Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 9 (15.3.1917)
- Date
- 1917-03-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Jtictische Korre spondeoz Seite 3 Bei den »versclüepplen« Juden in Sibirien, Die seitens der Russen aus üalütien und Polen verscfafcppten Jaden wurden bekanntlich nach Sibirien verschickt. Die Leiden dieser Ausgewiesenen sind größer als die aller anderen Ausgewanderten oder Verschickten. -Die vor ddi deutschen und österreichischungarischen Heeren geflüchteten Juden hatten wenigstens Zeit, etwas von ihrem Hab und Gut mitzunehmen und erhielten das Recht, sich einen Wohnplate zu wählen, während aber die von der Regierung „Evakuierten" keinen Anspruch auf diese Vergünstigung hatten. Ganze Städte und Städtchen wurden innerhalb 2 bis 3 Stunden entvölkert, die Juden durften nichts mit sich nehmen und über ihren zukünftigen Wohnort wurde ihnen keine Entscheidung gelassen. Sie wurden zuerst von Litauen «der Polen in andere Gouvernements innerhalb des Ansiedlungsrayoiis ausgewiesen, und als sie von den jüdischen Gemeinden eine Unterkunft erhalten und sich von der beschwerlichen Reise 'kaum ausgeruht hatten, mußten sie laut neuer Verordnung den weiten Weg nach Sibirien antreten. Der erste Befehl, nach Sibirien auszuwandern, tiaf im September 1915 die Juden, die sich im Poltawer Gouvernement während des Krieges angesiedelt hatten: es waren etwa 50 aus Litauen ausgewiesene Familien, Letten hauptsächlich die sibirische Gouvernementsstadt Irkutsk als Wohnort angewiesen wurde. Die jungen Leute mußten den weiten und beschwerlichen Weg mit der bekannten russischen „Etappe", die älteren mit der Sibirischen Eisenbahn vierter Klasse zurücklegen. Immerhin war es noch ein Glück für sie, daß man sie gerade nach Irkutsk ausegwiesen hafte. Hier hatte man vor kurzem eine „Gesellschaft zur Förderung der Gesundheit unter den Juden" gegründet, die unter den sibirischen Juden Geldmittel für das Petersburger jüdische Kriegshiifskomitee gesammelt hatte. Die telegraphische Nachricht von der bevorstehenden Ankunft der nach lnkutsk verwiesenen Juden erweckte die innigste Teilnahme der jüdischen Bevölkerung, die von den schrecklichen Leiden der russischen Juden durch die hier stark verbreitete russischjüdische Presse genügend unterrichtet war. Die Irkutsker Wohltäter begnügten sich nicht mir damit, ihren armen Brüdern einen würdigen Empfang zu bereiten, sondern sie setzten sich sofort mit den jüdischen Einwohnern der umgebenden Städte in Verbindung und schickten Vertreter dorthin, um in der ganzen Gegend L'nterstützungs-Kömitees zu gründen. Dadurch fanden die nach Sbirien ausgewiesenen Juden eine gutorganisiertre Hilfe Vor. Ganze Häuser wurden vom Hilfs- Komitee gemietet, jüdische Küchen wurden eingerichtet, warme Kleider zum Schutz gegen die sibirische Kälte angeschafft usw. Ferner wurden von den ansässigen Juden Arbeitsvermittlungs- und Informations-Büros mit Kreditanstalten eingerichtet, um den Emigranten die Möglichkeit zu verschaffen, sich alimählig von der Wohltätigkeit unabhängig zu machen. Eine Wohnungs- Kommission sorgte für die Beschaffung billiger und gesunder Wohnungen für die Juden in verschiedenen Stadtteilen, so daß im Verlauf eines halben Jahres von den drei vollgepfropften Komitee-Häusern nur noch eines benutzt zu werden brauchte. Die ArbeitsvermittlungS-Büros verschafften arbeitsfähigen Juden Beschäftigung teils bei Privaten, teils in den russischen Munitionsfabriken. Die Handwerker fanden Arbeit in ihrem Fach. Das Informations-Büro hat die zerstreuten jüdischen Familien