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Jüdische Korrespondenz · 1917-03-22 · 10 (22.3.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
10 (22.3.1917)
Date
1917-03-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 10. werden. Im ganzen kann die Emigration über Japan in drei Perioden geteilt werden. Die erste i'criode erstreckt sich auf die ersten vier Monate bis Ende 1915, die „die goldene Zeit" gi-iaimt werden kann. Die japanische Grenze stand bis zu jener Zeit für Jedermann offen. In Uiarbin erhielt jeder, der zur Zeit noch ni.ii! im Militärdienste stand, vom russischen Konsulate für drei Rubel 60 Kopeken einen k'tisepaß mit einem Schutzbrief für China und Japan. Die japanische Regierung begegnete den ■Auswanderern mit merklichem Mitleid und Wohlwoilen. und unterstützte sie auf jede Art und, Weise. Selbst einzelne I )eserteure aus den westichen Schlachtfeldern genossen auf der Durchreise über Japan unbeschränktes Oastrecht.; Der Auswanderungsstrom über Japan flutete zu dieser Zeit so stark und unaufhaltsam, daß sich in Siatla, dem amerikanischen Landungshafen für die japanischen Schiffe, ganze Massen russischer Juden ansammelten und neue Zentren bildeten, die der amerikanischen'Judenheit neue, nicht leichte Aufgaben auferlegten. An 20.000 Juden dürften im Jahre 1915 über Japan die amerikanischen Häfen erreicht haben. M\l Januar 1916 beginnt die zweite i Periode, die durch sehr scharfe Bedingungen > gekennzeichnet ist. Von da ab machte der j Konsul in Uiarbin schon alle Schwierigkeiten I und knüpfte die Ausstellung des Reisepasses an Voraussetzungen, die nicht mehr leicht zu erfüllen waren. Noch bedenklicher war es, daß die japanischen Polizeiagenten nun mit ihren russischen Kollegen gemeinsame Sache machten, sodaß die Schwierigkeiten jenseits der Grenze denen in Charbin nicht mehr nachstanden. Verhaftungen mehrten sich und Verdächtige wurden von Japan aus nicht mehr einfach über die Grenze gewiesen, sondern gefc-sselt den russischen Beamten ausgeliefert, die sie auf dem sichersten Wege dem Kriegsgericht zuführten. Es war an allem zu merken, daß Rußland und Japan mit Bezug auf die jüdischen Emigranten Hand in Hand arbeiteten. Woher dieser Umschwung der Dinge kam, konnte keiner mit Sicherheit sagen. Man vermutete den Einfluß russischer Großfürsten, die mit Sonderaufträgen des Zaren nach Tokio reisten. Andere sahen darin die Wirkung des russischen Konsuls in Mukden. Manche glaubten sogar, daß dieses Verhalten Japans durch Bestimmungen im neuen Vertrage zwischen Rußbnd und Japan festgelegt sei. Wie dem immer war, soviel stand sicher, daß das konstitutionelle Japan über Nacht seine menschlichen Traditionen aufgegeben hatte und es seiner Würde entsprechend fand, bewußt und mit Vorbedacht unschuldige Menschen dem Henker auszu- 1 liefern. So versiegle allmählich der Strom der Emigranten über Japan, das nur noch ein Durchgangsland war für Einzelne, die sich in ihrer Lebensnot an einen Strohhalm klammerten. Man rechnete allgemein mit einer völligen Schließung der japanischen Grenzen vor den Durchwanderern. im April 1916 trat indessen eine Besserung ein. Es wehte ein freundlicherer Wind. Das Ueberschreiten der Grenze war immer noch eine recht schwierige Sache, doch kamen im Lande selbst nicht mehr so viele Verhaftungen vor und Auslieferungen hörten ganz auf. Die neuen Schwierigkeiten kamen jetzt von den Schiffsgesellschaften. Im ganzen