Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 17 (7.6.1917)
- Date
- 1917-06-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Abtransport erforderlichen Transportmittel in vollem Umfange zur Hand zu haben. Gleich nach dem Eintreffen dieser Nachricht habe er, der Großrabbiner, Verhandlungen mit der kaiserlichen Regierung ausgenommen. Diese stellte unmittelbar den Betrag von hunderttausend Pfund zur Erleichterung des Loses der durch die Räumung betroffenen Bevölkerung zur Verfügung. Der Großrabbiner fügte jedoch mit erhobener Stimme hinzu, daß die Meldungen der feindlichen Agenturen, welche von Bexativnen und Massakres zu berichten wissen, absolut jeder Grundlage entbehren. Würde dem wirklich so gewesen sein, so hätte er es durch direkte oder indirekte Berichte aus Palästina erfahren müssen. Die kaiserliche Regierung und ganz besonders der Großwesir Talaat Pascha hätten zu jeder Zeit das größte Wohlwollen dem jüdischen Element gegenüber gezeigt. Sie würden niemals, das könne er feierlich beteuern, Gewaltakte der von feindlicher Seite gemeldeten Art geduldet haben. Was die Stadt Jerusalem anbelangt, so betonte der Großradbincr mit Nachdruck, daß sie niemals geräumt worden sei, und er glaube versichern zu können, daß sie auch nicht geräumt werden würde. Bon dm in Jaffa getroffenen Maßregeln glaube er, daß die Regierung allen denjenigen Elementen, welche zurückkehrcn wollen, jede mögliche Erleichterung gewahre» wolle, um ihr Haus und Hof wieder zu erreichen." Weiters liegen folgende Nachrichten vor: Wir erhalten vom Großrabbiner von Palästina Danon Chacham Baschi, folgende Depesche aus Jerusalem, 29. Mai: „Die ,Agence Havas' hat sich eine ungeheuerliche Meldung über eine angebliche Judenverfolgung in Palästina geleistet. Ich erachte es als heilige Pflicht, dieser vetleumderischeu Beschimpfung der hohen türkischen Regierung, einer Verleumdung, deren Zweck durchsichtig ist, in meinem Namen und im Namen der jüdischen Gemeinden in entschiedenster Weise entgegenzutreten und bitte Sie, diesem unseren Protest die größtmögliche Verbreitung zu geben. Es ist eine lügenhafte Behauptung, daß die Städte Gaza und Jaffa ausschließlich zu dem Zweck evakuiert worden wären, um die Juden aus Palästina hinwegzutilgen und daß nur Inden von der Evakuierung betroffen worden seien. Die Wahrheit ist, daß unter den 30.000 Einwohnern, welche Gaza im Interesse ihrer persönlichen Sicherheit verlassen mußten, sich nur etwa zwanzig bis dreißig Juden befanden. Unter den 40.000 Einwohnern, die Jaffa aus gleichem Grunde verlassen mußten, befanden sich 7000 Juden; diese konnten sich aber alle in anderen Städten und Dörfern innerhalb Palästinas niederlassen, und tatsächlich bat fast niemand von ihnen Palästina verlassen. Die jüdischen Kolonien, selbst diejenigen in der nächsten Nähe von Jaffa und Gaza, sind durchwegs intakt geblieben. Diese Tatsachen beweisen deutlich genug, daß cs sich seitens der türkischen Regierung nicht um eine Maßnahme gegen die Juden gehandelt, und daß eine Absicht, die Juden aus Palästina zu entfernen, in keiner Weise bestanden hat. Die Einwohner der evaknierten Städte erhielten ohne Unterschied der Konfession alle diejeuigen Möglichkeiten zu ihrer Beförderung, welche die Umstande erlaubten. Der armen Bevölkerungsklasse wurde von der Regierung auch Gelduntersttttzung gewährt. Es ist eine krasse Unwahrheit, daß Hab und Gut geplündert worden wären, vielmehr war und ist alles Eigentum, das zurückbteibcn mußte, in allerbester Bewachung. Es ist ferner eine böswillige Erfindung, daß 7000 Israeliten ans Jerusalem ausgewiesen worden wären. Mit Ausnahme von einer Anzahl von Angehörigen feindlicher Mächte, Juden und Nichtjuden, sind seit Beginn des Krieges nur wenige einzelne jüdische Familien aus administrativen Gründen aus Jerusalem verwiesen worden. Ebenso ist es eine Lüge, daß der Oberkomniandierendc der 4. Armee jemals Aeußerungen des Uebclwollens gegen die Juden getan hätte. Vielmehr hat Exzellenz Djchemal Pascha vielfach Gelegenheit genommen, durch Wort und Tat sein Wohlwollen