Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 16 (25.5.1917)
- Date
- 1917-05-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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riH IQdische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heiler. Vierteljährlich K 1-20. Wochenblatt für jüdische Interessen. i Redakteur. Jonas Kreppet. Redaktion und Administration: Wien, VUf. AlserstraBe 55. Erscheint jeden Donnerstag. Wien, 25. ftai 1917, 3. Jahrgang. Jüdische Mitbürger! Ais Juden und als Bürger ist es Eure heiligste PfUcht, die Kriegsanleihe zu zeichnen! Gedenket Derjenigen, die ihr Blut für das teuere Vaterlaad vergießen, die für sämtliche Völker der Monarchie einen siegreichen Frieden, eine bessere Zukunft erkämpfen! Wem es nicht gegeben ist, sein Blut fürs Vaterland zu opfern, dessen Pflicht ist es, finanziell den Steg desselben zu fördern und die Erringung des Erfolges zu ermöglichen. Wie bei jeder Gelegenheit ist es die PfUcht eines jeden österreichischen Juden, in den Beweisen der Aufopferung für Kaiser und Reich zu wetteifern. Zeichnet daher zahlreich Kriegsanleihe! Wien, 1. Siwan, 5677. Landesorganisation orthodoxer Juden „Agudas-Jisroel". Zum Schewuaus-Fesle. "**rP einem ganz abgegriffenen rabbinischen Moralbuche, dessen vergilbte Blätter den Modergeruch altverstaubten Dachkammerge- -rümpels ausströmen, lese ich in vertuschter. Stellenweise bis zur Unkenntlichkeit verblaßter Schrift einen schönen Einleitungsatz zu einer Schewuausbetrachtung. der in der Uebersetzung ungefähr so lautet: „Ihr habt, Rabbaussai. üotteshaus und Wohnung mit Blumen und Blüten geschmückt, ufn ^p<^j^^|(^n^'i(^"1'tstaK ^er Thora, w'e die alte Mutter ihre gütigen Augen prüfend auf Euch richtet und ihren bebenden Lippen die leisen Worte entfahren: Schön Kinder, daß Ihr heute so gekommen seid. Allein habt Ihr auch jahrüber immer Mutters Wort lebendig im Sinne gehabt, so daß ihr Geist Euer Denken und Tun beseelte? Wehe, wenn wir auf diese Frage beschämt das Auge senken und uns, den duftenden Blumengruß in der Hand, ganz leise w ie Diebe von dannen schleichen mußten . . .*' Ahnte es der gute Rabbi, daß sein schlicht mahnendes Wort nach zwei Jahrhunderten, tiefer erfaßt und begrifflich erweitert, zum Schicksalsworte einer aus den Eugen geratenen Zeit werden wird! -........... Es prangt die Erde in blühender Pracht zu Ehren des Sinaifestes. Es lächelt aber Mutter Thora bitter, und ein Seufzer entringt sich ihrem Herzen. „Schlecht, habt Ihr, Kinder, mein Wort erfaßt und beachtet, schleccht mein flammendes „Onauchi" in Denken und Tun lebendig erhalten. Ich schärfe Euch die Einheit und die Reinheit und die Liebe und das Erbarmen ein. Ich sprach: „Nicht morden, nicht stehlen, nicht falsch wieder den Nächsten zeugen, nicht dem Nachbar sein häuslich Qlück neiden!!" Und nun? . . . Sind nicht Neid. Gier und Habsucht die treibenden Kräfte, die die Völker in wild entfesselter Wut aufeinander hetzen? Schafft nicht ein Morden ohne gleichen andauernd Ströme von Blut und Tränen, irj denen alle Wahrheit und Liebe, alles Recht und Erbarmen ertrinken?" Wir senken schuldbewußt den Blick, dieweil wir es nicht wagen, Mutter Thora ins leid voll gütige Oesjqht zu schauen und schleichen uns in Schani und Schmerz davon. — „Wir", als Gesamtmenschheit genommen, wohlgemerkt. Der Einzelne, der für den Gang d«r Dinge nichts kann, dem er nicht Schuld, sondern nur Schicksal anzeigt, und insbesondere der jüdische Mensch, der sich den Optimismus und den frohen Glauben der Jahrtausende erhalten, er weiß, daß die Schrecken der Zeit wohl einen neuen Sinaidonner bedeuten können, der nicht zuletzt Mutter Thora eine neue goldene Zeit der tieferen Erfassung und angerneiften Anerkennung ankündigt. AJs- Israel am Sinai stand, die Erde erhebte und. Blitze durch das Weltall zündeten, da