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Jüdische Korrespondenz · 1917-06-14 · 18 (14.6.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
18 (14.6.1917)
Date
1917-06-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 18 bic Kolonie zu verlassen. Glücklicherweise wurde dieser Befehl nicht streng durchgeführt. Immerhin mußten etwa 600 der in Petach Tikwah uniergekommcnen Jaffaer Flüchtlinge die Kolonie verlassen. Tie anderen sind zurückgeblieben. Der Befehl, daß die nicht landwirtschaftlich tätigen Einwohner der.Kolonien abwandern sollten, wovon etwa 3—4000 Menschen betroffen worden wären, tvurde glücklicherweise nicht durchgeführt, so daß wenigstens die Bewohner aller Kolonien im Kreise Jaffa bis jetzt unbehelligt dort bleiben konnten. In der Stadt Jaffa blieben etwa 30 jüdische Wächter zurück, um das Eigentum der Evakuierten zu schützen und die öffentlichen Anlagen vor dem Berfa!! zu behüten. Einige wenige Juden, welche Mühlen oder Maschinenfabriken besitzen, durften nach Jaffa zurückkchren. Die arabische Bevölkerung Jaffas, welche gleichfalls von dem Ausweisungsbefehl betroffen wurde, sich aber nicht sofort, wie die Juden dies getan batten, organisierte, sondern die Ereignisse an sich herankvmmcn ließ, wanderte nur zum Teil ab. Ein erheblicher Teil der arabischen Bevölkerung befindet sich nach wie vor in Jaffa. Antisemitische Ententehehe. Daß die Ententemächte — insbesondere England — in den neutralen Ländern eine eifrige Tätigkeit zwecks „Aufklärung" der öffentlichen Meinung entfalten, ist eine allgemein bekannte Tatsache; daß sie in der Wahl ihrer Mittel nicht eben peinlich gewissenhaft sind, darf man mit ruhigem Gewissen behaupten, ja man geht schwerlich zu weit, wenn man annimmt, daß jede politische Tätigkeit in den neutralen Ländern, die das heile Licht des Tages scheut, ihren letzten Ursprung in den Bureaus der Regierungen zu London und Paris hat. Das dürfte auch hinsichtlich eines in Dänemark verbreiteten Aktenstückes zutreffen, aus dem wir im folgenden einige Bruchstücke wiedergeben. Zum besseren Verständnis sei daran erinnert, daß die jetzige dänische Regierung in ihrer Mitte ein — allerdings politisch sehr bedeutendes — Mitglied jüdischen Ursprungs, den Finanzminister Eduard Brandes, zählt, und daß die Regierungspartei, die „radikale Linke", gegenwärtig ihr Augenmerk hauptsächlich darauf gerichtet hat, unbeeinflußt von persönlichen Gefühlen für oder wider eine der kämpfenden Mächtegruppen das Staatsschiff glücklich durch die enge Fahrrinne zwischen der Scylla der Aushungerung und der Charybdis des politischen Selbstmordes hindurch zu lenken. Das oben erwähnte Aktenstück ist eine anonyme Aufforderung zum Eintritt in einen (erst zu bildenden) Verein zur Begrenzung der fremden Elemente. Der Aufruf beginnt mit dem Hinweis darauf, daß der dänische Staat jedem Eingewanderten — welcher Rasse er auch sei — gastlich seine Tore öffne und das Bürgerrecht verleihe. Es sei jedoch fraglich, vb diese Freundlichkeit nicht zum Schaden der ursprünglichen Bevölkerung mißbraucht werde, ob cs recht sei, jedem beliebigen Ausländer unter allen Umständen das Bürgerrecht zu verleihen, und ob es verantwortlich sei, stets diejenigen Staatsbürger, die von fremdem Blute und fremder Rasse seien, als ganz die unseren zu bewachten und ihnen jedwedes Amt (?) zu verleiben." Es heißt dann weiter: „Dieses ist eine Frage, die national besorgte Dänen in Anbetracht der ernsten Zeiten, denen wir unzweifelhaft entgegengehen, an sich selbst gerichtet haben und die sie so haben beantworten müssen: Es ist nicht genug, gastfreundlich zu sein, wir müssen auch Acht geben: wir wollen nicht in unserem eigenen Lande zn Fremden oder Untergeordneten gemacht werden, wir wollen unser nationales Hansrecht nicht nur mit Liberalität, sondern auch mit Nachdruck behaupten, wo cs nottut. Und es scheint unleugbar not zn tun; von dieser, wie von jener Seite mißversteht man unsere Gastfreundschaft. So z. B. von jüdischer Seite, wo man seine klug erworbene Geldmacht über die Presse dazu benutzt, unserem Volke religiöse und literarische Anschauungen, sowie solche der auswärtigen Politik anfzudrängen, die vom jüdischen Standpunkte begreiflich sind, von dänischem Standpunkte aber selbstmörderisch und widernatürlich. Durch in- und