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Jüdische Korrespondenz · 1917-03-06 · 8 (6.3.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
8 (6.3.1917)
Date
1917-03-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 8. jüdische Korrespondenz Seite 3 ans prinzipiellen Gründen gegen das Budget zu stimmen. Präsident Dr. Stern erwiderte ausführlich auf die seitens Stricker vorgebrachten Bemerkungen. Kultusvorsteh. Qerneinderat Dr. Schwarz- Hiller beschäftigt sich eingehend mit einer Reihe aktueller Fragen. Der Krieg habe auf die .luden eine besondere Wirkung ausgeübt, Flucht aus der Heimat, Entbehrung. Unterernährung, steigernde Mortalität unter den Juden, ganz besonders unter den Säuglingen und Kindern im zartesten Alter, so daß die Juden mit einer Herabminderung des Nachwuchses bedroht sind. Um hier ein klares Bild zu gewinnen, regt er an, dem Plenum von Zeit zu Zeit eine nach Alter und Beruf gegliederte Statistik über die Sterbefälle vorzulegen. Seiner Meinung nach wären die Schäden dieses Krieges nicht allein von denen, die ihn heute miterleben und miterleiden, sondern auch von den kommenden Generationen, welche die Früchte des Krieges genießen, zu tragen. Der Kultusvorstand wird eine ganze Reihe von Institutionen der Säuglings- und Kinderfürsorge zu betreiben haben, und die Kosten dieser unerläßlichen Fürsorge schon jetzt durch eine entsprechend große Anleihe sicherzustellen. Diese Anleihe müßte bald abgeschlossen werden. In der Steuerfrage erklärt Dr. Schwarz- Hiller, man dürfe sich nicht davor fürchten, daß Leute, die durch den Krieg zu Vermögen gelangt sind, infolge einer gerechten, entsprechend hohen Besteuerung aus dem Judentume austreten würden. Wir müssen auf solche mit Freuden verzichten. Das Ausmaß der Steuererhöhung von 1916 auf 1917 scheint nicht den tatsächlichen Verhältnissen entsprechend zu sein; ebenso wünsche er auch eine andere Behandlung der Steuerrekurse. Dasselbe gilt auch von der Behandlung der Subventionsgesuche. Er mache heute schon darauf aufmerksam, daß es unsere Pflicht sein werde, unsere aus dem Kriege zurückkehrenden gewerbetreibenden Gemeindemitglieder in ihrem Bestreben, ihre Existenz wieder aufzurichten, zu unterstützen. Es werde dem Kultusvorstande obliegen, eventuell die Schaffung von Darlehenskassen für jüdische Gewerbetreibende zu initieren und nötigenfalls sich auch mit Kapital daran zu beteiligen. Redner bespricht ferner die Flüchtlingsfrage in Prag, die Feldrabbinerfrage usw. und setzt sich schließlich dafür ein, daß die auf dem Schlachtviehmark bediensteten Schächter eine entsprechende Besoldung und eine Pensionsberechtigung erlangen. Er werde für die Annahme des Budgets stimmen. Präsident Dr. Alfred Stern teilt mit. daß in den Jahresberichten des Kultusvorstandes die Mortalitätsstatistik genau nach dem Wunsche des Gemeinderates Dr. Schwarz-Hiller veröffentlicht werde und nichts dagegen einzuwenden sei, daß solche Ausweise in kürzeren Zeitabschnitten dem Plenum vorgelegt werden. Ueber Antrag des Professors Dr. Ehrmann wird die Fortsetzung der Budgetsberatung für die nächste Sitzung vertagt. Dr. Arnold Rosenbacher s. A. Aus Prag wird berichtet; In der Nacht vom 20. zum 21. Februar ist der Präsident der Prager israelitischen Kultusgemeinde-Repnisentanz Dr. Arnold Rosenbacher nach langer Krankheit aus dem Leben geschieden. Mit Präsident Rosenbachcr ist eine Persönlichkeit hingegangen, die ein bedeutendes "Stück der Prager jüdischen Geschichte in sich verkörperte und deren harmonische Geschlossenheit, rastlose Energie und die schönsten Gaben