Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 17 (7.6.1917)
- Date
- 1917-06-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3495278-3495343-3495359--0393-3521055- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 17 Jüdische Korrespondenz. Seite* 3 sammenhang. Eine Reihe gegenwärtig von London ausgehender Nachrichten über drohende schwere Judenverfolgungen in Palästina wird aber daneben mit dem offenbaren Zweck in die Welt gesetzt, um die Leidenschaften der jüdischen Bevölkerung Rußlands in einem Maße zu erhitzen, das einer vernünftigen Ordnung des Palästinaproblems während des noch herrschenden Kriegszustandes nicht förderlich sein kann. Es ist verständlich, daß die Zionisten bestrebt sind, aus dem Kriegszustand zu gewinnen und ihr Ideal der Errichtung eines jüdischen Kulturzentrums in Palästina rasch und stark zu verwirklichen. Ob die Lage der in Palästina wohnenden Juden durch eine so offen türkenfeiudliche Haltung und durch ein so kritikloses Eingehen aus die englische Kriegshetze erleichtert wird, ist freilich die Frage. Noch sind im Innern Rußlands, besonders in den südlichen Gouvernements, die Gefahren einer Gegenrevolution nicht völlig überwunden. Nach der Ansicht von Kennern der dortigen Verhältnisse können diese Gefahren in jedem Augenblick einsetzen, wo reaktionäre Kräfte zu einer Hetze gegen die Juden auffordern. Es ergibt sich daraus die Forderung einer vorsichtigen, äußeren Zurückhaltung des jüdischen Elementes in gewissen Fragen der innerrusstschen Politik. Und auf dem ganz anderen Gebiete der äußeren Politik könnte ein offener, agitatorischer Anschluß der jüdischen Elemente an die extremen Kriegsziele der Entente den allgemeinen Interessen der Juden nicht förderlich sein. Die Kriegsanleihe und die Juden. Wie bei den bisherigen Kriegsanleihen können wir auch diesmal mit besonderer Genugtuung konstatieren, daß die österreichische Judenschaft ihre patriotische Pflicht voll und ganz erfüllt. Die Zahl der jüdischen Zeichner ist wahrlich sehr bedeutend, und unsere Feinde dürften kaum ein Interesse daran haben, diesmal gewisse Namen speziell zu glossieren. Die österreichische Judenschaft lieferte wieder einmal den Beweis, daß sie stets bereit ist, auf dem Altar des Vaterlandes die größten Opfer zu bringen. Die Beteiligung der jüdischen Kultusgemeinden, der jüdischen Vereine und Korporationen rc. an der Kriegsanleihe ist auch diesmal sehr groß. Von der Kanzel herab haben die Rabbiner zur Zeichnung der Kriegsanleihe angeeifert und dies mit großem Erfolge. MitbesondererGenugtuungkönnenwirkonstatieren, daß speziell die Werbearbeit des Kriegsanleihe -Zeichnun gs Vereines „Agudas- Jisroel" diesmal überaus intensiv und erfolgreich war. Schon in der dritten Zeichnungswoche erreichte die durch diesen Verein gezeichnete Summe den Betrag von einer Viertel Million Kronen. Das diesmalige Endresultat dürfte demnach die früheren Ergebnisse weit übersteigen. Zu berücksichtigen ist noch, daß die Zeichner durch diesen Verein sich vornehmlich aus den Kreisen des sogenannten „Kleinen Mannes" rekrutieren. Es sind zumeist Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina, die da kommen, um in kleinen Ratenzahlungen ihr Scherflein zum finanziellen Siege des Vaterlandes beizutragen. Die ursprüngliche Zeichnungsfrist ging am 8. Juni zu Ende. Bei dem großen Interesse für die Kriegsanleihe, das allseits bekundet wird, wurde die Frist bis zum 22. Juni verlängert. Diejenigen, die noch nicht gezeichnet haben, haben demnach die Gelegenheit erhalten, das Versäumte nachzuholen. Ks versäume daher keiner, seine Wflrcht zu erfüllen. Ke glänzender das Hlesuttat der diesmalige« Kriegsanleihe, desto rascher werde« wir das Knde des Krieges erleben. Rabbiner und Prediger. (Brief aus Krakau.) Gelegentlich des jüngsten Besuches des Kaisers in Krakau wurde u. a. auch eine Huldigungsdeputation der jüdischen Gemeinde in Audienz empfangen. Der Deputation gehörten an: Der Kultuspräsident, dessen Stellvertreter, sowie ein Mitglied des Rabbinatskollegiums. Nun verlautet, daß der Kultusvorstand nrsprün glich; auch das Erscheinen des Fortschrittsrabbiners