nach Möglichkeit gesammelt und die Arbeitslosen auf eigene Kosten in andere Städte verschickt, wo ihnen Arbeitsgelegenheit geboten wurde. Die Kreditanstalten schufen Mittel für die kleinen Händler, die für ihren Beruf in Sibirien keine besondere Konkurrenz zu befürchten haben. Da die russische Regierung die Massenverschickung der Juden nach Sibirien eingestellt hat, und zu den 3—4000 Jüdischer Familien keine Weiteren hinzugekommen sind, konnten die Jüdischen Hilfs-Gesellschaften ihre ganze Kraft diesen Emigranten zuwenden und es ihnen nach und nach ermöglichen, sich selbst ihr Brot redlich zu verdienen. Der eingewanderte Jude hat das Bild der rein russischen Städte in Sibirien, die bisher außer politischen Verbannten kein Jude betreten durfte, geändert. Mit ihrer eigenen Tracht, haben sie ihre eigenen Gebärden, ihre jüdische Sprache, jüdische Gefühle und Gedanken mitgebracht. Jede Gruppe der Ausgewiesenen wirkt auf ihre dem Judentum entfremdete Umgebung in der Richtung einer Wiederbelebung des Gottesdienstes und des Judentums. Die orthodoxen Juden haben die Belebung der sibirischen Synagogen begonnen. Die ausgewiesenen Rabbiner fingen an, Bibel lind Ritualgesetze zu lehren, und viele widmen sich täglich dem Talmudstudium. Tritt man jetzt in eine der sibirischen Synagogen ein, die früher leer standen und höchstens an den Samstagen einige Besucher hatten, so glaubt man sich in ein litauisches Städtchen versetzt; im Vorraum lauscht das Publikum den Sagen der Hagada und Mischnah, während aas dem Innenraum das Gemurmel der Talmudlernenden ertönt Erst heim Eintreten in das zweite Zimmer ernennt man, daß man sich nicht in Litauen, sondern in Sibirien Befindet. Neben dem Rabbiner, der den Talmud vorträgt und ein paar bärtigen Einwanderern findet man schon rasierte sibirische Juden, die mit dem Rabbiner aber die Tamudatislegang diskutieren, nad man weiß nicht worüber man sich mehr wundern soll, Ober den Rabbiner, der es nicht verschmäht, in der Gesellschaft der dem Judentum Entfremdeten sich über Talmudtragen zu unterhalten, oder über die rasierten, modern gekleideten Juden,, die einst der Jeschibah den Rücken gekehrt haben, später nach Sibirien verschickt wurden, und jetzt wieder der süß-melancholischen Melodie von „Omar Abaje" lauschen. Die Erweckung des jüdischen Lebens in Sibirien hat schon ihre Wirkung auf das junge Geschlecht der sibirischen Juden ausgeübt. In den Bibliotheken der literarischen Gesellschaft hat man die jüdischen Bücher vom Schimmel gereinigt und sie ihrem ursprünglichen Zweck zugeführt. Die Volksschulen, welche die Sibirier für die Kinder ausgewiesener Juden gegründet hatten, wurden im jüdischen Sinne reformiert, und in den Ferienkolonien begegnen wir den Kiiidern der eingesessenen sowie der eingewanderten Juden, wie sie sich gegenseitig unterrichten, die einen in der jüdischen, die anderen in der russischen Sprache. Zwischen den Emigranten befinden sich auch energische Persönlichkeiten, die dem Organisationssinn der sibirischen Juden Wärme und Innerlichkeit hinzufügen. Die Ausgewiesenen haben von den ansässigen Juden große materielle Unterstützung erhalten und haben ihnen dafür mit geistigen Gütern gelohnt. S. Goldenberg. Die Enlenle-Pläne über Palästina. Die Ententediplomatie bestätigt ihre Kunst, das Fell unterlegter Bären zu zerlegen, gegenwärtig besonders mit ihren Phantasien über das zukünftige Schicksal Palästinas. Die Alliierten vermögen sich allerdings wie über andere auch über diesen Punkt nicht zu einigen. Die „Gazette de Lausanne" erfährt darüber aus