Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 8 (6.3.1917)
- Date
- 1917-03-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 8. siert sind, sich gestalten werden, so dürften die j nachstehenden Erklärungen einer hervorragen- | den Persönlichkeit, die in amtlicher Stellung j einen näheren Einblick in den Stand der Angej legenheit hesitzt, der jüdischen Oeffentiichkeit j sicherlich willkommen sein. | Die Frage der Sonderstellung Oaliziens ■ ..... erklärte unser Gewährsmann -........ befindet i sich gegenwärtig in einem solchen Stadium, daß; die maßgebenden Kreise es als untunlich er- lichten, schon jetzt der Oeffentiichkeit nähere Mitteilungen zu machen. Bei aller Entschlossenheit, die Sache zu finalisieren, sind jedoch die! Fragen politischer, wirtschaftlicher und finanj zieller Natur derart kompliziert, daß es nicht ausgeschlossen ist. daß man schließlich zu ] einem Ausweg werde greifen müssen, der heute j noch nicht in Betracht gezogen wird. Den j Vorschlägen, die von polnischer Seite unterj breitet werden, stehen andere, vielfach verj sehiedeue, entgegen. Höchstwahrscheinlich i dürfte die Sache nur im parlamentarischen | We<:-e einer definitiven Lösung zugeführt werden. Die interessierten Kreise werden demnach noch vielfach Gelegenheit haben, ihren Standpunkt, respektive ihre Bedenken darzulegen und zu vertreten. Jede übertriebene Sorge ist deswegen unangebracht. Was speziell den Standpunkt der galizisc'.ien Juden anbelangt, so ist es dem Außenstehenden natürlich schwer zu beurteilen, inwiefern die geäußerten Bedenken und Befürchtungen gerechtfertigt sind. Die gegenwärtige Spannung zwischen den Juden und den Polen darf nicht unterschätzt, aber auch nicht überschätzt w erden. Nach dem Kriege dürfte sich die Sache schon irgendwie beilegen lassen. Jedenfalls kann versichert werden, daß, wenn auch die maßgehenden Kreise nicht auf allen v eitgehenden Forderungen und Wünschen prtnzinieller Natur, die von jüdischer Seite geäußert werden, eingehen dürften, sie es sich immerhin angelegen sein lassen werden, die Rechte und die Interessen aller Bevölkerungskreise des Landes vor jeder Verletzung zu schützen. Selsbst bei einer weitgehendsten Sonderstellung bleibt Galizien eine österreichische Provinz und man darf die Sache nicht im vorhinein in einem Lichte darstellen, als ob da eine derartige Umwälzung vorgenommen werden würde, die ganz spezielle Maßnahmen im Interesse der Bevölkerung erforderlich machen müßte, im allgemeinen sind wohl die aufgetauchten Fragen ziemlich kompliziert, aber bei allseitigem guten Willen dürfte es schon gelingen, einen modus vivendi zu finden, um die Sache finalisieren zu können. Berechtigte Interessen und Wünsche werden hiebei nie außer Betracht gelassen bleiben. Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in West- und Ost-Europa. Die Wirtschaftslage des jüdischen Stammes in Westeuropa ist — so führte Herr Prof. Dr. Julius Hirsch, Dozent an der Handelshochschule in Köln, in einem Vortrage aus, den er kurzlich im dortigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur gehalten hat -- irn letzten Menschenalter so günstig gewesen, wie wohl kaum je zuvor. Er wies als Ursache dieser Erscheinung nach: die regellose Umor.dnung des Wirtschaftslebens, die für alle kaufmännisch veranlagten Persönlichkeiten besonders gute Aussichten