Dr. Thon in Aussicht genommen hatte, daß aber behördlicherseits nur die Zulassung eines Mitgliedes des orthodoxen Rabbinats zugestanden wurde. In gewissen jüdischen Kreisen wurde nun daraus eine Affäre gemacht. In einem Wiener Blatte wurde der Kultusvorstand deswegen heftig angegriffen und es wurde betont, daß derselbe diesen Affront gegen den hochverdienten Dr. T. nicht hätte so ohne weiteres einstecken, sondern auf sein Recht beharren sollen, denjenigen Vertreter des Rabbinats mitzunehmen, der seitens der Gemeinderepräsentanz hiefür in Vorschlag gebracht wurde. Darauf erfolgte eine Aufklärung, daß dies angesichts der dezidierten Haltung der maßgebenden Amtsstelle und der Kürze der Zeit unmöglich war. Wir wollen zunächst ausdrücklich betonen, daß wir an dieser Stelle das Persönliche Moment vollständig beiseite lassen und die Angelegenheit bloß vom prinzipiellen Gesichtspunkte erörtern wollen. Die Verdienste des Dr. T. wollen wir weder feststellen, noch in Zweifel ziehen. Nur so viel sei gesagt, daß wir hier in Krakau von einer Aufregung in den jüdischen Kreisen, wie sie in dem erwähnten Bericht geschildert wurde, kaum etwas merken konnten. Diese angebliche Auftegung scheint sich auf den Briefschreiber und seine nächste Umgebung zu beschränken. In Wirklichkeit niuß festgestellt werden, daß Herr Dr. T. eigentlich nicht Rabbiner der Gemeinde Krakau, sondern bloß Prediger des einen Privat-Charakter tragenden Tempelvercines ist. Dr. T. ist auch kein Gemeindefunktivnär, er versieht keine wie immer gearteten Agenden des Rabbinats, hat keine Jngerenz auf die Führung der Matriken, auf den Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen rc., er darf Trauungen nur bei Mitgliedern des Tcmpelvereines vornehmen, bezieht auch keinen Gehalt von der Gemeinde und der Zuschuß, der ihm ausgezahlt wird, gilt ausdrücklich bloß als Subvention der Gemeinde an den Tcmpelvereiu. Mit einem Worte: Dr. T. ist wohl Rabbiner in Krakau, nicht aber Rabbiner von Krakau. Wir wissen nun nicht, wie sich der erwähnte Vorfall tatsächlich zugetragen hat, wir kennen auch nicht die Gründe der maßgebenden Amtsstelle für die Ablehnung des Dr. T. Aber cs muß gesagt werden: wenn diese Motive darin bestehen, daß man nur ein wirkliches Mitglied des Rabbinats zur Audienz zulassen wollte, so hätte die überwiegende Majorität der Krakauer Judenschaft nicht bloß keine Veranlassung, sich darüber aufzuhalten, sondern im Gegenteil, sie würde diesen Fakt nur mit Freude begrüßen. Nicht aus irgend welcher Animosität gegen Dr. T., sondern aus prinzipiellen Gründen. Die Krakauer Kehilla besteht zumindest aus 90 Prozent Orthodoxen und sie müßte sich dagegen entschieden verwahren, daß ein Seminarrabdincr als ihr religiöses Oberhaupt erklärt werde. Wenn Krakau seit etwa 10 Jahren keinen eigentlichen Rabbiner hat und sich nur mit einem Stellvertreter und Assessoren behilft, so ist dies die Schuld des Kultusvorstandes, der aus Bequemlichkeit und aus Furcht vor Parteiungen es vvrzieht, den Rabbinerstuhl verwaist zu lassen. Sonst wäre es ja gar nicht dazu gekommen, den Tempelprediger überhaupt zum Repräsentanten des Rabbinats avancieren lassen zu wollen. Derartige Präjudize dürfen aber nicht geschaffen werden, besonders jetzt, wo sich bereits eine ganze Anzahl Seminaristen dazu rüsten, in Galizien Rabbinerstühle zu besteigen. Mit Ausnahme von Lemberg und Drohobycz gibt es in Galizien nirgends Fortschrittsrabbincr und auch in diesen zwei Gemeinden gelten die orthodoxen Rabbiner als die eigentlichen geistigen Führer der Gemeinden und als die Repräsentanten des religiösen Judentums. Es wäre wirklich ein unrichtiges Vorgehen seitens der Krakauer Gemeinderepräsentanz, wollte sie diesbezüglich eine Neuerung einsühren. Der gegenwärtige Inzident, der unserem Kultusvorstande wahrlich nicht angenehm sein dürfte, sollte denselben veranlassen, die Rabbinerfrage je eher einer Lösung zuzuführen, um Wiederholungen zu verhüten. An geeigneten Kandidaten dürfte es jetzt, nach der Befteiung Polens, kaum fehlen. Im Grunde genommen aber ist es gut, daß diese Frage einmal aufs Tapet gebracht wurde. Die galizische Orthodoxie muß sich rechtzeitig vorsehen, um nicht unerwartet Seminaristen zu Rabbinern zu bekommen, die ihren Anschauungen und den Anforderungen des religiösen Lebens — unbeschadet ihrer sonstigen Fähigkeiten — nicht entsprechen können. Die galizische Judenschast braucht nach wie vor Rabbiner und nicht Prediger mit Rabbincrtitel». 