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Jüdische Korrespondenz · 1917-02-15 · 6 (15.2.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
6 (15.2.1917)
Date
1917-02-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 JUdische Korrespondenz Nr* 6. ■'i i iwn» scher Dialekt ist, und daß die Förderung des jüdischen Nationalismus und der jiddischen Sprache eigentlich im Interesse der Deutschen gelegen sein sollte. In den ernsten jüdischen Kreisen, selbst im Lager der aufrichtigen Zionisten, war man wohl mit dieser Agitation unzufrieden, fand jedoch aus taktischen Gründen nicht den Mut, dagegen offen zu demonstrieren. Ja, selbst in den Kreisen der deutschen Orthodoxie schien man eine Zeit lang mit dem jüdischen Radikalismus in Polen zu liebäugeln und das Schlagwort, daß die Anerkennung der Juden in Polen als Deutsche, oder als jüdische Nation, die einzige Lösung der Judenfrage in diesem Lande bedeuten würde, fand auch in diesem Lager zahlreiche Anhänger, die, ob der großen Vorteile, die dem polnischen Juden daraus erwachsen könnten, die Nachteile überzusehen schienen, die die Ausbreitung des politischen und religiösen Radikalismus mit sich bringen mußte. Line Zeit lang konnte dieser Zustand anhalten. Zunächst waren es die orthodoxen Juden in Polen selbst, die das Unnormale dieses Zustandes erkannten und den Entschluß faßten, selbständig aufzutreten. Sie begannen sich selbständig zu organisieren, was ihnen auch nach einigen anfänglichen Widerwärtigkeiten gelingen konnte. Andererseits mußte das Treiben der jüdischen Radikalen in der letzten Zeit sowohl die Augen der deutsch-jüdischen Kreise öffnen als auch den maßgebenden deutschen Behörden die Ueberzeugung beibringen, daß die Radikalen keineswegs ein Element darstellen, mit welchem män auf die Dauer Politik machen könne. Das Resultat war, daß diese Kreise nach und nach in den Hintergrund treten mußten, und daß die Orthodoxie schließlich den ihr gebührenden Platz einnehmen konnte. Zunächst geschah dies bei der Schaffung der jüdischen Gemeindeorganisation für Polen, welche auf dem konfessionell-religiösen Moment basiert und die nationale Seite außer Betracht ließ. Wie Staatssekretär Zimmermann nachher ausdrücklich erklärte, wird die Lösung dieses Problems der künftigen polnischen Verfassung und dem Einvernehmen zwischen Polen und Juden überlassen. Noch deutlicher kam jedoch diese Wandlung zum Ausdrucke in der Presse- Frage, wo die deutsche Presse-Verwaltung das Erscheinen des radikal-jüdischen, oder „volkistischen", wie heute das neueste Schlagwort lautet, „Tagblatt" sistierte, um dem orthodoxen „Jüdischen Wort" Platz zu verschaffen. Schließlich haben auch die Reibungen und die offenen Streitigkeiten zwischen den Zionisten und den „Volkisten", die immer schärfere Formen annehmen, wesentlich dazu beigetragen, das Ansehen, den Einfluß und den Glauben an die Verläßlichkeit dieser Gruppen zu schmälern und zu erschüttern. Kann man noch heute nicht genau voraussagen, welchen positiven Einfluß diese Wandlung auf die Gestaltung der inner-jüdischen Verhältnisse nehmen werde, so ist immerhin zu erwarten, daß das Gros der Juden Polens, die Orthodoxie, nicht mehr ohne Einfluß auf diese Neugestaltung sein werde, und daß die Irreführung der öffentlichen Meinung über den Stand der Dinge im jüdischen Lager nicht mehr lange anhalten wird. Vieles hängt natürlich auch von der Haltung der Orthodoxie und der Taktik