Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 10 (22.3.1917)
- Date
- 1917-03-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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I <wJ&b^, ische Korrespondenz ff^Oi^SNiamaer40Heller. i www * * * aa. *•» »»•*•< * -a Keujwiion una aamtnistration: Vierteijihiijch k 1-20. Wochenblatt für jüdische Interessen, j wie», vm.m»«». 5«. Ifmduinck mit ««Htr Ontlitnagabe gestaltet i . Redakteur: Jonas Kreppet, | Erschein t jeden Donnerstag Kr. 10. Wien, £8. Marz 1917. 3. Jahrgang« Oer abgesetzte Zar. Früher als erwartet, ist das „Menetekel" in Petersburg Wirklichkeit geworden. Die Flammensphrift hat auch diesmal richtig verkündet Das Maß war augenscheinlich bereits voll und der Becher wurde zum Ueberschäunien gebracht. Der Zar ist gewesen. Der Kaiser aller Reußen, dessen Wort noch gestern für 170 Millionen Menschen Befehl war, ist heute ein stiller Mann und kann nicht einmal über sein Erbe verfügen. Auch sein Sohn wurde vom Throne weggeschoben und der Bruder, dtr die Zarenkrone tragen sollte, wurde ebenfalls gezwungen, „vorläufig" zu verzichten. Die Tragödie von Pskow mutet wieder einmal w ie ein Fingerzeig Gottes an. Der moderne Haman hat einen ebensolchen „Ssoff" wie sein Urahne erlebt. .... Man weiß noch immer nichts genaues über die Vorgänge und Ereignisse in Rußland. Die Meldungen, die von dort den Weg in die v eite Welt finden, sind unklar, unvollständig und derart einseitig gefärbt, daß man sie schwerlich als den Tatsachen entsprechend hinnehmen kann. Vielleicht ist der Zar noch immer nicht so hilflos und ohnmächtig, wie der Petersburger Draht zu melden weiß. Vielleicht ist die „passive Resistenz", die der Großfürst Michael leistet, nur eine Finte, um der Reaktion die Möglichkeit zu verschaffen, sich zu sammeln und mit der Gegenrevolution einzusetzen. Es ist nicht unmöglich, daß der Ex-Zar gleichzeitig ein „Zar in spe" sei. Wie aber das Endresultat der gegenwärtigen Umwälzung im Zarenreiche auch sein mag, das Ansehen der Zarenzwingherrschäff hat einen Todesstoß erlitten und das verlorene wird nicht mehr wiedergewonnen werden. Die Macht des Zarismus ist einfür allemal gebrochen. Die Völker in Ost und West werden nicht mehr vor dem Stirnerunzeln des Herrschers an der Newa zittern. Das Rad der Weltgeschichte hat eine scharfe Bewegung gemacht. Da gibt es kein zurück. Die gegenwärtige Umwälzung mag voll und ganz gelingen oder mit einem Fiasko enden, die russische Autokratie wird nie mehr die alte Herrlichkeit erlangen. Die russischen Völker, die bisher vor dem Zarismus zu zittern pflegten, haben denselben in der schwächsten Stunde gesehen. Da hört jeder Respekt auf. Der Hochmut des Zaren kannte wahrlich keine Grenzen. Jedes Verlangen des Volkes um etwas Freiheit wurde in Blut erstickt. Jedes Streben nach Fortschritt, Kultur und Menschlichkeit wurde als „absurder Traum" verspottet. Freilich, vielleicht hat das russische Volk wirklich geschlafen und sich Träumen hingegeben. Aber der Zar scheint vergessen zu haben, daß es nach jedem Schlaf ein Erwachen gibt, das umso gefährlicher ist, je jäher es kommt. Das ist nun geschehen und der finstere Autokrat hat das Nachsehen. Er, der während seiner Regierungszeit viel mehr Blut als Iwan der Grausame vergossen hat, mußte eines trüben Tages um sein eigenes Leben zittern und alles unterschreiben, was von ihm verlangt wurde. Seine Strafe ist noch empfindlicher, weil es die angeblichen Freunde, denen zuliebe er den letzten russischen Soldaten opfern sollte, waren, die ihre Hand in diesem immerhin niederträchtigen Spiele hatten. Den Engländern hat es sich sicherlich nicht darum gehandelt, den Völkern Rußlands die so heiß ersehnte Freiheit zu bringen. Sie legten vielmehr deswegen Hand an, um den Zar, der ihnen nicht mehr so ganz treu und ergeben sein wollte, zu beseitigen. Sie hätten dieselbe Taktik auch in einer entgegengesetzten Richtung befolgt, wenn dies zu ihrem Ziele