Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 38 (20.12.1917)
- Date
- 1917-12-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. aa ihrer Seite stehen und daß über den Besitz Jerusalems durch den jetzigen Erfolg der Engländer noch nicht endgültig enffchieden ist. Das Reuters che Bureau meldet: Die Besetzung Jerusalems hat Probleme von großer internationaler Bedeutung mit sich gebracht. Jerusalem ist von einer britischen Armee mit Hilfe von französischen und italienischen Truppenkontingenten erobert worden. Es verlautet, daß General Allenby einen britischen Militärgouverneur einsetzen werde. Es wird also die englische Flagge über Jerusalem wehen, während gleichzeitig die französische und die italienische Flagge auf den nationalen Besitzungen dieser Länder, wie Schulen, Klöstern usw., gehißt werden sollen. Zuerst wird der Belagerungszustand verhängt werden. ES werben keine Versuche unternommen werden, die zukünftige Stellung der Stadt vor dem allgemeinen Frieden zu regeln. Inzwischen wird die Stadt als im militärischen Besitz Allenbys befindlich betrachtet werden. Im englischen Unterhause verlas Lloyd George ein Telegramm von Allenby vom 12. Dezember, in dem es heißt: Ich zog mit tvenig Leuten meines Stabes, den Kommandanten der französischen und italienischen Abteilungen und den Militärattaches Frankreichs, Italiens und der Bereinigten Staaten heute mittag offiziell in Jerusalem ein. Am Jaffa- Tor wurde ich von einer Wache, die England, Schottland, Irland, Wales, Australien, Neuseeland, Indien, Frankreich und Italien vertrat, begrüßt. Die Bevölkerung empfing mich gut. Wachen sind aus den heiligen Stätten verteilt. Mein Militär- Gouverneur ist in Fühlung mit den lateinischen und griechischen Vertretern. Der Gouverneur ernannte einen Offizier zur Ueberwachung der christlichen heiligen Stätten. Die Omarmoschee und das umgebende Gebiet wurden unter mohammedanische Kontrolle gestellt und ein Militärkordon aus indischen und mohammedanischen Offizieren und Soldaten uni die Moschee aufgestellt. Verfügung ist erlassen, daß kein Nichtmohammedancr diesen Kordon überschreiten darf ohne Erlaubnis des Militärgouverneurs und des mohammedanischen Verwalters. Eine Proklamation wurde in Anwesenheit der Bevölkerung von den Stufen der Zitadelle in arabischer, hebräischer, englischer, französischer, griechischer und russischer Sprache verlesen und an den Mauern angeschlagen, worin es heißt, daß die Truppen unter dem Befehl Allenbys durch die Besiegung der Türken in den Besitz der Stadt kamen, daß der Kriegszustand über die Stadt verhängt sei, daß niemand sich darüber beunruhige und jeder seiner ehrlichen Beschäftigung nachgehen sollte. Schließlich wird der Bevölkerung die Art der Bewachung der heiligen Stätten bekanntgegeben. Aus all diesen und ähnlichen Erklärungen ist zu ersehen: 1. Daß die Engländer Jerusalem nicht erobert, sondern daß es die Türken kampflos geräumt haben. 2. Daß die Engländer ihre Versprechungen den Zionisten gegenüber schon heute zu „vergessen" scheinen. In den Berichten sprechen sic von Christen und Mohammedanern, die Juden wurden nicht einmal erwähnt. Freilich, die Drohungen sind auch hebräisch. Auch die Russen in Galizien haben jiddische Drohplakate verlautbart. Die Inden nnd die russischen Nevolulionsregieruugen. Ueber dieses Thema schreibt R. S. in den „Neuen Jüdischen Monatsheften", Berlin (Nr. 5): Mit dem ersten Momente des Rcvolutionsausbruches sehen wir die russischen Juden einen auffallend intensiven Anteil am öffentlich-politischen Leben des Landes nehmen, und seitdem werden sie durch die Ereignisse selber inimer mehr in den politischen Vordergrund geschoben und wachsen mehr und mehr zu eincnl eminenten Faktor des russischen Gesellschaftslcbens aus. Wiewohl es nicht gerade Juden sind, die in den ersten Revolutionsregierungen an der Spitze figurieren, so bildet doch die russische Judenheit bereits seit dem Beginne der Revolution eine treibende Macht und beeinflußt nicht selten den Gang der Geschehnisse in entscheidender Weise. Nun ist es nicht die Tatsache der Beteiligung der Juden am öffentlich-politischen Leben an sich, was hier besonders charakteristisch und bemerkenswert wäre — könnte doch eine derartige Anteilnahme als eine direkte Folge der jüdischen Emanzipation in Rußland auf den ersten Blick