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Jüdische Korrespondenz · 1917-05-25 · 16 (25.5.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
16 (25.5.1917)
Date
1917-05-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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^sBSiiiäiiStjfiiw^^s^l^^^ ■■" ':***"v. v-a" -. . »SjäpiRHR^ti^lJsjSf*•SSWfeif ."^sp«Si-" •' j%aM*'_ chisch-katholischen Kirche, als deren Verbreiter und Mehrer er sich fühlte, dieser zu gewinnen suchte. Darin weist er ia seinem Charakterbilde einige verwandte Züge mit den Cäsaren Roms und Antiochias auf. Das Judentum sollte ausgerottet werden, die Juden aber nach dem Schema: „Und bist du nicht willig, so brauche ich Gewalt", in den Schoß der alleinseligmachenden russischen Kirche gebracht werden. Von der Intelligenz der Juden hatte dieser ziemlich unwissende, aber durch und durch soldatische Kaiser die beste Meinung, umsomehr hoffte er, durch deren Uebertritt dem russischen Riesenorganismus neues frisches Blut zuführen zu können. Als bestes Mitte/ zu diesem Zwecke erschien ihm die Heranziehung der Juden zum Militärdienste. Zu einer geradezu teuflischen Maßnahme gestaltete sich die Kinderaushebung. Diese wurde in der Weise gehandhabt, daß jüdische Kinder, zumeist nächtlicherweise, schon im Alter von fünf bis acht Jahren, durch Kosaken den Armen der Mütter entrissen, ins Innere Rußlands verschleppt und dort in Zwangserzziehung zu echten Russen gegeben wurden. Hier sollten sie für Kirche und Kaserne vorbereitet werden, in welche sie mit 15—16 Jahren eintraten. Nach 25 jähriger Dienstzeit konnten sie mit einigen Privilegien als „gediente Niko- Jaiwer" wieder in die Freiheit treten, mit der sie natürlich nichts mehr anzufangen wußten. Hunderte elegische Volkslieder gehen im Ghetto von Mund zu Mund, die diese jammervollste aller Zeiten für die russische Judenheit besingen und beweinen. In ihnen wird überall auf den naheliegenden Vergleich mit der Maßnahme Pharaos in Mizrajim angespielt, wobei aber das Ertränken der neugeborenen Knäblein von damals als harmloses Spiel hingestellt wird im Vergleich mit dem entsetzlichen Jammer der Eitern und Kinder zur Zeit der Soldatenfängerei. Kamen die Häscher in eine Gemeinde, so zogen unsägliche Schrecken durch die jüdischen Häuser, und manch jüdischer Knabe lag Wochen und Monate lang im licht- und luftlosen Räume versteckt, von zitternder Mutterliebe bewacht und behütet. Da jede Gemeinde eine ganz bestimmte Anzahl von Knabensoldaten zu stellen hatte, so suchten zuweilen die Wohlhabenden auf Kosten der armen niederen Schichten ihre Kinder ihrem Schicksale zu entziehen, wobei ihnen gewissenlose bestechliche - ^äcinciricfcfoxmmx?—»v lllif»- in liitr-HcUid- TrrtrcH'cttrrr. Auch die Gemeindegewaltigen kommen sehr -schlecht in den Berichten und Liedern aus dieser Schreckenszeit weg. Es dürfte allerdings für •die Kahalsverwaltungen keine leichte Sache gewesen sein, bei der Opferung kostbaren Menschengutes immer nach den Grundsätzen von Recht und Gerechtigkeit die Verteilung zu •treffen. Ueberhaupt war diese Gemeindeverwaltung, Kahal genannt, ein echt „Nikolaiew'sches" Gebilde. Angeblich zu Gunsten der Juden und zur Herbeiführung einer geordneten Verwaltung ihrer internen Angelegenheiten geschaffen, .stellte der Kahal in Wahrheit nichts anderes »dar als eine Exekutivbehörde, ein Instrument in der Hand des Staates, um die Bedrückung der •Gemeinden durch unerträgliche Steuerbelastun- ■gen und