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Jüdische Korrespondenz · 1917-06-07 · 17 (7.6.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
17 (7.6.1917)
Date
1917-06-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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indische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. V i ertelj ährli ch K 1 ■ 20. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Nachdruck mit veiler Quellenangabe gestattet. Nr. 17. Oas neue Oesterreich. ' Die Thronrede, mit welcher der Kaiser die Mitglieder beider Häuser des Reichsrates bei der Wiederaufnahme ihrer Arbeit begrüßte, verkündet verheißungsvoll ein neues Oesterreich. Das neue Oesterreich, das viele so stark herbcisehnen und fordern. Diejenigen, die angesichts der „voraussetzungslosen" Einberufung des Parlaments an der Erneuerung des Vaterlandes verzweifeln wollten, sind diesmal nicht auf ihre Rechnung gekommen. Die Erneuerung wird vor sich gehen. Der Herrscher verbürgt sich dafür und verkündet dieselbe als sein Programm. Ja, die Thronrede geht sogar so weit, die Wlegung des Gelöbnisses auf die Verfassung zu verschieben, um nur die Durchführung der Erneuerungsmaßnahmen zu sichern. Wie soll nun diese Erneuerung aussehen? Auch darüber gibt die Thronrede volle Klarheit. Kaiser Karl will im Geiste wahrer Demokratie seine Herrscherrechte ausüben, im Geiste jener Demokratie, die gerade während der Stürme des Weltkrieges in den Leistungen des gesamten Volkes an der Front und daheim die Feuerprobe wunderbar bestanden hat. Die Thronrede kündigt auch eine Ausgestaltung der verfassungs-und verwaltungsrechtlichen Grundlagen des gesamten öffentlichen Lebens an, sowohl im Staate, als in den einzelnen Kronländern. Diese Ausgestaltung soll dazu führen, .LÄ^jene kleinlichen Reibungen und Streitigkeiten, die bisher die inatericlle und kulturelle Entwickelung Oesterreichs behindert haben, zu beseitigen. Die Unfruchtbarkeit der früheren Jahre soll mittels einer intensiven Arbeit auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens wieder wettgemacht werden. Außer diesem rein theoretischen Programm verkündet die Thronrede auch ein umfangreiches Programm praktischer Arbeit, die Ausgestaltung der sozialen Fürsorge, die sittliche Verjüngung des Vaterlandes, die Hebung des Wohlstandes — lauter Dinge, die in allen bekannten Erneuerungs-Projekten und Vorschlägen Aufnahme gefunden hatten. Es ist klar, daß diese Erneuerungsarbeit zunächst nur mit Hilfe und unter der Mitwirkung des Parlaments vor sich gehen kann und soll. Die österreichische Volksvertretung, die nach einer dreijährigen Pause wieder zur Mitwirkung an der Gesetzgebung berufen wurde, muß es sich vor Augen halten, daß es in erster Reihe von ihrer Arbeit abhängt, dieses Programm so rasch und so gründlich als möglich zu verwirklichen. Die Volksvertreter müssen sich sagen, daß die neue Zeit die alte Taktik nicht mehr anwenden läßt. Die Zustände, wie sie vor dem Kriege in der Monarchie herrschten, dürfen nicht mehr wiederkehren. Es ist die eigene Schuld unserer Volksvertreter, wenn der Monarch sich heute veranlaßt sieht, hinsichtlich der geltenden Verfassung gewisse Vorbehalte zu machen. Unsere Volksvertreter haben zunächst den Beweis zu liefern, daß ihrerseits kein Hindernis für die Bereinigung all jener Probleme sein wird, die bisher die Entwickelung der Monarchie paralysierten. Haben es die Verhältnisse mit sich gebracht, daß die neue Zeit den alten Männern gegenübersteht, so mögen diese den Beweis erbringen, daß sic die Zeichen dieser Zeit verstehen und zu würdigen wiffen. Den ersten Schritt nach dieser Richtung hat die Volksvertretung bereits getan. Die Schaffung der neuen Geschäftsordnung ist eine Tat, zu der sich unsere Volksvertreter früher