ihres .Organes ab. Möge es ihnen gelingen, den richtigen Weg zu finden. Die Neugestaltung der jüdischen Verhältnisse im deutschen Okkupationsgebiete in Polen dürfte auch auf die Verhältnisse im österreichisch-ungarischen Okkupationsgebiet nicht ohne Rückwirkung bleiben. Auch die dortigen orthodoxen Kreise mögen sich organisieren und auch sie werden dann sicherlich mehr als bisher zur Geltung kommen. Man geht auch nicht fehl, wenn man die Meinung ausdrückt, daß die gesamte sogenannte Ostjudenfrage in eine neue Phase einzutreten im Begriffe ist. Warschai. Das Zeilungswesen in Syrien. (N. O.) Die Zeitungswelt hat in allen Ländern während des Krieges eine ganz veränderte Physiognomie angenommen. Für Syrien gilt dies in weit höherem Maße als für irgend ein anderes Land. Viele Blätter haben gleich zu Beginn des Krieges ihr Erscheinen einstellen müssen. Zunächst gingen die meisten christlich redigierten Zeitungen in Beirut und anderen Städten des Landes, die fast alle unter ententistischem Einflüsse standen — die meisten unter französischem, andere unter englischem oder russischem — ein. Zum Opfer fielen also geschickt redigierte Blätter, wie der „Baschir", „Sabah", auch das mohammedanische Blatt „Mufid" und die Hetzblätter niederen Ranges, wie der „Carmel" in Haifa und der „Falestin" in Jaffa (beide antisemitisch! mit englischem Oelde ausgehalten.) In Damaskus behauptete sich der „Muktabas", das Organ der arabischen Nationalpartei, welches der jungtürkischen Partei in Friedenszeiten eine schwere und heftige Opposition gemacht hatte, seit Ausbruch des Krieges jedoch eine entschieden regierungsfreundliche Haltung einnimmt. Unter den wichtigsten Blättern, die sich während des Krieges erhalten haben, ist auch der mohammedanische „Rai el 'Amm" in Beirut zu erwähnen. Das wichtigste Blatt in Syrien ist eine Neugründung: „Esch - Schark", der „Osten". Die Entstehung dieser Zeitung ist dem Generalissimus Dschemal Pascha zu verdanken, der auch dem Zeitungswesen ebenso wie vielen anderen Zweigen des öffentlichen Lebens außerhalb des rein militärischen Gebietes seine Aufmerksamkeit geschenkt hat. Mit der Verwaltung des Blattes ist Hikmet Bej, ein gewandter energischer Mann in den dreißiger Jahren, Türke, betraut worden. Ihm ist es, wie es scheint, durchaus gelungen, das Blatt in einer modernen Weise auszugestalten. Die Redaktion und Administration sind zusammen mit der Druckerei und einer eigenen Klischeeanstalt und photographischen Werkstatt in einem eigenen stattlichen zweistöckigen Hause in der Hauptstraße in Damaskus, gegenüber dem Regierungsgebäude untergebracht. Jeder der Redakteure hat ein eigenes Zimmer, besonders vornehm sind die Konferenz- und Empfangsräume ausgestattet. Der Direktor Hikmet Bej setzte mir bei meinem Besuche der Redaktion vor einigen Wochen auseinander, mit welchen Schwierigkeiten jetzt die Zeitung zu kämpfen habe. Sie erscheine wohl in der für hiesige Verhältnisse recht stattlichen Auflage von über 6000 Exemplaren. Das gelesenste arabische Blatt in Syrien hätte nur etwa 1500 Abonnenten. Jedoch könnte er die drei- und vierfache Zahl dieser Auflage absetzen, wenn die Papiernot nicht so groß wäre. Auch kann der Versuch, die Zeitung illustriert auszugestalten, nicht ganz durchgeführt werden. Wir kamen auf das Lesebedürfnis der hiesigen Bevölkerung zu sprechen, wobei Hikmet mit Bedauern konstatierte, daß in einer Großstadt wie Damaskus mit einer