Rekrutenaushebungen umso wirksamer durchzuführen. Drei bis fünf Bevollmächtigte bildeten die Verwaltung, die mit unbeschränkten Machtbefugnissen ausgestattet war und der sogar Soldaten zum Zwecke der Eintreibung von Steuern und sonstiger Ausbeutung der Mitglieder zur Verfügung standen. Selbstredend waren es zumeist Günstlinge und ehrgeizige Streber, die auf diese Weise die Macht an sich rissen und sie gegen ihre Brüder mißbrauchten. Die besseren Elemente, besonders auch die Rabbiner, hatten nicht den geringsten Einfluß auf die Gewaltherrschaft des Kahal, der zumal in der entsetzliehen Periode der Knabenaushebungen den Fluch der Massen auf sich lud und neben der zarischen Polizei und Soldateska ■seine Stellung in der russisch-jüdischen Leidensgeschichte des letzten Jahrhunderts hat. Tausende und Abertausende jüdischer "Seelen sind so in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu Grunde gegangen. Einige wenige fanden aber auch im Kampfe mit ganz unmöglichen Umständen den Weg zurück. Manche sogar erst an ihrem Lebensabende. Noch bis zu den letzten Jahren konnte man im russischen Städtchen dem Typus des „Ger" be- gegnen. Ein gebrochener Greis, der in der Ofenecke des Beth Hamidrasch den ganzen Tag über seinem Psalmbuche saß und Oebete murmelte, von wohltätigen Menschen hier und da mit einem Stück Brot oder einer warmen Speise bedacht. Alle diese Menschenruinen hatten die gleiche Geschichte: Als Kind den Eltern, der Heimat und dem Judentum entrissen, von fremden, lieblosen Menschen unter den -grausamsten Mißhandlungen erzogen, 25 Jahre "im Soldatenrocfc Das Älter stellte sich ein und JlkliscftMe Korrespondbenx ließ Jugenderinnerungen aufleben, die nicht mehr verstummen wollten. Flucht. Gefängnis, wieder Flucht und endliche Landung in der Oefnecke des Beth-Hamidrasch am Psalmbuch, nachdem sich noch der Ger mit schwerer Not das mühsame Lesen des Hebräischen angeeignet hat. (Fortsetzung folgt.) Jüdische Rundschau. Jüdische Herrenhausmitglieder. Gelegentlich der gegenwärtig erfolgten Ernennung neuer Herrenhaus - Mitglieder in Oesterreich sind auch folgende Juden in die Pairskammer berufen worden: Moritz Benedikt, Herausgeber und Chefredakteur der „Neuen Freien Presse", Großindustrieller und Landtagsabgeordneter Dr. Philipp Ritter von Comperz, Bergrat Max Ritter von Guttmann, Baron Louis von Rotschild. Zusammen mit den bisherigen jüdischen Herrenhausmitgliedern Prof. Dr. Grünhut, Baron Schey und Großindustrieller Bernhard Wetzler ist die Zahl der lebenslänglichen jüdischen Pairs in Oesterreich auf 7 unter 170 gestiegen, was bisher noch nie der Fall war. Von den neuen jüdischen Herrenhausmitgliedern ist die öffentliche Tätigkeit des Herrn Benedikt allgemein wohl bekannt. Baron Rotschild ist der Chef des Wiener Hauses Rotschild, sein Interesse für jüdische Angelegenheiten hat er damit bekundet, daß er eine Kooptierung zum Kultusvorstand angenommen hat. Lieber seiner Initiative ist auch voriges Jahr das Komitee zur Wahrung der jüdischen Rechte im nordöstlichen Kriegsgebiete ins Leben gerufen worden. Ritter von Comperz ist Präsident dieses Komitees, Ritter von Guttmann Mitglied desselben. Kriegsanleihe und Schewuaus - Fest. Das Schewuaus-Fest gibt unseren Rabbinern und Predigern die beste Gelegenheit, in ihren Predigten auf die große Bedeutung der VI. österreichischen Kriegsanleihe hinzuweisen und zur eifrigen Zeichnung derselben anzueifern. Wie bei den bisherigen Kriegsanleihen werden unsere Seelsorger auch diesmal