eines umfassenden und tiefen Geistes sich in solch eigenartiger Verknüpfung nicht wieder finden. Die Verdienste Dr. Rosenbachers um die Prager jüdische Gemeinde, an deren Spitze er seit 1889 steht, können überhaupt nicht erschöpfend aufgezählt werden, sein Name bleibt mit der Geschichte der Prager Kultusgemeinde und des österreichischen Judentums für immer verknüpft. Dr. Arnold Rosenbacher entstammte einer hochangesehenen Prager Familie; er wurde am 4. April 1840 als Sohn des Bankiers Markus Rosenbacher geboren, .n dessen Mause er eine ausgezeichnete jüdische Erziehung genoß. Von frühester Jugend bis zu seinem Tode hielt Dr. Rosenbacher treu am überlieferten Judentum fest. Nachdem er am AHstadter Gymnasium und der juridischen Fakultät der Prager Universität seine Studien beendet hatte, wurde er 1S63 zum Doktor juris promoviert. Hierauf war er eine Zeit lang als Konzipiert in einsr Advokatenkanzlei tätig und trat dann als erster Jude in Oesterreich nach günstiger Krledigung seines Gesuches durch Kaiser Franz Joseph in die Finanzprokuratur ein, verließ jedoch bald diese Stellung, in welcher er seinen religiöse« Anschauungen nicht gerecht werden konnte. Er wurde Advokat und gehörte bald zu den angesehensten Rechtsanwälten Prags. Welchen Ruf er als ■kenntnisreicher Jurist genoß, beweist der Umstand, dag er Mitglied der judiziellen Staats^rüfui^ommission und Viseprästdent des Juristen-Vereines war. Seit dem Jahre 1874 gehörte Dr. Rosenbacher der Repräsentanz der Prager Israelitischen Kultusgemeinde an. Im Jahre 1884 zum Vizepräsidenten gewählt, w urde er 1889 an die Spitze der Repräsentanz berufen. Seit 28 Jahren wirkte also Dr. Arnold Rosenbacher als Präsident der Prager jüdischen Gemeinde, die er in nimmermüder Arbeit und mit der größten Hingabe geleitet hat. Um die Organisation der Verwaltung der Prager Kultussemeinde hat sich Dr. Rosenbacher ebenso unvergängliche Verdienste erworben wie um die Stärkung ihrer Stellung nach außen hin und die juristischen Grundlagen der österreichischen Kultusgemeinden überhaupt. Die von ihm durchgeführte Ordnung des umfangreichen Stiftungswesens ist geradezu musterhaft. Dr. Rosenbachers hauptsächlichstes Verdienst ist aucli die Errichtung des jüdischen Siechenhauses in Straschnitz; auch an den Vorarbeiten zur Errichtung des neuen jüdischen Krankenhauses nahm er hervorragenden Anteil. In jüngster Zeit ist sein Wirken im Dienste der Flüchtlingsfürsorge hervorzuheben. Seine großen Verdienste um die Prager Gemeinde und die jüdische Allgemeinheit wurden durch die Verleihung des Franz Josephs-Ordens anerkannt. Dr. Rosenbacher hatte auch im Oesterreichischen Gemeinde- Bund, in der Israelitischen Allianz, als Vorsitzender des Böhmischen Gemeinde-Bunds und in vielen anderen jüdischen Korporationen eine führende Stellung inne. Der verstorbene Präsident Dr. Rosenbacher bezog nach Absolvierung des akademischen Gymnasiums in Pra gdie juridische Fakultät, an welcher er im Jahre 1863 zum Doktor promoviert wurde. Aber er wollte Doktor beider Rechte sein, des bürgerlichen und kanonischen, eine Würde, die aber nur den christlichen Juristen verliehen wurde, nicht aber auch den jüdischen, welche sich der Prüfung aus dem Kirchenrecht nicht unterziehen mußten. Als Kämpfer für sein etgenes Streben wurde er zum Vorkämpfer für die ganze Judenheit Oesterreichs. Wohl fiel er dabei in allen Instanzen durch, gab aber den Anstoß dazu, daß in das Universitätsgesetz des Jahres 1870 ein Absatz aufgenommen wurde, daß die jüdischen Juristen auch zur Prüfung aus dem kanonischen Rechte zugelassen