Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 19 (21.6.1917)
- Date
- 1917-06-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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£ Msche Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. . . ..t T .! Redaktion und Administration: vierteljährlich k 1-20. Wockenblatt für jüdische Interessen, j Wien, VIII. AlsorstrsLo 55. Ksollilruvli mit voller lluenensngsd« xestattst. s d 8. k t e U r . onas Krepp el. l.r^rhpint ip.lrn tlnnnpi'dan. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Nr. 19 Wien, 21. Juni 1917. III. Jahrgang. Englische Jndenhetze. Der Titel dieses Artikels klingt wohl etwas seltsam. War doch England stets dasjenige Land, in welchem die Gleichberechtigung der Juden am weitgehendsten durchgeführt wurde und welches sich oft auch der Juden in den anderen Ländern, die unter Druck und Entrechtung zu leiden hatten, anzunehmen pflegte. Und doch kann man heute ganz direkt von einer systematischen englischen Judenhetze sprechen. Wunder nehmen darf dies allerdings nicht. Chauvinismus und Völkerhaß waren stets ein Dioskurenpaar, das sich gegenseitig ergänzte. In dem Momente, da die Engländer sich dazu erniedrigten, im Interesse ihrer Busineß einen Weltenbrand zu entfachen und eine gewaltige Menschenschlächterei in Szene zu setzen, in dem Momente, da sie mit einem wilden Eifer dabei sind, jedes Bemühen, dem Kriege ein Ende zu bereiten, illusorisch zu machen, in dem Momente, da sie sich dazu entschlossen haben, den bisher bekämpften Militarismus im eigenen Lande einzuführen und ihre besten Grundsätze über Bord zu werfen, — warum sollten sie denn vor dem Antisemitismus Halt machen? — Dies umsoweniger, als ja die gewaltige Enttäuschung ob der fortgesetzten Mißerfolge in den breitesten Schichten des Volkes die größte Erbitterung hervorgerufen habe und cs nötig ist, der Erregung ein Ventil zu verschaffen. Wer kommt nun hiefür am ehesten und bequemsten in Betracht, als die Juden! Dies haben die biedern Engländer von ihrem ehemaligen Freunde an der Newa zur Genüge gelernt. An anderer Stelle dieser Nummer veröffentlichen wir einen ausführlichen Bericht über den Stand der Militärdienstfrage der russischen Juden in England, die ein geradezu erschreckendes Bild entrollt. Im Anschlüsse daran möge hier ein Bericht einer Wiener Tageszeitung in dieser Angelegenheit reproduziert werden, der aus dem Haag kommt und den Stand der Sache in den letzten Tagen schildert. Der erwähnte Bericht lautet folgendermaßen: „Als Nikolaus Romanow noch den Thron des heiligen Rurik innehatte — es ist noch gar nicht so lange her, obzwar eine Ewigkeit seit seinem Sturz durch die Revolution verflossen zu sein scheint —, gestattete die englische Regierung den in England befindlichen russischen Juden, die unter Väterchens Fahnen nicht kämpfen wollten, in scheinbarer Großmut den Eintritt in die englische Armee. Jetzt, da der gehaßte Zarismus, wie Hegel gesagt haben würde, zu einer blassen historischen Kategorie geworden ist, haben die von ihm über den Ozean gehetzten armen Menschen den Wunsch, in das Laßd zurückzukehren, das sie, trotz aller Wunden, die cs ihnen schlug, als Vaterland empfinden. Aber die englische Regierung sagt Nein! Sie kann die russischen Juden sehr gut als Kanonenfutter brauchen und hat nicht die mindeste Neigung, sie an die russische Revolutionsarmee abzugeben, in die sie eintreten wollen. In London fand dieser Tage eine große Versammlung statt, die sich mit diesen Dingen beschäftigte und auf der verschiedene Umstände zur Sprache kamen, aus denen hervorgeht, daß ein wüster Antisemitismus in England das Haupt erhebt, der an Niedrigkeit der Gesinnung und Methoden an die übelsten Traditionen russischer Observanz anknüpst. Die Versammlung fand in Whitechapel