geboten hat. Eingehend erörterte er dann die Frage, ob in der neuesten Entwickelung Tendenzen liegen, die diese j günstige Lage unterbinden könnten. Aus drei Entw ickehmgsrichtungen der modernen Wirtschaft habe man hauptsächlich einen Niedergang der jüdischen Wirtschaftslage erkennen wollen; aus dem Entstehen des Großbetriebes, aus der Kartellienmg und aus dem Staatsbetriebe, dem sogenannten Staatssozialismus. Redner zeigte, daß diese Entwicklungstendenzen auf die jüdische Wirtschaftslage in Westimd Mittel - Europa sehr verschiedenartig wirken: Unbedingt schädlich ist der Staatsbetrieb: denn da der Jude überall eine Minderheit bilde, der Staatsbetrieb aber stets in den Händen der Mehrheit sei. so werde durch das Vordringen dieses Betriebes die Lage der Juden zweifellos ungünstiger. Anders schon beim Kartell; dieses lege zwar manches kaufmännische Talent lahm, gebe jedoch dem organisatorischen und zumal dem juristischen Talente großen Spielraum, und es habe deshalb den Juden bisher zweifellos mehr gefördert als gehemmt. Dasselbe gelte vorn Großbetrieb; auch er lege dem Entstehen ganzer Handels- und Gewerbezweige Hindernisse in den Weg, aber innerhalb der Großbetriebe würden kaufmännische und organisatorische Fähigkeiten nur umso notwendiger, und so seien auf vielen Gebieten, zumal gerade auch im Detailhandel, jüdische Kaufleute die Organisatoren des Großbetriebes selber geworden. Diese organisatorische Fähigkeit sei gerade im Kriege für das deutsche Volk von erheblichem Werte gewesen; denn gewichtige Teile der deutschen Kriegswirtschaft seien von jüdischen oder von Juden stammenden Organisatoren mit errichtet worden; Redner verwies auf die Verdienste von Geh. Rat Rießer für die finanzielle Mobilmachung, auf diejenigen von Rathenau für die Mobilmachung der Rohstoffe, auf ballin und mehrere andere in der Organisation der Ernährungswirtschaft. Während so das Bild der Wirtschaftslage der Juden in Westen recht günstig erscheint, ist es im Osten, wo zwischen Baltischer See und Schwarzem Meere ein breiter, mit Juden dicht besiedelter Landgiirtel sich hinzieht, weit ungünstiger bestellt. Redner zeigte, wie sich dort eine Notlage ausgebildet hat, die sowohl aus der ungemein 'starken Vermehrung der dort w ohnenden Ostjuden herrührt, wie auch aus den Beschränkungen im Wohnsitze und in der Gewerbefreiheit, denen diese Massen im Osten unterworfen sind. Infolgedessen sind von ihnen große Teile in immer tiefere Armut gekommen, insbesondere die Handwerkermassen, von denen mehr als eine halbe Million Köpfe allein im mssischen Gebiete erwerbstätig sind. Für diese Handwerkermassen bedeutete das Auftreten der Industrie ein schweres Schicksal; durch diese wurden sie zu Hausindustriellen, und da sie für die immer stärker vordringende Fabrik kein geeignetes Arbeitermaterial darstellen, wurden diese Handwerkermassen zur Auswanderung gezwungen. Ueber eine Million jüdischer Handwerker und Heimarbeiter ist seit einem Menschenalter in die neue Welt gezogen. Den übrigen schien, besonders soweit sie Kaufleutc waren, die fortschreitende Industrialisierung des russischen Westens günstige Aussichten zu eröffnen. Unter den ganzen jüdischen Auswanderern waren nur 4 bis 5 Prozent Kaufleute. Diese beginnende wirtschaftliche Hebung des jüdischen Stammes im Osten hat der Krieg zerstört. Mitten durch den „Judengürtel" sind die Heere mehrmals hin und her gewogt, und jetzt noch geht die Feuerlinie mitten hindurch, jedoch so, daß die größere Hälfte der Ostjuden auf unserer Seite dieser Linie wohnt. Nun war aber die ganze Existenz dieser Massen, wie der Redner nachwies, auf die Verbindung mit dem Osten aufgebaut, und mit der Lösung dieser Verbindung ist ein ungeheures Elend die Folge gewesen. Wenn nach dem Kriege diese Verbindung nicht wieder hergestellt wird, so bedeutet dies eine dauernde Brotlosmachung dieser Massen. Redner verwies darauf, daß sich daraus für die deutschen Juden zwei Aufgaben ergäben. Die eine auf politischem Gebiete, läßt sich erst bei der Besprechung der Friedensbedingungen erörtern. Die andere liegt in der Gegenwart. Sie besteht darin, daß man diesen notgedrungen müßiggehenden Massen neue Arbeitsmöglichkeiten erschließen soll. Insbesondere entspricht eine Kleinindustrie, etwa für Holzbearbeitung, für welche das Rohmaterial in unbegrenztem Maße im Osten zur Verfügung steht, den Arbeitsgewohnheiten dieser Massen durchaus, auch andere Kleinindustrien könnten dort begründet werden und sowohl für die Gegenwart wie für die Zukunft den plötzlich gleichsam entwurzelten Massen einen neuen wirtschaftlichen und sittlichen Halt geben. Redner schloß mit einem Appell, daß man es nicht mit Almosen genug sein lassen dürfe, denn diese bedeuteten bei der ungemein großen Zahl — über die Hälfte der Ostjuden auf unserer Seite der Feuerlinie hat heute kein wesentliches Einkommen oder Vermögen mehr — nur wenig. Organisatorische Tätigkeit zwecks Beschaffung von Arbeitsgelegenheiten für diese Massen sei viel wichtiger. Von der Agudas Jisroel. Man schreibt uns: War schon die Tätigkeit der „Agudas- Jisroel" während der ganzen Kriegsperiode eine überaus lebhafte und sehr erfolgreiche, so ist dieselbe besonders gegenwärtig, angesichts des bevorstehenden Pesachfestes, noch viel intensiver und — ohne Uebertreibung — segensreicher. Gilt es doch, für die materiellen und religiösen Bedürfnisse von Tausender galizischer Flüchtlinge zu sorgen, für welche sich sonst niemand kümmert. Die Mazzoth-Frage erfordert sehr viel Arbeit und Anstrengung. Aber nicht bloß die Schaffung der Möglichkeiten. Mazzoth nach den religiösen Vorschriften, wie sie seitens der orthodoxen Juden beobachtet werden, zu erzeugen, spielt hier die Hauptrolle. Es handelt sich auch darum, für Tausende jüdischer Familien die materiellen Mittel aufzubringen, die nötig sind, um ihnen angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse die Beschaffung des für das Pesachfest notwendigsten zu ermöglichen. Wird auch diesbezüglich alles mögliche getan, ist auch eift $pe?a*iie« Komitee gebildet worden, das sich mft 4teser frage intensiv und bisher ziemlich erfolgreich befaßt, so darf andererseits nicht vergessen werden, daß es sich um sehr betifchtüche Summen handelt, die nicht so leicht attfeeferacht werden können. Es wftre deswegen zu wünschen, daß sowohl die Mitglieder der „Agudas- .lisroel", als auch all diejenigen, die deren Tätigkeit kennen und zu würdigen verstehen, diesmal etwas tiefer in den Säckel greifen sollen, um das große Problem des „Kirncha depis'eha" lösen zu helfen. Man macht sich keineswegs einer Uebertreibung schuldig, wenn man behauptet, daß die „Agudas - Jisroel" die einzige Organisation ist, die ohne viel