ausländische Schriftsteller jüdischer Abstammung wirkt man z. B. zur Zeit unablässig für die Aufhetzung gegen Rußland und die Westmächte und für die Einführung deutscher Anschauungsweise. Dies ist nicht dänisch, auch nicht im Interesse Dänemarks. Diesem fremden Unfug kann nicht eher ein Ende bereitet werden, als bis wir unsere Scheu ausgebcn, die Dinge beim rechten Namen zu nennen und den Raffenuiiterschied überall da hervorheben, wo dieser sich in national schädlicher Weise offenbart. Wenn der zunehmende Einfluß der Inden aus die dänische Presse nicht begrenzt wird, wird unser Land unheilbaren Schaden erleiden können, und es mag auch andere Gebiete geben (das finanzielle, das politische und das literarische), auf denen eine etwas zurückgezogene Stellung für unsere jüdischen Gäste und Mitbürger natürlicher und — für die Allgemeinheit, wie für sie selber — nützlicher sein dürfte. Durch Jahrhunderte ist unser Land durch eine ständige Einwanderung aus Deutschland beeinflußt und national gehemmt worden. Seit dem Ausbruch des Krieges ist diese Einwanderung in merklichem und beunruhigendem Zunehmen begriffen. Es muß außerdem befürchtet werden, daß die nach dem Krieg zu erwartenden ungünstigen ökonomischen und sozialen Verhältnisse in Deutschland eine gesteigerte Fortsetzung dieser Einwanderung bewirken werden, die nicht — wie jetzt während des Krieges — das Gepräge des Vorübergehenden tragen wird, sondern die endgültige Niederlassung zum Ziele haben wird. Diese kann neue nationale und wirtschaftliche Gefahren für uns bergen, denen wir durch rechtzeitige Achtsamkeit begegnen müssen. Der „deutsche Kurs", der hier zn Lande die Führung an sich gerissen hat (man vergleiche u. a. die Anwendung des Maulkorbgesetzes von seiten der Regierung) und der in höherem Grade unverhüllt zu Tage tritt, als es die vom Staate erklärte Neutralität zuläßt, würde unmöglich sein, wenn er nicht von dem jüdischen und deutschen Fremdenelemcnt in unserem Volke unterstützt würde." Nachdem erwähnt worden ist, daß auch andere eingewanderte Elemente in unerlaubter Weise die sozialen Güter des Landes auszunutzen versuchen, heißt es in dem Ausruf weiter: „Das Hauptaugenmerk ist vorläufig auf das vereinigte deutsch-jüdische Fremdenelement (man beachte, wie aus deutsch und jüdisch plötzlich „deutsch-jüdisch" geworden ist) zn richten, das in Dänemark, wie in anderen Ländern, sich einen erstaunlichen und national beängstigenden Einfluß erschlichen hat. Gegenüber dieser in aller Stille systematischen Zusammenrottung zur Beherrschung unserer Gesellschaft ist es an der Zeit und durchaus erforderlich, ein organisiertes Gegengewicht zu schaffen. Daher hat ein Kreis von dänischen Männern und Frauen in einer privaten Zusammenkunft Mitte dlpril beschlossen, eine Dänen-Liga, einen „Dänischen Verein zur Begrenzung der fremden Elemente", zu gründen." Es folgt alsdann die Aufforderung, diesem Vereine beizutreten, sowie eine Aufzählung positiver Programmpunkte, an deren Spitze die Arbeit „gegen die Verdeutschung und Verjudung unseres geistigen und politischen Lebens" marschiert. Das Organ der Regierungspartei, das den Aufruf wiedergibt, bemerkt dazu: „Wir lassen das obige Aktenstück für sich selber sprechen. Es bedarf keines Kommentars." In der Tat kann die Regierung der Entwickelung dieses schwachen Keimes des politischen und gesellschaftlichen Antisemitismus mit Ruhe entgegensehen, dem sogar das Tageslicht zu grell erscheint. „Israelit." Der jüdische Revolutionär in Rußland? Bon R. S. Die russische Judenheit bildet ganz gewiß einen der wichtigsten und aktivsten Faktoren in der Geschichte der russischen revolutionären Bewegung, * Aus dem Sonderheft „Der jüdische Sozialist und die Revolution in Rußland" der „Rouen Jüdischen Monatshefte", Berlin. — Der große Anteil der Juden in Rußland an der revolutionären Bewegung läßt sich hauptsächlich damit erklären, daß die Juden im Zarenreiche stärker als die anderen Völker den unerträglichen Druck der Reaktion verspürten und Mittel und Wege zum Sturze desselben suchten. und der russische Jude prägt dieser Bewegung besondere Züge von eigenartiger Bedeutung auf, die von dem üblichen Typus des russischen Revolutionärs in erheblichem Maße abweichen. Wir wissen nicht, wie die russische Revolution ohne diese aktive