Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 15 (15.5.1917)
- Date
- 1917-05-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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l*r. 15. Jl*d4sct\e Korrespondenz Seite 3 schetien ist, erfolgen. Ba*d darauf sollen aach die nötige« Vorbereitungen für die Kultusgenteindewahien getroffen wefden. Die Wahlen selbst dürften in der nächsten Zeit vor sich gehen. Die jüdische Bevölkerung erwartet diese Neuerdaang mit großer Sehnsucht, da die bisherigen Verhältnisse, die noch von der Rus&en- »eit stammen, nach keiner Richtung hin den Interessen der .luden entsprechen und nicht länger geduldet werden können. Die jüdische Bevölkerung im k. u. k. Okkupationsgebiete ist wohl wenig politisch organisiert und die ersten Wahlen dürften demnach schwerlich in der wünschenswerten Form vor sich gehen. Es ist aber zu erwarten, daß die Juden aller Schichten und Richtungen die große Bedeutung der Gemeinden begreifen und darnach streben dürfte, solche Elemente an die Spitze derselben zu stellen, die den Aufgaben gewachsen sein werden. Ist es auch anscheinend verfrüht, schon heute von den Wahlen zu sprechen, bevor die Wahlordnung Uberhaupt fest?ele<rt ist. so muß man andererseits konstatieren, daß man ansresichts der leider ziemlich verworrenen Zustünde im jüdischen Lager nir-ht früh genug die Vorbereitungen zu den Wahlen treffen kann Von der Zusammensetzung der Ctem^iiderporflsentanzen hängt stich vielfach die Zukunft des Judentums in Polen rf" Hiese bis auf weiteres als die eigentlichen Vertre+er der Ttidenschaft nach f/fflen rmrl mrh außen reffen Zu wünschen wäre, daß auch bei uns — ähnlich wie im deuschen Okkupationsgebiete — die Orthodoxie sich zu einer lebhaften Tätigkeit aufraffte und darnach strebe, den ihr gebührenden Einfluß auf das jüdische Leben zu erlangen. Die Verhältnisse im k. u. k. Okkupationsgebiete sind wohl vielfach anders gestaltet und unsere Orthodoxie besitzt weniger führende Persönlichkeiten, als unsere Brüder in Warschau, Lodz usw. Aber bei einigem guten Willen läßt sich auch da manches erreichen. Wenn die Herrschaft in den Gemeindestuben .nun einmal denjenigen Elementen abgenommen werden soll, die dieselbe bis jetzt besitzen, dann . sollen eigentlich diejenigen die Leitung des Oemeiudewesens in die Hände bekommen, die dazu berufen sind, die Vertreter der Orthodoxie, welche zumindest 90 Prozent des polnischen Judentums repräsentiert. Wir wollen hoffen, daß unsere Orthodoxie die Zeichen der Zeit verstehen und darnach handeln wird. Eine zweite wichtige Frage beschäftigt gegenwärtig das Judentum im Okkupationsgebiete: Die Feststellung der Kriegsschäden. Während sich die polnische Bevölkerung sehr eifrig für diese Angelegenheit interessiert hatte, verhielt man sich bisher im jüdischen Lager . diesbezüglich merkwürdigerweise fast passiv. Nunmehr hat das jüdische Rettungskomitee in Lublin die Sache in die Hand genommen und für diesen Zweck eine spezielleSektion errichtet, deren Aufgabe es ist, die seitens der jüdischen Bevölkerung erlittenen Kriegsschäden zu registrieren und entsprechend festzustellen. Die Sektion arbeitet mit großer Rührigkeit und es ist zu erwarten, daß es ihr gelingen wird, das Versäumte nachzuholen. Die allgemeinen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung, besonders in sanitärer und kultureller Beziehung, bessern sich langsam aber stetig. Auch in politischer und wirtschaftlicher Beziehung sind gewisse Fortschritte