statt, dem Londoner Getto, aber nicht in dem Lokal, wohin sie einberufen worden war, da der Wirt, dem Druck der Behörden weichend, sich weigerte, den bereits bezahlten Saal zu öffnen. Den Vorsitz in der Versammlung führte Lord Sheffield, der bekannte jüdische Philanthrop, gegen den die Northcliffe-Presse darauf natürlich prompt ein scharfes Kesseltreiben eröffnet hat. Die Eröffnungsrede hielt in jüdischer Sprache der Sekretär der Londoner Zionisten. Unter stürmischen Demonstrationen der Anwesenden, die nach vielen Tausenden zählten, protestierte er mit leidenschaftlichen Worten gegen das völkerrechtswidrige Verhalten Englands, das in den russischen Juden Bürger einer fremden Nationalität zu Kriegsdiensten zwinge, ein Vorgang, der übrigens ein würdiges Gegenstück in dem Verhalten der rumänischen Regierung oder dessen, was von ihr übrig geblieben ist, finde. Lord Sheffield erklärte darauf, es sei ein nichtsivürdiges Unding, wenn irgendeine Regierung von Männern, die sie nicht als Vollbürger behandelt, die Erfüllung der letzten Bürgerpflicht, den Tod in Waffen, zu verlangen wage. Kein russischer Jude dürfe gezwungen werden, in englische oder französische Kriegsdienste zu treten, wenn er sich bereit erkläre, seine Dienstpflicht seinem eigenen Vaterlande gegenüber treu zu erfüllen. Schließlich wurde die folgende Resolution angenommen: 1. Die Versammlung protestiert gegen die völkerrechtswidrige Pressung russischer Staatsbürger jüdischen Glaubens zu Kriegsdiensten unter nichtrussischer Fahne und verlangt Erleichterungen zum Zwecke der Rückkehr russischer Juden und ihrer Familien nach Rußland. 2. Die englische Regierung verstößt gegen die von ihr offiziell vertretenen liberalen Grundsätze insofern, als sie es duldet, daß in England antisemitische Tendenzen Platz greifen, und auch insofern, als sie nichts tut, um Tendenzen dieser Art, die sich in anderen alliierten Ländern (Frankreich?) breitmachcn, zu bekämpfen. , 3. Die in englischen Militärdiensten stehenden russischen Juden sind, sofern sie es wünschen, sofort zu besonderen Formationen unter nationalem Kommando zusammenzufassen und mit tunlichster Beschleunigung zur Verwendung an der russischen Front, im Falle der Frontdienstuntauglichkeit im russischen Hinterlande zu verwenden. Ungeheuere Aufregung bemächtigte sich der Versammlung, als Nachrichten über die pogromartigen Unruhen verlesen wurden, die in Leeds und anderen englischen Provinzstädten in wachsender Häufigkeit Vorkommen. Der Abgeordnete King hielt eine Rede, in der er unter anderem ausführte, die englische Demokratie hätte sich während des Krieges so unglaublich verändert, daß sie gegenwärtig dem zarischen Rußland ähnlicher sehe als sich selbst. Er stellte eine scharfe Interpellation im Unterhaus in Aussicht und versprach, dafür zu sorgen, daß der Wunsch der Versammlung, so bald als möglich nach Rußland zurückzukehren, in Erfüllung gehe". Die Tatsachen, die in diesem Berichte angeführt sind, sprechen fiir sich. England scheint auf dem besten Wege zu sein, für eine würdige Nachfolge des Zarismus zu sorgen. Und das soll „Kampf für Freiheit und Menschlichkeit, Recht und Gerechtigkeit" heißen!. . . Minister Vazsonyi. Dr. Wilhelm Vazsonyi ist zum Justizniinister in Ungarn ernannt worden. Es ist dies der erste jüdische Minister in Oesterreich-Ungarn. Ein Journalist, der Vazsonyi in den letzten Tagen sprach, berichtet hierüber folgendes: Wenn man von der Wahlreform in Ungarn spricht — und alle Ungarn reden trotz Krieg und Kriegsgeschrei mit dem ihnen eigenen Temperament von diesem Problem — so hört man alsbald den Namen „Vazsonyi" fallen. Doktor Wilhelm Vazsonyi ist heute der populärste Mann Budapests, das in ihm den unbeugsame« Vorkämpfer, den Apostel des allgemeinen, geheimen und direkten Wahlrechtes, der