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Jüdische Korrespondenz · 1917-01-30 · 4 (30.1.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
4 (30.1.1917)
Date
1917-01-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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indische Roppespondenz Preis per Nummer 10 Heller. H/«„1,««UI«M „ j-j. < w i Redaktion und Administration: vierteljährlich k 120 Wochenblatt für judische Interessen. Wien, vm. AiwntnBe 55. JtaeMoK*»« (Mbaufalie g«Uttet | Redakteur: Jonas Kreppel. \ Erscheint jeden Donnerstag Hr. 4. Wilson und Rußland-Rumänien. Präsident Wilson hat zum zweiten Male das Wort zur Friedensfrage ergriffen. In einer sehr ausführlichen Botschaft an den amerikanischen Senat hat der Präsident ein eingehendes Programm seiner Friedensziele dargestellt und unter anderem für Amerika das Recht reklamiert, bei der Wiederherstellung des Friedens, respektive bei der Neugestaltung der Weltverhältnisse ein Wörtchen mitzureden. Der Schritt des Präsidenten Wilson hat die Friedensfrage, die nach der ablehnenden Antwort der Entente von der Tagesordnung zu verschwinden drohte, wieder in Fluß gebracht und die Regierungen der kriegführenden Staaten, sowie die gesamte Presse nehmen zur Botschaft des Präsidenten ausführlich Stellung. Es zeigte sich hiebei das charakteristische Bild, daß gerade die Ententemächte es sind, die am heftigsten gegen den Schritt Wilsons Front machen, wogegen die Viebundstaaten denselben wohlwollend und sogar teilweise zustimmend behandeln. Wieder einmal stellt sich heraus, welche Mächtegruppe ehrlich den Frieden w ünscht und welche die Fortsetzung des Krieges bis ins unendliche anstrebt, in der Hoffnung, daß es vielleicht doch gelingen könnte, die Gegner mittelst Hunger und Erschöpfung zu bezwingen. Es wäre wohl verfehlt, schon heute voraussagen zu wollen, welches positive Resultat der Schritt des Präsidenten haben wird. Eines aber ist gewiß: Wann u. unter welchen Umständeirimrner der künftige Friede zustande kommen soll, die Vereinigten Staaten von Nordamerika werden hiebei nicht als passive Zuschauer beiseite stehen und Wilson wird sicherlich alles in Bewegung setzen, um dabei zu sein. Bei der überragenden Rolle, die Amerika im gegenwärtigen Kriege spielt und beim Friedensschlüsse spielen wird, dürfte es Wilson sicherlich gelingen, sein Ziel zu erreichen. Inwiefern dies den Kriegführenden angenehm oder unangenehm sein dürfte, darauf wollen wir hier nicht näher eingehen. Uns interessiert hier bloß das jüdische Kapitel, das ieider wie bei jeder Gelegenheit auch in diesem Kriege einen wesentlichen Raum einnimmt. Vom jüdischen Standpunkt könnte das Eingreifen Wilsons unter Umständen zu begrüßen sein, falls er seine Aufgabe wirklich in dem Sinne auffaßt, den er in seiner Botschaft verkündet hat. Die Freiheit der kleinen Völker nimmt auch in der Wilson'schen Botschaft einen wesentlichen Raum ein. Ist es auch schwer, vorauszusagen, in welchem Ausmaße diese Frage die künftige Friedenskonferenz beschäftigen wird, eines ist jedoch sicher: Auch die Judenfrage dürfte dortselbst in irgend einer Form zur Sprache gelangen und diesbezüglich würden dem Präsidenten Wilson gewisse Aufgaben zufallen. Seine Vorgänger waren es, die vor Jahren sowohl gegen Rußland als auch gegen Rumänien der Juden wegen Front gemacht haben. Amerika hat vor Jahren einen scharfen Protest gegen die unwürdige und unmenschliche Behandlung der Juden in Rumänien erhoben. Amerika war es auch, das ein Jahr vor Kriegsausbruch seinen Handelsvertrag mit Rußland gekündigt hatte, weil das Zarenreich sich weigerte, die Reisepässe amerikanischer Juden anzuerkennen und denselben das Reisen nach Rußland zu gestatten. Aus eigener Erfahrung und Anschauung kennt man also im Weißen Hause zu Washington die traurige Lage der Juden in diesen beiden Ländern, die heute