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Jüdische Korrespondenz · 1917-06-14 · 18 (14.6.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
18 (14.6.1917)
Date
1917-06-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 18 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 Markieren des persönlichen Momentes. Keine Freude am Revoltieren als solchem, aber eine desto größere am Durchführen-_ Orthodoxe Kriegswaisenfürsorge iu Galizien. Wir haben bereits wiederholt über die Kriegswaisenfürsorge-Aktion der „Agudas Jisroel" berichtet, welche sich zur Aufgabe stellt, für die Erziehung der jüdischen Kriegswaisen im religiösen Geiste zu sorgen. Diesbezüglich hat die „Agudas Jisroel" in Deutschland einen großen Fonds gesammelt. Die Halste desselben ist für die Kricgswaisenaktion in Polen, die Hälfte für Galizien bestimmt. In Warschau wurde bereits das erste Agudas-Jisroel-Waisenhaus eröffnet (siehe „Jüdische Korrespondenz" Nr. 17). Bezüglich der Aktion in Galizien hat sich die Leitung der Aguda an den Präsidenten der allgemeinen österreichischen Kriegswaisenaktion, Prinz Eduard zu Liechtenstein, mit einem diesbezüglichen Vorschlag gewendet, in welchem ein Betrag von mindestens 300.000 Mark an geboten wurde zwecks Errichtung jüdischer Kriegswaisenheime, welche in religiöser Beziehung unter Aufsicht der Vertrauensmänner der „Agudas Jisroel" stehen sollen. Aus einer scinerzeitigcn Mitteilung Sr. Durchlaucht war zu ersehen, daß die Angelegenheit der galizischen Statthalterei zur Erledigung übermittelt wurde. Im Zusammenhänge damit scheint eine Aktion zu stehen, bezüglich welcher man uns aus Krakau folgendes berichtet: Am 3. d. M. fand hier eine Konferenz in Angelegenheit der Errichtung eines Kriegswaisenhauses orthodoxer Richtung statt. Derselben wohnten Delegierte aus Krakau, Wieliczka, Chrzanow, Wadowice, Kalwarya, Jaworzno, Wisnitz, Strzyzow und Rawa-Ruska bei. Den Vorsitz führte Rabbiner Simche Frankel. Rach einer eingehenden Diskussion wurde beschlossen: 1. Aufrufe an alle Kultusgcmeinden Galiziens zu erlassen, mit der Bitte, in jeder Stadt Komitees zwecks Spendensammlung für die Kriegswaisenfürsorge zu bilden. Die Spenden sollen dem Kassier des Krakauer Komitees, Herrn S. L. Schenker, übermittelt werden. 2. Die Agudas Jisroel über die Entwickelung der Aktion zu informieren und um Aufschluß über den eigentlichen Stand ihrer Aktion zu ersuchen. 3. Die galizische Statthaltcrei zu Händen des Herrn Hofrates Brückner zu verständigen, daß eine solche Aktion unter Beteiligung einiger jüdischer Gemeinden unternommen wurde. Soweit der uns vorliegende Bericht, aus dem jedoch nicht zu ersehen ist, wer eigentlich diese Konferenz einberufen hat und was mit derselben angestrebt wird. Die Geldfrage ist ja angesichts der bedeutenden Fonds, die die „Agudas Jisroel" zur Verfügung stellt und angesichts der Aktion, die die galizische Landesorganisation der Aguda diesbezüglich vor längerer Zeit eingeleitet hat, wesentlich gelöst. Scheinbar handelt es sich hiebei um irgend eine Privataktion, die man ja ohne weiteres begrüßen könnte, wenn man nur wüßte, was eigentlich angestrebi wird und von welcher Seite die Sache ausgeht. Die Kriegswaisenfürsorge ist eine sehr wichtige Sache und darf nicht durch diverse