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Jüdische Korrespondenz · 1917-06-21 · 19 (21.6.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
19 (21.6.1917)
Date
1917-06-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. «form, das treibende Element, der tragende Faktor dieser Demokratisierung, gilt mir daher als das bedeutendste Problem, als die Voraussetzung dazu. Der König hat sich nicht nur mit Worten, sondern mit überwältigenden Taten, mit seinem ganzen Ich an die Spitze der Aktionen gestellt, zu deren restloser Realisierung sein Ministerium berufen ist .. Vazsonyi leistete den Ministereid laut den sür Protestanten bestimmten Text, unter Weglassung aller katholischen Redewendungen. In der ungarischen Oeffentlichkeit bildete Bazsonyis Ernennung zum Minister ein Ereignis ersten Ranges. Der Leitartikel eines der bekanntesten Budapester Abendblätter war an diesem Tage, da Wilhelm Vazsonyi seinem König nach der neuen Eidesformel das Gelöbnis leistete, überschrieben: „Lieber Doktor Vazsonyi — Ich ernenne Sie zu Meinem Justizminister!" ... Die jüdische Repräsentanz im Hcrrenhanse. (Von besonderer Seite.) Die jüngste Berufung neuer Herrenhausmitglieder hat einem Teile der jüdischen Presse die Gelegenheit gegeben, mit einem großen Eifer — der gewissermaßen die Spuren einer Absichtlichkeit verrät — die angebliche Streichung des Namens des Wiener Kultuspräsidenten, Herrn Dr. Alfred Stern, von der Liste der zu berufenden Herrenhausmitglieder zu behandeln und darin einen Affront sowohl gegen den Präsidenten, als auch gegen das österreichische Judentum zu erblicken. Zur Steuer der Wahrheit kann der Schreiber dieser Zeilen auf Grund von Informationen an maßgebender Stelle zunächst feststellcn, daß von einer Streichung absolut keine Rede sein kann. Es hat überhaupt keine derartige Liste gegeben und es konnte deswegen keine Streichung vorgenommen werden. Als die Frage der Wiedereinberufung des Reichsrates und damit der Ergänzung des Herrenhauses akut wurde, brachten die Zeitungen wiederholt diverse Listen der zu ernennenden Persönlichkeiten. Darunter befand sich auch der Name des Kultuspräsidenten. Es ist nicht genau bekannt, woher diese Listen stammen — soviel ist aber sicher, daß dieselben gar keinen Anspruch auf Authentizität hatten, und man muß nur diese Listen mit derjenigen der tatsächlich berufenen Pairs vergleichen, um zu konstatieren, wieviel müßige Kombination und wie wenig verläßliche Informationen hiebei mitgewirkt haben. Man kann ohne Uebertreibnng sagen, daß nicht einmal der vierte Teil dieser Listen mit der späteren, authentischen identisch ist. Es kann demnach von irgend einem Affront der maßgebenden Kreise gegen den allgemein hochgeachteten Kultuspräsidenten Herrn Dr. Stern, resp. gegen die österreichische Judenschaft, keine Rede sein. Will man aber die Frage näher erörtern, warum denn eigentlich die österreichische Judenschaft tatsächlich keine spezielle Repräsentanz in der Pairskammer hat, so muß man sich sagen, daß die Verhältnisse im jüdischen Lager die Hauptschuld daran tragen. Bei dem Mangel einer allgemeinen jüdischen Organisation und bei der Unmöglichkeit, eine solche zustande zu bringen — die Erfahrungen während des Krieges haben dies ja zur Genüge bestätigt — könnte ein solcher Repräsentant nur irgend eine hervorragende Persönlichkeit sein, die allen Gruppen und Parteien genehm wäre. Nun besitzt das österreichische Judentum keine einzige derartige Persönlichkeit. Knltuspräsident Dr. Stern wäre wohl kraft seiner Persönlichkeit und seiner Stellung der berufene Mann dazu. Aber wer sich der persönlichen Hetzkampagne erinnert, die gerade gegen diesen Mann so oft und erst vor Jahresfrist in Angelegenheit der Rabbinerfrage geführt wurde, und dies gerade in demjenigen Teile der jüdischen Presse, die sich heute so stark für ihn exponiert, muß sich fragen, ob man an maßgebender Stelle auf Grund dieser Hetzereien den Eindruck gewinnen konnte, daß die Berufung des Präsidenten der ersten österreichischen Judengemcinde tatsächlich alle Kreise besticdigen werde?! Mußte nicht eher angenommen werden, daß sich dann erst recht die Proteste häufen dürften, die diese Wahl als keine glückliche erscheinen