen Ausnahmen abgesehen, hat bis jetzt die Erlaubnis erhalten, nach Rußland zurückzukehren, um „die Reihen der russischen Verbündeten zu verstärken". Die „Daily Chronicle" vom 17. April wendet sich in einem Leitartikel mit dem Vorwurf gegen die rnsstschen Flüchtlinge, warum sie jetzt nach Rußland znrückkehren wollten, da sie doch wüßten, daß keine Schiffe vorhanden wären. Wenn sie für das freie Rußland kämpfen wollten, warum wollen sie nicht auch für das freie England kämpfen, das den russischen Flüchtlingen Schutz gegen die Verfolgung geboten habe? Im selben Sinne ist auch eine Notiz der „Weekly Despatch" vom 22. April gehalten, die folgendes mitteilt: „Russische junge Leute, die nicht ihre Militärpflicht erfüllen wollen, behaupten jetzt, sie wünschten in Rußland zu kämpfen, und man solle sie dorthin zurücksenden. In Wahrheit glauben sie, daß nicht genügend Schiffe vorhanden sind, um sie zurückzuschicken. Diese Schwierigkeit kann beseitigt werken, und es besteht keine Ursache, weswegen die Regierung ihren Wunsch nicht erfüllen sollte, an der Seite ihrer eigenen Landsleute zu kämpfen. Es gibt eine russische. Armee in Frankreich, eine zweite Armee in Makedonien und eine dritte in Mesopotamien. Mögen sie wählen und in eine dieser drei Armeen eintreten. Wir schlagen dem Minister des Innern auf diesem Wege eine vollständige Lösung der Frage vor." Daß all diese Fronten, die die Zeitung erwähnt, keine russischen, sondern englische Fronten sind, verschweigt sie. Ganz im selben Sinne sind auch die hetzerischen Artikel und „Vorschläge" gehalten, die die „Evening News" und andere englische Blätter jüngst veröffentlicht haben. Endlich sei auch die charakteristische Tatsache erwähnt, daß auch frühere englische Soldaten dagegen protestiert haben, daß man die „privilegierten Ausländer" in England nicht zum Militärdienst zwingt. Bekanntlich wurde nämlich jüngst im englischen Parlament ein Gesetz angenommen, laut dem die Rekrutierungskommission die bis jetzt befreiten und auch die schon gedienten, aber von der Armee zurückgeschickten Soldaten noch einmal auf ihre Dienstfähigkeit untersuchen sollte. Diese Soldaten haben nun am 22. April eine große Demonstration auf dem Trafalgar Sguare veranstaltet und einstimmig gegen das Gesetz protestiert. In der Protestresolution wird einerseits auf die vielen englischen Drückeberger hingewiesen, auf der anderen Seite gefordert, „daß die jungen Leute, die nicht im Lande geboren sind, eingezogen werden und die verantwortlichen Pflichten für alle die Privilegien, die sie im Lande genießen, aus sich nehmen sollten." Rundschau. Aus dem österreichischen Reichsrate. Die Abgeordneten Waffilko und Genossen haben an den Minister des Innern und an den Unterrichtsminister eine Anfrage in Angelegenheit der Behandlung der Juden aus Rumänien gerichtet, die zwar als „Ausländer" betrachtet werden, in Wirklichkeit aber keine Rumänen sind, da ihnen die bisherige rumänische Gesetzgebung das Bürgerrecht verweigerte. — In den Verfassungsausschuß wurde Abg. Reizes gewählt. Kriegsauleihe-Zeichnungsvereiu „Agudas Jisroel". Auch in den letzten Wochen war die Kriegsanleiheaktion der „Agudas Jisroel" sehr intensiv und das Resultat ist bereits wesentlich höher als bei früheren Anleihen. Ueberaus lebhaft war die Propaganda in den letzten Tagen. Das Endresultat dürste demnach ein glänzendes sein. Botschafter Elkus über die Ereignisse in Palästina. Aus Bern erhielt die „Jüdische Rundschau" folgende Meldung: „Der Vizepräsident des Schweizerischen Zionistenverbandes, Herr Kantor Messinger, hatte die Ehre, von seiner Exzellenz dem amerikanischen Botschafterin der Türkei, Herrn Abram I. Elkus, anläßlich seiner Durchreise in Bern am 0. Juni 1917 in längerer Audienz empfangen zu werden. Da in letzter Zeit in der Presse die verschiedensten und sich widersprechenden Nachrichten über die Vorgänge in Palästina verbreitet wurden, ist es selbstverständlich, daß sich die Unterredung unter anderem auch auf die palästinensischen Vorgänge bezog. Herr Botschafter Elkus war in der Lage, festzustellen, daß laut den Berichten, die ihm selbst zugekommcn sind, anläßlich der Evakuierungen, die in Jaffa stattgefunden haben, von Judeninassakers und Pogromen keine Rede sein kann. Dagegen hat die jüdische Bevölkerung der evakuierten Gebiete begreiflicherweise Schaden an Hab und Gut genommen und befindet sich deshalb in Slot." Generalversammlung der „Jsr. Allianz zu Wien". Die 44. Generalversammlung der „Israelitischen Allianz zu Wien" findet Montag, den 25. Juni 1917, um 6 Uhr abends, im Saale der Israelitischen KultuSgcmeinde, I., Seitenstettengasse 4, II. Stock, statt. Tagesordnung: 1. Bericht über die Tätigkeit des Vereines im Jahre 1910: 2. Bericht über die finanzielle Gebarung im Jahre 1916; 3. Genehmigung der Kooptation von zwei Vorstandsmitgliedern (§ 6, al. 3 der Statuten); 4. Wahl von fünf Vorstandsmitgliedern mit vierjähriger Funktionsdauer an Stelle der turnusmäßig ausscheidcnden Mitglieder; 5. Genehmigung der Wahl von Beiräten (§ 6, al. 2 der Statuten); 6. Etwaige Anträge der p. t. Mitglieder (§ 6 der Statuten). Der Jahresbericht wird in den nächsten Tagen an die Mitglieder in Wien direkt, an die auswärtigen Mitglieder durch Vermittlung der Filialen und Vertrauensmänner übersandt. Für die außerhalb Wiens wohnenden Mitglieder (sowie für die gegenwärtig in Wien wohnenden Mitglieder aus Galizien und der Bukowina) gilt die Bekanntmachung in den Blättern zugleich als Einladung. Die Kopenhagener Spitzel-Affäre. In Kopenhagen erregen die Spitzeldienste, die der Agent Korsakow der russischen Ochrana leistete, großes Aufsehen. Er hatte die Berichterstattung der russischen Blätter zu überwachen und sandte der „Nowoje Wremja“ falsche Nachrichten. Außerdem stand er mit dem Führer der Schwarzen Hundert, Markow II., in nahen Beziehungen. Nunmehr ist