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Jüdische Korrespondenz · 1917-06-14 · 18 (14.6.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
18 (14.6.1917)
Date
1917-06-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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indische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. Vierteljährlich K I 20. Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet. Wochenblatt füf jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Reduktion und Administration Wien, VIII. Alserstraße 55 E r sc h ein t jede n D o n n e r: Np. 18 Wien, 14. Juni 1917. III. Jahrgang. Ein jüdischer Minister. „Es ist nicht denkbar, daß diese Menschen, die gegen eine Wett von Feinden Oesterreichs Grenzen begeistert verteidigten, daß diese Menschen nicht imstande sein sollten, auch die Schatten des inneren Zwistes zu bannen und unser Vaterland herauszuführcn aus dem Alltagshader der Nationen und Parteien einer glücklichen Zukunft entgegen. Lassen Sie uns vereint dafür sorgen, daß, wenn die Tapferen aus dem Felde heimkehren, die Grundsteine für das neue Oesterreich bereits gelegt sind." Mit diesen Worten schloß der Ministerpräsident Pirat Clam-Martinic seine großangelegte Programmrede, mit welcher er die politische Diskussion im Reichsrate einleitete. Der stürmische Beifall, den diese Enunziation im ganzen Hause gefunden hat, lieferte den Beweis, daß die Worte des Kabinettschefs den Völkern aus dem Herzen gesprochen wurden und daß die beste Aussicht vorhanden ist, dieselben in Taten nmzusetzen. Gewisse Erscheimmgen im Parlamente, die noch immer an die früheren Zeiten erinnern, dürfen diesbezüglich kaum maßgebend sein. Die Gesundung der Verhältnisse kann nur Schritt für Schritt vor sich gehen. Langsam aber sicher dürfte das Ziel, das sich Kaiser und Regierung, sowie alle Gutgesinnten gestellt haben, erreicht werden. Wenn wir in dieser Hinsicht die Zukunft der Juden in der Monarchie in Erwägung ziehen, so können wir, ohne Gefahr zu laufen, eines übertriebenen Optimismus geziehen zu werden, ebenfalls nur günstiges erwarten. Zwei Erscheinungen der letzten Tage sind es. die diese Ansicht begründen. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, dürfte in Ungarn Dr. Wilhelm Vaszony Minister werden. Dr. Vaszony ist Führer der Ungarländischen Demokratischen Partei und einer der populärsten Männer des heutigen öffentlichen Lebens im Lande. Seine Berufung ins neue Kabinett Esterhazy, das die demokratische Orientierung in der inneren ungarischen Volitik inaugurieren soll, wird im ganzen Lande als dwas selbstverständliches betrachtet und von keiner Leite wurden irgendwelche Einwendungen gegen diese Ministerkandidatur erhoben. Aber das Selbstverständliche gehört gewöhnlich zu den Seltenheiten und darin liegt die Bedeutung dieses Ereignisses. Dr. Vaszony ist nämlich Jude. Zum ersten Male dürfte es nun geschehen, daß ein leibhaftiger Jude in Ungarn Minister wird. (Getaufte Juden haben schon wiederholt sowohl in Oesterreich als auch in Ungarn Mimstcrstellen bekleidet.) Wir wissen es wohl, daß Dr. Vaszony keineswegs als Vertreter der Juden ins Kabinett eintritt, und es fällt uns nicht ein, seine Berufung als eine spezielle Errungenschaft des Judentums zu reklamieren. Allein, der Umstand, daß ein Jude in Ungarn Minister werden kann, ohne daß selbst die dortige Katholische Bvlkspartei, die häufig zu antisemtteln beliebte, dagegen Einspruch erhebt, ist charakteristisch für die Wandlung, die der Krieg mit sich gebracht hat. Die Vorurteile verschwinden, der neue wahre demokratische Geist zieht ein und dann kann es für ttgendwelche antisemitische Strömungen in dem sinne, wie sie vielfach angedrohl und befürchtet werden, kein Betätigungsgebiet geben. Die Ernennung des neuen Kabinetts Esterhazy ist noch nicht vollzogen, Dr. Vaszony ist noch nicht Minister