Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 4 (30.1.1917)
- Date
- 1917-01-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 4. ajien Teilen der Welt in den verschiedensten SfcfcatÄerangen existieren, bat es sich jetzt ar# klarsteii gezeigt, welcher mnigsteri Sympathie! steh unser in Gott ruhender Moterrcft bei allen Juden ohne Rücksicht atrf Sfaateängehörigkeil and Richtung erfreute. Djesfc {leffihjfe äußerte»» sich auch in öffentlichen KdMgethWigen in Form von Trauerfeierlichkeiten. Donnerstag, den 30. November 1916, um 10 Uhr vormittags, fand die Trauerfeier im größten Tempel der angirischen Gemeinde statt. Die ganze Gemeinde und viele geladene Gäste waren anwesend. Der altehrwürdige Rabbiner Qiajim Sonnenfeld hielt die Trauerrede; passende Psalmen wurden rezitiert; manche Tränen und ausgeweinte Augen wurden sichtbar. Arn* Nachmittag desselben Tages organisierte die österreichische Gemeinde ihre Tranerfeier. Es ist interessant, daß die Trauerkundgebung in jenem Tempel — sogenannte ßack'sche Schal — stattfand, dessen Fertigsteltang Seine kaiserl. und königl. Apostolische Majestät der verewigte Herrscher anläßlieh seines hohen Besuches in der heiligen Stadt durch eine hochherzige größere Spende von K).0f)0 Gulden ermöglichte. Bei dieser Feier sprach flerr Vorsteher P. Schapira. Montag, den 4. Dezember 1916, veranstaltete die Edler von Lame! - Schule, die 60 Jahre bestehende jüdische österreichische Lehranstalt, die das Glück hatte, von Seiner Majestät besucht zu werden und zwei höehstdessen Photographien mit separater Widmung geschenkt zu erhalten, eine großangelegte Trauerfeier. Das Programm lautete: Schüler- Blasorchester; einleitende Ansprache des Direktors Herrn Ephraim Cohn; Seminarchor; Ansprache des Prorektors Herrn .1. Preß an die Schüler; Lämelschülerchor: Trauerrede des Seminarlehrers Rabbiner M. Groß; Seminarclior; Rede des Großrabbiners (Chacham- Pascha) Ehrw. Nissim Danon; Seelen- und Kaisergebet; Kantor A. Bardaki; Orchester. Anwesend war ein zahlreiches, vornehmes, geladenes Publikum. U. a. bemerkte man die Herren: K. u. k. Konsul Kraus. Vizekonsul v. Marquet, deutscher Generalkonsul Dr. Brode und der Vizekonsul, zahlreiche österr.-ungar. und deutsche Offiziere, das Rabinatskollegium, die Vorsteher der vereinigten Gemeinden, Abordnungen der ungarischen u. österreichischen Gemeinden, viöle sephardische Chachamim. Aerzte und Lehrer. Die Feier, die in der herrlich geschmückten Aula der Lämelschule stattfand, hat einen überaus würdigen Verlauf genommen und machte einen tiefen Eindruck auf :'lle Anwesenden. Ueber telegraphische Veranlassung des Herrn Dr. Sander Lederer, Präsidenten des ungarischen Palästinahilfskomitees, wurden überdies in den meisten Synagogen und an der Klagemauer Gebete für das Seelenheil des verschiedenen glorreichen Monarchen, für eine segensreiche Regierung Sr. Majestät Karl 1. und für den Sieg der österr.-ungar. Waffen verrichtet. Die Kosten bestreitet Herr Dr. Lederer. Die hebräische Monatsschrift „Lefi Schaa" gibt eine ganz dem Andenken und der Würdigung Sr. Apostolischen Majestät, des allgeäebteH Kaisers s. A. gewidmete Smäiäxivamm Serags, wö ganz besonders iÄtereÄÄe JSaten i&ei^den seiaerzeitigen hohen' Be&c#*Sr. "Maifetft in unseter heiligen Sta^t z» %?eröffent- IfehÄBg getanen werde». '''' *;?