Parallelaktionen kompliziert werden. Wir erwarten von den Arrangeuren der Krakauer Konferenz nähere Aufklärungen. Rundschau. Aus dem österreichischen Parlament. Bei den Ausschußwahlen wurden gewählt: In den Budgetausschuß: Dr. Diamand und Dr. Kolischer; in den Finanzausschuß: Dr. Groß und Hofrat Kuranda; in den Justizausschuß: Dr. Liebcrmann, Dr. v. Löwenstein, Dr. Ofner und Dr. Steinhaus. Bei der Festsetzung der Sprechzeit für die Budgetdebatte wurde den Abgeordneten Reizes und Straucher eine halbe Stunde zur Besprechung der Flüchtlingsfrage bestimmt. In den nächsten Tagen dürfte ein spezieller Ausschuß für die Flüchtlingsfürsorge eingesetzt werden. Abg. Reizes hat eine Interpellation in Angelegenheit der Behandlung der jüdischen Sprache im zensurierten Briesverkehr in Galizien eingebracht. Eine Szene: Als erster Redner der Tschechen sprach Abg. Dr. Stransky. Als er sich u. a. darüber beklagte, daß die Bischofssitze in Prag und Brünn mit Deutschen besetzt sind, rief ihm der christlichsoziale Abgeordnete Dr. Parer zu: „Was geht Sie das an. Sie sind doch ein Jude!" — Dr. Stransky erwiderte: „Ich bin ein besserer Christ als Sie!" — Dr. Stransky ist nämlich getauft. Koscherfleifch für orthodoxe Minderbemittelte. Wie bekannt, erhalten die Minderbemittelten seit einiger Zeit Lebensmittel zu ermäßigten Preisen, darunter auch Fleisch. Bisher konnten jedoch die orthodoxen Juden daran nicht partizipieren, da hiefür keine streng koscheren Fleischbänke bestimmt waren. Die „Agudas Jisroel" hat nun beschlossen, diesbezüglich im Wege des Kultusvorstandes eine Eingabe an das k. k. Ernährungsamt zu richten, um auch den streng orthodoxen Kreisen die Partizipicrung an dieser Maßnahme zu ermöglichen. Die Beaufsichtigung und Leitung der Aktion soll eventuell durch die Agnda geschehen. Kriegsanleiheaktio» in Galizien. Die galizische Judenschaft hat eine sehr lebhafte Aktion für die Kriegsanleihe eiugeleitet. In Lemberg wurde unter Leitung des Beirates der Kultusgemeinde ein spezielles Komitee gebildet, dem das Präsidium und sämtliche Mitglieder des Beirates, das Rabbinat sowie mehrere angesehene Bürger angchören. Das Komitee hat einen sehr warmen Aufruf erlassen, und die Mitglieder desselben propagieren eifrig und mit großem Erfolge die Zeichnung der Kriegsanleihe. Aehnliche Aktionen werden auch aus anderen galizischen Städten gemeldet. Gemeinderat Dr. Alfred Mittler s. A. Dieser Tage ist nach kurzem Leiden der langjährige Gemcinderat Dr. Alfred Mittler gestorben. Der Verblichene war einer der energischesten Führer der Wiener Liberalen, ein schneidiger Debatter und wirkungsvoller Redner. Er erfreute sich allgemeiner Wertschätzung und selbst seine politischen Gegner versagten ihm ihre Achtung nicht. Judenpogrome in England. Aus dem Haag wird gemeldet: Die pazifistische Versammlung in Leeds hat die Bevölkerung derart aufgeregt, daß sie sich gegen alle Personen wendet, die unter dem Verdachte stehen, mit den Pazifisten zu sympathisieren oder lau für die Fortsetzung des Krieges zu sein. Besonders viele Juden stehen im Verdachte, sich dem Kriegsdienste entzogen zu haben. Sie wurden deshalb vom Mob belästigt. Die Fensterscheiben der jüdischen Schule wurden, während die Kinder dort anwesend waren, eingeworfen. Das gleiche geschah in