und es ist nicht ausgeschlossen, daß die neue Ministerkombination einer anderen Platz machen werde, wobei die Person Vaszonys nicht mehr in Betracht gezogen sein dürfte. Dies wird aber an der Tatsache nichts ändern, daß die Möglichkeit vorhanden war, einen Juden zum Minister zu ernennen, ohne daß dessen Konfession einen Stein des Anstoßes gebildet hätte. Die Zeiten, da ein jüdischer Politiker ein Porkeseuilleangebot mit den Worten beantwortete: „Die Botschaft höre ich wohl, doch fehlt mir der Glaube!" — sind vorüber. Auch dies ist ein Zeichen der Zeit, das wir in unserer Kriegsbilanz als ein Aktivum buchen können. Die Feinde der Monarchie faseln noch immer von der Notwendigkeit, die österreichisch-ungarischen Völker zu „befreien". Auch die Juden werden zu diesen Völkern gezählt, die „befreit" werden sollten und vielfach wird die Lage der Juden in der Monarchie dazu benützt, um gegen dieselbe zu Hetzen. Wir wollen an dieser Stelle nicht das ganze Judenproblcm in Oesterreich-Ungarn aufrollcn, ebensowenig wie wir bestreiten können, daß es in der Monarchie — wie überall — eine Judenfrage gibt und geben wird. Aber wenn wir die Möglichkeit eines jüdischen Ministers in Ungarn vom jüdischen Standpunkte näher erörtern, geschieht dies deswegen, weil wir darin ein Symptom sehen, ein Beweis für die neue Zeit, die für die Monarchie heranbricht und die auch die Lagr der Juden vielfach beeinflussen dürfte. In Ungarn lagen wohl die Verhältnisse stets anders als in Oesterreich und man könnte einwenden, daß die Erscheinungen in Budapest für die Verhältnisse in Wien nicht maßgebend sein können. Und doch ist es unmöglich, daß die große Wandlung, die der Krieg in Ungarn vollbracht hat, sich in Oesterreich nicht gellend machen soll. Die Wirkungen der Kriegszeit dürfen vielmehr auch da zutage treten. Einen Beweis dafür können wir ja bereits verzeichnen. Dffs-r ist der jüdische Gemeinderat Dr. Oskar Hein in Wien zum Stadtrat gewählt worden. Auch dieses Ereignis darf nicht überschätzt werden. Dr. Hein ist nicht als Jude, sondern als Führer des liberalen Gemeinderaisklubs in den Siadtrai gewühlt worden, es hat sich der Majorität auch nicht darum gehandelt, das Recht der Juden aus eine Repräsentanz im Stadtrate anzuerkennen, sondern die Wahl erfolgte im Sinne eines Versprechens des Bürgermeisters, der Opposition eine Vertretung im Stadtrat zu gewähren, um den Vorwurf vom „konirollosen Stadtrat" zu beseitigen. Allein man inuß sich daran erinnern, daß die Uebcrlassung einiger Ltadtratsmandate an die liberale Opposition bisher stets daran scheiterte, daß die christlich-soziale Majorität daran die Bedingung knüpfte, es dürfe darunter kein Jude sich befinden. Nunmehr aber ist der Bann gebrochen und das alte Vorurteil aufgegeben. Auch diese Erscheinung kann nur als ein Symptom behandelt und beurteilt werden. Es ist unmöglich, fernerhin die bisherige chauvinistische Haß- und Neidpolitik fortzusetzen, wenn die Erfahrungen und die Lehren des Krieges einen anderen Weg weisen. Die Wahrscheinlichkeit eines jüdischen Ministers in Ungarn, der Fakt eines jüdischen Stadtrates in dem antisemitischen Wien — diese Erscheinungen dürfen wohl nicht überschätzt werden, aber es wäre entschieden falsch, sie zu unterschätzen. Wir gehen entschieden neuen Zeiten entgegen. Speetator. Die Ereignisse in Palästina. Ueber die Vorgänge anläßlich der Evakuierung Jaffas erhält die „Jüdische Rundschau" folgende Mitteilungen: Die Räumung wurde am 27. März von den türkischen Militärbehörden für die Stadt Jaffa und alle im Kreise Jaffa gelegenen Ortschaften angeordnet. Ursprünglich galt der Ränmungsbeschl nur für ottomanische und feindliche Staatsangehörige, nicht aber für Angehörige befreundeter oder neutraler Länder. Schließlich wurde nach wiederholten Acnderungen der Ausweisungsbefehl auf sämtliche Einwohner Jaffas ausgedehnt. Auf Bitten