sicherlich ihre Pflicht voll und ganz erfüllen. Der Militär - Dienst der russischen Juden. Die Angelegenheit des Militärdienstes der russischen Juden in Frankreich hat immer noch keine endgiltige Erledigung gefunden. Obwohl vor einiger Zeit bereits im französischen Parlament der Vorschlag, die russischen Flüchtlinge in Frankreich gewaltsam zum Militärdienst einzuziehen, abgelehnt wurde, fordern die französischen reaktionären Zeitungen und Politiker immer von neuem eine gewaltsame Einziehnug der russischen Juden in Frankreich. So brachte die „Libre Parole" jüngst einen Artikel „Armee-Deserteure", in dem gefordert wird, daß Frankreich sich jetzt nicht in einem närrischen Liberalismus gefalle, sondern sofort ein Gesetz schaffen sollte, welches die russischen Juden in Frankreich zum Militärdienst zwingt. In welcher Weise das Blatt seine Forderungen motivierte, erhellt schon daraus, daß nur ein kleiner Teil des Artikels publiziert werden durfte, während der größere Teil von der Zensur gestrichen worden ist. Englische Judenhetze. Seit einiger Zeit wird bekanntlich von verschiedenen Seiten in England ein offenkundiger und systematischer Feldzug gegen die Juden geführt. Besonders hervorgetan hat sich darin die „National Review", deren Chefredakteur Maxse vor keinem Mittel zurückschreckte, um gegen die Juden zu hetzen. Das Neueste, das er auf diesem Gebiete geleistet hat, übertrifft alle seine bisherigen Verleudungen. In der letzten Nummer seiner Zeitschrift stellt er die Behauptung auf, daß die Juden am Tode Lord Kitchener schuld seien. „Die „internationalen" Juden — schreibt er in seiner monatlichen Revue in der letzten Nummer der Zeitung — die sich in diesesm Lande als Spione befinden, haben von Lord Kitcheners Reise nach Rußland erfahren und haben dies sofort den Deutschen mitgeteilt, welche auf das Schiff gelauert haben, auf welchem Kitchener fuhr, mit dem bekannten tragischen Ende". Daß an der ganzen Nachricht natürlich kein wahres Wort ist, kann man von vornherein mit Bestimmtheit sagen. Ein Verhetzungsversuch. Wie „Politiken" aus Petersburg meldet, wurde auf dem Kongreß der Soldatenabgeordneten der Frontheere, der gegenwärtig in Petersburg tagt, von dem ncht mehr aktiven General Skalon folgendes Schriftstück verlesen: „Nach Mitteilungen aus amtlicher englischer Quelle hat am 22. d. M. in Kopenhagen eine Geheimsitzung russischer Juden stattgefunden, die in Dänemark ansässig sind. Die Seite 3 Teilnehmer beschlossen, nach Rußland zurückzukehren, um im Heere gegen den Krieg mit Deutschland Propaganda zu treiben. Sämtliche Teilnehmer sind Deutschenfreunde". Der Soldatenkongreß stempelte dieses; Schriftstück als Versuch, die Völkerstämme Rußlands gegeneinander aufzuhetzen. Her Arbeiter- und Soldatenrat verlangte, daß die Schuldigen dieser verbrecherischen Angelegenheit vor Gericht gestellt werden. Die Osljuden Uber sich selbst. Rabbiner S. Blum (Pieschen) schreibt in der „Jiid. Presse": Seitdem die kriegerischen Ereignisse das polnische Gebiet in das Gesichtsfeld der allgemeinen Politik gerückt haben, hat auch das Problem des Ostjudentums, sei es im Verhältnis zur westeuropäischen Kultur, sei es in Beziehung uzr polnischen Frage, von neuem an Interesse und Bedeutung gewonnen. Eine mächtige Papierflut hat sich schon Uber uns ergossen, und keine Woche vergeht, ohne daß immerneue Bücher, Broschüren oder — zumindest —- lange Zeitungsartikel in diesem Thema erscheinen. Wer nur immer meint, etwas zur Lösung der