aufgefaßt werden. Das besonders Charakteristische und Merkwürdige der ganzen Sache besteht vielmehr darin, daß wir es hier nicht mit vereinzelten Inden zu tun haben, die in bewußter Loslösung von ihrem Volkstum gewissermaßen als Outsider in das politische Getriebe ihres Wirtsvolkes eingreifen. Die russischen Juden, die in der Politik ihres Wirtslandes tat gegenwärtigen Moment eine wichtige Rolle zn spielen beginnen, denken nicht im geringsten daran, sich ihres Volkstums zu entfremden oder auch eine Indifferenz gegenüber demselben ostentativ zur Schau zu tragen, wie eS mit der sich politisch betätigenden westeuropäischen Judenheit so häufig der Fall ist, wiewohl sie nicht immer im Namen der Juden als solcher austreten, da ihr parteipolitisches Programm einem derartigen Auftreten nicht immer entsprechen würde. Die in den russischen Revolutionsregierungen hin und wieder figurierenden Juden fühlen sich jedenfalls durch ihr Judentum nicht im mindesten beengt und würden nicht das geringste Bedenken tragen, direkt als Juden aufzutreten, um die nationalkulturellen Interessen der russischen Judenheit im staatlichen Leben des Reiches mit allem Nachdruck zu verfechten, wenn sie nicht durch ihr parteipoli- - tisches Programm unausgesetzt nach anderen Zielen abgelenkt worden wären. Was der westeuropäischen Judenheit int Verlause von Jahrzehnten nach deren Emanzipation nicht glücken konnte — das Hervortreten des jüdischen Elements als solchem auf der Arena der öffentlich-politischen Tätigkeit der Wirtsvölker, dies scheint dem russischen Judentum durch die Tatsache der russischen Revolution mit einem einzigen Schlage in den Schoß gefallen zu sein. Aber dies scheint nur so. Nicht die Tatsache der russischen Revolution an sich ist es, die der russischen Judenheit den Zutritt zu den politischen Angelegenheiten des Landes gewährte, sondern vor allem die lange und zähe Mitarbeit der russischen Juden selber an dem harten Kampfe gegen das sie bedrückende autokratische Regime des gewesenen Rußlands. Die Rolle der russischen Judenheit im politischen Leben des russischen Landes ist die schmerzensgeborene, man kann sagen blutgetränkte Frucht ihrer ganzen Vorgeschichte während einer langen Reihe von Jahren. Die russische Judenheit hat sich ihre Freiheit mit Blut erkämpft und erarbeitet, während die westeuropäische Judenheit ihre Emanzipation so gut wie geschenkt bekommen hat. Die russische Judenheit erwies sich daher mit dem Augenblicke des russischen Revolutionsausbruches mitten drin, weil die sich vor ihr austuenden nachrevolutionären Aufgaben im engsten Konnex mit deren vorrevolutionären Tätigkeit standen, und weil sie keinen Sprung vom Reiche der ^.-Politik iu das der Politik zu machen brauchte, wie cs der Fall mit dem westeuropäischen Judentum war. Das westeuropäische Judentum, das während der ganzen Zeit vor dessen Emanzipation abseits von jeder Anteilnahme am politischen Treiben seiner Wirtsvölker stand, sah sich im Momente der Befteiung mit einem Male durch eine tiefe, fast unüberbrückbare Kluft vom gesellschaftlich-politischen Leben dieser Wirtsvölker getrennt. Der westeuropäische Jude wurde also seit dem Augenblicke seiner Befteiung vor die Alternative gestellt, entweder sein Judentum aufzugeben, um in das gesellschaftlich-politische Getriebe des Wirtstandes eingreisen zu können, oder auch in seinem Judentume zu verbleiben und das Leben des Abseitsstehenden sortzusetzen, das er vor seiner Emanzipation geführt hatte. Eine nnd dieselbe Logik der Tatsachen ist es, die in dem einen Falle das jüdische Element zn einem politischen Faktor erhob, und die in dem anderen Falle dieses Element aus dem politisch-gesellschaftlichen Leben ausschaltete. Und von hier aus fällt ein grelles Licht aus eine Erscheinung im politischen Leben Rußlands während der letzten Zeit, die auf den ersten Blick einiges Befremden erwecken könnte und mitunter §tx irrigen Schlußfolgerungen Anlaß gibt: Je mehr die Revolutionsregierungen nach links abbiegen, desto schärfer gibt sich der Einfluß der Juden in diesen zu erkennen, desto schwerer fällt dieser Einfluß ins Gewicht für das allgemeine gesellschaftliche Leben des Reiches. Ob wir es hier mit einer segensreichen Erscheinung zu tun haben oder nicht — dies kann vorderhand dahingestellt bleiben und berührt den Kern unserer Frage