und seine hochherzige Gesinnung auch für die jüdische Bevölkerung der Türkei zu bekunden. So hat Exzellenz Dschemal Pascha auch stets den religiösen Wünschen und Bedürfnissen der jüdischen Gemeinden und Militärpersonen Rechnung getragen im Geiste jener vollkommenen Toleranz, die bei der ottomanischen Regierung Tradition ist. Jus Gebiet der Märchen gehört auch die ungeheuerliche Meldung von errichteten ständigen Galgen und fortgesetzten Exekutionen. Tatsache ist, daß — von drei Soldaten, die sich schwer vergangen hatten, abgesehen — seit Beginn des Krieges kein einziger Jude zum Tode verurteilt wurde. Der Grotzrabbiner R. Dano» Chacham Baschi." Das Wolfsche Bureau meldet: „Wie falsch und verleumderisch die Ausstreuungen unserer Gegner über angebliche Gewalttaten an der jüdischen Bevölkerung Palästinas sind, geht weiterhin auch daraus hervor, daß bei den deutschen Mitgliedern des Anfsichtsrates der,Jewish Colonisation Association^ (Sitz Paris) von der Direktton der unter der Verwaltung dieser Gesellschaft stehenden palästinensischen Kolonien folgende Depesche eingegangen ist: „Ruhe und Ordnung herrschen in allen unseren Dörfern. Die Arbeiten nehmen ihren ungestörten Fortgang. Alle Gerüchte über Unsicherheit oder Unterdrückung sind vollkommen falsch. Die türkische Regierung kommt der jüdisckM Bevölkerung, die aus Jaffa ausgewiesen und setzt in Galiläa untergebracht worden ist, zu Hilfe. Den Besitzern von Orangerien und Weinpflanzungen sind bereits im Vorjahre und jetzt wiederum sehr bedeutende Darlehen zur Ausrechterhaltung ihrer Betriebe von der Verwaltung gewährt worden." Von dem Jerusalemer Vertreter der deutschholländischen Palästinaverwaltung, also von autoritativer jüdischer Seite, erhalten wir folgendes Telegramm: „Jerusalem, 28. Mai. Die verleumderischen Nachrichten der Agentur Havas, daß die Evakuierung von Jaffa und Gaza nur Juden betroffen habe, sind ebenso tvie andere Schauergeschichten dieser Quelle völlig unwahr. Die Evakuierung hatte lediglich militärisch-strategischen Charakter mit gleichmäßigen Verfügungen für die Gesamtbevölkerung ohne Unterschied der Konfession. Die Abreise der Evakuierten erfolgte unter fördernder Mithilfe des Gouvernements und speziellen Unterstützung Dschemal Paschas. Die Juden Palästinas sind im Lande verblieben und dürfen ebenso wie andere Evakuierte in anderen Orten Palästinas sich nach Belieben niederlassen." Die Iudenemamipation in Rumänien. Die an dieser Stelle wiederholt vertretene Ansicht, daß die Juden Rumäniens nur in einem auf den Schlachtfeldern niedergerungcncn Rumänien Freiheit und Erlösung erwarten können, bestätigt sich nun vollauf. So haben die Mittelmächte auch hier, wie in Rußland, ein großes BefreiungS- und Erlösungs- Werk vollbracht. Diesbezüglich wird nämlich aus Jassy gemeldet: „Das bedeutendste politische Ereignis der letzten Tage ist die Anfrollung der Judenfrage und die Stellung der verschiedenen Parteien und Volksteile zu derselben. Das vor kurzem veröffentlichte Communiqus der rumänischen Regierung über die beabsichtigten inneren Reformen batte bekanntlich die Jndensrage mit keinem einzigen Wort erwähnt. Hingegen erklärte der König einer Abordnung der rumänischen Juden, die ihm eine Denkschrift überreichte» die rumänische Regierung werde nach dem Siege keinen Unterschied mehr zwischen den einzelnen Bestandteilen der Bevölkerung in bezug auf den Genuß bürgerlicher Rechte machen. Viel weniger bestimmt und zusagend waren die Erklärungen, die Bratianu in eben derselben Frage zur gleichen Zeit in Petersburger politischen Kreisen abgab. Darin witterten die Antisemiten eine günstige Wendung in der Behandlung der Judenfrage und begannen unter Anleitung des bekannten Geschichtsprofessors 9t. Jorga eine scharfe Hetze gegen die jüdische Bevölkerung. Doch scheint die Sonne der judenfeindlichen Bewegung in Rumänien dem Sinken nahe. Die neugegründete Arbeiterpartei, die, unterstützt durch die russischen Soldaten, immer mehr an Einfluß gewinnt, hat auf ihr Programm die vollständige Gleichberechtigung der Juden