mehreren Fabriken, wo jüdische Unternehmer Uniformen für die Regierung anfertigen. Die Lage wurde so bedrohend, daß viele Juden den Stadtbehörden erklärten, nach den Waffen greifen zu wollen. Die Obrigkeit beschwor sie, dies nicht zu tun, weil dadurch ein Blutvergießen unvermeidlich wäre. Dagegen versprach sie den Juden ausgedehnten Schutz von Leben und Besitz und Schadenersatz für ihr zerstörtes Eigentum und verlangte sofort die Verstärkung der Garnison. Bisher wurden in den Krawallen mehrere Polizisten, auch Inspektoren, verwundet. Viele Verhaftungen haben stattgefunden, schwere Strafen gegen die Anstifter wurden beantragt. Die Poalc-Zion Amerikas gegen den Krieg. Im Februar erließ das Zentral-Komitee der Jüd. Soz. Arbeiterpartei Poale-Zion einen Aufruf an die jüdische Arbeiterschaft, betitelt „Krieg dem Kriege", dem wir folgende Stellen entnehmen: „Die Interessen des Volkes sind höher als alle abstrakten diplomatischen Formen, als die Interessen der Waffenfabrikauten und Kriegskapitalisten. Die nationale Ehre Amerikas hat nichts zu gewinnen vom Kriege, sie kann bloß verlieren, wie der Krieg auch enden möge, denn auch beim besten Ausgang des Krieges bleibt inimer das Volk der verlierende Teil. Genossen, Arbeiter! Helft dem Volke, sein heiliges Recht gegen die Jntriguen und Hetzen der Wallstreet erkämpfen. Die Frage, Krieg oder Frieden, soll nicht im Weißen Hause entschieden werden und nicht von den bürgerlichen Politikern im Kongresse, sondern durch ein allgemeines Referendum. Genossen, Arbeiter! zersplittert nicht Eure Kräfte durch die Aufstellung besonderer Forderungen und Losungen, sondern vereinigt Euch alle wie ein Mann für eine Losung und eine Forderung, für die Forderung des allgemeinen Referendums auf Krieg und Frieden." Der jüdische Kongreß in Amerika. Das jüdische Korrespondenzburcau im Haag be richtet: Das Administrationskomitee des Kongresses, welchen das gesamte amerikanische Judentum am 2. September abhalten wird, hat in einer Sitzung vom 27. Februar den Wahlplan ansgearbeitet. An der Sitzung nahmen auch Jakob H. Schiss, Henru Morgenthau, Louis Marshall und Harry Frieden wald teil. Alle nationalen Organisationen wurden als wahlberechtigt anerkannt. Ausgenommen mutten nur die national-radikalen Schulen. In jeder Stadt soll eine Konvention abgehalten werden, welche die Kongrcßdelegierten wählen soll. Jede jüdische Bereinigung in der Stadt kann sich an der Konvention und Abstimmung beteiligen. Die Kandidaten, welche in dieser Konvention die größte Stimmeuzahl auf sich vereinigen, gelten als gewählt. Eine spezielle Kommission wird die Wahlen leiten. Alle nationalen Organisationen sollen berechtigt sein, außerdem Delegierte zu entsenden, welche ihre speziellen Interessen wahren sollen. Sie werden nach ihrer Größe und Bedeutsamkeit in vier Klassen eingeteilt und erhalten dementsprechend ein, zwei, drei oder sechs Delegierte. In die erste Klasse mit sechs Delegierten wurden nur die Zionistische Federation Amerikas, der Orden Brith Abraham, das Rationale Arbeiterkomitee und das Jcwish Commitee ausgenommen. Die Romanows des letzten Jahrhunderts in ihren Beziehungen zu den Juden. (Fortsetzung. > In Woloschin, dem russischen Jabneh, wo mitten unter all den Leiden und Lockungen der Zeit in einer