Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 16 (25.5.1917)
- Date
- 1917-05-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3495278-3495343-3495358--0387-3521048- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
romben, in der Hoffnung, ihr verbrecherisches Kriegsziel doch erreichen zu können. Allein, trotz aller dieser Bemühungen ist der Friede im Anmärsche und er dürfte nicht mehr lange aut sich warten lassen. Vielleicht sind die gegenwärtigen Anstrengungen die letzten, vielleicht fließt jetzt das letzte Menschenblut. Wenn die Feinde zur Ueberzeugung gelangen, daß die Monarchie im Innern ebenso konsolidiert ist, wie sie auf den Schlachtfeldern in Ost, Nord und Süd glänzende Beweise ihrer Leistungsfähigkeit zeigt, dann dürften sie ihrem „Eriösungs"-Wahne entsagen und die Hand zum Frieden reichen. Die Haltung unserer Volksvertreter kann da sehr viel mitwirken. Ein solidarisches Bekenntnis aller Völker der', Monarchie zum Reiche, \on der freien Paria-' inentstribüne verkündet, wird seinen tindruck nicht verfehlen. Man möge es im Lager der Feinde wie im neutralen Auslande wissen, daß die Völker der Monarchie im Rahmen derselben die vollste Befriedigung aller ihrer nationalen und wirtschaftlichen Wünsche erreichen und keineswegs darnach streben, von auitenher befreit und beglückt zu werden. Die Ueberzeugung, dali der Krieg ein erneuertes Oesterreich erstehen lassen wird, beseelt die weitesten Kreise. Die Erneuerung sollte ursprünglich ohne Mitwirkimg der Volksvertreter vor sich gehen. Nun sind sie zur Mitarbeit berufen worden. Ihre Sache soll es nun sein, darauf zu achten, daß die diesbezügliche Arbeit nicht durrch kleinliche Reibungen und einseitige Bestrebungen behindert werde. Sie sollen den Beweis erbringen, daß sie die Zeichen der Zeit zu deuten verstehen und derselben würdig seien. Die Erneuerung und Konsolidierung der Monarchie ist gegenwärtig die dringendste Aufgabe der Volksvertretung. Möge sie hiebei ihren Mann stellen und ganze Arbeit leisten. Ein demokratischer Zug weht gegenwärtig in Europa. Der Zarismus, die Quelle i aller Reaktion, aller Unterdrückung und Verj folgung, allen Hasses und aller Mißgunst, liegt; niedergerungen und dürfte kaum wiedet eine j Auferstehung erleben. Die egoistischen West- 1 mächte, die es verstanden haben, ihr heuch- I lerisches Tun mit einem Mäntelcheii von Humanität und Kultur zu garnieren, haben ein I furchtbares Debacle erlitten, Chauvinismus, [ Expansionsgelüste und Schakalenpolitik haben j ein elendes Fiasko erlebt --- dieser (Seist soll! auch im Innern der Monarchie zur Geltung kommen. Friedlich und brüderlich sollen die Völker miteinander und nebeneinander leben. Jeder nationale Haß. jede konfessionelle Reibung soll verschwinden. Oesterreich soll ein Hort der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit werden. Die "Volksvertreter sollen zeigen, daß die Völker die gewaltigen Opfer, die der Krieg gefordert hat, nicht vergebens gebracht haben. Die Monarchie hat nie Eroberungen angestrebt, sie wollte sich nur die Ruhe und den Frieden gegenüber böser Nachbarn erzwingen. Diese Ruhe und dieser Frieden, die die Völker mit einer seltenen Solidarität erkämpfen, sollen auch im Innern ihren Ausdruck finden. Wie es auf den Schlachtfeldern, in den Schützengräben, zu Lande und zur See keinen nationalen und konfessionellen Unterschied gegeben hat und keinen gibt, so soll es auch innerhalb der Monarchie keine solche Unterschiede geben. Nicht bloß unter dem Drucke eines notgedrungenen Burgfriedens, nicht bloß unter der Kontrolle einer Zensur, sendern aus ehrlicher, innerer Ueberzeugung. daß die Reibungen und Konflikte der Gesamtheit und den Einzelnen schaden, daß hingegen das Heil und das Wohl des Reiches und aller seiner Völker in friedlicher Arbeit Aller zu suchen und zu finden ist. Dann wird es in Oesterreich keine böhmische, keine polnische, keine ukrainische, keine italienische Frage und auch keine .hidenfragc geben. Dafür zu sorgen, ist die höchste Aufgabe der Volksvertretung und in diesem Sinne begrüßen wir ihre Wiedereinberufung. Spectator. Die Ereignisse m Palästinain letzter Zeit sind im Auslande beunruhigende Nachrichten über die Lage der Juden in Palästina verbreitet worden. Im deutschen Reichstage hat der Abgeordnete Cohn diesbezüglich folgenden Anfrage eingebracht: „Ende März 1917 hat Djemal Pascha, der türkische Oberbefehlshaber der Sinaifront angeordnet, die