und fortab zu Doktoren beider Rechte promoviert wurden. Noch einmal setzte er sich für die bürgerliche Gleichsteilung der Juden ein, als er sich nach vierjähriger Konzipientenpraxis in der Kanzlei des Advokaten Dr. Porth als erster Jude um eine Anstellung bei der Finanzprokuratur bewarb. Sein Gesuch wurde damals erst dem Ministerrate vorgelegt. Nachdem es den ministeriellen Weg passiert hatte, wurde das Gesuch dem Kaiser vorgelegt, der es auf dem Fürstentage in Frankfurt (1863) genehmigte. Am 23. Februar um 10 Uhr vormittags fand von der Klaussynagoge aus das. Leichenbegängnis statt. Obwohl sich der Verblichene nach seinen letztwilligen Verfügungen eine einfache Leichenfeier erbeten hatte, gestaltete sich sein Leichenbegängnis dennoch zu einer äußerst imposanten Trauerfeier, an der nicht nur die Vertreter der Behörden und der Stadt, sondern auch die breitesten Gesellschaftskreise teilnahmen. Die Synagoge war ganz schwarz drapiert. Der Sarg war vor dem Altar inmitten exotischer Pflanzen aufgebahrt; zu Füßen des Sarges stand der Pedell der juridischen Fakultät mit dem Szepter. Nach Absingung von Trauerpsalmen durch Kantor Schwarz und ein Doppelquartett wurde der Sarg in den einspännigen Leichenwagen gehoben, worauf sich der gewaltige Kondukt in Bewegung setzte. An der Spitze schritten die Zöglinge des israelitischen Waisenhauses vor dem Leichenwagen. Hinter diesem schritten zunächst der Pedell der juridischen Fakultät, dann Oberrabbiner Dr. Brody mit den Rabbinern Professor Dr. Kisch, Professor Dr. Deutsch und Prediger Dr. Schwarz, Kantor Schwarz und die schier unübersehbare Schar der Trauergäste. Ehre seinem Andenken! Die p. t. Abonnenten, deren Abonnement abgelaufen ist, werden dringend um umgehende Erneuerung desselben ersucht, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Jüdische Runds cht au. Statthaltereiwechsel in Galizien. Aus Krakau wird uns geschrieben: Das Scheiden des bisherigen Statthalters von Qalizien, GM. Freiherrn v. Diller, aus seinem Amte wird auch seitens der galizischen Juden, wie seitens der Oesamtbevölkerung, mit großem Bedauern gesehen. OM. v. Diller hat sich den berechtigten Wünschen und Forderungen der jüdischen Bevölkerung gegenüber stets sehr freundlich und wohlwollend verhalten. Hoffentlich wird auch der neue Statthalter, Q. d. K. Qraf Huyn, von denselben wohlwollenden Gesinnungen und Gerechtigkeitsliebe beseelt sein. Die galizische Judenschaft sieht seiner Wirksamkeit mit großem Vertrauen entgegen. Die städtische Kriegskreditbank für Qalizien. Am 1. d. M. hat die städtische Kriegskteditbank für Galizien ihre Tätigkeit in Krakau aufgenommen. Die Bank verfügt zunächst über ein Kapital von 30 Millionen Kronen, welches später bis zu 50 Millionen Kronen erhöht werden soll. Die Bank hat die Aufgabe, den Stadtverwaltungen, den Handels- und Gewerbekorporationen, sowie einzelnen Kaufleuten, Industriellen und Gewerbetreibenden, wie auch den Angehörigen der freien Berufe billige und bequem rückzahlbare Kredite unter äußerst günstigen Modalitäten zu gewähren. Hauptsächlich kommen solche Kreise in Betracht, die infolge der feindlichen Invasion oder einer Evakuierung indirekten Schaden erlitten haben. Der jüdische Reichsrats-Abgeordnete Dr. Adolf Gross ist einer der Direktoren dieser Bank. In den Verwaltungsrat sind die Juden durch den Reichsrats - Abgeordneten Dr. v. Löwenstein und den Vizepräsidenten der Stadt Krakau. Hofrat Josef Sare, vertreten. Freigabe der jüdischen Feiertage für die jüdischen Soldaten. Das k. u. k. Kriegsininisterium hat mit Beiblatt 9 zum