zum Verbände der Westmächte gehören und die Kühnheit haben, zu verkünden, daß sie einen „Kampf für Menschen- und Völkerrechte" führen. London, Paris und Rom dürften und müßten wohl schweigen, wenn die Judenlage in Rußland und Rumänien bei den Friedensverhandlungen zur Sprache gelängen werde. Washington aber wird hiebei nicht schweigen können und dürfen, mögen auch die Sympathien Amerikas im allgemeinen eher zur Entente hinneigen. Wien, 30. Januar 1917. Wilson müßte und sollte derjenige Faktor sein, der seine Stimme zugunsten der Juden im Zarenreiche und Rumänien erheben würde. Seinem Einflüsse würde sich die Entente kaum entziehen können. In diesem Sinne können die Juden Wilsons Eingreifen nur begrüßen. Spectator. Die Sonderstellung Galiziens und die Juden. Vorige Woche hat eine Deputation der größeren Kultusgemeinden Galiziens, unter Führung der Kultuspräsidenten von Lemberg und Krakau, beim Obmann des Polenklubs, Dr. v. Bilinski, sowie beim Minister für Galizien, Dr. v. Bobrzynski, vorgesprochen. Die Deputation erklärte, daß die Juden Galiziens die Forderungen und Wünsche der Polen bezüglich der Sonderstellung des Landes, resp. der Erweiterung seiner Selbstverwaltung vollauf unterstützen und sich mit denselben solidarisch erklären. Sie erwarten auch, daß die speziellen Interessen der jüdischen Bevölkerung, insofern diese hiebei in Betracht kommen, vollauf gewürdigt und entsprechend berücksichtigt werden würden. Die Mazzos-Frage. Vorigen Sonntag fand eine Vorstands- Sitzung der „Agudas-Jisroel" statt, welche sich mit der aktuellen Mazzosfrage beschäftigte. Der Beratung wurde auch der Rabbiner-Rat der Aguda, bestehend aus den Rabbinern von Brody, Buczacz und Krakauzugezogen, um die religiöse Seite dieser hochwichtigen Frage eingehend zu erörtern. Auch die Rabbiner von Przemysl, Bohorodczany, Trembowia und Kolomea wohnten der Beratung bei. Der Präsident Herr J. J. Thumim erstattete ausführlichen Bericht über die in dieser Angelegenheit seitens der Aguda unternommenen Schritte und konstatierte, daß die Lösung der Frage gewissen Schwierigkeiten begegnet. Nach einer eingehenden Diskussion wurde beschlossen, mittelst Interventionen bei den kompetenten Behörden, sowohl im Wege schriftlicher Eingaben, als auch persönlicher Audienzen die Sache weiterhin energisch zu betreiben, um ein günstiges Resultat ehestens herbeizuführen. Sowohl in Deutschland als auch in Ungarn ist die Mazzosfrage bereits positiv günstig gelöst. Es ist zu erwarten, daß auch die maßgebenden Kreise in Oesterreich dieser Frage, die besonders für die strenggläubigen Juden geradezu eine Lebensfrage bildet, das gehörige Interesse und das entsprechende Wohlwollen widmen werden. Der Antisemitismus in Frankreich. (Erlebnisse eines jüdischen Kriegsfreiwilligen). Durch die Presse ging dieser Tage die Nachricht von der Erledigung der Militärdienstfrage der Ausländer in der französischen Kammer. Danach mußte man annehmen, daß in Frankreich die Ausländer bis jetzt überhaupt nicht zum Heeresdienste herangezogen worden seien. Diese Annahme trifft jedoch nur mit einer gewissen Einschränkung zu. Zu Beginn des Krieges herrschte in Paris eine derartige Erregung gegen die russischen Juden, daß etwa fünfzehntausend von ihnen sich gezwungen sahen, „freiwillig" sich zum Militärdienste zu melden, um einen Pogrom gegen ihre Stammesbrüder zu verhüten. Einer dieser „Kriegsfreiwilligen", der infolge von Krankheit entlassen wurde, hat unlängst seine Erlebnisse in der New - Yorker „Wahrheit" folgendermaßen erzählt: „Ich kam im Juni 1914 nach Frankreich. Ich erhielt gleich darauf Arbeit und verdiente viel Geld. Zwei Monate später kam der Krieg und mit ihm die Mobilisation des französischen Heeres. Tausende von Männern wurden zum Heeresdienste einberufen. Tausende von Pariser Frauen sahen sich vereinsamt. Wenn sie auf die Straße kamen und