absolut nicht verstehen wollten. Ob sie es diesmal aus eigenem Antriebe getan, oder bloß der Not gehorchend, um das gefürchtete Oktroi zu verhindern, soll hier nicht näher untersucht werden. Der Fakt an und für sich verdient als gutes Omen verzeichnet zu werden. Redakteur: Jonas Kreppei. Wien, 7. Juni 1917. Hoffentlich wird die Gesundung weitere Fortschritte machen. Wenn wir von einem neuen Oesterreich sprechen, so verstehen wir darunter naturgemäß ein solches, in welchem kein Platz für nationalen Chauvinismus und konfessionellem Haß vorhanden sein wird. Diese Dinge lassen sich mit dem Geiste einer wahren Demokratie absolut nicht vereinigen. Sie widersprechen auch der Solidarität der Völker, die während des Krieges so wunderbar die Feuerprobe bestanden hat. Damit kommen wir zu einem Kapitel, welches für die Juden Oesterreichs von besonderer Wichtigkeit ist. Von zwei Seiten wird seit einiger Zeit mit dem Schlagworte „Antisemitismus" operiert. Einerseits hören wir gewisse Drohungen, daß der Judenhaß nach dem Kriege eine Wiederauferstehung erleben werde. Andererseits werden gerade von gewisser jüdischer Seite diesbezüglich Kassandrarufe vernehmbar. Wir wollen heute keineswegs den Propheten spielen und die Zukunft apodiktisch Voraussagen. Eines aber möge zu erklären gestattet sein: Bange machen gilt nicht! In dem Momente, da Oesterreich im Geiste der wahren Demokratie erneuert werden soll, müssen derartige Drohungen und Befürchtungen wenig ernst anmuten. In dem neuen Oesterreich dürfte es für derlei Dinge kein Betätigungsgebiet geben. Engherziger Partei-Egoismus dürfte wohl kaum ganz verschwinden, ebensowenig wie diejenigen, die der Parole: „je ärger, desto besser für uns!" huldigen, nicht ganz vom Schauplatz: abtrcin. ■ dürften. Ader wir glauben kaum, daß derartige Stimmungen und Strömungen einen allzu breiten Spielraum haben werden. Man müßte dann wahrlich an der Zukunft Oesterreichs verzweifeln. Dazu ist aber angesichts der gewaltigen Leistungen aller' Völker im dreijährigen Ringen und angesichts der festen, unverrückbaren Entschlossenheit von Kaiser und Regierung, die Erneuerung, Modernisierung und Ausgestaltung des Staates im Geiste der wahren Demokratie durchzusühren, keine Veranlassung vorhanden. Mit dem weitestgehenden Vertrauen sehen wir der Tätigkeit unserer Volksvertreter entgegen. Mögen sie ihrer Aufgabe gewachsen sein und das Programm der Verwirklichung zusühren, das der Kaiser in seiner ersten Thronrede verkündet hat. Die Errichtung eines Ministeriums für soziale Fürsorge, die seitens des Kaisers bereits verfügt wurde, zeigt, daß man an Allerhöchster Stelle entschlossen ist, den Worten die Taten folgen zu lassen. Würden unsere Volksvertreter diesem schönen Beispiele folgen, dann wird die Erneuerung Oesterreichs rasch vor sich gehen und dann dürsten die Herren um die „Reichspost" und um die „Ostdeutsche Rundschau" kaum Gelegenheit haben, sich irgendwie zu betätigen» Dann werden auch jene jüdischen Wetterpropheten, die schon heute die Luft mit ihren Kassandrarufen erfüllen und das Heil der Juden Oesterreichs in der Akzeptierung ihres alleinseligmachenden Programmes proklamieren, eines Bessern belehrt werden. __Spectator. Die Ereignisse in Palästina. Ueber die Ereignisse in Palästina, die mit der ans militärischen Gründen verfügten Evakuierung Jaffas und Umgebung in Zusammenhang stehen, liegen nunmehr folgende Nachrichten vor, die den Eindruck bekräftigen, daß es sich wieder einmal um eine Machination der Entente handelt, die absichtlich falsche Nachrichten über eine Judenverfolgung in Palästina verbreitet, um im jüdischen Lager Stimmung gegen die Türkei und damit gegen die Mittelmächte zu machen. Angesichts der vorliegenden Nachrichten dürste diese Spekulatton schwerlich einen Erfolg haben. j