Verordnungsblatt für das k. u. k. Heer, sub Z Abt. 9, Nr. 4621, vorn 17. Februar 1917, eine „Uebersicht über die in der Zeit vom 1. Februar 1917 bis 31. Januar 1918 N. St. nach Dienstzulässigkeit freizugebenden Feiertage" ausgegeben, welcher zu entnehmen ist, daß für jüdische Militärpersonell folgende Feiertage als freizugebende Tage gelten: der Nachmittag des 6., der 7. und S. April (Ostern), dann der 27. und 28. Mai (OffenbarungsfesO, der 17. und 18. September (Neujahrsfest), dann der Abend des 25. und der 2h. September (Versöhmingstag). Heldentod eines Feldrabbiners. Feldrabbiner Dr. Adolf Kelemen ist dieser Tage auf dem rumänischen Kriegsschauplatz, von eine Kiranate getroffen, gefallen. Dr. Kelemen, im Zivilverhältnis Rabbiner in Fogaras (Siebenbürgen), war 53 Jahre alt. Die Arbeit der orthodoxen Organisation in Polen. Aus Warschau wird geschrieben: Die „Agudas Haordoksim" entwickelt eine ziemlich lebhafte Tätigkeit auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. Einen ganz besonders günstigen Eindruck machte ein Aufruf orthodoxer Frauen, unter Führung der Frau Großrabbinerin Alter aus üora Kalwarie, in welchem die jüdischen Frauen aufgefordert wrerden, angesichts der großen Not, unter welcher die breiten jüdischen Volksmassen leiden, entsprechende Feile ihres Schmuckes zu spenden, um der Not abzuhelfen. Die diesbezügliche Aktion macht sehr gute Fortschritte und findet auch in der Provinz lebhafte Nachahmung. Auch die bevorstehenden Wahlen zu den Kultusgemeinden des deutschen Okkupationsgebietes beschäftigen die orthodoxen Kreise lebhaft und sie treffen die entsprechenden Vorbereitungen, um hiebei ihren Einfluß geltend machen zu können. In der letzten Sitzung des rabbinischen Rates der „Agudas Hoortodoksim" wurde beschlossen, sich an alle angesehenen rabbinischen Führer des Generalgouvernements Polen mit einem Aufruf zu wenden, in dem auf die ungeheure Bedeutung der bevorstehenden Wahlen in den jüdischen Gemeinden, Kreisgemeinden und zum Oberrat aufmerksam gemacht wird. „Alle Streitigkeiten und Reibungen, heißt es in dem Aufruf, müssen vergessen werden. Der Parteigeist muß verschwinden, der die verschiedenen Gruppen von Chassidim und Baalebatim voneinander trennt. Alle frommen Juden müssen sich zu einer großen Masse vereinigen, wenn ihnen der Sieg gesichert werden soll". Nach Nachrichten aus der Provinz sind an verschiedenen Orten Gruppen der orthodoxen Arbeiter - Organisation „Zeire Jehudo" ins Leben gerufen worden. Die Veranstaltungen der Warschauer Gruppe erfreuen sich fortgesetzt guter Teilnahme. Judenfeindliche Strömungen in England. Deutliche Symptome judenfeindlicher Tendenzen im öffentlichen Leben Englands erzeugen eine wachsende Unruhe in den englischjüdischen Kreisen. Die Leitung des Board of Deputies. der größten jüdischen Organisation Englands, beschäftigte sich in einer ihrer letzten Sitzungen mit der Frage rechtzeitiger und planvoller Maßnahmen zur Abwehr der erwachenden antisemitischen Strömung. Die Haltung der kanadischen Lokalregierung, welche einen jüdischen Farmer wegen „Sonntagsentweihung" bestrafte, der Beschluß einer englischen Schule, jüdische Schulkinder, wenn sie keine Sabbatentweihung vornehmen wollen, vom Schulbesuch auszuschließen, der in der englischen Presse geäußerte Wunsch, die jüdischen Blätter zu verbieten, die neuen Naturalisationsgesetze, welche auch einem großen Teile der im Lande geborenen Juden das Bürgerrecht nehmen, lassen die Besorgnisse der englischen Judenheit gerechtfertigt erscheinen.

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