Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 38 (20.12.1917)
- Date
- 1917-12-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3495278-3495343-3495380--0500-3521017- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
indische Preis per Nummer 10 Heller. Vierteljährlich K 1 20. NaoMrvek mit voller Quellenangabe gestattet. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Joaas Kreppei. Redaktion und Administration : Wien, VIII. Alserstraße SS. Erscheint jeden Donnerstag. Wien, 20* Dntember 1917. III. Jahrgang. -LriedensverlMdLLNgtn. Die Segenswünsche von Millionen und Millionen Menschen begleiten den Minister des Aeußern, Grafen Ezernin, auf seiner Reise nach Brest-Litowsk, wo der Friede zwischen den Mittelmächten und Rußland ab geschloffen werden soll. Die Quertreibereien der Feind« deS Friedens haben keinen Erfolg gebracht. Ln der breiten Front von der Ostsee ms zum Schwarzen Meere ruhen seit einigen Tagen die Waffen und wenn nicht alle Anzeichen trügen, dürste der Friede nicht mehr lange auf sich warten laste«. Bon Rußland kam das Unheil über die Welt und von dort aus soll auch das Heil kommen. Das zaristische Rußland mit seinen Eroberungs- «lüsten hat den Weltenbrand angefacht, das demonutffche Rußland mit seinen gntiamtexiovistischen Grundsätzen ist dabei, den Brand einzudämmen und als erstes mit dem Kriege Schluß zu machen. Die Mittelmächte^ die den Zarismus niedergerungen und das Auftreten der Demokratie in Rußland ermöglicht haben, ernten erst jetzt die Früchte ihrer glorreichen Siege. Sie werden damit auch dir übrigen Feinde zum Frieden zwingen und der Welt ein großes Heil bringen. Jahrzehnte lang war Rußland der Feind der Mittelmächte und besonders Oesterreich-Ungarns, das ihm den Weg nach Konstantinopel versperrte. Heute, da der Zarismus niedergerungen und der Pander Mittelmächte mit ihren Nachbarn im Osten in ehÄicher und aufrichtiger Freundschaft leben. Schon der Waffenstillstaudsvertrag zeugt von diesem beiderseitigen, ehrlich-aufrichtigen Freundschastswillen. reicht mehr als Feinde stehen sich die Völker gegenüber, sondern als Nachbarn, die gewisse Differenzen »uszntragen hatten und dabei sind, wieder versöhnt zu werde«. Der Friede mit Rußland dürfte auch auf die anderen Fronten.nicht ohne Mckwirkung bleiben. Trotz allem Widerstreben werden die Herren der Entente in dem säuern Apfel beißen müssen — sauer freilich nur im Sinne ihres Wahnwitzes. Kann cs denn Schöneres und Herrlicheres geben, als der Menschheit wieder den Frieden zu verschaffen, den sie seit 41 Monaten entbehrt! Schon ahmt Rumänien das russische Beispiel nach, schon hören sich aus dem serbischen Lager ernste Friedensstimmen. Der Krieg ist im Absterben begriffen. Der Friede von Brest-Liwwsk, der hoffentlich gar bald kommen wird, dürfte der ganzen Menschheit zum Heil gereichen. ... Der Friede zwischen Rußland und den Mittel-- «ächten bedeutet auch für die Juden einengroßen Segen. Das zaristische Rußland war ein Erbfeind der Juden und der Krieg gegen dasselbe war für die Judenheit der ganzen Erde ein heiliger Krieg. Gegen, das demokratische Rußland zu kämpfen, haben wir Juden gar keinen Grund und gar kein Interesse. Da ist unser Kriegsziel längst erreicht. "Wir können es auch nur mit Freude begrüßen, daß die Millionen Juden Rußlands es nicht mehr nötig haben werdm, ihre Haut für Englands Jntereffe« zu Markte zu tragen; daß sie mcht mehr gezwungen sein werden, gegen ihre Brüder in Oesterreich-Ungarn und Deutschland zu kämpfen. Wenigstens an dieser Front soll dieser grausame BruiMmord