-;'' V■'•.fa* \ ''* -• , , , „ Umsiedlung der PlOchfllnge und der Evakuierten. Aas Krakau wird geschrieben: Es findet gegenwärtig eine Umsiedlung der Flüchtlinge und der Evakuierten aus de* östlichen Ländern der Monarchie nach Qalizien statt." Nach der betreffenden Minist'ertal-Verordnung steht den Umgesiedelten eine'l&ihe vow ErteteWerungen z», andererseits aber haben sie mannigfache Pflichten, über welche sie belehrt werden sollten. Die erwähnte Verordnung des Ministeriums des Innern bezieht sich in gleichem MaBe auf die Flüchtlinge und auf die Evakuierten. Sie haben sich m den nachfolgenden Bezirken anzusiedeln: Biäla, /.y wiec. Osuieeim. Chrzanow, Wadowice, Myslenice, Nöwy Targ, Lhnanowa, Bocbnia, Ürzesko/Nowy Saez, Grybow, Tarnow, Dafcrowa, Mielee, Pilzno, Gorlice, Jasio, Krosito, StrzyzoV, Ropcxyce, Kolbuszowa; Tarnobrzeg, Nisko, Rzeszow, Laneut, Przeworsk, Braozow, Sanok, dann in den politischen Bezirken Krakau, Wieliczka und Po'dgörze, soweit sie sich außerhalh des Krakauer Festungsgebietes befinden. Die Aufenthaltsorte werden von der Statthalterei nach einem im Voraus bestimmten Plane angewiesen. Die Flüchtlinge sollen entweder in Privathäusern oder in hiezu erbauten Baracken untergebracht werden, in welchen nötigerweise entsprechende Adaptationen vorgenommen werden, wie zum Beispiel die Aufstellung von Oefen usw. Unterhaltsbeiträge können nur jene Flüchtlinge und Evakuierten beziehen, die österreichische Untertane ohne Unterschied von Nationalität und Konfession sind und eigene Mittel nicht besitzen. Eine Qualifizierung der Umgesiedelten nach Arbeitsfähigkeit findet nicht statt. Die Auswahl des Aufenthaltsortes trifft die Statthalterei im Einverständnis mit der Landes-Wiederaufbau - Zentrale. Vor der Ankunft in die Aufenthaltsorte unterliegen die Umgesiedelten derT)esinfektion und Revision durch Staatspolizei; sie passieren alle eine von den zwei Perlustrierungs - Stationen. Dies bezieht sich auch auf diejenigen, die eine staatliche Unterstützung nicht beanspruchen. In den Perlustriertmgs-Stationen erhält ein jeder eine Legitimation, in der sein Aufenthaltsort bezeichnet ist. Nach Ankunft in dem Aufenthaltsorte steht den Umgesiedelten das Recht zu, sich mit ihren Legitimationen sogleich — spätestens jedoch im Laufe von acht Tagen — bei der Bezirkshauptmannschaft um Unterstützung zu melden und zwar persönlich. Kinder unter 14 Jahren müssen sich nicht persönlich melden. Bei der Bezirkshauptmannschaft werden die Legitimationen von der Perlustrierungs - Station abgegeben und neue, mit Photographie versehene, ausgefolgt. Die Kosten der Photographie trägt der Staat. Die Wie wurden wir nun dafür behandelt? Man frage nicht! Es ist zuschrecklich. \n 4tei Monaten gab man ans niefit ein einziges JWal die Gelegenheit, unseren Körper zu waschet . . . . Fr dem bißchen Brühe, das man uns unter dem Namen „Suppe" auftrug, fanden wfr' gaftze naturwissenschaftliche Sammlungen . . . Wart- /ui und Mäuse waren die häuslichsten Tiere in unserer Suppenkollefttion. Kranksein half nichts: Als ich mich einmal beim Doktor beklagte über Schmerzen an einem Fuß, ließ er hiir einen Löffel Rizinusöl geben .... Als ich wich krümmte, wurde er böse auf mich und ließ mich vier Tage einstecken. Zu diesen vier Tagen gab mir der Herr Kapitän noch vier Tage Zulage und der Herr Kommandant noch weitere vier Tage. Ein Glück war es, daß der Herr Präsident nicht