jüdische Bevölkerung, darunter deutsche, österreichische, ungarische und bulgarische Staatsangehörige, aus Jaffa und aus den vor Jaffa gelegenen Ackerbaukolonien und Frucht0flanzimgen wegschaffen zu lassen. Militärische 'Rücksichten wurden als Grund der Maßregel angegeben; der deutsche Generalstabschef Djetnals Pascha hatte sieh aber dahin: ausgesprochen, daß solche Rücksichten die Räumung jener Wohnstätten nicht gebieten. Nach den hier eingegangenen Berichten sind unter den Augen der türkischen Behörden gegen die ausgetriebene Bevölkerung Gewalttaten und Plünderungen verübt, viele Flüchtlinge getötet worden. Für die Beförderung und die Ernährung der Vertriebenen haben nach jenen Berichten die türkischen Behörden nicht gesorgt. Kennt der Herr Reichskanzler diesen Sachverhalt? Ist er bereit, auf die osrnanische Regierung in solcher Weise einzuwirken, daß — soweit es noch möglich ist — in Palästina die Wiederholung der armenischen Greuel mit ■ Sicherheit ausgeschlossen wird?" Als Erwiderung darauf veröffentlicht das Wolffsehe Bureau folgende Mitteilung: 1 * „Zu den in letzter Zeit durch die ausländische Presse verbreiteten Nachrichten von einer angeblichen Judenverfolgung in Palästina erhält der Hilfsverein der deutschen Juden in Berlin von dem Vertreter in Palästina nachstehende Telegramme: Der Bezirk Jaffa ist von der ganzen Bevölkerung aus militärischen Gründen geräumt worden, wobei jedoch der Landwirtschaft treibenden Bevölkerung das Verbleiben gestattet wurde. Aus der Stadt Jaffa selbst mußten die Bewohner, darunter 7U00 Juden, auswandern, die zunächst in der 18 Kilometer nördlich gelegenen Kolonie Petasclitikwah Aufnahme fanden und von dort allmählich weiterzogen. Da die Leute bei dem Mangel an Transportmitteln nur wenig von ihrer Habe mitnehmen konnten und da vereinzelt Ausschreitungen vorkamen, herrscht unter ihnen eine begreifliche Not, die an die W ohltätigkeit der jüdischen Kolonien und Organisationen hohe Anforderungen stellt. Der türkische Oberkommandierende Dschemal Pascha suchte Hilfe zu bringen, indem er mehrere tausend Pfund als Darlehen gab. Er verschob auch auf vorgebrachte Bitte die Durchführung der Rüunuingsunorduungeu wegen des Pess.icbrestes um zw ei Tage. Da die Leute teilweise zu Fuß gehen und im Freien übernachten mußten, kamen infolge von Erschöpfung. Seuchen und Unglücksfällen vereinzelte Todesfälle vor. Vier solche Fälle sind bisher bekannt geworden. Die weiteren übertriebenen Nachrichten sind unrichtig. Eine Räumung .Jerusalems ist nicht an«»- ordnet worden". Nähere Aufklärungen sind abzuwarten. Immerhin ist damit zu rechnen, daß seitens der Entente absichtlich falsche Berichte verbreitet w erden. Die Juden in Amerika und der Krieg. Wie die zahlreichen jüdischen Arbeiter in Amerika über den dortigen Kriegszustand denken, das beweist ein Artikel in der jüdischen „Freien Arbeiter-Stimme" in New-York vom 7. April, den wir hier im Auszuge in Uebertragung bringen: „Das, was man nicht glauben mochte, ist jetzt Tatsache. Der Präsident der Vereinigten Staaten fordert den Kongreß auf, den Kriegszustand zwischen Deutschland und Amerika zu erklären, und es äst kein Zweifel, daß dieser Forderung entsprochen wird, vielleicht noch etwas mehr. Die Pazifisten, die die Kriegserklärung bekämpfen, geben selbst zu. daß sie nichts dagegen machen können. Und der Krieg zwischen Deutschland und Amerika ist beschlossen! Es wird hoffentlich nicht „verräterisch" sein, wenn wir melden, daß die Kriegserklärung keine Begeisterung bei den Volksmasscn hervorgerufen hat. Das geben selbst die kapitalistischen Zeitungen zu, die bisher so stark finden Krieg gehetzt haben. Das Volk hat wenig Begeisterimg für Wilsons Appell gezeigt, in den Krieg zu ziehen für die höheren Interessen der Menschlichkeit und der Demokratie gegen die Aristokratie. Die großen Massen fühlen gar nicht so sehr die Segnungen der sogenannten amerikanischen republikanischen Freiheit, daß sie sich gedrungen fühlen sollten, ihr Blut zu vergießen, um diese gleiche Freiheit in Deutschland einzuführen. Die Massen haben nicht die Möglichkeit, diese ihre Meinung offen auszudrücken, aber es ist Tatsache, daß sie kalt sind dem Kriege gegenüber. Es darf gesagt werden, daß dieser Krieg (wenn es wirklich zum Kriege kommen wird) der unpopulärste sein wird, den Amerika je gehabt hat. Wallstreet hat sein Ziel erreicht. Dieses wird sein: Blut nicht vergießen im Streite zwischen Deutschland