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Jüdische Korrespondenz · 1917-02-15 · 6 (15.2.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
6 (15.2.1917)
Date
1917-02-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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tische Korrespondenz Mich k i-2o. Wochenblatt für jüdische Interessen, j w^'vnrlisetSTS' r Ourtltnangabe gestattet Redakteur: Jonas Kreppet. j Erschei nt jeden Donnerstag Preis per Nummer 10 Heller. Vierteljährlich K 1-20. iaaUmck mit v«Her QurUenaiigabe gestattet Redaktion und Administration: Wien, VIH. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag Mr. 6. Wien, 15» Februar- 1917. 3. Jahrgang. Russische Freude ob Wilsons Kriegssctiritt. (Spezial-Bericht der „jüdischen Korrespondenz".) Kopenhagen* 11. Feber 1917. Wenn Wilsons Versicherungen, daß seine Haltung in diesem Kriege nurton den Gefühlen und Empfindungen der Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit diktiert wird, auch nur einen Funken von Aufrichtigkeit erhalten, dann müßte ihn die Aufnahme, die sein Kriegsschritt im Lager der russischen Reaktionären gefunden hat, belehren, wie falsch und verfehlt seine Taktik ist. Daß der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Amerika und Deutschland sowie die Möglichkeit, daß die nordamerikanische Union sich der Entente aktiv anschließen werde, im Lager der Entente überhaupt den höchsten Jubel ausgelöst hat, kann man nur als natürlich hinnehmen. Der Zehnverband, der trotz aller Ruhmrederei seine Siegeshoffnungen immer mehr schwinden sieht, ist natürlich hochbeglückt darüber, einen neuen Helfer in der Not zu erhalten. Rußland, das noch mehr als die Westmächte auf amerikanische Munition und amerikanisches Geld angewiesen ist, freut sich selbstverständlich noch mehr ob des neuen Bundesgenossen, der nunmehr wahrscheinlich nicht weiter so „kleinlich" sei« dürfte, für seine Lieferungen Bezahlung und für seine Anleihen vollwertige Deckung zu verlangen, Darüber braucht man sich nicht im geringsten wundern. Eine ganz spezielle Freude, ja geradezu ein Jubelgeheul, bekunden aber die russischen -BttsteflhTge, denen die bisherige Hältung Amerikas höchst unbequem war. Galt doch Aerika stets als der „Schutzengel der Juden" und mußte man doch in Peterburg annehmen, daß Wilson es sein könnte, der bei den künftigen Friedensverhandlungen ein Wort zugunsten der so unmenschlich bedrängten und verfolgten Millionen russischer Juden sagen wird. Bezüglich der Westmächte war man darüber im Klaren. Als Freunde und Bundesgenossen hat man sie schon längst dazu „dressiert", die Judenfrage in Rußland als eine „interne Angelegenheit des Zarenreiches" zu betrachten und sich jeder Ingerenz zu enthalten. Amerika aber, das erst vor wenigen Jahren seinen Handelsvertrag mit Rußland — der Juden wegen — gekündigt hatte, könnte ja vielleicht so „dreist" sein, wieder einmal sich von idealistischen Motiven leiten zu lassen und eine Verbesserung der Judenlage im Zarenreiche energisch zu fordern. Das wäre aber für die „Kämpfer für Kultur und Menschlichkeit" eine höchst unbequeme Sache. Die Gefahr lag umso näher, als ja die Juden Amerikas diesbezüglich eine große Aktion eingeleitet haben und einen Kongreß vorbereiten, der diese Frage urbi et orbi aufs Tapet bringen soll. Der Zar, der bisher allen amerikanischen Protesten und Interventionen zugunsten der Juden ein entschlossenes „non possumus!" entgegengesetzt hat, könnte dann unter Umständen gezwungen sein, gewisse Konzessionen zu machen. . . . Nun aber ist Rußland von dieser Gefahr befreit. Die Reaktionären haben allen Grund, den Mannen Plehwes und Stolypins fette Ochsen zu opfern. Amerika, als Bundesgenosse, wird schon eine gebundene Marschroute einhalten müssen. Von Washington aus droht der russischen Reaktion keine Gefahr. Vielleicht wird das Land des Kolumbus auch aufhören, das Asyl aller derjenigen zu bilden, die gezwungen sind, den