besonderer Pariser Quelle: Der England zugeschriebene Plan, eine militärische Expedition zur Besetzung Palästinas zu unternehmen, hängt mit diplomatischen Sorgen zusammen, die in den Kanzleien der Entente an der Tagesordnung sind. Für niemand ist es ein Geheimnis, daß das Schicksal Palästinas schon der Gegenstand langer und wichtiger Unterhandlungen gewesen ist. Wenn auch alle Ententemächte darüber einig sind, daß der demnächstige Friedensvertrag das Ende der türkischen Herrschaft über dieses Gebiet bedeuten müsse, so zeigen sich Meinungsverschiedenheiten, sobald es sich darum handelt, die zukünftige Lage Palästinas genau festzusetzen. England, Frankreich und Rußland haben in dieser Hinsicht verschiedene Lösungen geltend gemacht, aber der Widerstreit sich gegenüberstehender Interessen, die Schwierigkeit, allzu ausgesprochen entgegengesetzte Thesen zu versöhnen und vor allem die Notwendigkeit, die Meinung gewisser neutraler Staaten, besonders den Vereinigten Staaten, zu berücksichtigen, haben die Diplomaten der Alliierten dazu geführt, eine Losung ins Auge zu fassen, die alle Empfindlichkeiten zu schonen und alle Nebenbuhlerschaft zu beseitigen vermag. Man spricht also heute mehr als jemals von der Neutralisation und Internationalisierung Palästinas, über das die Ententemächte ein gemeinsames Verwaltungs- und Kontrollrecht behalten würden, ohne daß eine von ihnen gegenüber den anderen auf die Vorherrschaft oder auf Vorrechte pochen könnte. Die heiligen Orte des Christentums würden so eine Art Patrimonium der ganzen Christenheit unter dem Schutz der großen Mächte (lies Ententemächte) und im Genuß einer autonomen, halb unabhängigen Verwaltung werden. Man fügt hinzu, daß Frankreich zur Entschädigung für den Verlust eitles Gebietes, das es sich gewöhnt habe, als Land zü betrachten, das ihm eines Tages zufallen müsse, von seinen Verbündeten im Falle der Verwirklichung obigen Planes eine ansehnliche Ausdehnung der Gebiete zugestanden erhalten solle, die ihm in Nordsyrien überlassen werden würden, sodaß sich bei der Teilung des ottomanischen Reiches die französiche Zone bis zum Eupliratbett verbreitern und unmittelbar die Grenze der russischen Zone berühren würde. (Schöne, aber lächerliche Phantasien!) Jüdische Rundschau. Hülsenfrüchte für Pessach. Das Rabbinat der israel. Kultusgemeinde Wien sieht Sich infolge der durch den Krieg verursachten außerordentlichen Not an Lebensmitteln veranlaßt, nur an diesem Pessach den Genuß von Hülsenfrüchten das sind Bohnen, Erbsen, Linsen, unter der Bedingung zu gestatten, daß dieselben schon vor Pessach auf ihre Unberührtheit mit Chomez sorgfältig untersucht und entsprechend verpackt angeschafft werden. Konferenz österreichisch - ungarischer Feldrabbiner. Eine in ihrer Art originelle Zusammenkunft fand vor kurzem in Trfesr statt. Die der Isonzoärmee anngehörenden Feldrabbiner, zwölf an der Zahl, versammelten sich unter Vorsitz ihres verdienstvollen Seniors, des dem Armeekomniando zugeteilten Feldrabbiners Dr. Tauber zu einer Besprechung wichtiger Standesfragen. Als erster Punkt der Tagesordnung figurierte die Frage der Mazzothbeschaffung für die jüdischen Soldaten im Felde. Es wurden mehrere wichtige Beschlüsse gefaßt und u. a. die Anregung zur Einberufung einer allgemeinen Feldrabbiner-Konferenz gegeben, deren Verwirklichung im Interesse einer gedeihlichen Fortentwicklung der jüdischen Militärseelsorge sehr zu begrüßen wäre. Um das Arrangement der Tagung haben sich der Vorstand der Triester Kultusgemeinde und der Oberrabbiner Dr. Chajes verdient gemacht, letzterer