Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1917-12-20 · 38 (20.12.1917) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
38 (20.12.1917)
Date
1917-12-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3495278-3495343-3495380--0502-3521019
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 38 Jüdische Korrespondenz. Seite S haben und mit welchen man kaum zu rechnen nötig hat. Laut den Akten sieht es so aus. Die Wirklichkeit aber sagt und zeigt ein ganz anderes Bild. Ebenso wenig wie sich das eigentliche Leben darum kümmerh ob es aktenmäßig registriert ist, ebenso kann die Orthodoxie in Oesterreich nichts dafür, daß die Gesetzgebung und die Verwaltung von ihr wenig Notiz zu nehmen geruhten. Sie existiert und zeigt wenig Lust, ihren Gegnern zuliebe vom Schauplatze zu verschwinden. Zieht man die Verhältnisse in Wen in Betracht, so -genügt, darauf zu verweisen, daß es daselbst nicht weniger als 40 orthodoxe Bethäuser gibt, dazu eine Unzahl jüdischer Vereine auf orthodoxer Basi-s rc. Scho» dieser Umstand liefert den Beweis, daß man es da mit einer sehr bedeutenden Volksschicht zu tun hat, die entschieden Berückstchtignng verdient. Daß die offizielle Kultusgemeinde dieser Gruppe wenig Entgegenkommen zu zeigen für richtig findet, tut nichts zur Sache. Diese Haltung mag einem Mangel an Verständnis für die Mentalität dieser Kreise entspringen oder irgendwelchen Forffchrittsalluren zuzuschreiben sein — immerhin möge konstatiert werden, daß die Gleichgültigkeit der Zentralgemeinde den religiösen Dingen gegenüber die Tatsache nicht aus der Welt schaffen kann, daß die Orthodoxie in Wien eine sehr ansehnliche Gruppe bildet und nur dem Mangel einer einheitlichen Organisation es zuzuschreiben ist, wenn sie nach außenhin nicht genügend zur Geltung kommt. Auch in der Provinz, wie nicht minder in den anderen westösterreichischen Kronländern, besonders in den größeren Städten, istdie Orthodoxie keineswegs verschwunden oder im Verschwinden begriffen. Man kann vielmehr ohne jede Uebertreibung sagen, das „lau almon Jisroel", das unverfälschte Judentum ist nie verwaist. Ueberall gibt es glaubenstrcue Juden, die aber isoliert, ohne entsprechenden Zusammenhang und Eiüfluß, sich äußerlich verlieren. Man kann sich leicht einen Begriff von der Seelenpein dieser Juden machen, die das Schicksal irgendwohin verschlagen hat, wrd die dort weder selbst im Sinne ihrer religiösen Ueberzeugung leben, noch ihre Kinder im Geiste des wahren Judentums erziehen können. Sie müssen den Fortschrittstempel besuchen, da sie kein anderes Bethaus zur Verfügung haben, sie müssen sogenanntes „Koscher" essen, weil ihnen jede Möglichkeit fehlt, es anders zu machen. Sie müssen ihre Kinder ohne Religion erziehen lassen, weil niemand für richtige Erzieher sorgt und nicht jeder Einzelne imstande ist, aus Eigenem die Kosten einer solchen Erziehung zu bestreiten. Das Resultat ist, daß tatsächlich ein Geschlecht heranwächst, das dem Judentum nur zum Schein angehört, ohne inneres religiöses Leben, ohne den mächtigen moralischen Halt, den unsere heilige Lehre allen ihren Bekennern bietet und der es unseren Vorfahren möglich gemacht hat, allen Verfolgungen und Drangsalierungen zum Trotz, ihrem Glauben und ihrer Lehre treu zu bleiben. Man kann ohne weiteres überzeugt sein, daß, würde eine orthodoxe Zentralorganisation in Oesterreich existieren, es sich Herausstellen würde, wie groß die Zahl der Orthodoxen ist, über welchen Anhang sie verfügen und welche breite Volkskreise, die heute dem Judentum gegenüber gleichgültig sich verhalten, mit Freuden die Gelegenheit ergreifen werden, um wieder volle und ganze Juden zu sein. Der Mangel einer solchen Organisation hat es mit sich gebracht, daß Westösterreich in religiöser Hinsicht viel ungünstiger gestellt ist als Deutschland und als Ungarn. Es muß aber nicht immer so bleiben. Der Schreiber dieser Zeilen verfolgt seit längerer Zeit die Entwicklung der Verhältnisse und muß zu seinem großen Leidwesen konstatieren, daß es trotz der Anstrengungen eines bekannten Kreises energischer und eifriger Streiter für die religiöse Sache nicht besser wird, wenn nicht gar ärger. Das, was bisher geschah und geschieht, beschränkt sich immerhin auf einen engen Kreis. Jede biestere Aktion begegnet großen Schwierigkeiten. Immer muß das Protektorat der Großgemeinden