geführt hätte. Deswegen wäre es eitler Wahn, sich diesbezüglich irgend einer Täuschung hingeben zu wollen. Die Freiheit, wie sie jetzt angeblich in Peterburg proklamiert wird, erfordert große Vorsicht und kühles Zuwarten. Wer weiß, welche Folgen die heutigen Ereignisse zeitigen werden. Vorläufig schwelgt Petersburg in einem FreiheitStaumed. Es hat sich die Behauptung bestätigt, die an dieser Stelle so oft aufgestellt wurde: Nur in einem auf den Schlachtfeldern niedergerungenem Rußland können dessen Völker Freiheit und Erlösung erleben. Die heutige Umwälzurig war eben nur deswegen möglich, da der Zarismus infolge seiner militärischen Ohnmacht so arg diskreditiert wurde. Ein siegreicher Zar hätte sich so etwas sicherlich nicht bieten lassen. Einem siegreichen Zaren gegenüber würden es die Miljukow und Genossen schwerlich gewagt h^ben, auch nur ihre Stimme zu erheben. Wenn man demnach in London ein Triumphgeheul ertönen läßt und der englischen Politik das Verdienst an dem Gelingen des Putsches zuschreibt, so scheint man dort vergessen zu haben, daß es eigentlich die Mittelmächte waren, die die Möglichkeit dazu geschaffen haben. Wäre es nach dem Wunsche der Grey und Lloyd George gegangen, stünden heute des Zaren Kosakenhorden in Wien und Berlin, wie die Herren der Entente so löblich angestrebt haben, dann wäre der Zar Gebieter einer halben Welt und weder die Duma, noch ihr Protektor Buchanan würden es auch nur gewagt haben, einen Finger für die Freiheit zu rühren. Sollte also die Umwälzung tatsächlich irgend welche reale Folgen bringen, sollte Rußland tatsächlich aufhören, ein halbbarbarisches Reich zu sein, dann wird dies das Verdienst der siegreichen Heere der Mittelmächte, der genialen Kriegsführung Hötzendorfs und Hindenburgs, nicht aber t'as Verdienst der englischen Intriganten sein, die sich wieder einmal mit fremden Federn schmücken. Vorläufig sind wir noch nicht so weit. Es dürfte, noch eine hübsche Zeit vergehen, bevor die Ereignisse in Rußland sich so Weit geklfirt haben werden, um die Möglichkeit zu einem richtigen Urteil und einer klaren Einschätzung zu geben. Wir müssen demgemäß die Entwicklung der Dinge abwarten und den ruhigen Zuschauer abgeben. Eines aber ist schon heute über jeden Zweifel erhaben: Rußland ist als Machtfaktor ausgeschaltet und in diesem Kriege wird es das Schicksal nicht mehr beeinflußen. Und auch dies ist ein großer Gewinn für die Gesamtmenschheit. Die Entente, die in ihrem Wahnwitze den Krieg ins unendliche verlängern will, hat einen argen Stoß erlitten. Das russische Kanonenfutter steht ihr nicht mehr zur Verfügung. Ein derart zerrütteter und erschütterter Staat ist zu keiner Kraftentfaltung mehr fähig. Rußland ist heute der fünfte Staat, der der Entente seinen Niedergang verdankt, der Zar ist der fünfte Herrscher, den der Anschluß zu dieser Mächtegruppe Krone und Thron gekostet hat. Auch das ist ein Wahrspruch der ewigen Gerechtigkeit. Vom jüdischen Gesichtspunkte erwogen, bieten die Ereignisse in Petersburg die Gelegenheit zu mannigfachen Betrachtungen. Aufrichtig gestanden, hat das ganze jüdische Volk furchtbare Stunden durchlebt, als der Draht die ersten Nachrichten über den Sieg der „Freiheit" in Petersburg gebracht hat. Die schaurigen Bilder jener blutigen Oktobertage standen jedem vor Augen, da der russische Mob die Gewährung der „Konstitution" mit jenen schrecklichen Pogroms „gefeiert" hat, deren Erinnerung noch heute jedes jüdische Herz erschauern macht. Man fürchtete natürlich die Wiederholung dieser blutig-teuflischen Orgien. Während sich alle Welt mit den politischen Folgen der Petersburger Ereignisse beschäftigte, mußten wir Juden in erster Reihe an das Schicksal jener Millionen unserer Brüder denken, die dazu verurteilt sind, unter dem Szepter des Zaren zu leben. Wir wußten ganz gut, was diese Juden zu erwarten haben, wenn einmal die „Schwarzen Hunderte" losgelassen sein werden, um das aufgeregte Rußland zu „beruhigen". Das vorläufige Gelingen des Putsches hat uns etwas beruhigt. Da der Zar vorläufig abtreten .mußte, da dem neuzeitigen Chmielnicki, dem Großfürsten Nikolai Nikolajewiez. bedeutet wurde, er möge sich bis auf weiteres in den Hintergrund halten, so war die größte Gefahr gebannt, Die Ereignisse haben einen derartigen Umfang angenommen, daß der übliche jüdische Sündenbock kaum imstande sein könnte, wie immer den Blitzleiter abzugeben. Aber, offen gesprochen: ganz gewichen ist diese Sorge noch immer nicht. Insolange in Petersburg das letzte Wort noch nicht gesprochen wurde, insolange wir nicht vor festen, abgeschlossenen Tatsachen stehen, muß man noch immer mit dem Einsetzen einer Gegenrevolution rechnen, die nach jeder Richtung geradezu schreckliches in sich birgt. Es ist schon seit jeher das Los der Juden, für die Sünden anderer zu büßen. Wir sehen daher: den kommenden Ereignissen mit großer Sor^a entgegen und unsere heißesten Wünsche begleiten die Millionen Brüder im Zarenreiche, die zunächst vor einer ungewissen Zukunft stehen und selbst ohnmächtig sind, sich zu helfen. Selbst den günstigsten Fall angenommen, daß es den gegenwärtigen Machthabern in Petersburge gelänge, das Heft in der Hand zu behalten und die Herren der Situation zu bleiben, wäre es verfehlt, sich irgendwelchen sanguinistischen Hoffnungen bezüglich der dortigen Judeniage hinzugeben. Mögen die Herren Miljukow und Genossen noch so schöne Programme verkünden und noch so rosige Hoffnungen erwecken, im Handumdrehen geht dies nicht. Auch sie sind vorläufig die Sklaven des Chauvinismus und sie werden es kaum wageu, ihr Reformprogramm in breiter Ausdehnung zu verwirklichen. Die Freiheitstiraden dieser Phrasendrescher können nicht | ernst genommen werden. Miljukow und Ge- | lassen waren ja auch gewillt, mit den ex- \ lierrisfen Reaktion3r5fr zu "gefrerr," IriHtcr slcfr diese nur bereit geiunden, ihre Ministeraspirationen zu befriedigen. Viel kann man von solchen Maulhelden nicht erwarten. Rußland ändert sich nicht im Handumdrehen, und es dürfte noch viel Blut die Newa hinunterfließen, bevor das Zarenreich in dieser oder jener Hinsicht sich europäisieren wird. Dies kann zumindest nicht früher geschehen, bevor Rußland auf dem Schlachtfelde endgültig geschlagen sein, oder, die Aussichts- und Zwecklosigkeit des weiteren Krieges erkennend, die Hand zum Frieden bieten werde. Erst dann wird die Möglichkeit gegeben sein, die russische Reaktion vollständig zu beseitigen und den Staat auf einer europäischen Grundlage aufzurichten. Erst dann werden wir auch bezüglich des Schicksals unserer Brüder in diesem Reiche vollständig beruhigt sein können. Heute aber schweben noch immer die Schatten des abgesetzten Zaren und seiner Sippschaft über die blutigen Gefilde Rußlands. Die gegenwärtigen Ereignisse körinen den Anfansr vom Ende bedeuten. Die Wahrheit bleibt nach wie vor bestehen: Nu" in einem auf den Schlac htfeldern geschlagener Rußland erwartet seine Völker Freiheit und Erlösung. Spectator. Neue Wege der jüdischen Bmigration. Der Weg nach Amerika über Japan gehört zu den neuen Erscheinungen dieses Weltkrieges. Er datiert vom August 1915, als nach einem Jahre Krieg die russische Mobilmachung der Reserve zweiten Grades in der Mandschurei begann. ___ Von den Flüchtlingen, die die Schrecken des Krieges noch vom japanischen Kriege her gut kannten und wohl wußten, welchen Lohn sie von ihrem Mutterlande zu gewärtigen hatten, wurde dieser Weg über das nahe Japan zuerst benutzt. Ihnen folgten bald die Emigranten aus dem westlichen Rußland, denen sich die anderen Wege nach Amerika nach und nach verschlossen. Sie scheuten nicht die wochenlange Reise mit der sibirischen Bahn bis Charbin, um von dort nach Japan zu gelangen. Eine Amerikareise auf diesem Umwege kommt den Emigranten auf rund 2000 Rubel. Von einem besonderen Entgegenkommen seitens der japanischen Regierung gegen die jüdischen Emigranten kann nicht gesprochen