nicht. Taffache ist, daß die schärfere Pointierung der von links ausgehenden Forderungen auch die politische Betätigung Nt. 38 der Juden prägnanter hervortrften läßt. Man wird sich dabei fragen müssen, ob die russische Judenheit in der Tat solche revolutionäre Potenzen in sich birgt, ob diese Judenheit als Ganzes genommen in der Tat eine ihrer Natur nach revolutionierende Masse bildet. Eine unbefangene Beobachtung der konkreten Verhältnisse wird eine derartige Annahme sofort als irrig von sich weisen tnüffen. Die russische Judenheit, die zumeist aus kleinbürgerlichen Elementen besteht, ist ebensowenig revolutionär oder gar anarchistisch gesinnt und gesffmmt wie jede andere ihrer inneren Struktur nach analoge Schicht der Bevölkerung. Tatsächlich Wen die russische« Juden einen politischen Einfluß in den verschiedenartigsten Parteien aus — mit Ausnahme vielleicht der ganz rechts stehenden Gruppen, die im stillen eine Rückkehr zum alten Regime herbeisehnen mögen. Wir finden sie sowohl in der Partei der Volkssreiheit (Partei der Kadetten), als in sämtlichen Fraktionen der gemäßigten Sozialisten. So scheu wir beispielsweise den Juden Winawer innerhalb der Kadetffsche« Partei eine rege und intensive Aktivität enffalten, so treffen wir in den gemäßigtere» Fraktionen des russischen Sozialismus die Juden Martow (Zederbaum), Dan (Hurwitz) und Lieber an. So gehört der Jude A. Hessen zu denen, die an der Spitze des Hauptorgans der Kadettischen Partei, der „Rjeffch" stehen, welche letztere, nebenbei gesagt, von jüdischen Mitarbeitern förmlich wimmelt, nnd in deren deutschsresserischen Redaktion das jiddisch« Mittelhochdeutsch ebenso oft und gern wie das Russische gesprochen wird. Nein, die russischen Juden sind im allgemeinen ebensolche gute und brave Bürgersleute, wie deren Volksgenossen in allen anderen Ländern, und erwarten von ihrer Emanzipation nichts anderes, als eben das, was jeder Bürgersmann von der Freiheit erwartet. Das starke Hervortreten der Juden in den extremen Parteien und Frakffonen ist lediglich eine Frucht ihrer politischen Betätigung von früher her: weil die beweglicheren Teile der russischen Judenheit durch die Politik des alten autokratischen Regims in das extrem-revolutionäre Fahrwasser hineingetrieben worden waren und nebenbei in der Schule der Revolution die Fähigkeit erwarben, sich strammer zu organisieren und geschloffener aüfzutreten, so war es ganz natürlich, daß sie auch nach dem vollzogenen Umsturz sich bemerkbarer als alle anderen machten, die verhältnismäßig wenig Gelegenheit gehabt hatten, sich planmäßig zu organisieren, um ihre Wünsche und Forderungen vorzubringen. Und abgesehen davon — machen doch die extremen Elemente am meisten von sich reden und lenken die meiste Aufmerffamkeit auf sich, und da.ist es auch nicht verwunderlich, wenn die sich darunter befindenden Juden vor allen anderen in den Blickpunkt des Bewußtseins fallen. Eine Konferenz der Orthodoxie iu Oesterreich. (Anregung und Appell.) Wollte man die Frage, ob es in Westösterrerch eine ansehnliche Orthodoxie gibt, im Sinne des bekannten bureaukratischen Grundsatzes beantworten: „Was nicht in den Akten vorhanden ist, existiert nicht im Leben!" — dann müßte freilich die Antwort negativ ausfallen. Unsere Gesetzgebung kennt keine spezielle Orthodoxie, selbst das Kultusgemeindegesetz, das Schulgesetz rc. rc. erwähnen nicht einmal diese Richtung. Die Kultusgemeinden befinden sich vornehmlich in den Händen der sogenannten „Fortschrittler", die Rabbiner sind „Fortschrittler", das gesamte Gemeindeleben bewegt sich auf einem fortschrittlichen Geleise. Wo soll es eigentlich eine Orthodoxie geben? Freilich, irgendwo im Osten. Dort ist die Majorität der Juden strenggläubig, orthodox. Wer auch dort befindet sich die Leitung der Kultusgemeinden vornehmlich in fortschrittlichen Händen und die Orthodoxie muß oft schwere Kämpfe führen, um eine Berücksichtigung der religiösen Forderungen und Bedürfnisse zu erwirken. Immerhin wird wohl niemand die Existenz der Orthodoxie im Osten leugnen. Nur kommt dieselbe auch dort nicht genügend zur Geltung, da doch das Schwergewicht des öffentlichen Lebens tat Westen liegt, und daselbst soll es angeblich keine ansehnliche Orthodoxie geben. Höchstens ein Leines Häuslein zurückstehender Epigonen, die keinen Anhang und keinen Nachwuchs