lassen werden. Was hinsichtlich des Kultuspräsidenten Dr. Stern gesagt wurde, kann auch für Nr. 19 alle anderen eventuell in Betracht kommenden Persönlichkeiten gelten. Freilich, es darf nicht angenommen werden, daß es nicht gestattet sein sollte, eine im öffentlichen Leben wirkende Persönlichkeit zu kritisieren. Diese Kritik darf aber nie so weit gehen, dem Kritisierten persönlich nahezutreten und in ihm auch die Stellung zu treffen, die er repräsentiert. Man möge nur die sogenannte „unabhängige" jüdische Presse durchblättern und sich die diversen Kundgebungen unserer Parteien vor Augen halten, um zu sehen, mit welcher Mißachtung, mit welchem Hohn da oft die Kultusgemeinden als solche behandelt und verschrien wurden. Der Kampf gegen den „Kahal" als solchem galt doch gewissen Parteien und Gruppen überhaupt als Dogma, als Plattform. Wie sollte man da an maßgebender Stelle annehmen, daß ein Kahalpräsident der allen Juden genehme Repräsentant im Herrenhause sein wird?! Dasselbe läßt sich hinsichtlich unserer Rabbiner sagen. Wir besitzen keineswegs irgend eine derartige rabbinische Autorität,die inan maßgebendenorts als Repräsentant des Gesamtjudentums betrachten könnte. Welcher Hexentanz wurde nicht gerade hinsichtlich der Oberrabbinerstelle in Wien aufgeführt, welche Mittel wurden nicht angewendet, um gewisse Kandidaturen zu forcieren, resp. zu hintertreiben! Kann dann diese Stellung ihrem Träger die wünschenswerte Autorität verschaffen?! Dies müssen wir uns einmal gesagt sein lassen. Es hat keinen Zweck, irgendwo Animosität und Zurücksetzung zu suchen, wo wir selbst alles tun, aus „heiligem Partei-Egoismus" das Ansehen unserer berufenen Repräsentanten zu untergraben. Diejenigen, die im eigenen Kreise als die Berufenen gelten werden, sei es kraft ihrer Persönlichkeit oder auch kraft ihrer Stellung, werden auch an den anderen Stellen als die Berufenen gelten. Die Ludenfrage im österreichischen Reichsrate. In der Reichsratssitznng vom 15. d. M. ergriff u. a. Abg. Reizes das Wort. Redner erörterte zunächst die Flüchtlingsstage und drückt seine lebhafte Befriedigung darüber aus, daß seine Anregung, einen Flüchtlingsausschuß zu bilden, auf fruchtbaren Boden gefallen sei. In diesem Ausschuß werde selbstverständlich die gesamte Flüchtlingsfrage ausführlich behandelt werden. Jetzt wolle er nur an die Regierung die dringende Aufforderung richten, die Internierung der Flüchtlinge in Barackenlagern einzustellen. Die Internierten, die in Baracken und in steirischen Schlössern zusammengepfercht und ihrer Bewegungsfreiheit beraubt sind, müssen wieder als freie Bürger behandelt werden. Die Erfüllung dieser hauptsächlichen Forderung ist überaus dringend. Redner bespricht sodann die gewaltigen Veränderungen, die sich im Laufe des Krieges bezüglich der Politik gegenüber den Juden vollzogen haben. Bei Beginn des Weltkrieges fehlte es nicht an Erklärungen und Versprechungen den Juden gegenüber, im galizischen Feldzug hat es in Tagesbefehlen ausdrücklich geheißen, daß die Juden als unbedingt loyale Elemente das größte Vertrauen verdienen. Zweifellos ist das gesamte jüdische Volk der Monarchie vollkommen staatstreu. Niemals hat ein Teil, auch nur ein verschwindend geringer, über die Grenze geschielt. Einerlei, ob in Vorarlberg, in Galizien, in der Bukowina, in Siebenbürgen oder Bosnien, überall hingen die Juden in aufrichtiger Liebe an der Monarchie. Die Anzahl der jüdischen Reserveoffiziere — und die Reserveoffiziere sind das Rückgrat des Volksheeres — geht dem Prozentsatz nach weit über das perzentuelle Verhältnis der Juden zur Gesamtbevölkerung, und zwar nicht nur im Hinterland, sondern auch an der Front. Tausende und abertausende jüdischer Kämpfer und Helden sind auf allen Schlachtfeldern gefallen, zuletzt in der großen zehnten Jsonzoschlacht, in der bekanntlich ostgalizische Regimenter, zu welchen eine große Anzahl jüdischer Soldaten und Reserveoffiziere gehören, sich ausgezeichnet haben. An keiner Front fehlen heute Juden. Der Anteil der jüdischen Aerzte an dem Heeressanitätsdienst ist geradezu überwältigend. Man könnte ruhig sagen, daß ohne sie die Armeeleitung nicht in der Lage gewesen wäre, die ungeheuren sanitären Aufgaben des