Beteiligung des russischen Juden an ihr ausgesehen, und ob sie auch ganz für sich allein diesen ebenso überraschenden wie glänzenden Sieg errungen hätte, aber wir wissen genau, daß die Klagen des gestürzten autokratischen Regimes über das plötzliche Anstreten des russischen Juden aus der Arena der revolutionären Tätigkeit ihre guten Gründe hatten, und daß der russische Jude dem Kampfe gegen das alte Regime eine für dieses ebenso unerwartete wie unliebsame Wendung gab. Der neue Typus des russisch-jüdischen Revolutionärs, der besonders seit den Achzigerjahren aus dem Gebiete der umstürzlerischen Tätigkeit aufzutauchen und sich mehr und mehr bemerkbar zu machen begann, wurde für den gestürzten Absolutismus in einer ganz anderen Weise als der Stockruffe gefährlich, weil er über ganz andere Kampfmittel verfügte, ganz andere Methoden anwendete und andere Waffen ins Treffen führte. Der russische Jude hat in die revolutionären Bestrebungen des russischen Gemüts System hineingebracht, er trug mächtig und wesentlich dazu bei, den ursprünglichen russischen „Bunt" („Aufruhr") in eine richtige Revolution zu verwandeln. Dieser „Bunt", der für die Vorgeschichte der russischen Revolution von der allergrößten Bedeutung sein dürfte, nahm und nimmt im russischen Gesellschastswie im Gemntsleben des russischen Menschen eine hervorragende Stelle ein und scheint einen der bedeutendsten und markantesten Züge in der Struktur des russischen Geistes überhaupt zu bilden. Es ist nicht so leicht, diese im russischen Sprachgebrauch wie im russischen Gcsellschaftsleben so geläufige Vorstellung dem westeuropäischen Verständnis nahe zu bringen, denn sic ist im ganzen Habitus des Volkes verankert und mit den Traditionen seiner Geschichte aufs engste verknüpft. „Bunt" ist eine Art permanenten Protestes von einem mehr individuellen als gesellschaftlichen Gepräge der sich hie und da in sporadischen Entladungen Luft macht und einem geordneten System organisierter Aktionen nur schwer sich einsügrn läßt, da er sich in erster Linie gegen das Wesen der Systematik überhaupt wendet. Der offizielle Sprachgebrauch des alten Regimes pflegte zwar durch diesen Ausdruck alle Arten von Unruhen und Volkserhebungen zu bezeichnen, und in diesem Sinne wird er auch in der üblichen Umgangssprache verstanden. Doch will dieser Ausdruck eigentlich einen vorwiegend in den Tiefen des Subjekts sich abspielenden Prozeß meinen, einen solchen, dem fast eine metaphysische Bedeutung ukommt, da er im Grunde seines Wesens und mit einer äußersten >Lpitze gegen alles Bestehende überhaupt gerichtet ist. Es war dies das baknnistische Ferment in der russischen Psyche. Der jüdische Revolutionär hat dem Lause der Dinge eine andere Wendung gegeben. Er trug in die revolutionäre Bewegung eine geschäftliche Sachlichkeit und eine agitatorische Rührigkeit hinein, die dieser bisher zu fehlen schienen. Die Umrisse seiner revolutionären Physiognomie waren schärfer, sein Auftreten zielbewußter, seine Bewegungen zwar nervöser, aber im Grunde sicherer, und sein ganzes Wesen überhaupt pointierter und zugcspitzter. Er brachte ein gewisses marxistisches Element — ein rationalisiertes Pathos, das dem bakunistischen die Wage hielt. Baknnin und Marx — zwei Pole des revolutionären Gedankens, die sich beim Zusammentreffen gegenseitig absiicßen und abstoßcn mußten. Aber eine Mischung beider Elemente in einer gewissen Proportion war für die revolutionäre Praxis erforderlich. Andere Traditionen waren es auch, die der jüdische Revolutionär von Hause aus mit sich brachte, und die sein Handeln unbewußterweise bestimmten. Es fehlten zwar die großartigen Ueberlieferungen von einem Stepka-Rasin, die denmächtigen Unterstrom der revolutionären Aspirationen des russischen Menschen bildeten und dessen revolutionäre Physiognomie mit einer dichterischenGloric umwoben; aber es gab sich hier ein starker alttestamcntarischer Einschlag zu erkennen, der mit dem Problem von Gut und Böse bitteren Ernst macht. Es fehlte der halb metaphysische, halb ästhetische Charakter des russischen „Bunt", aber desto schärfer machte sich hier ein ethischer Zug geltend, der dem Willen in dem Rate der Natur eine entscheidende Bedeutung zumißt. Kein Versinken im Absoluten, aber ein

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