polnisch-jüdischen Frage beitragen zu können, der glaubt, mit seiner Meinung nicht zurückhalten zu dürfen. Berufene, oft aber auch Unberufene lassen sich öffentlich vernehmen, teilen ihre Kriegsbeobachtungen und Reiseeindrücke der Welt mit. äußern sich zur Psyche der Ostjuden und geben Ratschläge und Hinweise zur künftigen Entwicklung des polnischen Judentums. Nicht immer fußen diese Aeußcrungen auf richtiger Kenntnis ostjüdischen Lebens, auf tiefer Erfassung ostjüdischen Wesens. Nicht immer geben sie ein treues Bild und wahres Bild polnisch-jüdischer Zustände. Schon aus diesem Grunde allein ist es zu begrüßen, daß nun die Ostjuden selber das Wort ergreifen und in einem groß angelegten, inhaltsreichen Sammelbande zeigen, was sie sind und was sie wirken.1) Besitzt man nur genügendes Verständnis der jiddischen Sprache, in der dieses gut ausgestattete,, schön gedruckte Buch geschrieben ist, so kann man durch seine Lektüre das Ostjudentum — in einem seiner bedeutsamsten Repräsentanten, dem Juden Wilnas, des „litauischen Jerusalems", wie es sich stolz nennt — da kennen lernen, wo man Menschen und Völker nach einem bekannten Wort stets am besten kennen lernen kann, bei ihrer Arbeit. Denn mitten hinein in Leben und Wesen, in Wirken und Schaffen des Wilnaer Judentums führt uns das „Wilnaer Sammelbuch". Es zeigt uns, daß die jüdische Welt des Ostens noch auf den drei Dingen beruht, die von jeher das Ideal des Judentums bildeten: auf Thora, Gottesdienst und Nächstenliebe. Diesem Ideal ist die jüdische Bevölkerung Wilnas zu jeder Zeit und in jeder Lage treu geblieben. Das beweist am deutlichsten der Artikel von Sch. L. Zitron über die Wilnaer Kehilla, in dem er einen kurzen Ueberblick über die mehr als 600 jährige Geschichte der Wilnaer Gemeinde gibt. „Schon im 14. Jahrhundert hat Wilna eine große Jeschiwah gehabt, und seitdem hat das Thorastudium dort nicht aufgehört zu blühen. Je schwerer die äußeren Lebensbedingungen der Wilnaer Juden wurden, desto mehr trachteten sie, das Studium der Thora zu f stützen, in dem sie in den bittersten Zeiten j Trost suchten und fanden" (S. 65). Diesen j Trostesquell sehen wir nimmer versiegen, nicht | in Friedensnot und nicht in Kriegselend. Das f ist überhaupt das besonders Reizvolle an dem! Buche, daß es. wohl in der Hauptsache aus f dem Kriegsgeschehen erwachsen, doch auch? von der Friedenszeit nicht schweigt. Dadurch! zeigt es umso deutlicher die Einwirkung desf Krieges und läßt bemerkenswerte Vergleiche? zu. So namentlich in dem statistischen Beitrag | des Herausgebers über die „Sterblichkeit derf Juden in Wilna in den letzten 51/2 Jahren". Er | erweist die wahrhaft verheerende Wirkung des 1 Krieges: die Sterblichkeit ist enorm gestiegen,! von 22.6 im Frieden auf 34.75 im Jahre 1916 bei? 1000 Menschen: dabei ist die Zahl der Geburten, die in Friedenszeiten schon von Jahr zu Jahr abnahm, während des Krieges nicht nur absolut um ein bedeutendes gesunken, sondern weit unter die Zahl der Todesfälle heruntergegangen, bis auf 73 Prozent: allerdings haben auch die Eheschließungen sich um mehr als die* Hälfte verringert. — Auch die sehr eingehen-' den Berichte M. Schalits über die Bibliotheken- und die Schulen, nebst Volksuniversität und' Abendkursen erstrecken sich über Kriegs- und: Friedenszeit. Die Entwicklung des modernen. *) „Wilnaer Sammelbuch". Zum Besten der Wilnaer Kinderheime herausgegeben von Dr. Z. Scha- „ bad. Erster Band.

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