zahlreichen, wohlhabenden, lesekundigen Bevölkerung das Bedürfnis nach einem Zeitungs- Abonnement so wenig verbreitet ist. Was alle höheren Beamten und Politiker jetzt einsehen und wiederholt betonen, brachte auch Hikmet zum Ausdruck: daß das Land Schulen nötig habe und Industrien. Wir waren uns einig darüber, daß das Land, welches in agrikultureller Beziehung sich selbst genüge, wirtschaftlich ganz gerüstet wäre, wenn es eine eigene Industrie hätte. Nur eine moderne Industrie und die durch sie zu größerer Intensität aufgemunterte Landwirtschaft könnte den außerordentlich hohen Ueberschuß an Menschenkräften rationell verwerten. Selbst jetzt trifft man noch auf dem flachen Lande trotz mancher Menschenverluste infolge von Krankheiten und trotz der zahlreichen Einberufungen eine große Anzahl von Männern, die in beschaulicher Weise viele Tage müßig ohne Arbeit verbringen. „Schreiben Sie doch an Ihre Zeitung", ermunterte mich Hikmet Bej, „die ausländischen Kapitalisten mögen nach dem Kriege herkommen und zum Nutzen des Landes und ihrem eigenen Vorteil ihre Kapitalien hier investieren." Die Mauptmitarbeiter des „Schark" sind Muhammed Kurd 'Ali und der Emir Schakib Arslan. Kurd 'Ali war viele Jahre erster Redakteur des „Muktabas" und wurde beim Erscheinen des „Schark" für diese neue Zeitung gewonnen. Ihn traf ich gerade nicht in der Redaktion, dagegen konnte ich mich ausführlicher mit Schakib Arslan unterhalten. Es konnte kaum ein geeigneterer arabischer Publizist für die Redaktion des „Schark" gewählt werden als Schakib Arslan. Der Idee des Ostens, der Vereinigung, Wiederbelebung und Stärkung dieses Ostens dient Schakib Arslan seit vielen Jahren. Er trägt den Titel Emir — Fürst — und entstammt einem der angesehensten Geschlechter des Libanon. Als Freiheitskämpfer im Tripoliskriege, als Deputierte in Konstantinopel haben sich Mitglieder seiner Familie und speziell auch er einen verehrten Namen unter den Arabern und Türken verschafft. Auch im Anfang dieses Krieges stand der Emir an der Spitze einer Freiwilligenlegion und hatte bis jetzt den Titel Kommandant inne. Er ist ein in sich gekehrter Mann, von dem man den Eindruck bekommt, daß er für seine Ideen lebt und nur unter der Wirkung seiner eigenen Ueberzeugung, nicht aber unter irgend einem anderen Einfluß seine Feder führt. „Ich brauche jetzt nur Artikel, die ich vor 15 bis 20 Jahren geschrieben habe, wieder zum Abdruck zu bringen", sagte mir Schakib Arslan. Das ist richtig, denn er ist tatsächlich seit jeher entschieden und mit größter Aufrichtigkeit für die Vereinigung der orientalischen Völker, für eine intime Verbindung zwischen Arabern und Türke« eingetreten. In den Bund der orientaMsetten Völker nimmt er nicht nur die mohammedanischen Nationen auf, er spricht davon, da ß a n c h d i e Juden, als ein in seinem Ursprung orientalisches Volk, In diesen Völkerbund hineingehören und eine Rolle in der Regeneration des Orients zu spielen haben. „Die Juden" — sagte er — „sind nicht nur als Religion, als besondere Nation gehaßt und verfolgt, sondern als Rasse, ais semitischer Stamm. Wir alle, die wir demselben semitischen, orientalischen Stamme angehören, müssen zusammenhalten." Ueber das Bündnis mit Deutschland sprach er ohne schwunghafte Uebertreibung, mit kühler Erwägung der gegenseitigen Interessen, die zwar nicht die Ewigkeit, aber die Nützlichkeit dieses Bundes für den gegenwärtigen Moment für beide Verbündete