Staub des heiligen Zarenreiches von Ihren Pantoffeln abzuschütteln. Die russische Ochrarta, die in Paris und London Ihr Unwesen treibt, hat einen genug langen Arm, um auch "jenseits des Ozeans „wirken" zu können. . . . Vorläufig hat Wilson wohl noch nicht den Entschluß gefaßt, den letzten Schritt zu tun. Er zögert mit der Kriegserklärung und scheint selbst gewisse Bedenken zu haben. Vielleicht graut es ihm vor ttera Gedanken, der Verbündete d§s Pogrqm - Zaren w werden. . . Sollte er aber sich daza entschließen, dann möge er es nur wissen, wem er damit die größte Freude bereiten wird. Unsere Glaubensgenossen in Amerika, die es bisher so oft verstanden haben, sich in politischen Fragen Geltung zu verschaffen, mögen ihrerseits ebenfalls wissen, was das Kriegseingreifen Amerikas für die Zukunft der Millionen Juden Rußlands bedeuten würde. Andererseits dürfte es sich nochmals bestätigen, daß die Mittelmächte die einzigen Faktoren sind, deren Sieg auch den Millionen Juden Rußlands und Rumäniens Freiheit und Erlösung bringen würde. Z' foni. Die Mastzofh-Fratje. Dank dem Entgegenkommen der maßgebenden Behörden befindet sich die Mazzoth- Frage bereits in einem günstigen Stadium. Prinzipiell wurde bereits der israelitischen Kultusgemeinnde in Wien die Zuweisung eines bestimmten Quantums Brotgetreide für Mazzoth, welches sie unter eigener Aufsicht vermählen und verbacken können werde, zugesichert. Die genaue Bestimmung des Getreidequantums wird erst nach Vorlage einer Liste der in Betracht kommenden Personen bestimmt werden. Um diese Liste festsetzen zu können, hat die Kultusgemeinde folgende Kundmachung veröffentlicht: „Der Bezug von Mazzoth für das diesjährige Pessachfest wird nur gegen Brotkarten und auf Grund einer vom Vorstande der Kultusgemeinde ausgestellten Mazzoth - Bezugskarte erfolgen können. Parteien, welche auf Mazzoth reflektieren, haben dies unter Benützung der hiezu bestimmten Anmeldekarten bis längstens Montag, den 25. Februar 1917 dem Sekretariate der israelitischen Kultusgemeinde Wien bekanntzugeben. Später einlangende Anmeldungen können nicht mehr berücksichtigt werden. Anmeldekarten sind ab Montag, den 12. Februar in der Zeit zwischen 9 bis 12 Uhr vormittags und 2 bis 6 Uhr nachmittags unentgeltlich an nachfolgenden Stellen zu beheben: 1., Seitenstettengasse 4, IL, Ferdinandsstraße 23, IL, Pazmanitengasse 6, Hl.. Untere Viaduktgasse 13, V., Siebenbrunneng. 1, VI., Sehmalzhoigasse 3, VIII., Neudeggergasse 12, IX., Müllnergasse 21, X., Humboldtgasse 27, XI., Braunhubergasse 7, XV., Turnergasse 22, XVI., Hubergasse 8, XVI1L, Schopenhauerstraße 39, XIX., Dolingergasse 3, XX., Kluekygasse 13, XXI., Holzmeistergasse 12. Die Verlautbarung betreffs Behebung der Bezugskarten und der näheren Bestimmungen bezüglich des Mazzoth - Verkaufes werden rechtzeitig erfolgen". Wir fügen noch hinzu, daß man auch im Lokale der „Agudas-Jisroel", IL, Große Pfarrgasse 23, Anmeldungsformulare erhalten und dortselbst auch die Anmeldung hinterlegen kann. Im Sinne einer Vereinbarung mit dem israelitischen Kultusvorstande, haben Diejenigen, die Mazzoth unter Aufsicht der „Agudas- Jisroel" wünschen, dies auf der Rückseite der Anmeldungskarten zu bemerken, oder direkt bei der Aguda ihren Wunsch anzumelden. * Sonntag, den 11. d. M., abends, fand im Lokale der „Agudas - Jisroel" eine zahlreich besuchte Versammlung bezüglich der Mazzoth- Frage statt, der auch die Rabbiner von Brody, Buczacz, Krakau, Trembowla usw. beigewohnt haben. Der Vorsitzende, Herr J. J. Thumim, berichtete ausführlich über den Stand der Angelegenheit und erklärte, daß es sich selbst im günstigsten Falte als nötig erweisen könnte, daß die „Agudas - Jisroel" eine spezielle Aktion für die orthodoxen Flüchtlinge aus Gaüzien und der Bukowina werde führen müssen, u. zw. sowohl bezüglich der Beschaffung des Getreides, der Aufsicht bei der Erzeugung der Mazzoth, sowie eventuell bezüglich des per Kopf zu entfallenden