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Jüdische Korrespondenz · 1917-01-18 · 3 (18.1.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
3 (18.1.1917)
Date
1917-01-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3. JUdische Korrespondenz Seite 3 Wieder eine Judendebalie in der Duma. Das neue Gesetzesprojekt über die Kreisverwaltungen der Semstwo's hat in der Reichsduma eine lebhafte Debatte hervorgerufen. Das dem Qesetzesprojekt zu Grund gelegte Kurialsystern enthält viele Beschränkungen; unter anderem werden die Juden von diesen Verwaltungen vollständig ausgeschlossen. Zu diesem Punkte ergriffen in der Duma das Wort der Vertreter der Arbeitsgruppe Kerenskij und der bekannte Führer der Kadetten-Partei Roditschew. Kerenskij wies darauf hin, daß in dem Gesetzesprojekte die Tendenz durchgeführt wird, die Juden bis zur Durchführung einer allgemeinen jüdischen Gleichberechtigung von der Teilnahme an der Verwaltung auszuschließen, was dem Versprechen der allmählichen Abschaffung der nationalen Beschränkungen widerspricht. Im vorigen Jahre, als der Reichst'rma ein Gesetzesprojekt über die Abschaffung alier nationalen und konfessionellen Beschränkungen in der russischen Gesetzgebung vorgelegt wurde, ist behauptet worden, daß man die Gleichberechtigung nicht auf einmal, sondern bei der Einführung jeder einzelnen Reform durchführen muß. Die demagogische Politik feiert noch immer ihre Siege. Hingegen ist das Verhältnis der russischen Bauern zu den armen jüdischen Flüchtlingen, die zu ihnen auf ihren Wanderungen kommen, ein herzliches. Im Augenblick, da Rußland vorgibt, für die Rechte der kleinen Nationen, für die Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen, wird es durch solche Politik in den Augen aller Welt an den Pranger gestellt. Kerenskij schloß seine Rede mit den Worten: „Ihr, meine Herren, seid die Besiegten, denn Ihr gebt neue Waffen in die Hände derjenigen, die behaupten, daß Worte über nationale Gerechtigkeit im Munde der Entente Falschheit und Lüge sind, weil zu ihr auch Rußland gehört, welches seine nationale Hetzjagd fortsetzt und verstärkt." Roditschew führte aus, daß die Frage der Semstwo-Verwaltung diejenige ist, auf deren Lösung Rußland seit Jahrzehnten gewartet hat. Von der Bevölkerung werden jetzt immer größere Opfer verlangt, deren Voraussetzung die Gleichberechtigung aller Bürger sein muß. Und wenn man sagt, daß die Juden an der Semstwo-Verwaltung nicht teilnehmen dürfen, so wird dadurch das allgemein menschliche, das nationale und das persönliche Rechtsgefühl beleidigt. Die Worte, daß Rußland für Recht und Freiheit kämpft, müssen auf Wahrheit beruhen, sonst ist die Behauptung, daß es sich um die Verteidigung der kleinen Nationen handelt, nur eine leere Phrase. Dem Feinde darf nicht die kolossale Macht in die Hände gegeben werden, die in dem Bewußtsein besteht, daß er gegen einen Staat kämpft, der die Gerechtigkeit bei sich nicht walten lassen will. Von der Duma aus müßte sich die Stimme zur Verteidigung der Gleichberechtigung aller russischen Bürger, ohne Unterschied des Berufes, Vermögens und der Religion erheben. Die Verletzung dieses Gesetzes kann für Rußland zu einem verhängnisvollen Fehler werden, dessen Folgen nicht abzusehen sind. Das Gesetz wurde in seiner ursprünglichen Form mit allen Beschränkungen aufgenommen. Die musikalischen Ostjuden. In einer Schilderung eines Militärarztes über seine Erlebnisse im Felde findet