kommen zwei Hafenstädte in Japan für die Amerikafahrt in Betracht: Kobe und Yokohama. Am meisten wird Kobe als Einschiffungsplatz für die Amerikareisenden benutzt. Dort aber sind die Auswanderer auf die englischen Linien angewiesen, die Rußland gern in die Hand arbeiten. Von männlichen Passagieren russischer Nationalität wird außer einem Reisepaß noch ein besonderer Erlaubnisschein des russischen Konsuls gefordert. Die japanischen Schiffsgesellschaften weisen aber die Emigranten entweder glatt ab oder halten sie mit echt japanischer Heuchlermiene lange Wochen hin,-um sie am Ende doch von der Mitfahrt auszuschließen. Noch schlimmer ist es in Yokohama bestellt, wo sieh die Schiffe durchaus weigern, die russisch-jüdischen Reisenden mitzunehmen. Da nützt kein Bitten und kein Flehen, auch die Tränen der Frauen und Kinder lassen die harten Schiffsherren kalt. So war die neue Straße für die russischen Juden nach Amerika schon lange vorher so gut wie verschlossen, bevor die neue deutsche Seesperre der Emigration vollends alle Wege abgeschnitten hat. Israelit. Die PessacH-Fürsorge-Aktion der »Aguda^-Jisroei«. Das bevorstehende Pessachiest' and speziell ute gegenwärtigen Verhältnisse -auf dem Lcoensniittelinarkte haben die Landesorganisation „Agudas - Jisroel" veramaßt, eine großzügige Aktion einzuleiten, die den Zweck vern igt, einerseits den bedürftigen Kreisen der galizisehen Flüchtlinge materiell. zu Hilfe zu kommen, andererseits aber auch für die Beschallung derjenigen Lebensmittel Sorge zu tiagei!, die angesichts des verhältnismäßig geringen Quantums Mazzoth, das diesmal zur Verfügung steht, sowie angesichts der beschrankten Kartoffelvorräte notwendig sind. Nach beiden Richtungen hin wurde sehr viel Arbeit bewältigt. Dank der allgemeinen Opierwilligkeit, besonders seitens der bemittelteren Flüchtlingskreise, ist der Organisation ein beträchtlicher Betrag zugeflossen, mit welchem s;ch sehr viel gutes leisten lassen wird. Bezüglich der Mazzoth wurde der Organisation seitens der Kultusgemeinde ein solches Quantum Pessachmehl überlassen, das für sämtliche Flüchtlinge hinreichen wird, die den Wunsch geäußert haben, Mazzoth unter Aufsicht der „Aguda" zu erhalten. Diese Mazzoth wurden unter der strengen Aufsicht des Rabbinerrates de „Aguda" beim Bäckermeister Strom (Zirkusgasse 25) erzeugt und dortselbst werden sie auch all denjenigen, die ihren Anspruch rechtreuig angemeldet haben, ausgefolgt werden. Bezüglich der anderen Ernährungsmittel wurden mehrere Versammlungen abgehalten und alle möglichen Eventualitäten in Betracht gezogen. Diesen Sonntag fand wieder eine ..ahlreich besuchte Versammlung statt. Der Vorsitzende Herr Thumim berichtete über den Stand der Angelegenheit und nach einer längeren Diskussion wurde ein Komitee gewählt, aas im Einvernehmen mit dem Rabbinerrat alles mögliche und im Sinne des „Schaas-!:-:;uchuk" zulässige veranlassen soll, um den; .oiioxcn Flüchtlingen (las Durchhalten im Pcssach nach den religiösen Vorschriften zu ermöglichen. Dem Komitee gehören folgende Mitglieder an: J. J. Thumim, Lipe Türkei, Josef Schönblum, Abe Hammer, Osias Mieses, Isak H. Weiser. Es wäre wünschenswert, daß auch die anderen jüdischen Organisationen, (die Gemeinde, die Allianz usw.) die über reichlichere Mittel verfügen, es sich angelegen lassen sein sollten, der „Agudas-Jisroel" bezüglich der Pessach - Fürsarge materiell beizustehen, um dieselbe in den