eilten, so «FzähU» Mechilta, die Könige der £fde zifternd zu feem Proj>heten Bileam und riefen: „Wehe, eine Sintflut kommt wieder über die Erde." „Toren", antwortete +Jileäjii, „längst hat Gott geschworen, die Erde ntttit mehr durch Wassergewalt zu verni«iiten'V,'Es könnten aber Feuersgiuten sein, die uns gleich Sedom verzehren", bangen die Völker weiter. „Nein", beruhigte der Seher, „Gott verleiht bloß seinem Lieblingsvolke die Thora, eine Lehre der Wahrheit. Liebe und Treue, des Ericdens und des Rechtes. Daher das Groller der Donner und Leuchten der Blitze, die Wehen der Erde, die in Schmerzen ein Neues und Besseres gebiert ....*" Was der heidnische' Prophet damals gesehen, gilt auch heute . Darüber sind sich alle tiefer Sehenden einig, daß der Sturm, der heute verheerend, aber auch reinigend über die Erde fegt, den Boden der Zukunft für ganz neue Aufgaben und einen neuen reichen Ertrag vorbereitet. Und bestände das Neue nur darin, daß die Welt auf dem Wege, auf den sie der neue Sinaidonner gedrängt, den verlorenen Konnex zwischen Lehre und Leben wiederfindet! Als einst unsere Väter in Erwartung der Gottesoffenbarung voll frohen Vertrauens „Naassc" und „Nischma" riefen, (so erzählt Talmud Sabbat 85), da stiegen Engel herab und schmückten sie mit einer Doppelkrone, mit der Krone der lebendigen Tat und mit der treibender! Idee. Und weiter spinnt der Midrasch diesen Gedanken: Die eine Krone, die der Tat, zerbrach bei der Fjigelverwirrung, uns blieb die andere, das Schma, das noch seines Gegenstückes harrt, um Israels SchmucH! in seiner ursprüng- -fictrcrr-KcitriicH ifiltt" VtffiTfTTir£ffcithelt; 'Trartr tftrs' Schöpfers ersten und letzten Zielen wieder herzustellen .... Israels Geschick bedeutet immer Weltschicksal. So wie das Herz nicht für sich allein arbeitet und schlägt, sondern Regulator des ganzen Organismus ist. Keine andere Zeit vorher trug die eine der beiden Kronen, die der Idee, so voll sicheren Stolzes, wie gerade unser Jahrhundert. Was nützte es aber, nachdem das Gegenstück fehlte? Was nützte das Wort ohne die Tat? Die Idee der Kultur, der internationalen Rechtsgemeinschaft, des Völkerfriedens beseelte den Menschen und befruchtete sein Denken, war aber losgelöst von der Welt der realen Dinge und blieb ohne Einfluß auf deren grausame Entwicklung. Heute, da die heiligen Tafeln wiederum wie dazumal in Scherben vor uns liegen, geht das alte jüdische Sinnen und Sehnen durch die gesamte Welt, das Sehnen nach der Doppelkrone der Idee und der Tat. Wir, die wir seit dreitausend Jahren das Fest der Offenbarung feiern, durch ungezähle Generationen für die Sinaiwahrheiten beten, kämpfen, leiden .hoffen und — wachen, wir sind dessen sicher: es kommt der goldene Tag, an dem die Doppelkrone in ihrem vollen altneuen Glänze die Menschheit schmückt. Und indem uns das Vätergesetz mit jedem Festtage diese Hoffnung von neuem ins Herz senkt, erhebt es auch zu einer jüdischen Forderung das Gebot der Stunde: „Ausharren und Durchhalten!" Israelit. Der Reicrisrai. Nach einer dreijährigen Unterbrechung nimmt der österreichische Reichsrat seine Tätigkeit wieder auf. Die Volksvertretung, die in dieser großen Zeit von jeder Einflußnahme auf die Gestaltung der Verhältnisse in und um die Monarchie ausgeschaltet war, kommt wieder zur Geltung und ist berufen, an der Arbeit mitzuwirken, die den Krieg beendigen und die Friedensperiode einführen soll. Als das Parlament vor drei Jahren zunächst vertagt und dann bei Kriegsausbruch völlig heimgeschickt wurde, da weinte ihm niemand auch nur eine Träne nach. Die fortgesetzte Obstruktion, die Vergeudung der Zeit und der Mühe mit kleinlichen, oft lächerlichen Streitigkeiten, das Hervorkehren der einseitigen Justamentstandptmkte, der Mangel an \erantwortlichkeitsgefiihl. die sich fast sämtliche Parteien und Gruppen zuschulden