zu verzeichnen. Der Amts Wirksamkeit des neuen Qeneralgouverneurs, Grafen Szeptycki, sieht man im jüdischen Läger mit großem Vertrauen entgegen. Geht doch dem neuen Verwaltungs- Chef der Ruf eines überaus gerechten und liberalen Mannes voraus. Wie verlautet, soll demnächst im k. u. k. •Okkupationsgebiete eine Zeitung in jiddischer Sprache zu erscheinen beginnen. Die Okkupationsbehörden haben die Bewilligung hiezu bereits erteilt. Gegenwärtig erscheinen im Okkupationsgebiete zwei jüdische Wochenblätter in pohlischer Sprache; „Mysl Zydowski" (unparteiisch), in Lublin und „Glos Zydowski" (zionistisch) in Piotrkow. Das Labliner Generalgouvernement hat sich an das Unterrichtsdepartement des pplni- .schen Staatsrates mit folgenden Anfragen gewendet: 1. Inwiefern wäre die Errichtung spezieller öffentlicher Schulen für die jüdische Jugend wünschenswert; 2. inwiefern wäre die Anerkennung der Chederim, falmud-Tota usw. al& öffentliche Privatschulen zulässig, falls diese den Unterricht der polnischen Sprache berücksichtigen sollten; 3. inwiefern wäre die Errichtung spezieller Kurse für jüdische Lehrer empfehlenswert? Das Unterrichtsdepartement hat alle drei Anfragen bejahend beantwortet. Hinsichtlich der Chederim und Talmud-Tora wurde erklärt, daß der Unterricht in denselben dem Lehrprogramtne der anderen Privatschulen angepaßt werden müßte. Ger - Tauschow. Die Juden in Holland. Der jüdische Publizist Ben Mose Zwi führte vor kurzem ein Gespräch mit dem bekannten Führer der liberalen Partei in Holland, dem ehemaligen Minisster des Innern, van Houten, über die Verhälthisse der Juden in Holland, dem nachstehende interessante Stellen zu entnehmen sind: „In Holland, begann van Houten, „gibt es keine Judenfrage. Die Juden genießen hier volle Rechtsgleichheit und dieselbe Freiheit wie die Angehörigen jeder anderen Konfession. Die Protestanten und Katholiken halten sich in unserm Lande die Wage. Keine intolerante Kirchengenossenschaft hat hier eine Majorität. Die erbitterten Religionskänipfe, die in unserm Lande getobt haben, hat seit 1795 ein Zustand gegenseitiger Toleranz abgelöst. Duldsamkeit gegenüber jeder religiösen und geistigen Richtung ist heute das herrschende Prinzip in Holland. Mehrere Hunderttausende gehören zu keiner Kirche. Niemand, selbst unser Dr. Kupper und seine Anhänger nicht, würden es wagen, die Freiheit der Aeußerung oder Entfaltung irgend einer Konfession in Frage zu stellen oder irgend eine Gruppe einer Sonderstellung unterwerfen zu wollen. Selbst wenn unsere Klerikalen noch immer solche Gedanken in ihrem Busen hegen sollten, würden sie sich wohlweislich hüten, sie auszusprechen. Jeder Jude, der unser Land betritt, wird sofort empfinden, daß man ihm ohne Gehässigkeit entgegentritt und kein Mensch wird den Versuch machen, ihn wegen seiner Konfession oder Abstammung in verletzender Weise zu behandeln. Für jeden ist in dieser Hinsicht seine persönliche Bildung entscheidend. Ben Mose Zwi: „Wie verhalten Sie sich zu den Bestrebungen, dem jüdischen Volke eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina zu schaffen und den Bemühungen, die Judenfrage auf der .Friedenskonferenz aufzurollen?" S. van Houten: „Wir Holländer sind keine engherzigen Nationalisten. Wir neigen in sehr starkem Maße komopolitischen Gedankengängen zu. Eine holländische Judenfrage gibt es nicht und es entzieht sich meiner Beurteilung, ob und in welchem Maße die Judenfrage zum Gegenstand einer internationalen Behandlung auf