der jüdischen Bevölkerung verschob Djemal Pascha die Räumung mit Rücksicht auf das Pessachfest bis zum ersten Tage Chol Hamoed Pessach, d. h. bis zum 0. April. Für die jüdischen Kolonien im Kreise Jaffa war die Bestimmung getroffen, daß die Geireidebaueru, deren es freilich nur sehr wenige bei Jaffa gib:, mit ihren Familie», die Pflanzer dagegen ohne ihre Familien vis zur Ernte in den Kolonien bleiben durften. Alle anderen Einwohner der Kolonien, die nicht landwirtschaftlich tätig waren, d. h. Kauslentc, Lehrer, Handwerker, sollten ursprünglich die Kolonien verlassen. Die Lehrer und Schüler der Ackerbauschule Mikweb Israel, sowie die Beamten und Arbeiter der Wein kcllereien in Ri.sehoii-E-Zion erhielten die besondere Vergünstigung, an Ort und Stelle zu bleiben. Die jüdische Bevölkerung der Stadt Jaffa begann nun den Abzug zu organisieren, was infolge des Mangels an Lebens und Transportmittel'.', naturgemäß eine äußerst schwierige Aufgabe war. Die Kolonisten, welche ihre Wagen und Gespanne zur Verfügung stellte», taten ihr Bestes und unterstützte» so das von den Jaffaer Inden eingesetzte Komitee, welches die Organisation des Abmarsches unternommen hatte. Jeden Tag verließ eine gewisse Anzahl von Personen die Stadl. Für Kinder sowie für alte und kranke Leute ivurdc aus besondere Weise gesorgt. Es wurde daraus gesehen, daß die Abwandernden wenigstens das Alleniötigste au Kleidung, Wüsche und Mundvorrütcn mitnehmen konnten und daß alle Habe, welche die Flüchtlinge in ihren Häusern zurückließen, in möglichst sicherer Weise verwahrt wurde. Die Kolonisten von Petach Tikwah nahmen mehrere tausend Flüchtlinge bei sich ans, gaben ihnen Unterkunft und teilten ihre Lebensmittel mit ihnen. Die Flüchtlinge zogen nämlich in erster Linie nach Petach Tikwah, weil diese Kolonie nur 18 km von Jaffa entfernt ist und weil man hoffte, daß die angcdrohte teilweise Rüuniung der Kolonie nicht zur Ausführung kommen würde. Mehrere Tausend der Flüchtlinge gingen nach den galiläischen Kolonien, was mir dadurch ermöglicht wurde, daß die Kolonisten Untergalilüas, obwohl sie gerade mit Feldarbeit vollauf beschäftigt waren, sofort ihre sämtlichen Wagen, ungefähr 250, nach Jaffa sandten und den Transport der Flüchtlinge lediglich gegen Vergütung ihrer eigenen Auslagen übernahmen. Ferner beschlossen die Kolonien in Uutcrgalilüa, alle verfügbaren Wohnräume den Flüchtlingen zu überlassen, ihnen jede Erleichterung zu gewähren und ihnen das nötige Getreide zu niäßigem Preise zur Verfügung zu stellen. Ans diese Weise ging die Evakuierung Jaffas vor sich, und bei Ablauf der Frist befand sich kein einziger Jude mehr in Jaffa. Von den Flüchtlingen waren etwa 2000 mit Wagen nach Galiläa gezogen, etwa 5000 hatten sich, größtenteils zu Fuß, nach Petach Tikwah begeben, der Rest hatte sich nach Jerusalem und andere» Orten zerstreut. Infolge der gewaltigen Uebersüllung Petach Tirwahs konnten von den 5000 dorthin gelangten Flüchtlingen mir ungefähr die Hälfte in der Kolonie selbst Unterkunft und Nahrungsmittel finden. Tic andere Hälfte war gezwungen, außerhalb Petach Tikwahs an der Bahnstation Ras d Am unter freiem Himmel zu kampieren und auf die Eisen> bahnzüge zu warten, die ihnen znm Transport nach Galiläa versprochen worden waren, die aber nicht kamen. Da es an der genannten Station weder Unterkunstsräume noch genügend Wasser und Lebensmittel gab, jo kann man sich die traurige Lage dieser Flüchtlinge vorstellen, obwohl seitens der Kolonisten in Petach Tikwah und seitens der jüdischen Hilfsfonds das Möglichste getan wurde. Das Schlimmste war, daß gemäß der ursprünglichen Ordre über die Räumung der Stadt Jaffa auch diejenigen Flüchtlinge, die in Petach Tikwah Unterkunft gefunden hatten, den Befehl erhielten IM" Zeichnet Kriegsanleihe! Letzte Frist am 22. Jnvi! “INI

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