Wahlreform in ihrer schärfsten und radikalsten Auslegung erblickt. Ich treffe ihn im Stadthause beim Bürgermeister Dr. Barezy, umgeben von ungarischen Kollegen. Wilhelm Vazsonyi erzählt, wie er Minister wurde, Justizminister, obwohl, wie er sich ausdrückt, bei ihm „erschwerende Umstände Vvrliegen", womit er seine Konfession meint. Und es bereitet ihm offenbar lebhafte Genugtuung, daß er der erste jüdische Minister der Monarchie ist. Vazsonyi ist im Jahre 1868 in Sümeg geboren. Er studierte in Budapest die Rechte, wurde bereits auf der Universität Führer der liberalen Studentenschaft und exponierte sich 1889 in der Wehrgesetzsrage so sehr, daß man glaubte, seine akademischen Ambitionen würden mit einem Ruck abreißen. Frühzeitig betätigte sich Vazsonyi publizistisch, und zwar sowohl als Leitartikler im „Pesti Hirlap" wie als Verfasser politisch-wissenschaftlicher Arbeiten, insbesondere über die Selbstverwaltung, das Wahlrecht, das Plazet und dergleichen. Im Jahre 1894 etablierte er sich als Advokat und wurde in die Stadtvertretung entsendet, wo er die demokratische Partei begründete. In der Stadtvertretung setzte sich Vazsonyi, dessen überschänmendcs Temperament, dessen meisterhafte Beredsamkeit und dessen beißende Ironie im Angriffe inzwischen in ganz Ungarn bekannt und vielfach — gefürchtet wurden, mit Nachdruck fiir die Kommunalisierung der verschiedenen großen Institute Budapests ein. Parallel damit kiesen seine großzügigen Aktionen gegen das Duell und zur Rezeption der jüdischen Religion. Es ist charakteristisch für die Wertung, die man ihm auf sozialpolitischem Gebiete zollt, daß Vazsonyi Präsident jenes 36er-Ansschusies ist, dem die sozialpolitischen Agenden Budapests obliegen, obwohl die Majorität des Ausschusses, gegen die er selbst sich in Opposition befindet, nicht seiner, sondern der gegnerischen Partei angehört. Im Jahre 1901 wurde Vazsonyi vom sechsten Budapester Bezirke, der Theresienstadt, in den Reichstag gewählt. Seither vertritt er diesen Bezirk ununterbrochen, zuletzt nach jenem erbitterten Wahlkampfe. Damals war sein Gegner der Handelsminister Hiervnymi, den er jedoch nach 48stündigem Wahlkampfe besiegte. Jede Regierung, von der er annahm, sie werde die Wahtreform durchführen, genoß anfangs seine Unterstützung. Sobald er aber zu wissen glaubte, daß seine Erwartungen getauscht seien, ging er sogleich in die leidenschaftlichste Opposition über: gegen Tisza, Khuen-Hedervary und Lukacs. Aus die Frage, wie er es jetzt als Minister zu hatten gedenke, erwiderte er: „Wie als Stadtvertreter, ■ als Abgeordneter, als Bürger. Sollten meine Hoffnungen abermals nicht erfüllt werden -. was ich freilich nicht denke — ich würde dasselbe tun wie bisher immer: schärfste Opposition!" Vom neuen Ministerium verspricht sich Vazsonyi sehr viel. „Ich werde nicht lange Justizminister bleiben", sagt er, „ich habe mir Vorbehalten, Minister ohne Portefeuille zu werden mit der ausschließlichen Funktion, die Durchführung der Wahtreform zu überwachen und zu fördern. Das neue Kabinett hat ein weitausgrcffendes innerpolitisches Programm vor sich, dessen Verwirklichung vom König dringend gewünscht wird und dem ganzen Lande ein Ausatmen des Glückes bereiten muß. Zunächst die Wahlreform, die mir das wichtigste erscheint. Dann der Abbau der Zensur, der vorausgehen wird. Hernach gewaltige sozialpolitische Maßnahmen für die Arbeiterschaft und den leidenden Mittelstand, der heute am ärgsten heimgesucht ist. Da darf nicht gezögert, nicht mit Theorien gearbeitet, sondern es wird rasch und ausgiebig praktisch geholfen werden. Hier heißt es wahrhaftig: Bis dat qui cito dal! Die Zukunft der Monarchie baut sich aus einer breiten, klugen und durchdachten Demokratisierung unseres gesamten staatlichen Lebens auf. Die Wahl-