Stand zu setzen, ihre Tätigkeit i: •sprechend zu entwickeln. Ben - Amitai. Auch ein Zeichen der Zeil. (Der thora - treue Dr. Birnbaum). Linem berichte der „Jüd. Z."' entnehmen wir, daß üer benannte Schriftsteller Dr. Nathan Birnbaum, der übrigens in seinem Leben viele ivanüiUiigen durchgemacht hat, kürzlich in einem geschlossenen Kreise von peprsönlich ihm Nanestelienueii, eine Art Vortrag über seine heutige Stellung zur jüdischen Frage gehauen tiat. Er gnig aus von dem unterschiede in der Weltanschauung zwischen den Juden und den anderen Völkern. Mit Schärfe rückte er der modernisierenden jüdischen Intelligenz im Westen und im Osten an den Leib, fand sie im Gegensätze zu dem geistlichen Wesen des Judentums und im Dienste der fremden, heid- Hiscü - weltlichen Rebellion gegen die jüdische Wesenidee und stelltesichohneRückhaltundohneKompromisseaufden Boden der jüdischen Lehre. Selbst die Verbesserung und Verschönerung seiner materiellen Existenz könnte dem jüdischen Volke, dessen Seelenachse geistlicher Art sei, nur auf dem Wege seines wahren Wesens werden. Die gläubige jüdische Masse des Ostens sei die einzige wirkliche Bewahrerin des jüdischeil Glaubensgutes; doch haften auch ihr Gebrechen an. Birnbaum erklärte diese als die Wirkung einer eigentümlichen religiösen Inaktivitäi (?}, der das jüdische Voik bei all seiner ülaubenstreue seit langer Zeit verfallen sei. Diese Erscheinung erkläre er aus zwei Ursachen. Einerseits, indem er die Auserwähitheitsreihe: Thora, fortschreitende Heiligung, Messias aufstellte, daraus, daß der Messias im religiösen Ideenleben auch der frömmsten Juden zu sehr in den Hintergrund (?) getreten, vor allem ganz außer der ihm zukommenden Beziehung zur Auserwähltheit und zur Lehre von Lohn und Strafe gesetzt sei. Andererseits aus dem Mangel einer hierarchisch geordneten autoritären Glaubenshütung. An diese Ausführungen knüpfte Dr. Birnbaum die Mitteilung, daß er, schon seit mehr als Jahresfrist im Sinne dieser Erkenntnis tätig, darauf bedacht gewesen sei, Mitstrebende zu ii? den. Br sei dabei^cb^ Ba d würde der Anfang zu dem Zu|än»aensejiluß derjenigen: gemacht $%n(*. dirs| c h dsreh , strengste Thor^tTejfe» ttnd intensivstes Streben nach "Tieiiigurtg und Unterordnung unter ein6 geordnete rabbinische Glauberi's - h ü t e r s c h a f t das Kommen des M e s - sias etjrbeiten wollen: Mit Rücksicht darauf, tfäß unter den gläubigen Juden das Gefühl der drohenden Gefahr gesteigerten Abfalls in"' derträgen Unzulänglichkeit der Abwehr allgemeiner wird, Jioffe er auf die wirkende Kraft des Beispiels. Dr. Birnbaum schloß seine Ausführungen damit, daß er Leitsätze, welche er für sich und seine Mitstrebenden als offiziellen Ausdruck ihres Wollens formuliert hatte, in hebräischer und dann in deutscher Uebersetzung vorlas. Die Zuhörer lernten daraus insbesondere noch die Auffassungen und Forderungen Birnbaums in Bezug auf Heiligkeit und Heiligung (drei Arten der Heiligkeit: des Erkennens, des Erbarmens und der Gott entliehenen Pracht) sowie die Anwendung des Begriffes der „Umzäunungen (Sjog iathora) auf die Pflichten dr.r Gesamtheit kennen. Zum Schlüsse bemerkte noch Dr. Birnbaum, er glaube nach seinen Worten nicht erst hervorheben zu müssen, daß seine Bestrebungen mit denjenigen gewisser intellektueller Kreise, die eine Art Religiosität des jüdischh'terarisehen Salons kultivieren, nichts zu tun habe. Im übrigen werde er so fernab von diesen