Lärm und Reklame wirklich viel leistet und besonders die einzige berufene Stelle ist, die für die religiösen Bedürfnisse der Flüchtlinge u. der jüdischen Soldaten sorgt. Da die Leitung derselben aus unangebrachter Bescheidenheit es unterläßt, die breite Oeffentiichkeit bezüglich ihrer Tätigkeit zu informieren, so möge es einem Anhänger derselben gestattet sein, nach dieser Richtung das Wort zu ergreifen und speziell unsere strenggläubigen Brüder auzufordern, angesichts des bevorstehenden Pessachfestes der Aguda die Erfüllung ihrer Aufgaben zu ermöglichen. Ben - Amitai. Das Budget der Wiener Kultusgemeinde pro 1917. Sonntag, den 25. Feber, fand eine Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes unter dem Vorsitz des Präsidenten Dr. Alfred Stern statt, welche der Beratung des Voranschlages pro 1917 gewidmet war. Zunächst wurde der Einlauf verlesen. Zur Tagesordnung übergehend, erstattet der Vizepräsident Dr. Leopold Kohn den Bericht über den Voranschlag 1917. Seinen Ausführungen entnehmen wir folgende Daten: Einnahm, pro 1917: K 4,158.089.88 (im Vorjahre K 3,508.516.28); Ausgaben: K 4,471.095.97 (im Vorjahre K 3,913.858.49); daher budgetmäßiger Zuschuß von K 312.126.09 (im Vorjahre K 405.342.21). Redner erläuterte die einzelnen Posten: Abschnitt A: Bethäuser, Kultus- und rituelle Angelegenheiten weisen an Einnahmen K 236.516.— aus, an Ausgaben K 640.282.—, daher ein Zuschuß von K 403.766.—. Abschnitt B: Unterrichtsangelegenheiten, Einnahmen: K 63.128, Ausgaben: K 431.289, Zuschuß: K 368.161. Abschnitt C: Friedhofs- und Beerdigungsangelegenheiten, Einnahmen: K 1,321.277.—, Ausgaben: K 762.927.—, Ueberschuß: Kronen 558.350.—, der für Wohtätigkeitszwecke Verwendung findet. Abschnitt D: Spital, Einnahmen: Kronen 408.401.—, Ausgaben: K 772.516.—, Zuschuß: K 364.115.—, mehr als im Vorjahre an Kronen 84.000.—. Die Einnahmen von Stiftungen und Widmungen haben sich durch die Hinterlassenschaften Ulmann und Spitzer um K 3000.— erhöht, während die erhöhten Ausgaben Folgen der eingetretenen Teuerung sind. Abschnitt E: Versorgungsanstalt, Einnahmen: K 212.511.—. Ausgaben; K 340.342.—, Zuschuß: K 127.831.—. Abschnitt F: Wohltätigkeitsangelegenheiten, Einnahmen: K 53.964—, Ausgaben: K 453.948.—, Zuschuß: K 32.000.—. Abschnitt G: Finanzangelegenheiten, Einnahmen an Kultussteuern u. Immatrikulationsgebühren K 1,700.000.—, mehr als im Vorjahre um K 150.000.—. Der Referent besprach eingehend und ausführlich die Gestaltung des Budgets und erläuterte die einzelnen Positionen. Schließlich sprach er den Beamten der Kultusgemeinde für ihre Mitwirkung bei der Aufstellung des Voranschlages den Dank aus. Die Ausführungen des Referenten wurden mit großem Interesse und sehr beifällig aufgenommen. Präsident Dr. Alfred Stern sprach dem Referenten den Dank des Vorstandes aus, wozu umso mehr Ursache vorliege, als der Referent nicht nur allgemeinen Budgetangelegenheiten seine vorzügliche Kraft widme, sondern sich auch eingehendst mit Einnzelressorts in hervorragender Weise befasse, wie zum Beispiel mit Friedhofangelegenheiten, Mazzoth- Versorgung usw., von denen jedes einzelne Ressort einen ganzen Mann erfordert. (Zustimmung.) Kultusvorsteher Stricker hielt eine längere Rede, in welcher er das Steuerwesen, die Flüchtlingsfrage, das Feldrabbinerweseu usw. eingehend besprach und schließlich erklärte.