wohnte den Beratungen als Beratungen als Gast bei. Die Teilnehmer vereinigten sich zu einem photographischen Gruppenbilde. Die Feldrabbiner haben an ihren verehrten Armeekommandanten, an Se. Exzellenz den Herrn Generaloberst v. Boroevic, eine Huldigungsdepesche gerichtet, worauf von Seiner Exzellenz nachstehende Antwort eintraf: „Den ehrwürdigen Feldrabbinern, die sich in diesem Kriege so glänzend bewährt haben, meinen besten Pank und viele Grüße". Oeberfeldrabbiner für das k. u. k. Okkupationsgebiet. Professor I )r. M. B a 1 a b a n ist zum Oberfeldrabbiner für die von den österreichischen Truppen besetzten Gebiete in Polen ernannt worden. Zu den Obliegenheiten des neuen Oberfeldrabbiners gehört die Organisation der jüdischen Feldseelsorge und die Vertretung der jüdischen Feldseelsorger nach außen hin bezw. gegenüber dem Oberkommando und den Organisationen der beiden christlichen Bekenntnisse. Verschickung der gesamten jüdischen Bevölkerung Ostgaliziens. Nach Meldung der Polenblätter haben jetzt die russischen Militärbehörden den Verwaltungsorganen anbefohlen, aus Sicherheitsrücksichten die jüdische Bevölkerung in den von den Russen besetzten Gebteten Ostgaliziens ausnahmslos nach dem Innern des Zarenreiches zu verschicken. Ausschreitungen rumänischer Soldaten in Kischenew. Wie dem „Lokalanzeiger" aus Stockholm telegraphiert wird, geht aus einem aus Kischenew stammenden Bericht hervor, daß in den letzten Tagen größere Ausschreitungen rumänischer Offiziere und Soldaten der dort in Neuorganisation begriffenen rumänischen Armee gegen russische Juden stattgefunden haben. Zahlreiche .luden, die angeblich die rumänischen Soldaten übervorteilt haben sollen, wurden schwer mißhandelt, einige sogar totgeprügelt. Die Läden der Juden wurden vom russischen Pöbel, der sich an den Ausschreitungen beteiligte, geplündert. Die russische Polizei schritt gegen die wildgewordene rumänische Soldateska nicht ein. Die Juden der Stadt haben sich beschwerdeführend an das Ministerium des Innern und an das Kriegsministerium gewendet. Die Entente und die Judenfrage. Wie dem „Nieuwe Rotterdamsche Courant" aus England berichtet wird, veröffentlicht Kapitän Trumpeldor, der in dem zionistischen Mauleseltierkorps, das seinerzeit in Alexandrien gebildet worden war, dient, in den englischen Blättern einen Brief, in dem es unter anderem heißt: Bis jetzt haben die Alliierten kein Wort über die Judenfrage gesagt. In ihrer Antwort an Wilson wird jede bedeutsame Frage berührt, aber die Judenfrage wird nicht erwähnt, als ob diesbezüglich alles in Ordnung wäre, und sie nicht in Wahrheit ein vitales Problem wäre, das seit Jahrhunderten für Juden und Nichtjuden an Bedeutsamkeit gewinnt. Hat man sie vergessen oder ihre Existenz geleugnet? Ist es möglich, daß die Alliierten glauben, daß eine durch Blut gereinigte neue Welt auf humaner Grundlage entstehen kann, ohne daß die Judenfrage zur radikalen Entscheidung gebracht wurde? Die Juden haben in England immer ihren besten Freund und Beschützer erblickt, aber das Bündnis mit Rußland und Rumänien, wo die Juden nur Stiefkinder sind, hat die Sympathie vieler Juden für England erkalten lassen. Chronik. Dr. Moriz Mehrer s. A. Unter zahlreicher Beteiligung fand am 28. v. M das Leichenbegängnis des Herrn Dr. Moriz Mehrcr. Einjährig-Freiwilliger in einem Artillerieregiment, statt. Der Verblichene, ein 33jähriger, einer angesehenen jüdischen Familie entstammender, hochbegabter, junger Mann, starb an den Folgen einer im Dienste erlittenen Krankheit. Der Verlauf der Leichenfeier bewies die