dort war, sonst wäre ich vielleicht im Gefängnis gestorben. Wie Ihr wißt, erschießt der Feind jeden Kriegsfreiwilligen, der ihm in die Hände fallt. (Natürlich eine diesen Aermsten emgebläute Verleumdung des deutschen Heeres. Der Utbersetzer.) Die Kriegsfreiwilligen werden leicht erkannt von den Deutschen, weil sie ganz andere Knöpfe au ihren Uniformen tragen. Als wir hörten, daß die Franzosen ihr Versprechen nicht hielten und uns in den Krieg schicken wollten, baten wir. man möge uns dieselben Knöpfe annähen, wie den regulären Truppen. Unsere Bitte wurde barsch abgewiesen. Auf unser Vorhalten, daß die Deutschen uns nach unserer Gefangennahme erschießen würden, erklärte der Kommandant: „Ein jeder von Euch erhält 120 Kugeln, davon sind 119 für den Feind und die letzte für Euch selbst." Was uns am meisten kränkte, das waren die beleidigenden Ausdrücke, die unsere Herren Vorgesetzten tagtäglich uns an den Kopf warten. „Schmutzige Juden", „dreckiges Gesindel" und dergleichen waren noch die schönsten Beinamen, mit denen man uns beehrte, und das alles zum Lohne dafür, daß wir bereit waren, urser Blut für Frankreich hinzugeben." Der Erzähler, Simon Orloff, kam nicht in den Krieg. Er wurde krank und mußte in ein Lazarett gebracht werden. Dort erklärte ihn der Arzt für dauernd untauglich, so daß er aus dem Heeresdienste entlassen werden mußte. Er begab sich nach New - York zu seinem Vater und ist seither ein eifriger Anhänger Peutsehlands geworden und wünscht den Alliierten eine Niederlage nach der andern. „Frankreich", sagt er, „hat mich zum Deutschenfreund gemacht." Trauerkundgebung flir weiland Kaiser Franz Joset in Jerusalem Aus Jerusalem wird berichtet: Das für uns unerwartete Hinscheiden unseres allgeliebten, teueren Kaisers hat auch hier in der heiligen Stadt in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung, ganz besonders aber bei den österreisch-ungarischen Untertanen, den tiefsten Eindruck und lebhafteste Anteilnahme gefunden. Gerade hier, wo Juden aus „Der Kaiser! Der Kaiser!" (Skizze). Von I>. S. Silberbuscli. (Schiuli). Rachela ist siebzehn Jahre alt. Die Heiratsvermittler rennen bei Ghana Lea die Türen ein. Sie laben Rachela';, Vorzüge bis über den grünen Klee und „reden ihr Partien" - eine besser als die andere. Ghana Lea lächelt stolz und zuirieden. Ü, für ihre Rachela ist, unberufen, schon alles hergerichtet. Eine königliche Ausstattung, ein Kasten voll Wäsche Und Kleider. Sogar das Bettzeug sei fertig. Und zur Mitgift wird sie auch, üott sei lob und dank, bei niemand leihen brauchen. Aber — es ist Sommersanfang . . . Sie. Ghana Lea. hat den ganzen Winter hindurch stark gehustet, stärker als sonst, und der Doktor hat ihr gesagt: „Ghana Lea! Bedenken Sie, bei Euerer Liebe zu Gott und zu Euerem einzigen Kinde, bedenken Sie! Für den ganzen Sommer müsset Ihr „auf die Luft" fahren. Ihr müßt anch Molke trinken!" . . . Was soll sie nun mit Rachela machen? Sie allein zuhause lassen, das kann und will sie nicht! Also muß sie mit ihr mit auf's Land . . . Also erst im kommenden Herbst, wenn es Gott gefällt, wird sie ernstlich an eine „Partie" denken dürfen. . . . Als aber Ghana Lea wieder allein in ihrer Stube zurückblieb. entrang sich ein schwerer Seufzer ihrer Brust: „Weh ist der Mutter!" . . . Hat sie -doch vor Pessach in dem Speichel ihrer Rachela, ihrer einzigen Rachela. Blut