Erscheint jeden Donnersta 111. Jahrgang. Im nachstehenden veröffentlichen wir die in den letzten Tagen diesbezüglich eingelangten Metdungen: Die „Jüdische Rundschau", das Organ der Zionisten in Deutschland, meldet: Ueber die Lage der jüdischen Bevölkerung in dem von den Räumungsmaßnahmen betroffenen palästinensischen Bezirk Jaffa erhalten >vir nachstehenden telegraphischen Eigenbericht aus Jerusalem von Mitte Mai: „Auf Grund besonderer Berechtigung bleiben in Jaffa zurück gegen 30 Juden, unter denen 12 Wächter für das jüdische Stadtviertel Tel-Awiw, wo alles bis jetzt unversehrt ist und Gärten gepflegt werden. Laut Verordnung durften in den jüdischen Kolonien die Ackerbauer mit Familien, die Pflanzungsbesitzer ohne Familienangehörige Zurückbleiben, jedoch wurde die Verordnung ohne Strenge angewendet, so daß die meisten Kolonieeinwohner auf Grund landwirtschaftlicher Beschäftigung Ausenthaltsrecht erlangen konnten. Nur etwa 600 Personen mußten die Kolonien verlassen. Bon den 8000 bis 9000 jüdischen Einwohnern Jaffas, welche Jaffa verlassen mußten, befinden sich über 3000 in Untergaliläa, über 1000 in Petach-Tikwah, 1000 in Kfarsaba, der Rest verstreut über judäische Kolonien, Samaria, Obergaliläa und Städte. Bei dem zunächst nach Petach- Tikwah gerichteten Auszug aus Jaffa halfen jüdische Wagen aus Galiläa; die Wagcnfahrt war infolge des gegenwärtigen Futterpreises sehr kostspielig; bei der sväjerep, Miteurjse. aus.Petach-Myg-., standen Wagen mcht zur Verfügung, da Pferde requiriert waren, Bahnzüge aber waren nur mit großen Schwierigkeiten nach tagelangem Warten auf der Station unter freiem Himmel und bei unzureichender Verpflegung erreichbar. Die geschilderten Beschwerden des Weges verursachten Erkrankungen und einige Todesfälle. Die Evakuierung untergrub die wirtschaftliche Existenz der meisten Betroffenen, erschütterte das Kolonisationswcrk, zerstörte die allgemeinen Institutionen. Die zur Verfügung stehenden Hilfsmittel sind unzureichend für die Flüchtlinge, unter denen Not und Krankheit herrschen. Erforderlich ist die Einrichtung umfangreicher Notstandsarbciten, um arbeitsfähige Flüchtlinge nicht zu Almosenempfängern herabzudrücken. Die vorhandenen Arbeitsmöglichkeiten können ausgenutzt werden durch Darlehen an Gesellschaften und Private, ferner durch Ameliorationsarbeiten auf den Besitzungen des Jüdischen Nationalfonds, Errichtung von Lehmhütten und Zelten ist ebenfalls notwendig. RationelleFlüchtlingsjürsorgebeansprnchtwenigstens 12.000 Francs täglich. Für die Erhaltung der Pflanzungen sind für die nächsten fünf Monate bis zur Ernte außerdem 250.000 Francs notwendig. Eine Evakuierung Jerusalems ist nicht erfolgt." Die „Frankfurter Zeitung" veröffentlicht eine Unterredung ihres Konstantinopoler Korrespondenten mit dem Chacham Baschi Rabbi Chaim Nachum: „Der Großrabbiner gewährte mir heute eine Unterredung. Ich ivollte von dieser kompetentesten Persönlichkeit über die zahlreichen Gerüchte von Judenverfolgungen in Palästina, welche hauptsächlich von französischen und englischen Agenturen verbreitet werden, sichere Auskunft erhalten. Der Großrabbiner ging ohne viele Umschweife auf den Gegenstand selbst ein. Durch einen an ihn gerichteten Brief des Rabbiners von Jaffa, der ettva drei Wochen alt ist, hatte er vernomnien, daß die Stadt Jaffa aus militärischen Gründen geräumt ivird. Diese Räumung erstreckte sich auf die gesamte Bevölkerung ohne Unterschied der Rasse und Religion. Die jüdische Bevölkerung, welche Unterkunft in den anderen Kolonien suchte, hatte natürlich hierunter zu leiden. Bei der notwendig gewordenen Maßregel war es nicht möglich gewesen, sofort alle für den >mr Kriegsanleihe zu zeichne«, ist jedes Inden heiligste Pflicht! -Wfl

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