auHvren. DerFriede dürste 'auch die großen-Mftihren, von welchen unsere Brüder in Rußland bedroht sind, beseitigen. Wird einmal die demoralisierte Soldateska «ach Hause geschntt, werden die Kosaken «uMren, eine wichtige. Rolle zu spielen: daun wKden auch die PogronK aujhören, die heute leider auf der Tagesordnung Md. Die russische Demokratie wird dann auch nicht mehr die reaktionäre Gegenrevolution zu fürchten haben, und die so schwer erkämpfte Freiheit der Juden in Rußland wird nicht fortgesetzt bedroht sein. In einem Rußland, das den Frieden geschloffen haben wird, wird der Zarismus nichts mehr zu suchen haben. Für die sogenannten „Geiseln", die die wilde Soldateska des Zaren aus Galizien und der Bukowina verschleppt hat und die seit Monaten und Jahren in Sibirien schmachten, hat schon der Waffenstillstand eine Erlösung gebracht, indem schon jetzt über die Maßnahmen zu deren Rückkehr verhandelt witt>. Gar bald dürften sie zu Heim und Herd, zu Familie und Freunden, zurückkehren. Die Tage der Exils sind für sie zu Ende. So verspricht der Friede mit Rußland nach jeder Richtung hin ein großes Heil zu werden. Mit Spannung und Sehnsucht erwartet man die Nachrichten aus Brest-Litowsk und die Segens- Wünsche von Millionen und Millionen begleiten die Arbeit derjenigen, denen die Ehre und das Glück zuteil geworden ist, an diesem großen Heilwerke mitzuwirken. Spectator. Zur Fjüchtlmgsftage. In letzter Zeit hat in Wien eine neue Bewegung gegen die Flüchtlinge.eingesetzt. Der Wvhnungs- Mangel, der infolge des Stillstandes im Baugewerbe während des Kneges eiMtreten ist, wird dazu HenStztpchw-FvtWiuiig WichWuge ttögen zur Rückkehr in ihre Heimat gezwungen werden. Es muß anerkennend hervorgehvben werden,-,da-ß die Regiernngsich dieser Forderung-gegenüberablehnend verhält und daß die ganze Bewegung aussichtslos s?i. Bei der Behandlung des Flüchllingsgesetzcs i« Herrenhause hat Bürgermeister Dr. WeiÄsiMner diese Forderung vertreten. Der Minister deWnnern hat jedoch den ablehnenden Standpunkt der Regierung bekanntgegeben. Die Verhandlung im Herrenhause nahm folgenden Verlauf: Berichterstatter Baron Diller bespricht die vom Abgeordnetenhaus an der vom Herrenhaus beschlossenen Fassung des Gesetzentwurfes vorgenommenen Aenderungen im § 9. Es sei patriotische Pflicht, den durch den Krieg schwer getroffenen Flüchtlinge!. die einmal in Aussicht gestellte Unterstützung nicht vorzuenthalten. (Zustimmung.) Dr. Weiskirchner erinnert daran, daß die Gemeinde Wien, ihrer Stellung als Haupt- und Residenzstadt und ihres Rufes bewußt, sofort, als die ersten Flüchtlinge im Nordbahnhof einlangten, Angriff und sich bemüht habe, eine Organisation durch die Schaffung der Flüchtlingszentrale ins Leben bespricht sodann die in Wien gegenwärtig herrschende krasse Not an kleinen Wohnungen sowie die Approvifionierungsschwierigkeiten. In Wien hat es zeitweilig eine Biertelmillion Flüchtlinge gegeben. Im Jahre 1915 betrug die Zahl der staatlich unterstützten Flüchtlinge allein noch 110.000. Derzeit ist der Stand 45.000, also mehr als ein Zehntel von ganz Oesterreich. In Wien sind gegenwärtig mehr als 7700 Wohnungen von Flüchtlingen besetzt. In dem Augenblick, wo die bodenständige Bevölkerung Not leidet, muß der Ruf erschallen, daß diejenigen, die durch die außerordentlichen Kriegsverhältnisse gezwungen waren, Haus und Höf zu verlassen, jetzt «i ihre Heimat zurückkehren sollen. Der bodenständigen Bevölkerung Wiens darf nicht zugemutet werden, daß fie obdachlos wird, damit hierher gewanderte Flüchtlinge Unterkunft haben. Er ersucht