und al'en anderen Kreisen des modernisierenden Judentums zu wirken haben, daß er kaum mit ihnen in Berührung kommen, jedenfalls sich um sie nicht kümmern werde. Sind auch diese Ausführungen, vorausgesetzt, daß s^ richtig wiedergegeben wurden, nicht allzu klar und deutlich: ist auch nicht anzunehmen, daß Dr. Birnbaum ganz einfach das Leben eines frommen Juden in der eigentlichen Bedeutung dieses Wortes führen wird — so ist dessen neueste Wandlung immerhin als ein charakteristisches Zeichen der Zeit anzuseher. Das Wiener Kulfustmcicjei. In der Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes vom 11. d. M. wurde die diesjährige Budgetdebatte^ Em!;; geführt. '. Kine überaus interessante Rede hielt Kultusvorn s!eh,r, k. k. Landesechukat Dr. Markus Spitzer,. 0:r sich vornehmlich mit jenen Aufgaben sozia- Lr Fürsorge, die das geistige Leben bedingen und fort den;. Das Judentum will in erster Reihe dem Geiste i'ic-nun und seelischen Bedürfnissen Befriedigung brinr :...!]. Das Gcmeindeleben in alter Zeit war ein Leben;1:s Geistes; das Wissen vom Judentum war nahezu (k-memgut der Mitglieder, wissenschaftliche Fragen be- •vsgten db Gemüter, fesselten die Aufmerksamkeit der fi'hrenden Männer. Wie sieht es heute bei uns aus? Was isist.'n wir für den Geist, für die Wissenschaft? "', ir befinde« uns in einem Zustande der Stagnation, der V;.rsumpfnng. Jedes Volk, auch das kleinste, bemüht «ich. seine alten Literaturbruchstücke ans dem Schutt hervorzuholen in der Erkenntnis, daß das Ansehen eines Volkes nicht in seinen materiellen Gütern, sondern in seinen geist:gen Leistungen und Schöpfungen beruhe. Wir sind das älteste Volk, unser Schrifttum zählt zu den Kostbarkeiten der Menschheit; unsere Bibel ward Grundlage aller Zivilisation, der Talmud umschließt Geistesschätze von acht Jahrhunderten, von unseren Reiiuionsphilisophen haben die Lehrer aller Kirchen ihre We sheit geschöpft und wenn wir uns fragen, was das jüdische Volk durch zwei Jahrtausende der Drangsale vvd der blutigsten Verfolgungen am Leben erhalten, so gibt es dafür nur die eine Antwort: Die Wissenschaft des Judentums war der ewig frische Lebensquell, aus welchem ihm die Kraft zuströmte, die schwersten Krisen zu überdauern und zu überwinden. Einer der geehrten Herren Vorredner äußerte Besorgnis, daB später einmal nur Vertreter der Orthodoxie in diesem Saale sitzen werden. Davor erschrecke ich kaum. Die Männer der Reform im vorigen Jahrhundert erschöpften ihre Leistungen im Niederreißen und Zertrümmern; aufgebaut und aufgerichtet haben sie nichts. Das Resultat ihres Wirkens waren die Massentaufen in den Gemeinden Berlin, Königsberg und Breslau. ETst den Männern, die die jüdische Wissenschaft neu geschaffen, gelang es, der Fahnenflucht Einhalt zu gebieten, die neue jüdische Qeneration zu jüdischem Bewußtsein zu erwecken. Diese Tradition, die aus unserer Mitte nahezu ganz geschwunden, hat sich bei den Ostjuden noch erhalten. Es ist hier Oewohnheit geworden, über die Ostjuden n wenig günstigen Urteilen sich zu ergehen. Gewiß haben sie wie alle Menschen ihre besonderen Fehler; allein wit hier ahnen kaum, welche Fülle geistiger Energien und Streben nach Wissen diese Osrjuden erfülh. Zu den ersten Begründern der modernen jüdischen Wissen- Schaft, welche die Rennaissance derselben herbeiführten, zähKe der Kaftaniude Salomon Leib Rappoport, der von

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