einer Friedenskonferenz gemacht werden müßte. Diese Frage erfordert besondere Studien. Sie hängt zu sehr mit der geschichtlichen Entwicklung, den Verhältnissen und Bedingungen in anderen Ländern zusammen, als daß ich, als Außenstehender, mir das Recht eines Urteils nehmen dürfte. Für uns Holländer ist es zu einer banalen Selbstverständlichkeit geworden, den Grundsatz der Gleichheit gegenüber den Angehörigen jedes Glaubens und Volkes zur Anwendung zu bringen. Es ist Sache der Juden, zu entscheiden, ob sie dem Völker-Kongreß, der nach dem Kriege zusammentreten wird, die Frage ihrer nationalen Zukunft und der Aufhebung der noch in manchen Ländern gegen sie bestehenden Beschränkungen vorlegen sollen. Ich will auch nicht die Frage anschneiden, ob die Juden das Recht haben, sich als eine ethnische Einheit anzusehen und in Palästina wieder einen eigenen Staat zu stiften, welcher dann mutmaßlich ein streng konfessioneller und demnach sehr illiberaler (?) sein würde. Es mag sein, daß die ethnische Sonderart speziell bei den Ostjuden besonders scharf ausgeprägt ist und sich dem Beobachter weit stärker aufdrängt als bei den mehr oder weniger in die Nationalität ihres Landes aufgegangenen Juden des Westens wie etwa Hollands. Ich glaube, die Masse unserer Juden würde sich in einem konfessionellen jüdischen Staate nicht heimisch fühlen. Merkwürdigerweise ist in den letzten Jahrzehnten keine Einwanderung von Ostjuden in nennenswertem Maße in unser Land erfolgt. Nur der Krieg hat uns ein größeres Kontingent ins Land gebracht. Ich denke da vor allem an die vielen jüdischen Diämanteure aus Antwerpen, die zu Beginn des Krieges aus Belgien flüchteten und in Holland eine Zufluchtstätte fanden, wo sie nun ungestört ihre berufliche Tätigkeit fortsetzen." Ben Mose Zwi: „Nach dem Kriege dürfte eine größere Auswanderung von* Juden aus den rjstlicherT Ländern stattfinden. Glauben Sie, dlff Hölfeifd zur Aufnahme größerer Massen fähjg und bereit wäre?" S. vati Houten: „Holland gehört zu der dichtbevölkertsten Ländern Europas. Für eim Einwanderung mit Massencharakter hat es - das leidet keinen Zweifel — nicht Raum. Dil Einwanderung von ganz mittellosen Menschei mit vielleicht noch sehr niedrigem Kultur niveau in größerer Anzahl dürfte daher kaurr gern gesehen werden. Wenn Holland sich dam entschließen würde, gesetzliche Bestiminunger gegen diese Masseneinwanderung zu treffen, dann würden diese Maßregeln keineswegs einel judenfeindliche Tendenz haben. Sie hätten sie ebensowenig, wie etwa die Ein wandern ngsbeschränkungen. die Amerika einführte. Die Frage steht aber gar nicht auf der Tagesordnung. Dafür war noch keine Veranlassung." Der Antisemitismus in England Von J. N. (Fortsetzung.) Nur wenige waren die Stimmen, die sich zur Verteidigung des Judentums erhoben. So kärglich ist die Durchschnrttsernte, daß es das „Jewish Yearbook' für nötig trndet, jährlich eine Bibliographie judenfreundlicher Kundgebungen zusammenzustellen. Und die Liste ist oft eine bedenklich kurze, besonders für ein Land wie England, welches doch eine Presse hat, in der sehr viel jüdisches Kapital steckt, während israelitische Journalisten beinahe auf jeder Redaktion ehrenvolle Plätze einnehmen. Eigentümlicherweise ist es dem genialsten aller englisch-jüdischen Schriftsteller, Israel Zangwill der es sich zum Ziel gesetzt hatte, das Ghetto zu erklären, nicht gelungen, ein Verständnis für sein Volk zu erwecken. Seine köstlichen Ghettogeschichten erweckten zwar