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Jüdische Korrespondenz · 1917-04-28 · 13 (28.4.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
13 (28.4.1917)
Date
1917-04-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 13. Jüdische Korrespondenz Seite 3 tungen gibt, und dieses Auseinandergehen der Anschauungen erschwert es vorläufig, die gemeinsamen Bedürfnisse zu , einheitlichen Wönsehen zusammenzufassen. Einern Außenstehenden ist das weniger schwierig. Sodann aber darf ich mich daraui berufen, daß ich nicht eist neuestens, sondern seit langer Zeit in Deutschland für emä Regelung der polnischen Frage eingetreten bin, die es dem Polentum ermöglicht, wieder zu einer stlhstündigen nationalen Entwicklung zu gelangen. Als Jade wie als Deutscher liegt es mir daher gleichmäßig am Herzen, daß das neue -polnische Staatswesen vor Innerer Zerklüftung möglichst bewahrt wird. Das entspricht, wie mir scheint, dem Interesse Deutschlands wie Polens, dem Interesse einer friedlichen europäischen Ptttwicklung und der Humanität, die erfordert, vermeidbaren Reibungen zwischen Christen und Juden vorzubeugen. Wollen Sie, hochgeehrter Herr Graf, diesen meinen Standpunkt gütigst prüfen und mir freundlichst über Ihre Auftassing eine Mitteilung zukommen lassen. Ich hoffe, diß eine Verständigung Polen zum Segen gereichen wird. Mit dem Ausdruck ausgezeichneter Hochachtung gez Dr. P. Natha n. Die Antwort des Grafen R o n i k i e r 1 a ü i e t : Warschau, den 4. Februar 1917. Sehr geehrter Herr Doktor. Im Bes tze Ihres werten Schreibens vom 3. dieses Monats, in welchem Sie die jüdische Frage bei uns hi Polen behandeln, hin ich gerne bereit, Ihnen meine Meinung--in dieser Sache zu äußern. Auf Grund der besten Traditionen der polnisch;'i Vergangenheit wird der polnische Staat meiner Meinung nach bcrüit sein, Ihren Glaubensgenossen die volle bürgerliche Gleichberechtigung mit der christlichen Bevölkerung zu gewähren und durchzuführen Als erste Folge dieser Gleicheberechtigung werden Ihre Glaubensgenossen in der Betätigung ihrer traditionellen religiösen Ucberzeugungen seitens des Staates keine Schwierigkeiten trefien. ebenso gut beim Feiern des Sabbat wie in anderer religiöser Praxis. Auch in Beznsf auf;.'•<* Sabbat- und Sonntagsruhe bin ich iiber- .zeugt, daß sich Festsetzungen werden treffen lassen, die die christliche Empfindung zuläßt, ohne doch Ihre 'Glaubensgenossen zu schädigen. Als weiter Folge dieser Gleichberechtigung ergibt sieh dagegen die ernste Erfüllung seitens Ihrer Glauben >- genossen aller jener Pflichten, welche auf sie als treue' polnische Bürger fallen müssen. Von allen den Fragen, die in oben angedeutetem Sinne zu lösen sein werden, ist die Schulfrage zweifello; die wichtigste. Deshalb will ich sie berühren. Daß der polnische Staat ehie Kenntnis der pohischin Sprache von allen seinen Bürgern, auch von de i Juden, in Wort und Schrift verlangen muß — entzieht sich, wie Sie mit Recht sagen, jeder Diskussion: eber.s.» wird der Geschlchts- und Geographie-Unterricht in polnischer Sprache geführt werden müssen: in Bezug auf die Gestaltung des Schulwesens wird es, glaube ich. möglich sein, den Wünschen Ihrer Glaubensgenossen entgegenzukommen - sodaB die religiöse Empfindung vollständig geachtet werden kann. Und es sollte auch Vorsorge getroffen werd: . daß Ihre das ..Jiddisch" sprechenden polnischen Glaubensgenossen "Ime Härte dem allgemeinen Schulsystem eingefügt werden. Auch wir unterschätzen es nicht, was es bedeute:, vor allem die religiösen Empfindungen aller Bürger de-: Staates taktvoll zu schonen: ich bin überzeugt, ei