Quantums. Nach einer längeren Diskussion, an der sich die Herren Steinberg, Hammer, Mayersohn, Schreiber, Weiser, Beckmann, Araten, sowie wiederholt der Vorsitzende Herr Thumim und die Rabbiner , aus Brody und Buczacz' beteiligten, wurde beschlossen, eine spezielle permanente Kommission zu wählen, der die Aujgöi^jffifjillt, die Angelegenheit mit großer Aiifm^pslrfnkeit zu verfolgen und alle nötigeii^Schfitte zu unternehmen, um ein günstiges. Resultat zu erreichen. Der Rabbiner-Rat der Aguda, wurde ersucht, seinerseits bezüglich . derf'religiösen Vorschriften alles klarzustellen, Um»hötigenfalls eine Entscheidung ungesäumt fällen zu können. Der Kommission gehören folgende Herren an: Vorsitzender J. .1. Thumim. Aba Hammer aus Kolomea, Israel Araten (Krakau). Weiser (Buczacz), B. Steinberg (Rzeszow), Akiwa Schreiber (Sereth), Dawid Fast (Tarnow), Leiser Gutwirth (Lemberg) und Chaim Mayersohn (Stryj). Die Kommission hat sofort ihre Arbeiten aufgenommen und die erste Sitzung abgehalten. Die Orthodoxie Kommt zur Gellung. (Brief aus Warschau). In der Haltung der deutschen Okkupationsbehörden der Judenfrage gegenüber scheint eine wesentliche Wandlung vorgegangen zu sein. Das Kokettieren mit den extrem-jüdischen Gruppen hat autgehört und die eigentlichen breiten jüdischen Volksmassen, die Orthodoxen, die das Gros der Juden Polens bilden, kommen immer mehr zur Geltung. Die äußere Erscheinung dieser Wandlung kommt in der Aenderung in dem jüdischen Pressewesen zum Ausdrucke. Die~5ttt ItT MoHäWhl" Warschau erschienene jiddische Tageszeitung „Warschauer Tageblatt", die von der deutschen Presseverwaltung herausgegeben wurde, gab am 30. Januar ihre letzte Nummer heraus. In dieser Abschiedsnunimer erklärt die Redaktion, sie müsse ihre Tätigkeit einstellen weder aus Mangel an literarischen Kräften, noch aus Mangel an einem genügenden Leserkreis, sondern lediglich, weil das „Warschauer Tageblatt" einer anderen Tageszeitung seinen Platz räumen muß. Am folgenden Morgen erschien die erste Nummer einer neuen Tageszeitung „Das Jüdische Wort", die sich in ihrem Programmartikel als Organ der Orthodoxie deklarierte. Ohne dal! es deutlich gesagt wurde, ist es einleuchtend, daß „Das jüdische Wort" dazu bestimmt ist, die Steile des „Warschauer Tagblattes" einzunehmen und als offiziöses Organ der deutschen Presseverwaltung zu gelten. Die deutsche Okkupationsmacht scheint zur Ueberzeugung gelangt zu sein, daß die Orthodoxie dasjenige Element sei, auf welches sich die maßgebenden Kreise vornehmlich stützen dürfen und deren Interessen am ehesten in Betracht kommen, während die sogenannten radikalen Gruppen es wohl verstehen, viel Lärm zu schlagen und unter Umständen auch die Volksmassen mitzuziehen, nichtsdestoweniger aber bloß eine Minorität darstellen und keineswegs das Recht haben, im Namen der Judenschaft Polens zu sprechen und zu handeln. Um die Tragweite dieser Wandlung in ihrem ganzen Umfange würdigen zu können, muß man sich zunächst das Bild vor Auger. halten, das die jüdischen Verhältnisse in Polen darstellten, als die deutsche Okkupationsmacht mit ihrer Verwaltung einsetzte. Die breiten Volksmassen, die Orthodoxie, verfügte über keine wie immer geartete Organisation, hatte gar keine Presse zur Disposition und spielte gewissermaßen die Rolle des stummen Zuschauers. Die radikalen Gruppen hingegen verfügten über ausgebildete und routinierte Organisationen, hatten eine weitverbreitete Presse zur Disposition und verstanden es, mit der Hilfe gewisser Jüdischer Kreise in Deutschland den Eindruck zu erwecken, daß sie tatsächlich das Oesamtjudentum in Polen repräsentieren. Das sogenannte Berliner Komitee des Ostens setzte mit einer lebhaften Agitation in Wort und Schrift ein. um den deutschen maßgebenden Kreisen den Nachweis zu liefern, daß die Juden Polens eigentlich Deutsche seien, daß die jiddische Sprache eigentlich ein deut-

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