bemerkten, daß wir. 3. Jahrgang. die Fremden, von denen über die Hälfte russische Juden waren, arbeiteten und wie im Frieden lebten, da wurden sie eifersüchtig. Schon am zweiten Tage nach der Mobilisation konnte man bei den Pariser Frauen eine feindliche Gesinnung gegen die Ausländer beobachten, besonders aber gegen die russischen Juden. Juden, die auf der Straße jiddisch redeten, wurden von dem Frauen-Mob als Deutsche betrachtet. Sie wurden geschlagen und verfolgt; viele auch wurden schwer verv undet. Arn Tage darauf hörte man schon Rufe, wie: „Schlaget die schmutzigen Juden tot!" „Nieder mit Deutschlands Spionen, den Juden!" usw. Das jüdische Ghetto war in \ngst und Sorgen. Man fürchtete Pogrome a la Rußland. Da erkannten wir jungen Leute, daß es in unserer Macht lag, ein schreckliches Blutbad y.u verhüten. Wir sagten uns, wenn wir nicht gleich den übrigen Ausländern als Freiwillige in das französische Heer einträten, würden wir das größte Unglück über unser Volk bringen. Und wir taten es. Versammlungen wurden in allen Teilen der Stadt einberufen. Gleich darauf meldeten sich beinahe 20.000 junge Leute freiwillig zum Eintritt in das Heer. „Vivent les .luifs". — „Es leben die Juden!", so riefen am anderen Tage dieselben Frauen, die am Tage vorher mit einem Blutbade gedroht hatten. Sie liefen den jüdischen Freiwilligen, die mit den blau-weißen Fahnen und unter den Hatikwah-Klängen durch die Straßen zogen, nach und küßten sie und wünschten ihnen gute Reise. """""" * " * "" Knappe 20.000 Juden hatten sich zum Kriegsdienste gemeldet. Der Kriegsminister hatte uns versprochen, daß man uns nicht in den Krieg schicken würde. Es hieß, man werde uns in den Städten zurückhalten, in und bei den Kasernen an Stelle der Soldaten, die an der Front waren. Was mit den anderen geschehen ist, weiß ich nicht. Mich und 1600 Andere schickte man nach Rouen. wo wir zum ersten Male Frankreichs Dankbarkeit erfuhren. Von Paris nach Rouen braucht man in normalen Zeiten sechs Stunden Eisenbahnfahrt. Uns aber ließ man drei Tage und drei Nächte zu vierzig Mann in einem Waggon fahren, in dem kaum für zehn Mann anständig Platz war, und ohne einen Schluck Wasser. In Rouen angekommen, wurden wir nicht etwa in einer Kaserne untergebracht, sondern in den Kellern eines alten Klosters, und als wir uns beklagten, erhielten wir die Antwort, für Juden sei das noch zu gut ... . Schlafen mußten wir auf den kalten steinernen Platten. Eine Decke für vier Personen war das einzige Bettgewand, das man uns gab. Es entstand eine Epidemie von Rheumatismus. Auch Fälle von Lungenentzündungen kamen vor. Am Dezember hörten wir, daß die Deutschen schon nicht mehr weit von Rouen standen. Mitten in der Nacht vernahmen wir plötzlich die Ankunft eines Eisenbahnzuges. Wir liefen hinaus und trafen unseren Kommandanten, der uns mitteilte, daß wir alle nach Toulouse kämen. Dort würde man uns auch eine Kaserne geben — tröstete er uns. Wieder wurden wir wie Heringe in die kleinen Wägelchen hineingepfercht, und wieder fuhren wir drei Nächte hindurch ohne einen Schluck Wasser. Die Aelteren von uns ertrugen noch so ziemlich die Leiden des Hungers und des Durstes. Die sechzehn- und siebzehnjährigen jüdischen Pariser Jünglinge aber wurden krank und ruiniert. In Toulouse brachte man uns in eine Kaserne und gab uns gleich Arbeit. Von morgens bis abends mußten wir exerzieren. Wir waren fleißige Rekruten und gaben uns alle Mühe, unsern jüdischen Namen nicht zu schänden, so sehr, daß der Kommandant nach drei Monaten das Zeugnis ausstellte, wir hätten in dieser kurzen Zeit soviel gelernt als ein französischer Soldat in drei Jahren. Wahr ist, daß die meisten von uns viel besser schießen konnten als unsere Vorgesetzten .... Durch diese Tatsache erklärt sich mir Frankreichs jetzige Niederlage ....

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