w' religiös empfindende Bürger zugleich treue Bürger des Staates sind und hoffe, daß auch die Polen jüdischen Bekenntnisses . in unserem aufs neue erstandenen heißgeliebten polnischen Vaterlande es sein werden. Je treuer alle Bürger Polens zum polnischem Vaterlände stehen, umso sicherer können sie sein, daß ihnen allen ohne Ausnahme Polen eine gütige Mutter sein wird. Bei dieser Gelegenheit erlaube ich mir. meinen besten Dank Ihnen, hochgeehrter Herr Doktor, für Ihre Bemühungen, diese bei uns bis jetzt so verwickelte Frage zu lösen, auszudrücken und verbleibe mit ausgezeichneter Hochachtung gez. Graf Adam Ronikiei. Öer MilitHrseelsorger an die jüdischen Soldaten. Das Kriegsministerium hat mit Erlaß Abt. 12, Nr. 130008/16, angeordnet, daß der strenggläubigen jüdischen Mannschaft, wo es nur irgend möglich ist, rituelle Kost verabreicht werde; wenn dennoch Fälle vor- "taimwien, daß diese Kost aus irgendwelchen Gründen unbedingt nicht geboten werden kann, wurden die israelitischen Militärseelsorirer. angewiesen, die religiösen Bedenken durch den Hinweis auf die Schwere der Zeit zu 'zerstreuen. Der Leiter der israelitischen Militärseelsörge Wien hat in dem befohlenen Sinne an die indischen Soldaten, die ins Feld ziehen, folgende Ansprache gerichtet:.....Ihr seid nun im Begriffe, ins Feld zu ziehen, zu kämpfen für das Heil unseres teuren Vaterlandes, für den Ruhm tmsres geliebten obersten Kriegsherrn. Da rufe ich euch zu. wie einst der Priester dem Kampfbereiten Israel: Höret, IsraeHten! Es zage nicht,euer Her& fürtet euch nicht; der Ewige, euer •Öert, geleitet euch (Deirt. XX. 3—4). ... Ich weil es. euch quält der Gedanke: Wie kann Gott mit uns sein, wenn wir nicht mit Gott sind? Wie kann der Segen des Herrn uns geleiten, wenn wir uns seines Segens unwürdig erweisen? Und doch, ich wiederhole euch: Zaget nicht, fürchtet euch nicht! Kameraden, wir sind so liiUcrtlich, ein Vaterland unser nennen zu dürfen, das bestrebt ist, allen Bekenntnissen gleiche Rechte angedeihen zu lassen, das auch tür unsre Bedürfnisse verständnisvoll sorgt. Bekundet nicht auch die erst jüngst erflossene Verfügung, daß den jüdischen Soldaten,, wo es möglich ist, rituelle Kost verabreicht werde, Rücksichtnahme auf unser Bekenntnis? Wahrlich, dieses Entgegenkommen verpflichtet jeden jüdischen Soldaten zu innigein, aufrichtigen Dank gegen unsern obersten Kriegsherrn und gegen die von seinem erhabenen Geist beseelte Heeresverwaltung! Sicherlich, die Durchführung dieser Verordnung wird da und dort auf unüberwindliche Hindernisse stoßen; es wird nicltt immer möglich sein, die uns heiligen S.peisegesetze zu beobachten. Was dann? Sollt ihr euch kasteien, euch durch Hunger entkiäiten? Nein, Soldaten, das wäre sündhaft! Denn uns Juden gilt als höchstes Gebot, im Sinn des Schriftwortes zu leben: „Achtet auf eure Gesundheit!" (Deut. IX. 15.) Und verfolgen nicht alle msre Gebote das Ziel, das Leben zu fördern, wie das im dritten Buche Mosis heißt: „Beobachtet meine Satzungen und Gebote, es betätige sie jeder, auf daß er sich durch sie erhalte, ich hin der Ewige!" Und wie erst, wenn die Erhaltung der Gesundheit im Interesse des Vaterlandes und des Allerhöchsten Dienstes gelegen ist1 Sollt ihr darum das eine oder andere Gebot zu übertreten genötigt sein, dann wisset, der Talmud lehrt: ..Die Religion selbst befreit von der Erfüllrng ihrer Gebote, wenn die unbedingte Notwendigkeit es erheischt." Das MilitärkoinmaiKio in Wien hat angeordnet, daß diese Ansprache, die vom Militärkommando in Druck gelegt wurde, der gesamten jüdischen Mannschaft beim Befehl zu verlautbaren ist. Ueberdies