die Regierung, mit allem Nachdruck daraus zu sehen, daß die Flüchtlingssrage für Wien in einer Weise gelöst wird, daß die Flüchtlinge bald wieder in ihre geliebte Heimat zurückkehren. Minister des Innern Graf Toggenburg: Ich möchte vor allem bestätigen, daß Wien aus dem Gebiete der Flüchtlingsfürsorge Großartiges geleistet hat. Durch die ausgezeichnete Unterstützung des Wiener Gemeinderates und durch das Vorbild des Entgegenkommens seitens deS Bürgermeisters ist es gelungen, die Massen von Flüchtlingen in Wien entsprechend auszunehmen und unterzubringen. Er möchte die Anfragen, die der Bürgermeister an ihn gerichtet hat, folgendermaßen beantworten: Zwingenderes, als es heute die Approvisionierungsschwierigkeiten und die Wohnungsschwierigkeiten sind, könne er sich im Hinterlande überhaupt nicht vorstellen. Abgesehen von zwingenden Veranlassungen, die es verbieten, die Flüchtlinge allzu nahe von der Front aufzunehmen, sind das die typischen zwingenden Notwendigkeiten, die der Herr Bürgermeister erwähnt hat, und er könne ohne weiters zusagen, daß, wenn sich nicht unsere Verhältnisse in einer heute nicht geahnten und leider nicht zu hoffenden Weise verbessern würden, die Möglichkeit, in Wien neue Flüchtlinge auszunehmen, ausgeschlossen bleibt. Daß wir im Interesse des Hinterlandes und auch im Interesse der Flüchtlinge alle bestrebt sind, sie so rasch als möglich wieder ihrer Heimat zuzustchren, ist selbstverständlich. Me meisten Flüchtlinge, die de^ettd«' Wen" -writrty'-stmmurn MfaOrtaftftttewrdie eben in Städten und größeren Wirktstecken Galiziens liegen, und deren Zustand es heute geradezu als unmenschlich erscheinen ließe, wenn um« diese armen Unglücklichen während der MnterMcit dahin zurücktranspvrtieren wollte. Die effektive Rückkehr wird sich also erst vollziehen könne», sobald die Jahreszeit eine günstigere wird. Der - Minister ist überzeugt, daß die Gemeinde Wien ihre bisher bewährte großartige G a st fr e u n d sch oft diesen Verstoßenen auch weiter zuteil werden laste, und daß die Flüchtlinge selbst ihre Dankbarkeit dadurch zu beweisen bestrebt sein werden, daß sie dem Hinterland keine Last auserlegen, die eben nicht unvermeidlich mit ihrem Hiersein verbunden ist. (Lebhafter Beifall.) Das Gesetz wird sodann in zweiter und dritter Lesung angenommen. - Me Engländer in Jerusalem. Die Besetzung von Jerusalem durch die Engländer beschäftigt begreiflicherweise die breite Oeffentlichkeit. Es liegen diesbezüglich folgende offizielle und offiziöse Erklärungen vor: Kricgsminister G. d. I. v. Stöger-Steiner machte im Heeresausschuß der österreichischen Delegation folgende Mitteilung: „Aus den bisherigen Meldungen geht hervor, daß die Einnahme Jerusalems kampflos erftilgte und die Stadt keinen Schaden Mitten hat. Laut Versicherungen der osmanischen obersten -Heeresleitung sind mutwillige Beschädigungen ausgeschloffen. Die türkische Stellung, westlich von Jerusalem wurde in der Nacht vom 8. auf den 9. d. überrumpelt, worauf sich die Türken durch die Stadt gegen Osten zurückgezogen haben. Die Stadt Jerusalem soll nunmehr außerhalb des unmittelbaren Kampfgebietes liegen." Das Wölfische Bureau meldet: Jerusalem ist geräumt worden. Für die freiwillige Räumung war in erster Linie dev Gesichtspunkt maßgebend, daß der allen gottgläubigen Völkern der Welt geheiligte Boden nicht zum Schauplatz blutiger Kämpfe gemachbwerden sollte. Demgegenüber spielte die Frage der Behauptung der militärisch wertlosen Stadt keine Rolle. Unsere Bundesgenossen wissen, daß wir P'rlfl ijrV. *■-} tß tf .*v , '%f i