angerufen werden. Dies« aber eignen sich keineswegs für diese Mission, da sie kein Verständnis und kein Interesse für die Sache haben, schon nicht der Fälle zu erwähnen, wo eine heftige Gegnerschaft zum Ausdrucke kommt und ein negatives Resultat herbeiführt. Mit großer Freude haben die orthodoxen Juden in Westösterreich die Kunde vernommen, daß der Verein zurWahrung der Interessen der Orthodoxie in Wien und Niederösterreich den Entschluß gefaßt hat, seiner Tätigkeit eine breite Basis zu geben und die gesamte Orthodoxie um seine Fahne zu konzentrieren. Es ist dies ein höchst löbliches Unternehmen, dem man den besten Erfolg wünschen und das man mit allen Kräften fördern soll. Ist dieses Unternehmen eine Aktion der Zeit, ein „duwer be'itau“, so bieten die Männer, die an der Spitze stehen und die sich auf diesem Gebiete, wenn auch im engeren Rahmen, vollauf bewährt haben, die vollste Sicherheit, daß sie sich nicht mit bloßen Worten begnügen, sondern auch Taten sehen lassen werden. Es steht ihnen ein breiter Wirkungskreis zu Gebote, sie können alle Hände voll zu tun haben, und man darf erwarte», daß sie nicht mitten im Wege stehen bleiben werden. Allein, wie gesagt, momentan existiert die Orthodoxie in Westösterreich in den Akten nicht. Nach außenhin kennt man sie nicht, und es ist unter Umständen leicht, deren Existenz zu verleugnen und zumindest zu bagatellisieren. In diesem Zustande wird schwerlich Großes und Greifbares geleistet werden können. Die Orthodoxie muß zunächst darnach streben, bei der jüdischen wie der allgemeinen Oeffentlichkeit ihre Bisitkarte abzugeben. Sie muß die „Flucht in die Oeffentlichkeit" ergreifen und von ihrer Existenz laute Kunde geben. Möge man es in den Kreisen der sogenannten „Fortschrittler" im jüdischen Lager wissen, daß die Orthodoxie sich aufgerafft hat und entschlossen ist, ihre Interessen zu wahre» und ihren Grundsätzen zum Durchbruch zu verhelfen. Andererseits sollen auch die maßgebenden Stellen Kenntnis davon erlangen, daß die Orthodoxie, als der wesentlichste Teil der Judeuheit, nicht unter der Vormundschaft der offiziellen Gemeinden stehen, sondern selbständig auftreten und ihre Interessen und Forderungen zur Geltung bringen will und Berücksichtigung verdient, in Anbetracht ihrer Zahl, ihrer Stellung und ihres religiösen und somit staatserhaltenden Charafters. Mit einem Worte: Es ist die Pflicht der Orthodoxie, aus dem teilweise selbstgewählten, teils, hineingedrängten Hintergründe hervorzutreten und den ihr auf die Gestaltung der Verhältnisse im jüdischen Lager gebührenden Einfluß zu nehmen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist vor allem notwendig, eine Konferenz der Orthodoxie in Oesterreich einzuberusen, und der reorganisierte „Verein zur Wahrung der Interessen der Orthodoxie" ist die berufene Stelle, diese Angelegenheit in die Hand zu nehmen und der Verwirklichung zuzuführen. Naturgemäß gemeinsam mit den anderen orthodoxen Organisationen, wie „Agudas Jisroel", Schiffschul, orthodoxen Bethäusern, Vereinen rc. Diese Konferenz soll zunächst die Heerschau bilden, die Orthodoxie selbst und die breite Oeffentlichkeit sollen über die Macht und die Stellung der glaubenstreuen Judenschaft sich klar werden. Andererseits soll diese Konferenz dazu berufen sein, ein f e st u m r i s s e n e s Programm auszustellen, das die Basis der zukünftigen Tätigkeit bilden sollte. Daß es auch im Lager der Orthodoxie nicht an Gegensätzen diverser Natur fehlt, kann leider nicht geleugnet werden. Allein das gemeinsame Ziel sollte es doch möglich machen, eine gemeinsame Plattform zu finden und eine gleichzeitige, zielbewußte Tätigkeit zu entwickeln. Streben doch alle zu einem Ziel: Zur Hebung und Wahrung des wahren Judentums! lieber die Form, mittelst welcher die Einberufung dieser Konferenz vor sich gehen soll, läßt sich verschiedenes sagen. Bei dem Mangel eines festen Zusammenhanges, bei den gegenwärtigen Verhältnissen und angesichts der Dringlichkeit, die Sache so rasch als möglich zu perfektionieren, könnte man vorerst von speziellen Formalitäten Abstand nehmen. Die existierenden Vereine, Organisationen und Vereinigungen, die auf ausgesprochen orthodoxer Basis fußen, sollten aus ihrer Mitte Delegierte wählen. Sonst aber soll auch den bisher nicht organisierten Kreisen, besonders in der Provinz, die Möglichkeit