wurden auch die israelitischen Militärseelsorger angewiesen, gelegentlich der Pastorerung. namentlich bei der Abhaltung von Predigten, die Mannschaft in diesem Sinn eingehendst zu belehren Eine Denkschrift der Regierun g. In den letzten Ttigen ist die dritte DetiKschrift der Regierung über die aus Anlaß des Krieges getroffenen Maßnahmen erschienen. Sie enthält alle Verordnungen und Erlässe aus der Zeit vom Jänner bis Juni 1916. Wie die j früheren zwei Denkschriften der Regierung S t ü r g k h ist auch diese wieder sehr umfangreich geworden und aus den 244 Seiten Quartformat läßt sich leicht ein Bild über den noch stets zunehmenden Umfang jener Aufgaben gewinnen, die der öffentlichen Verwaltung im Kriege immer aufs neue erwachsen. nt der dritten Denkschrift sind die Maßnahmen der Regierung wieder sachlich geordnet in acht Abteilungen zusammengefaßt. Die erste Abteilung, die alle Verfügungen der Regierung bezüglich Volksernährung und Landwirtschaft wiedergibt, kann als wertvoller Nachschlagbehelf gelten: die weiteren Abteilungen betreffen Handel. Industrie, Gewerbe und Bergbau: Eisenbahnen, Schiffahrt, Post und Telegraph; Kredit- und allgemeine Finanzverwaltung; Rechtspflege; Kultus und Unterricht; allgemeine Fürsorgemaßnahmen und die Sicherheitspolizei. Der Denkschrift sind in einem Anhang Tabellen über den Viehauftrieb, den Aufwand an Unterhaltsbeiträgen, das Auftreten von Kriegsseuchen und schließlich ein chronologisches Verzeichnis der aus Anlaß des Krieges ergangenen kaiserlichen Verordnungen und der allgemein kundgemachten Verordnun- 1 gen und Erlässe der Ministerien beigegeben. \ Die Denkschrift ist eine Art Kriegsbilanz 1 der Regierung und liefert einen glänzenden Be- | weis für die Tatkraft, den Eifer und die Energie der leitenden Kreise während der Kriegsperiode. Heinrich Hermfeld s. A. Sonntag, den 22. d. M., nachts ist hier der Nestor der Wiener Jounalisten, Heinrich H e r r n f e 1 d, zwei Tage bevor er sein 80. Lebensjahr erreicht hatte, plötzlich verschieden. Der Verblichene, einer angesehenen Familie in Nikoisburg entstammend, kam in seiner Jugend nach Wien, wo er zunächst Medizin studierte, um sich dann der Journalistik zuzuwenden. Einige Dezennien hindurch war er Redaktidnsmitglied der „Presse", zuerst als Feuilletonist und dann als Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung. Später übernahm er die Redaktion des volkswirtschaftlichen Teiles der „Wiener Allgemeinen Zeitung". In den letzten Jahren war er Redakteur der „Zeitschrift für Staats- und Volkswirtschaft". Damit wäre wohl der äüßere Lebenslauf des Verblichenen geschildert. Sein inneres Leben zu schildern, dazu reicht -ein kurzer Zeitungsartikel kaum hin. Weiten Kreisen dürfte wohl der Name Heinrich Hernfeld kaum bekannt sein. Und doch war dies eine Persönlichkeit, wie sie in unserer Gerteration höchst -selten anzutreffen ist und nur seiner echt Hillelschen Bescheidenheit ist es zuzuschreiben, daß die breite Oeftentlichkeit kaum etwas näheres über ihn wußte. Dagegen wußten es all diejenigen, die Gelegenheit hatten, diese« seltenen Mann näher kennen zu lernen, umso mehr, seine Güte, seine bis zur Aufopferung gehende Kollegialität, seinen fast antiken Charakter zu würdigen und zu schätzen. „Edel sei der Metisch, hilfreich und gut" — dieses schöne Dichterwort war in Heinrich Herrnfeld personifiziert. Sein Wohltätigkeitssirin. seine stete Hilfsbereitschaft, sein lebhaftes Interesse für jeden Kollegen, für jeden Hilfsbedürftigen, überstieg wahrlich alle Grenzen. Er gab aus eigenem viel mehr als es seine Mittel erlaubten, verschaffte dank seiner