geschrieben. Erscheinungen, die vor dem Kriege völlig undenkbar waren, kommen hinzu, um die zögernde Regierung zu bestimmen, offen Farbe zu bekennen. Eine imposante Straßendemonstralion in Odessa, an der sich viele Tausende russischer und rumänischer Bürger beteiligten, endete mit der Entsendung einer Deputation an den rumänischen Generalkonsul Greceann, der anfgefordert wurde, seiner Regierung die Notwendigkeit der Erteilung von Rechten an die rumänischen Juden nahezulegen. Der Konsul erschien vor der versammelten Menge und gab beruhigende Zusicherungen ab." Eine ähnliche Nachricht kommt aus Lugano: „Der Corriere vernimmt aus Jassy, Ministerpräsident Bratianu habe bei der Wiedereröffnung der Kammer die Erklärung abgegeben, die Regierung verpflichte sich, nach beendetem Krieg das Problem der Zuerkcnnung der politischen Rechte an die jüdische Bevölkerung zu lösen." Wir wollen hoffen, daß sich diese Nachrichten diesmal bestätigen. Die Juden-Rumäniens werden es allerdings wissen, wem sie ihre Emanzipation zu verdanken haben. Die neue Lage der Inden in Rußland. Aus Stockholm wird der „F. Z." geschrieben: Die mehr als 4 Millionen umfassende jüdische Bevölkerung Rußlands ist eifrig tätig, ihre durch die Gleichstellung aller Völkerschaften Rußlands gewonnenen neuen Rechte zur Geltung zu bringen. Mehrere jüdische Blätter des neutralen Auslandes haben in der letzten Zeit Ursache gehabt, auf gcwiffe von englischer Seite ausgehende Verdächtigungen gegen die loyale Haltung der jüdischen Bevölkerung Rußlands hinzuweisen. Man macht in England den Juden den Vorwurf, daß sie in ihrer Mehrheit mit der sogenannten jakobinischen Gruppe gegen die Duma-Regierung austretcn. Durch den weitaus übertriebenen Vorwurf sucht man ihre Haltung in einem Sinne festzulegen, der England restlos befriedigen würde. Die jüdischen Einwohner Rußlands sind über sehr verschiedene Gegenden Rußlands verteilt und leben unter ziemlich, ungleichen äußeren Bedingungen. Es ist klar, daß von einer einheitlichen Haltung des russischen Judentums in den innerpolitischen und auch außenpolitischen Fragen Rußlands nicht die Rede sein kann. Die vom Arbeiterrat in manchen Stücken heftig bekämpfte zeitweilige Regierung hat im übrigen von Anfang an die ausdrückliche und vorbehaltlose Unterstützung der einflußreichsten jüdischen Kreise Rußlands gefunden. Bekanntlich baut sie gerade auf diese Tatsache eine gegen früher wesentlich geänderte stärkere Hoffnung auf finanzielle Hilfe aus Amerika, wo bekanntlich die Stimmung gewisser Kreise der Hochfinanz eine Rolle spielt. In Petersburg stellten jüdische Finanzkreise aus Freude über den großen befreienden Akt vom 6. April ein Kapital von 1 Million Rubel zum Bau eines „Tempels der Gleichheit" zur Verfügung, der als ein Haus der wissenschaftlichen Gesellschaftsforschung auf der Grundlage des uralten mosaischen Humanitäts-Jdeales dem Studium des Verhältnisses der Völker untereinander und der Besserung des Verständnisses der Völker für einander dienen soll. Mehreren noch unter der alten Regierung gegen die Juden erhobenen Beschuldigungen geht die neue Regierung bereits energisch zu Leibe. Die jüdische Bevölkerung von Feodosia wandte sich am 3. Mai an den Justizminister Kerenskij mit dem Gesuch, die früher gegen Juden erhobenen Anklagen wegen Kriegsspionage Niederzuschlagen. Auf Anordnung Kerenskijs wurde auch das Kriegsgericht in Kiew beauftragt, das gesamte Aktenmaterial des Beilisprozesses zur Revision nach Petersburg einzusenden. Unter den neuen Verhältnissen, die der Meinungsäußerung volle Freiheit gaben, äußert sich die zionistische Bewegung, die bisher in Rußland nur in der Stille ihre Anhänger sammeln, aber niemals öffentlich hervortreten konnte, mit besonderem Nachdruck. Vom 7. Mai ab wurde in Petersburg ein allrussischer Zionisten-Kongreß abgehalten. Bereits früher ist gemeldet worden, daß die Zionisten auf einer Tagung in Odessa die Errichtung eines autonomen jüdischen Staates in Palästina forderten. Diese Forderung steht mit der bekannten Kriegszielerklärung Wilsons in einem unleugbaren Zu-