8. I.. Die Flüchtlinge in Devtsch-Lrod. Die Verhältnisse in den Flüchtlingsbarackcn in Dcutsch-Brod haben wiederholt zu allerhand Beschwerden Anlaß gegeben. Besonders beklagten sich die dortigen jüdischen Flüchtlinge über unzureichende Würdigung und Berücksichtigung ihrer religiösen Wünsche und Forderungen. Um diese Verhältnisse zu sanieren, bat das k. k. Ministerium des Innern als Vertrauensmänner der Landesorganisation „Agudas Jisroel" den Präsidenten I. I. Thumim und den Rabbiner L. Leiter von Trembowla dorthin delegiert, um an Ort und Stelle die Beschwerden zu prüfen und daS Nötige zur Beseitigung der Unzulänglichkeiten anzuordnen. Die Delegierten wurden seitens des BezirkShauptmanucs, k. k. Statthaltercirat Schneider, sehr freundlich und zuvorkommend empfangen und sie erhielten die Möglichkeit, die Flüchtlingsbaracken eingehend zu besichtigen, die Flüchtlinge persönlich einzuvernehmen, ihre Wünsche und Beschwerden zu hören und das Nötige zu verfügen. Sie fanden hiebei großes Entgegenkommen seitens der k. k. Statthaltereikonzipisten Dr. Kortely und Dr. Strup, sowie seitens des Bezirksarztes Dr. Skacelik. Es stellte sich leider heraus, daß die Schuld an der Nichtbcrücksichtignng der religiösen Wünsche der Flüchtlinge in Angelegenheit der rituellen Verpflegung und der Sabbatheiligung dem eigenmächtigen Vorgehen einiger jüdischer „Vertrauensmänner" der Flüchtlinge zu- Mschreiben ist, die sich ein Dezisionsrecht in religiösen Fragen herausgenommen haben. Nachdem die Delegierten der „Agudas Jisroel" dieses unrichtige Vorgehen entsprechend gerügt hatten, tvurde über ihren Wunsch das Nötige veranlaßt, daß die Küchen in den Barackenlagern streng-rituell geführt werden und daß die Sabbatheiliguug vorschriflsgemöß gewahrt bleiben soll. Es wurde auch die Errichtung einer „Mikwah" und die Eröffnung einiger Chederim angeordnet. Herr Thumim hatte auch die Gelegenheit, in Gegenwart des Bezirkshaupttnannes und seiner Beamten eine Vollversammlung der Flüchtlinge abzuhalten, an welche er eine überaus warme Ansprache richtete und sic zum Aus- und Durchhalten auffordcrte, bis zu der hoffentlich nicht mehr fernen Friedenszeit, wo sie wieder ihrem gewohnten Leben und Berufe werden nachgehen können. Herr Rabbiner Leiter wurde schließlich behördlicherseits als Vertrauensmann der „Agudas Jisroel" zum Rabbiner der Barackenlager bestimmt und erhielt die Aufgabe, die Durchführung der angeordneten Maßnahmen religiöser Natur zu überwachen und den Unterricht in den Chederim zu leiten. Es ist zu erwarten, daß die Verhältnisse in Deuisch-Brod, wo etwa 6000 jüdische Flüchtlinge weilen, sich nunmehr entschieden günstiger gestalten werden, umsomehr, als sowohl der Bezirkshauptmann als auch die anderen Funktionäre den besten Willen bekunden, alle berechtigten Wünsche und Forderungen der Flüchtlinge zu berücksichtigen. B e n - A m i t a i. Die Zahl der Juden. In der Zeitschrift „Der Jude" macht Dr. Arthur Ruppin folgende interessante Mitteilungen über die Zahl der Juden und ihre Verteilung auf die einzelnen Erdteile und Länder. In Europa leben insgesamt 9,805.701 Juden, davon im europäischen Rußland (ohne Polen) 4,405.063, in Polen 1,533.716; in Oesterreich 1,325.537 (davon in Galizien 871.895); in Ungarn 932.458; in Deutschland 615.021; in Rumänien 266.652; in Großbritannien 240.000; in der europäischen Türkei (vor dem Balkankrieg) 188.896 (inzwischen hat sich die Zahl durch Abtretung von Gebietsteilen an Griechenland und Bulgarien auf etwa 100.000 vermindert); in den Niederlanden 106.409; in Frankreich 100.000; in Belgien 50.000; in Italien 43.924; in Bulgarien mit Ostrumelien (vor dem Balkankrieg) 40.119 (jetzt zirka 50.0(X)); in der Schweiz 19.023; in Griechenland (vor dem Balkankrieg) 8250 (jetzt 90.000); in Serbien 5997;