bemerkt. . . . Die Nachbarn sollen und dürfen es — üott behüte — nicht erfahren. Dieselben müssen wirklich mir glauben, daß sie selbst, Ghana Lea. die Molkenkur braucht. Der Doktor sagte ja: „Ks bedeute nichts Leiter. Das körte bei »Ben Mädchen in;hrem Alter vor. wenn sie im Wachsen sind. Zuerst Gott und dann die Molkenkur, und alles wird schon wieder gut werden!" ... <* * * Zwei Tage vor dem Versöhnungstage knickte der Tod eine Rose in ihrer vollen Blüte, Rachela tat ihren letzten Atemzug. Alles jammerte und klagte beim Anblicke der so schwer geprüften Mutter. Die Mutter selbst war wie versteinert. Erst am Versöhnungstage, leim „Unsane taukef", öffnete sich ihr Tränenquell. Ein herzerschütternder Aufschrei durchzitterte die ganze ..Weiberschül". Am Ausgange des Versöhnungstages, als Chana Lea aus dem Tempel nach* Hause kam, da betrachtet sie gar lange, lange, das Bild des Kaisers und ehr tief sr Seufzer entrang sich ihrer Brust: „Auch er hat ja im Leben das teuerste verloren!" Kurz darauf ließ sie sich ihre Nachbarin, eine arme Witwe kommen, deren Tochter 'die beste Freundin ihrer Rachela war. Sie schenkte ihr die ganze Ausstattung, Wäsche, Kleider und Bettzeug. Dabei sprach sie zu ihr ganz ruhig: „Auch Mitgift darfst du getrost so und so viel versprechen . . . Deine Tochter, gesund soll Sie sein — ist ein gutes jüdisches Kind ... Und eine Waise . . . Meine Rachela hat sie lieb gehabt . . . Soll die teuere Seele im Grabe Frieden finden!" .". . *' * * Chana Lea war damals kaum 35 Jahre alt, aber zerbrochen wie ein Scherben. Mit ihrer Zukunft hat sie bereits abgeschlossen. Funkelnagelneue Todtenklevder hat sie sich bereits hergerichtet. Sie selbst lebte nur mehr von den Brocken des Gewesenen, der Erinnerung. Für sich braucht sie gar wenig. Aber für die Seelen ihres Mannes; Ihrer Rachela, ihres Vaters und ihrer Mutter darf ihr nichts zu teuer sein. Ihr Sinnen tmd Denken bewegt sich im Reiche des Todes, In den heflefl Räumen des Jenseits. Bloß zu einem einzigen lebendigen Wesen fühlt sie sich noch in ihrem zertrümmerten Leben hingezogen; Zum Kaiser! . . . * * * Als Chana Lea vom Ausbruche des Weltkrieges hörte, da war ihre erste Sorge nur er: Was sagt er dazu? Was macht e r? Gerade e r, der Kaiser, der von jeher den Frieden geliebt hat, muß auf seine alten Tage mit Gewalt in einen solchen Krieg hineingerissen werden?! ... * * * Chana Lea ist nicht nach Wien „geflüchtet", mir irgendwie — wie und wieso weiß sie selbst nicht — mit den anderen Flüchtlingen mitgerissen worden'. Aber als sie dann in Wien War, da war ihr erstet und einziger Gedanke: „Noch einmal im Leben den Kaiser sehen!'' * * * Ich zweifle sehr, ob jemand das alte, zerbrochene Judenweib bemerkt hat, das allein und abseits vom Wege in der Nähe des Schönbrunner Schlosses herumirrte. Aber sie hat „ihn" gesehen. Sie hat „ihn" beim Fenster erblickt und sie hat „ihn" erkannt: Der Kaiser, der Kaiser! Hat er sich doch fast gar nicht verändert. Dieselbe Oüte strahlte ja von ' seinem lichten Antlitz wie damals, damals. . . . Aus den dichten, finsteren Wolken, von Chana Lea's verwelktem und zerknittertem Gesicht leuchten wieder funkelnd zwei iroße, schwarze Augen. Das alte Erlebnis aus Ihrer Mädchenzeit lebte wieder auf in seiner ■vollen Kraft. ... Und Ghana Lea wankt. Sie wird von etnem heftigen Husten 'befallen. ''Wien,' 15. Mai 1915.