begründen. Deutschland und Oesterreich, umringt von Feinden, finden im Bündnis mit der Türkei den Anschluß an die große mohammedanische Welt, die Türkei aber hat zu Deutschland, das frei von Hintergedanken ist, das größte Vertrauen. Auch bei der kulturellen und wirtschaftlichen Erschließung des Landes wird die Türkei sich gerne der deutschen Mithilfe bedienen. Th. Russischer Brief. Von J. Benelli. Die Lage der jüdischen Flüchtlinge. Der Vorsitzende des jüdischen Hilfskomitees in Moskau wurde durch den Stadthauptmann davon in Kenntnis gesetzt, daß das dem Moskauer jüdischen Hilfskomitee eingeräumte Recht, in Einzelfällen vorstellig zu werden, um für jüdische Flüchtlinge, welche in Betrieben der Kriegsmunition beschäftigt sind, das Wohnvecht in Moskau zu erwirken, gegenwärtig aufgehoben wurde. Das Kiewer jüdische Hilfskomitee wurde telegraphisch benachrichtigt, daß den Juden, welche seinerzeit aus Czortkow in Galizien ausgewiesen wurden, gestattet wurde, sich in Snjatyn niederzulassen. Im ganzen wurde 4000 Personen die Rückkehr gestattet. Jüdische Wirtschaftsorganisationen. Die Handwerkerausbildung, die Organisation genossenschaftlicher Anstalten, so z. B. Selbsthilfekassen, Speisehallen usw., die Tätigkeit auf dem Gebiete der Arbeitsvermittlung und des Arbeiterschutzes bilden die brennendsten Fragen der Wirtschaftspolitik der Gegenwart. Die Herausgabe populärer Schriften in jiddischer Sprache, um die nötigen Kenntnisse und Erfahrungen auf den erwähnten Gebieten unter den jüdischen Massen zu verbreiten, hat sich das Moskauer Komitee zur „Förderung der Handwerksarbeit" zur Aufgabe gesetzt; demnächst soll eine Serie technisch-industrieller und genossenschaftlicher Broschüren in jiddischer Sprache herausgegeben werden. „Judenlose Tage". In einem Aufsatze, betitelt „Judenlose Tage", macht die „Jewr. Nedelja" auf den merkwürdigen Umstand aufmerksam, daß in den Dumasitzungen seit dem 20./1L, wo gegen die Regierung flammende Reden gehalten wurden, wo die Mißstände, die Leiden der Volksmassen usw. unverhüllt geschildert wurden und nicht nur von links, sondern auch von rechts, w» auch die verkapptesten Antisemiten auftraten, man kein einziges Mal auf die Juden zu sprechen kam, als ob „Judenlose Tage" eingeführt würden . . . Bestand doch seit jeher die Sitte, alle Mißstände den Juden in die Schuhe zu schieben, den Juden zum Sündenbock zu machen. Wenn es diesmal nicht einmal seitens der Reaktionäre erfolgte, so ist es nicht, weil die Rechten ihren Standpunkt gegenüber den Juden geändert hätten, sondern weil man allgemein über den Zerfall der Regierung, über die herannahende Staatsgefahr so sehr im klaren ist, daß die Mär vom Juden, welche stets dazu diente, in den Augen der Massen die Schuld der regierenden Schichten durch die Schuld der Juden zu ersetzen, nicht mehr imstande ist, die öffentliche Aufmerksamkeit von der Regierung und ihrer Schuld abzulenken ... Jetzt ist das Alibi der Juden an all den Mißständen, welche Rußland in Gefahr bringen, klar für alle Welt festgestellt worden, es ist nun auch denjenigen Schichten klar geworden, welche noch gestern hinter dem Rücken des Juden die wahren Verbrecher nicht bemerkt haben ... Jüdische Presse. Trotz aller Zirkulare und Verbote, die gegen die jüdische Presse ergehen, versucht doch das „Jiddische Wort" durch alle Schwierigkeiten hindurch sich einen schmalen Weg zu bahnen.

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