zur Teilnahme an der Konferenz geboten werden. Von der Beteiligung an dieser Konferenz, sowie vom Verlauf derselben wird es abhängen, ob dieselbe bloß den Charakter einer Vorkonferenz, oder schon einer definitiven Repräsentanz der Orthodoxie tragen soll. Der Schreiber dieser Zeilen erlaubt sich diese Anregung der jüdischen Oeffentlichkeit zu unterbreiten. Gleichzeitig aber auch an all diejenigen, die dabei mitzuwirken berufen sind, den heißesten Appell zu richte», sich rasch zur Arbeit zu nehmen und diesen Gedanken seiner Verwirklichung zuzuführen. Es ist höchste Zeit. Auch gelegentlich der bevorstehenden Ausgestaltung der österreichischen Verfassung dürste die Neuregelung der KultuSgemeindefrage in Betracht kommen. Die Orthodoxie, der die gegenwärtigen Zustände keineswegs entsprechen, muß dazu streben, diesbezüglich ihren Standpunkt entsprechend geltend machen zu können. Wir leben gegenwärtig in einer »es laassauss“, in einer Zeit der Tat. Wollen wir uns auch aufraffen und segenbringende Taten vollbringen. Jehudi-Chored. Sielohlawek über Len Antisemitismus. Die „WienerSonn-und Montag-Zeitung" schreibt: Vor einigen Tagen hat Landesausschuß Bielohlawek anläßlich einer Besichtigung des Landeszentralkinderheims durch Vertreter der Presse eine Ansprache gehalten, die ihm Gelegenheit bot, ein förmliches politisches Glaubensbekenntnis abzulegen. Bielohlawek scheint, wie so viele seiner engeren Parteigenossen, in den letzten Jahren eine gründliche Metamorphose durchgemacht zu haben. Er hat nämlich alle einst mit so viel Urwüchsigkeit und Temperament verkündeten Grundsätze des Antisemitismus über Bord geworfen. In seiner Rede im Landeszentralkinderheim betonte er wiederholt mit besonderem Nachdruck, daß er keinen Judenhaß mehr kenne und zur Einsicht gekommen sei, daß ein antisemitisches Programm unvereinbar sei mit den Bestrebungen einer Partei, die sich für die wahren Volksinteressen und das Wohl der Allgemeinheit einsetzc. Er habe, führte der Landesausschuß aus, durch seine Tätigkeit an öffentlichen Stellen und insbesondere auf den« Gebiete der Wohlfahrt zu viel Einblick in die wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhänge gewonnen, als daß man befürchten müßte, er werde jemals wieder zu einer falschen und schädlichen Weltanschauung zurückkehren. Er beurteile keinen seiner Mitbürger nach der konfessionellen Zugehörigkeit, sondern ausschließlich nach den menschlichen Eigenschaften, Charakter, Verstand und Herz. Mit dieser Absage au den Antisemitismus hat Bielohlawek zugleich auch die heutige Auffassung zahlreicher Mitglieder der christlichsozialen Partei ausgesprochen, die bisher gegenüber den Scharfmachern der Minorität nicht den Mut aufbrachten, ihrer Ueberzeugung unverhohlen Ausdruck zu verleihen. Es ist ein öffentliches Geheimnis, daß gerade die tonangebenden Führer der christlichsozialen Partei immer mehr zur Erkenntnis gelangen, daß das^Programm auf die Dauer nicht mit den alten Lchlagworten der Verhetzung bestritten werden könne, sondern positive Bestrebungen für die Wohlfahrt der Bürgerschaft umfassen, insbesondere aber die Interessen der dem Mittelstand angehörenden Kreise des Gewerbes und des Handwerks verfolgen müsse. Diese Entwicklung dürfte auch die Ursache bilden, warum die jüngsten Versuche des extremen Flügels, die antisemitische Idee wieder zu neuem Leben zu erwecken, eine so geringe Resonanz gefunden haben. Rundschau. (Verein zur Währung der Interesse« des orthodoxe« Judentums in Wien und Niederösterreich. ) Der Vorstand ersucht, Zuschriften an den Obmann Herrn Bernhard Hofbauer, I., Tuchlauben 20, zu adressieren, Geldsendungen auf Hefferreichischem Uostsparllaff««- Lonto 11.176 einzuzahlen. — Bon der Eröffnung des Bureaus wird in den Blättern Anzeige erfolgen. (Konstituierung der „AgudasJisroel".) Sonntag nachmittags hat die konstituierende Sitzung des neügewählten „Agudas Jisroel"-Vorstandes stattgefunden. Es wurden gewählt: Herr I. I. Thumim zum Vorsitzenden, zu Stellvertretern Josef Schönblum und Lipe Türkei; zum Schriftführer S. Blum; zum Kassier Abraham Rappaport. Es wurde ferner beschlossen, die gewählten Schiedsrichter dem Vorstande mit gleichem Beratungs¬ und Stimmrechte zu kooptieren. Hierauf wurden mehrere Kommissionen gewählt, darunter eine Schul-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.