sich folgende charakteristische Stelle: „Ueber die russisch-polnischen Juden wurde im Laufe dieses Krieges so viel geschrieben, daß wohl jeder Zeitungsleser aus der Lektüre bereits die Bekanntschaft dieses merkwürdigen Volkes gemacht hat. Im tiefsten Elend lebend, in Verhältnissen, von denen sich ein zivilisierter Europäer kaum eine Vorstellung machen kann, sindi diese Menschen trotz aller Unterdrückung und Drangsalierung gleichwohl die Kulturträger in weiten Landstrecken, sind die einzigen, die lesen und schreiben können, Handel und Gewerbe treiben, sind Gehirn und Nerven dieses bisher verwahrlosten, absichtlich in mittelalterlichem Dunkel gehaltenen Landes. Ihre Kinder sind von einem heißen Bildungsstreben erfüllt; Söhne und Töchter besuchen Mittelschulen, Konservatorien, Hochschulen, um dann, wenn sie während der Ferien nach Hause kommen, wieder unterzutauchen im jahrhundertealten Schmutze des heimatlichen Ghettos. In einer dieser kinderreichen Familien hatte ich eines Freitagabends einen Krankenbesuch zu machen. Eine einzige Stube, vom Lichte der Sabbatkerzen gespenstisch erleuchtet, angefüllt mit einem Gewimmel von Menschen beiderlei Geschlechtes und jeglichen Alters. Mitten in dieser Volksversammlung ein junges Mädchen mit hohem Fieber und schweren Typhuserscheinungen liegend. Und in diesem jeder primitivsten Anforderung von Sauberkeit und Hygiene spottenden Milieu lernte ich die erwachsene Haustochter kennen, welche in Lodz das Gymnasium absolviert hatte, durch den Krieg verhindert worden war, in Warschau „auf Medizin" zu studieren, und außer ihrem heimischen Jargon, dem Jiddisch, ziemlich gut Deutsch, Polnisch, Russisch, außerdem Lateinisch und Französisch sprach! Eine Unsumme von Intelligenz und Bildungsmöglichkeit liegt in diesem uralten Schmutz und Schutt vergraben, und wer das Kunststück zustande brächte, diesen Schatz zu heben, würde sich nicht nur um die armen, geknechteten Menschen, sondern auch um das ganze Land verdient machen. Bei diesen Ghettojuden traf ich in vielen Häusern Klaviere an. Fast alle Töchter spielten Klavier, und was mir unsäglich rührend vorkam in dieser jammervollen Umgebung, spielen mit Vorliebe gute, klassische Musik. Beethoven-Sonaten fand ich überall, und es gibt kaum einen größeren Gegensatz als dieses Milieu und das überirdische Largo einer Beethoven-Sonate, als diesen unbeschreiblichen Schmutz und eine weltentrückte Phantasie Schumanns! Im Sommer 1915 kamen wir während der großen Offensive nach G.. einem schmutzigen, armseligen Städtchen Wolhyniens. In jedem zweiten oder dritten der ebenerdigen, ausschließlich von Juden bewohnten Holzhäuser stand ein Klavier. Die jüdische Bevölkerung war in arg gedrückter Stimmung; eine rechte Freude über die Befreiung von der russischen Knute konnte nicht aufkommen, da schwere Cholera unter den Zivilisten wütete und täglich 20 bis 30 der Ghettobewohner starben. Wir Aerzte hatten alle Hände voll zu tun mit Impfung, Sanierung, Prophylaxe und Krankenbesuchen, während die Zivilbevölkerung in Angst vor der Seuche, in Scheu vor dem fremden Militär, in Sorge um Lebensmittel und Teuerung verschüchtert umherschlich. An einem freien Abend machte ich dort die Bekanntschaft eines Bösendorfer- Flügels, den die Russen aus Galizien mitgenommen und bei ihrem überstürzten Rückzüge in einem Judenhause stehen gelassen hatten. Die Familie bestand außer den Eltern aus einem Sohn und sechs Töchtern, die letzteren spielten