und Amerika und goldener Regen wird über Wallstreet und seine Magnaten kommen. Man wird neue Schiffe bauen, das wird viel Geld kosten. Von den Verträgen hiefür wird Wallstreet die Verluste ersetzezn, welche sie erlitten haben durch die deutschen Unterseeboote, welche feis zu feinem gewissen Grade die MunitiotisausfBhr «ach Europa verhindert haben." ' Die jüdische Stimme aus Amerika sagt uns mehr als alle Meldungen der europäischen Nachrierrten-Agenturen, die zum großen Teil nur gefälscht sind und die Volksstimmung verleugnen. — In der gleichen Nummer, macht das erwähnte Blatt Mitteilung davon, daß die Presse bereits stark unter Zensur gestellt sei, um zu verhindern, daß die Pazifisten zu stark agitieren. Aber die Volksstimmung ist deswegen nicht so leicht zu ändern! Die drei Kriegsjahre haben das amerikanische Volk gelehrt, wie man gekaufte Zeitungs - Artikel und die Tätigkeit der verknechteten Beamten einzuschätzen hat. Die Feilgewinnug ans Soldatenleicrten. Im deutschen Reichstage hat der Staatssekretär I )r. Zimmermann auf eine Anfrage des fortschrittlichen Abgeordneten Heckscher sich über die in der feindlichen und neutralen Presse agitatorisch verbreitete Verleumdung ausgesprochen, wonach die deutsche Regierung Fett aus Soldatenleichen herstellen solle. Nachdem der Staatssekretär das „raffinierte Mißverständnis" besprochen hatte, zu welchem die Verleumder den Doppelsinn der französischen Bezeichnung cadavre als Menschenleiche und toten Tierkörper ausbeuten, hatte er nur Worte tiefster Verachtung und schärfster Verurteilung für die niederträchtige Erklärung des englischen Ministers Lord Robert Cecil, der im Unterhause das Tendenzmärchen von der deutschen Fettgewinnung aus Soldatenleichen wider besseres Wissen heuchlerisch als „nicht unglaubwürdig" bezeichnet hat und damit die Verbreitung dieser Lüge unter offizieller englischer Billigung rechtfertigen zu können glaubte. Unter dem Beifall des Reichstages erklärte der deutsche Staatssekretär, daß in neutralen Ländern, soweit die verleumderische Absicht greifbar zu 'Tage liegt, eine strafrechtliche Verfolgung herbeigeführt werden wird. Er schloß seine Rede: „Die Erklärung Lord Robert Cecils bezweckte offenbar, den Abscheu und die Empörung der gesamten Menschheit auf uns zu laden. Vielleicht spielte auch politische Berechnung mit, naniertTncrr atiT me vrnxer cresr onenis unu insbesondere Indiens, die wegen Verletzung ihrer religiösen Empfindungen gegen Deutschland aufgehetzt werden sollen". In jüdischen Herzen wird dieser berechtigte offizielle deutsche Entrüstungsausbruch volles Verständnis und starken Widerhall finden, denn wir Juden waren bis in die neueste Zeit hinein das Ziel eines ganz analogen Verleuindungsfeldzuges. Die Ritualmordlüge ist gleicher Natur wie die Lüge von der Leichenfcttgewinnung. Dieselben „raffinierten Mißverständnisse" bei den Rechtfertigungsversuchen der Verleumder, dieselbe heuchlerische Phrase der ..nichtnachgewiesenen Unglaubwürdigkeit" des Ritualmordes seitens der Ausbeuter der Tendenzliigc. dieselbe Spekulation auf politische Vorteile durch ihre Verbreitung zeigt sich bis aufs Haar gleich in beiden Fällen. Diese nicht zu überschätzende Analogie wird hoffentlich in Zukunft die deutsche Regierung veranlassen, nötigenfalls unter Zuhilfenahme der Strafjustiz, die Ritualmordliige ebenso nachdrücklich zu bekämpfen, wie jetzt die Fettgewinnungslüge. Die Romanows des letzten Jahrhunderts in ihren Beziehungen zu den Juden. Das Haus Romanow, das erst vor wenigen Jahren das dreihundertjährige Jubiläum seiner despotischen Herrschaft mit großem Pomp gefeiert hat. wurde wie ein morscher Bau durch die Weltstürme über den Haufen geworfen. Es wäre eine Versündigung gegen den Geist der Geschichte, wollte man in der jüdischen Presse so sang- und klanglos an diesem gewaltigen Ereignis vorübergehen. I. Nikolaus I. Im jüdischen Rußland rechnet man die Schreckensherrschaft der Romanows, die ein volles Jahrhundert bis zu den letzten Tagen in steigender Tendenz obwaltete, erst von Nikolaus I. an, wiewohl auch schon unter dem Regime seines Bruders, Alexander L das Leben der Juden durch mancherlei Beschränkung niedergehalten wurde. Man muß es aber Nikolaus L, der 1825 seinem Bruder auf den Thron folgte, zugute halten, daß er die Juden, wie alle Fremdvölker, nicht aus kleinlichen Motiven mit seinem Hasse bedachte, sondern sie als fanatischer Anhänger seiner Religion, der grie-