Beziehungen zu den einflußreichsten finanziellen und industriellen Kreisen jedem Bedürftigen H;!fc und Förderung. Wer von seinen Bekannten ein schweres Herz hatte, kam zu Heinrich Herrnfeld und fand nicht bloß Trost, sondern auch Rat und tatkräftige Hilfe. Trotz seines hohen Alters und seines in den letzten Jahren nicht mehr ganz entsprechenden Gesundheitszustandes scheute er selten Mühe und Anstrengung, wenn es galt, einem Kollegen, oder einem sonstigen Hilfsbedürftigen unter die Arme zu greifen. Es sind unzählige Familien, die in ihm ihren Helfer und Stutzer verlieren. An seiner Bahre wurden viele aufrichtige Tränen vergossen. Bei all seiner anstrengenden Berufstätigkeit war Heinrich Herrnfeld ein guter Jude in des Wortes weitgehendster Bedeutung. Streng jüdisch-religiös erzogen, eine Art Bibel- und Tahinidgelehrter in seiner Jugend, bewahrte er das lehafteste Interesse für alle jüdischen Angelegenheiten, seine Augen leuchteten, wenn er dazu kam. wieder einmal einen Bibelsatz oder eine Talmudstelle zu zitieren. Bei allem äußeren Fortschritte war er eine tiefinnerlichreligiöse Natur geblieben und man konnte es ihm nachfühlen, wenn er bei der Schilderung seines religiösen Jugendlebens von einer tiefen Rührung übermannt wurde. Er war ein guter, aufrichtiger Jude, der stets bereit war, für Juden und Judentum die höchsten Opfer zu bringen. Bei seineu Berufskollegen erfreute sich Heinrich Herrnfeld der größten Beliebtheit und Verehrung, in den höchsten Gesellschaftskreisen genoß er das größte Vertrauen und die weitgehendste Achtung ob seitier Aufrichtigkeit, seines biederen Charakters, seines Ernstes und seiner mustergültigen Bescheidenheit. Er lehnte jeden Titel, jede Ordensauszeichnung ab, strebte nicht nach Reichtümern. Sein größtes Vergnügen war sein Beruf, Wohltaten zu üben und jeden Bedürftigen beizustehen. Er war ein treuer Sohn, ein lieber Vater, ein liebevoller Gatte, ein guter Bruder und ein aufrichtiger Freund. Bis zum letzten Momente trotz mancher physischer Gebrechen geistig frisch und rege, widmete er sich noch am letzten Tage seiner Berufstätigkeit. Der Schreiber dieser Zeilen verbrachte noch Sonntag abends einige Zeit in seiner Gesellschaft. Er war heiter und munter - einige Stunden später hatte dieses edle Herz zu schlagen aufgehört. Dieser Tage sollte er seinen 80. Geburtstag feiern. Die Kollegen planten die Veranstaltung einer Feierlichkeit. Herrnfeld lehnte aber, wie gewöhnlich, jede Ovation ab. Es war ihm nicht vergönnt, diesen Tag zu erleben. An seiner Bahre trauert seine Witwe, Frau Helene Herrnfeld, die ihm eine treue und aufrichtig liebende Gattin war und der sich nun die wärmste Teilnahme weitester Kreise zuwendet. Sein einziger Sohn ist in frühester Jugend verschieden. Das Leichenbegängnis fand Mittwoch vormittags unter überaus zahlreicher Beteiligung aller Kreise statt und lieferte den Beweis für die große Verehrung, deren sich der Verblichene erfreute. Ehre seinem Andenken. Aus Mazedonien. (Aus einem Feldpostbriefe der Jiid. Presse). Der Aufenthalt in Mazedonien, das einst Philipp seinem Sohne Alexander als „zu klein" hinstellte, war für mich außerordentlich lehrreich. Immer und immer wieder tauchten bibliche Erinnerungen in mir auf. Ich lernte hier ermessen, warum der Jude inbrünstig um Regen betete. Denn ich war um die Regenzeit gerade in dem gleich Palästina wasserarmen Mazedonien. Ich wußte auf einmal, warum die Bibel so viel Zauber um die Brunnen legt. Die Geschichte von Rebekka und Elieser fiel mir fast täglich ein, wenn ich auf den Landstraßen

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