sämtlich Klavier, der Vater mit schönem weichem Tone Geige. Ich versuchte die gedrückte Stimmung durch heitere Musik aufzurichten, was mir jedoch nicht gelang. Die armen Leute hörten aufmerksam zu, aber die Sorge wich nicht von ihrem Gesichte. Da kam der Alte auf mich zu und sagte: „Ganze Tage könnt' ich Ihnen zuhören, Herr Doktor, aber spielen Sie lieber was von Beethoven. Für uns Juden paßt mehr die ernste, schwere Musik". Und ich spielte ihm die „Appassionata" vor und die „Mondscheinsonate" und einmal im Zuge noch einige Sonaten, unter andachtsvoller Stille — bis der Alte anfing zu weinen. Da machte ich mich aus dem Staube, um nicht das gleiche zu tun-------- Die amerikanische Hilfstätigkeit für die Kriegsleidenden. Von Dr. Ludwig Darmstadter. Um allen verhetzenden Agitationen und grundlosen Beschuldigungen, denen das jüdisch-amerikanischi Hilis-Komitee ausgesetzt war, weil es angeblich bei der Verteilung der Unterstützungsgelder nicht im Sinne der Geber vorgegangen sei, den Boden zu entziehen, ist vor einigen Wochen der gedruckte Bericht erschienen, der auf nicht weniger als 154 Seiten eine spezifizierte Aufstellung über die Verteilung der Gelder gibt. Vom 20. Januar bis zum 15. August 1916 hat das amerikanische Hilfs-Komitee ausbezahlt an: Russen Dollar 1,800.000.00 Deutsch-Polen Dollar 1,454.500.00 Oesterreich-Ungarn, einschließlich Galizien Dollar 1,065.000.00 Palästina, einschließlich „Vulcan" Dollar 403.788.69 („Vulcan" ist ein mit Lebensmitteln nach Palästina geschickter Dampfer.) Griechenland und Türkei, außer Palästina Dollar 132.325.00 Alexandrfa Dollar 21.000.00 Jüdische Studenten an Schweizer Universitäten Dollar 5.000.00 Tunis, Algier und Marokko Dollar 5.000.00 Bedürftige Familien von russischen Juden in Frankreich Dollar 5.000.00 im ganzen Dollar 4,891.613.69 Was Rußland betrifft, so wurde das Geld der Jewish Colonisation Association (lea), welche die Verantwortung für die entsprechende Verteilnng übernommen hatte, überwiesen; für Polen, Litauen und Kurland unter deutscher Okkupation geschieht die Verte.Umg durch das Jüdische Hilis-Komitee für Polen, das ist durch den „Hilfsvcrem der Deutschen Juden". Außer diesen durch das Zentralkomitee gesammelten Summen sind auch noch von anderer Seite, namentlich durch die ..Jiddische Presse" und Privatgesellschaften, Sammlungen ins Werk gesetzt worden und größere Betrüge zur Verteilung gelangt. So zum Beispiel hat die „Hebrew Sheltering and Emigrant Aid Society" unter Vorsitz von Richter Sanders in Neu-York eine segensreiche Tätigkeit entfaltet, indem sie in Lionel C. Marcus einen Vertreter nach Europa entsandt hat, der schon seit einein halben Jahr von Berlin aus eine Verbindung zwischen den Verwandten von Juden in Polen, Galizien, Rumänien mit ihren in Amerika weilenden Angehörigen vermittelt und die von den amerikanischen jüdischen Familien aufgebrachten Summen von Berlin aus direkt an die einzelnen Familien in den vom Krieg heimgesuchten Ländern in d e Wege geleitet. Dieser neueste Rechenschaftsbericht ist ein Ruhmesblatt für die amerikanische .ludenheit, ein umso unvergänglicheres, weil die Wirkung dieses gigantischen Weltkrieges für keinen der amerikanischen Bevölkerungskreise von so nachteiligen wirtschaftlichen Folgen ist. wie für die Ghettobewohner der amerikanischen Großstädte. Tausende von Fabriken, besonders in der Kleider-, Wüsche- und Textilindustrie, sind in ihrer Tätigkeit beschränkt und Tausende