Interesse, sie 'brachten eine unbekannte Weh in die englische Literatur, besaßen den Reiz der Neuheit, der Wärme und eines edlen Stiles, und dennoch verfehlten sie ihren Zweck. Die Sitten und Charaktere ergötzten zwar sowohl die Kritik wie auch die Leser Der „Schnorrer" und „Schadehen" waren für sie komische Gebilde: aber die tiefe Tragödie des Volkes, die alle Erzählungen durchzieht, rührte sie nicht Man lachte. Zum Verständnis fehlte eben die Sympathie welche im alten Antisemitismus erstickt war. Lobend muß man noch die Arbeit Oeorge R Sims' erwähnen. Er ist der einzige englische Schriftsteller, der das Judentum wirklich begriffen hat. Er betrat das Ghetto ohne Vorurteil und entdeckte, daß die Juden Menschen sind. Er erwärmte sich an der Romantik der hebräischen Traditionen und wurde hauptsächlich für das jüdische Familienleben begeistert Immer und immer wieder stellt er seinen englischen Schwestern die jüdischen Mütter als Vorbilder der Liebe und Aufopferung für ihre Kinder hin. Dies sind aber Oasen in einer wilden Wüste von Verläurndung und Haß. In einem Großteil der Presse dauerte die Metze mit kurzen Unterbrechungen fort. Nur während der Wahlen, wenn die Parteien um die jüdischen Stimmen buhlten, trat hin und wieder verhältnismäßige Ruhe ein. Ich erinnere mich noch eines solchen Zwischenfalles. Es war Ende 1910, als Asquith sein drittes Parlament aufgelöst hatte. In Fleetstreet begegnete ich dem Redakteur einer großen konservativen Zeitung, in der kurz vorher eine Serie verleumderischer Hetzartikel erschienen war. „Wo haben Sie eigentlich gesteckt?" rief er mich an. „Ich habe Sie den ganzen Tag suchen lassen. Ich bedarf sofort einer Anzahl sympathischer Abhandlungen über das Judentum. Sie wissen schon, was ich meine. Wir stehen vor den Neuwahlen und bedürfen der jüdischen Stimmen". Er überließ es mir, meinen eigenen Preis auf die Artikel zu setzen; aber ich lehnte dankend ab, indem ich ihm erklärte, daß es mir gar nicht daran gelegen sei, seine früheren Sünden zu tilgen. Diese Hetzen führten vielfach dazu, daß Israeliten ihre Religipn und Rasse verleugneten, um der Verachtung, die man Juden immer fühlen ließ, zu entgehen. Andere jedoch waren mutiger. Die Traditionen der Jahrtausende blieben ihnen heilig. Unter dem äußern Drucke schlössen sie sich enger zusammen und es bildete sich ein reges geistiges Leben, das für das Judentum von großer kulturhistorischer Bedeutung ist. Im engen Sinne des Wortes wurde hauptsächlich das Londoner Ghetto die Wiege jüdischer Kultur in der englischsprechenden Welt und die Vermittlungsstelle und das Bindeglied zwischen den Israeliten der alten und denen der neuen Welt und der Kolonien. In London wunde zum Beispiel das in Rumänien zuerst gegründete „jargonische" Theater ausgebildet und zur ersten Blüteperiode gereift. Es entwickelte sich eine rege literarische Tätigkeit, welche sich in erster Linie mit der Uebersetzung der großen Klassiker in die Uebergangssprache des Ghetto befaßte und auf diese Weise Tausenden den Geist des Westens zum ersten Male zugänglich machte. Ins Bereich der Uebersetzungen gehören auch die Üebertragungeti naturwissenschaftlicher Werke, die früher der jüdischen Sprache im ganzen gefehlt hatten. Auch diese öffneten dem Geiset des Volkes ein neues Gebiet intellektueller Tätigkeit und gaben vielfach die Grundlage zu weiteren glänzenden, wissenschaftlichen Studien. Dazu gesellten sich Bildungs- „Kriegsanleihe zu zeichnen ist des Bürgers heiligste Pflicht!"