blühenden Jeschiwah das Thoralcben frisch und kräftig pulsierte, lag damals das heilige Erbe des „Wilnaer Gaon" und Rabbi Chajims in den starken Händen von Rabbi Jtschelc Wolaschiner, einem Manne von großer Bildung und Weltklugheit, dem aber einzig das Thorastudium die lebenbedingende Seele des Judentums war. Ihn suchte Lilientha! für seine Ideen zu gewinnen, umsomehr als dieser Rabbi Ächtung und Vertrauen des Minister Uwarow in vollem Maße besaß. Rabbi Jtschcle verhielt sich anfänglich nicht abweisend, durchblickte aber bald die wahren Absichten der „Nitolaiewichen" Knltnrbrmger und ließ sich aus die Borschlüge zur Einführung von Reformen in der Lehranstalt und zur Propagierung der Pläne nicht ein. In der Folge dieses „Kulturkampfes" steht natürlich Woloschin als festester Wall gegen alle Anstürme von Berlin und Petersburg aus. Das erste Auftreten der Haskala, die in diese Zeit fällt, zeigte übrigens den Gesetzestreuen deutlich genug, wohin dieser Bildungsweg führte und stärkte das Mißtrauen ins Ungeheuere. ’ Jsak Bei Levinsohn (genannt „Ribel"), Abraham Mapu u. a. standen an der Spitze eines kleinen Schriststellerkreises, der, bei großer Begabung und unverkennbarer Liebe zum Volke und zu feiner Geschichte, leider nur wenig Respekt zeigte vor dem Hohen und Heiligen im alten Judentum, Roch abschreckender war aber das Beispiel der „Aristokratie" und ihrer Institutionen, der beiden von der Regierung gegründeten Rabbinerschulen in Wilna und Schitomir, die — unglaublich, aber wahr, — ausschließlich, b>S auf die religiösen Fächer, von christlichen Direktoren und Lehrern geleitet wurden. Die Zöglinge wurden samt und sonders Assimilanten reinsten Wassers, die mit unerhörtem Hochmut auf ihre Glaubensgenossen herabschauten, und diese vollendeten Ignoranten auf jüdischem Gebiete konnten auf Grund ihres staatlichen Patentes die jüdischen Gemeinden ganz nach Belieben tyrannisieren. Sie fanden als „Rabbiner" oder Lehrer der staatlichen jüdischen Schulen Nerwendung. Als erstere wurden sie selbstverständüch nirgends ernst genommen, vielmehr nur als vorgeschobene Strohmänner den Behörden gegenüber betrachtet, und als solche auch reichlich gefürchtet. Denn als Führer der Matrikel hatten sie eine gewisse Macht in der Hand, die sie zu ihren Zwecken weidlich ausnutztcn. So entstand die Jnstilulion des Kronrabbincrs neben der des eigentlichen geistlichen Rabbi, unter der die Gemeinden Rußlands noch bis zuletzt genugsam zu leiden hatlen. Bald aber sah die Regierung ein, wie verfehlt ihre ganze Kultur- und Bildnngsarbeit unter den Juden war. Liliemhal verschwand urplötzlich und rauchte dann in Amerika auf. Er hatte Gelegenheit, die feste Burg des Tharalebens in Rußland tonnen zu lernen und gab es auf, noch weiter gegen ne anzurennen. Tie jüdischen Konfessionsschule!! wurden geschloffen, ebenso wurde der Kahal aufgehoben, dem man freilich leine Träne nachweinte. Eine Besserung in der Verwaltung trat nicht ein, denn an Stelle des Kahals trat jetzt die allgemeine Stadtbehörde zur Regelung der lüdifchen Gcmcindeinrercssen, wobei sich die Tyrannei noch vermehrte. Auch die Rabbinerschulen wurden geschlossen. In Wilna wurde die Rabbinerschule in ein „Lehrerinstitut" umgewandell,

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