und Abertausende von Arbeitern und Arbeiterinnen dadurch arbeitslos geworden, ohne anderweitig Beschäftigung finden zu können. Die Lebensmittelpreise sind enorm in die Höhe gegangen, und noch nie sind die lokalen Hilfsgesellschaften der amerikanischen Großstädte so sehr in Anspruch genommen worden, wie seit Beginn dieses Winters. In der jüdisch-amerikanischen Presse wird in allen Tonarten an die Opferwilligkei der amerikanischen Judenhcit appelliert und trotz alledem hat neuerdings eine weitere rege Tätigkeit zur Aufbringung von größeren Summen für die notleidenden Juden in Europa eingesetzt. Herr Dr. Juda Magnes, der als Vertreter des amerikanisch-jüdischen Hilfs-Komitees erst kürzlich ans Europa nach Amerika zurückgekehrt ist und seinen amerikanischen Glaubensgenossen nach eigener Erfahrung und Anschauung schilderte, welch ungeheures Elend dieser Krieg über die osteuropäischen Juden verhängt hat, versucht, wie in diesem Blatte bereits kurz gemeldet wurde, ein Kapital von 40 Millionen Dollars aufzubringen, um durch zinslose Darlehen hilfsbedürftigen Juden dieser Länder die Mittel zu bieten, in ihren früheren Geschäften tätig zu sein und sich dadurch wieder eine Existenzmöglichkeit zu verschaffen. (H. 1. Fbltt.) Jüdische Rundschau. Trauerkundgebung für Kaiser Franz Josef in New-York. Aus New-York wird geschrieben: Das Hinscheiden weiland Kaiser Franz Josefs hat unter der hiesigen Judenschaft die größte Erschütterung hervorgerufen und die allgemeine tiefinnere Trauer fand ihren äußeren Ausdruck in der feierlichen Trauerversammlung. welche am 30. November im Cooper- Union-Saale stattgefunden hat. Der Riesensaal war bis zum Erdrücken voll und etwa 10.000 bis 12.000 Personen standen draußen, da sie keinen Einlaß finden konnten. Der Vorsitzende der Versammlung, Herr Pfeffer, erklärte in seiner Eröffnungsrede, daß die aus Oesterreich stammenden Juden in Amerika sich veranlaßt gesehen haben, diese Versammlung abzuhalten, auf die Gefahr hin, als Bindestrich-Amerikaner verschrieen zu werden. Das Dankbarkeitsgefühl der Juden für Kaiser Franz Josef, dessen Huld und Onade den Juden gegenüber in der ganzen Welt bekannt sind, gebietet ihnen, jede Rücksicht beiseite zu lassen und dem Gefühle ihres Herzens zu folgen. Nach einigen ergreifenden Trauerreden, welche die Wohltaten des Kaisers Franz Josef für die Juden geschildert haben, wurde eine tiefempfundene Trauerresolution gefaßt, die der k. u. k. Botschaft übermittelt wurde. Dieselbe war übrigens bei der Versammlung durch einen höheren Funktionär, sowie durch den Generalkonsul in New-York vertreten. England als Scherge Rußlands. Wie die Londoner „Zeit" mitteilt, sind aus einem Schiffe, das sich auf dem Wege von Norwegen nach Amerika befand und einen englischen Hafen anlief, von der englischen Polizei vier jüdische junge Leute aus Rußland, und zwar Rosen, Weißbaum, Sendowski und Schwarz, ans Land gesetzt und nach London gebracht worden. Die jungen Leute hatten früher ihr Domizil in London und waren von den dortigen Behörden veranlaßt worden, nach Rußland zurückzukehren. Ihre Fahrt nach Amerika wird nun von den englischen Gerichten bezeichnenderweise als Fahnenflucht betrachtet. Nach einer Metdung der „Daily News" hat England seine Maßregeln für die Dienstpflicht der russischen Juden in England vollendet. Nach dem Plane der Regierung werden nur jene Juden zum Dienste herangezogen

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