kommen ließen, haben die Volksvertretung fast um jeden Kredit gebracht und vielfach sehnte man sich geradezu nach einem „gesunden Absolutismus". So ist es denn gekommen, daß Oesterreich der einzige Staat war, in welchem die Volksvertretung während des gewaltigen Völkerriugens ganz ausgeschaltet war, ein Zustand, den man schließlich in weitesten Kreisen als höchst unbequem empfinden mußte. Im feindlichen Auslande wiederum wurde dieser Umstand vielfach dazu benützt, um die inner-politischen Verhältnisse der Monarchie in den düstersten Farben darzustellen, diu seihst die eigenen Völker fürchten muß. Dank der Initiative des Kaisers und dem energischen Entschlüsse der Regierung wird es nun anders. Die Volksvertreter, die eigentlich so viel für ihre Ausschaltung mitverantwortlich waren, werden wieder einmal einberufen und bekommen die Gelegenheit, ihr Tun und Können in den Dienst des Staates und der Völker zu stellen. Die maßgebenden Faktoren erweisen ihnen ein sehr hohes Maß von Vertrauen, indem sie den Reichsrat einberufen, ohne vorher die sogenannten Voraussetzungen zu schaffen, die vielfach von sehr ernster Seite als unbedingt notwendig erklärt wurden, um die Arbeitsfähigkeit des Parlaments zu sichern. Die Vertreter der Völker erhalten damit einen neuen, ziemlich bedeutenden Kredit eröffnet. Es wird ihnen ein Vertrauen entgegengebracht» das sie erst zu rechtfertigen haben werden. —«, ..Ihre Sasbe^aärcLes. nun.seir4.^bej^is^tt^.,. daß die maßgebenden Kreise damit keinen Fehlschritt gemacht haben. Sie sollen den Beweis erbringen, daß die große Zeit an ihnen nicht spurlos vorübergegangen ist. daß sie die Lehren der Kriegsperiode zu beherzigen verstehen. Sie müssen und sollen es wissen, daß. wenn sie auch diesmal versagen sollten, sie nicht bloß sich seihst ein Armutszeugnis ausstellen, sondern auch die Meinung derjenigen rechtfertigen werden, die den Standpunkt vertreten haben, das österreichische Parlament benötige eine Bevormundimg und darf keine allzu große Bewegungsfreiheit genießen. Die große und schwere Kriegszeit, die wir seit bald drei Jahren durchleben, hat vor allem gelehrt, daß die Interessen des Staates und der Völker identisch sind und daß man auch den Völkern dient, wenn man bei jeder Gelegenheit das Staatsganze vor Augen hat. Jeder Partikularismus ist schädlich und im Rahmen des Staates ist die Befriedigung aller berechtigten Wünsche und Forderungen möglich. Dies müssen unsere Volksvertreter vor allem beherzigen und ihre Haltung darnach ei'>ricnten. Der einseitige Partei-Egoismus muß ui den Hintergrund treten, wo es sich um die Interessen der Allgemeinheit handelt. Gewisse Differenzen nationaler und sozialer Natur lassen sich bei allseitigem guten Willen friedlich bereinigen, ohne daß es deswegen zu schweren Konflikten kommen muß. die niemanden Nutzen bringen. Es ist heute kein Geheimnis mehr, daß gerade die unerquicklichen Vorgänge in der österreichischen Volksvertretung es waren, die den Feinden draußen den Glauben beigebracht haben, die Monarchie stehe vor dem Zerfall und würde einen schweren äußeren Stoß gar nicht überleben können. Heute blicken wir mit stolzem Selbstbewußtsein auf diesen Wahnwitz zurück. Oesterreich hat aller Welt den Beweis geliefert, daß es lebensfähig und lebenswillig ist. daß sämtliche Völker in der Stunde der Gefahr daran wetteiferten, das Vaterland zu verteidigen und Gut und Blut für Kaiser und Reich zu opfern. Aber wie groß sind eben die Opfer, die gebracht werden mußten, um diesen Beweis zu erbringen und wie glücklich wären wir heute, hätte es dazu nicht kommen müssen! Dies muß sich unsere Volksvertretung vor Augen halten und ihr Verhalten darnach einrichten, daß die gegenwärtigen Opfer die letzten sein sollten. t Noch tobt der gewaltige Krieg und die wahnwitzigen Feinde opfern noch immer Heka-