Krieges auch nur halbwegs zu lösen. Die jüdischen Soldaten haben sich, die ungeheure Zahl von Auszeichnungen beweist eß, an allen Fronten glänzend geschlagen. Die Aussprüche des Kaisers über die Haltung der jüdischen Bevölkerung, des Korpskommandantcn General Schenk und vieler anderer Heerführer über die Pflichttreue des jüdischen gemeinen Soldaten sind allgemein bekannt. Auch die jüdische Zivilbevölkerung ist sich ihrer Pflichten gegenüber dem Staate bewußt. Man vergesse nicht, daß das glänzende Ergebnis der ersten fünf Kriegsanleihen nicht zuletzt auf die rege Mitarbeit und die Opferwilligkeit der jüdischen Finanz-, Handels- und Geschäftskreise zurückzuführen ist. Man vergesse aber auch nicht, daß in Galizien und der Bukowina gerade die Juden unter den unmittelbaren Einwirkungen des Krieges am meisten zu leiden hatten und überdies während der Jnvasionszeit am meisten bedrückt wurden, nicht zum wenigsten wegen ihres standhaften österreichischen Patriotismus. Bei dieser Gelegenheit sei es gestattet, in Erinnerung zu bringen, was im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten ist, daß zur Zeit der Russenherrschaft die Juden unter den größten Gefahren tausende und abertausende österreichische und deutsche in Gefangenschaft geratene Soldaten, ohne Opfer und Kosten zu scheuen, geborgen und für die Armee gerettet haben. Die Juden haben also das Recht, entsprechend ihrer Haltung behandelt zu werden und dies wollen sich die maßgebenden Faktoren stets vor Augen halten. , Redner bespricht dann ausführlich die Flüchtlingsstage, die Stellung der Juden zur Sonderstellung Galiziens, die Behandlung in der Armee und fordern speziell den Landesverteidigungsministcr auf, gegen die unerhörten Verdächtigungen, daß die Juden militärscheu und Drückeberger seien, im Namen der Wahrheit energisch aufzutreten. Er möge die Zahl der Juden nennen, die in den Kämpfen am Jsonzo geblutet haben, damit einmal das Gift der Verleumdung verschwinde. Man möge sich vor Augen halten, daß in den Zeiten der Demokratisierung der Welt kein Platz für mittelalterliche Vorurteile ist. Die Sprache der Heldenfriedhöfe in Prvacina und anderer spricht Bände. In der Sitzung vom 16. d. M. ließ es sich der christlich-soziale Abg. Dr. Jerzabek nicht nehmen, in einer Polemik gegen die Ausführungen des Abg. Reizes eine übliche antisemitische Rede vom Stapel zu lassen. In derselben Sitzung sprach auch Abg. Dr. St rauch er. Redner konstatierte, daß die Juden in diesem Kriege ihre staatsbürgerlichen Pflichten restlos erfüllt haben. Der Prozentsatz, den sie zum Heere gestellt haben, ist weit größer als ihrer Volkszahl entspricht. Im Reserveoffizierskorps ist die Zahl fast das Doppelte. Redner gibt seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß ein Mann wie Dr. Korosec die Frage gestellt habe, ob die Regierung mit der Alliance Jsraelite ein geheimes Konkordat abgeschlossen habe und im Anschlüsse daran die Juden der „Drückebergerei" verdächtigt habe. Er braucht doch nur den Abgeordneten Kuranda zu stagen, der ja Vizepräsident der Wiance Jsraelite sei, und von dessen zwei Söhnen der eine den Heldentod erlitt, der zweite noch im Felde steht. Es sei bedauerlich, wenn hier derartige Ammenmärchen nachgeredet werden, die aber geeignet seien, die Bevölkerung draußen aufzureizen. Redner bringt Beschwerden über die Fcsthaltung der Internierten und Konfinierten vor, gegen die nichts vorliege, und konstatiert, daß die Aenderung einem Gnadenakt des Kaisers zu verdanken sei, der mit dem Volke fühle. Die Flüchtlingsstage wird im Ausschuß gründlich zu behandeln sein. Unsere Hoffnungen, sagt Redner zum Schluffe, sind in Oesterreich traditionell auf die Dynastie und auf den Kaiser gerichtet. Die Zusicherungen in der Thronrede haben dieselbe Bedeutung, als wenn der Kaiser das Vcrfassungsgelöbnis geleistet hätte. Vom Volkshaus erwarten wir, daß es auch dem jüdischen Volk sein Recht zuerkennen werde. Zur Lage -er Jude» in Griecheulaud. Sämtliche Juden in Griechenland haben unter den Wirrnissen und Parteikämpfen im Lande zu leiden; am meisten aber lastet der Druck des Krieges auf den 80.000 Saloniker Juden, die erst nach dem

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