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Jüdische Korrespondenz · 1917-01-18 · 3 (18.1.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
3 (18.1.1917)
Date
1917-01-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 JUdische Korrespondenz Nr. 3. liehen Lebens machte, ohne Rücksicht darauf, wie sich diese den religiösen Anforderungen gegenüber verhält. Wir hatten im Lande in der letzten Zeit keinen entsprechenden Rabbinernachwuchs, keine „Jeschiwoth", keinen entsprechenden „Talmud-Torath". Wir verloren immer mehr an Boden und mußten einer unerfreulichen Zukunft entgegensehen. Infolge des Krieges haben sich diese Zustände noch verschlechtert. Schon vor dem Kriege fehlte es nicht an Einsicht, daü wir damit ganz einfach unhaltbaren Zuständen entgegensteuern. Schon vor einigen Jahren waren es die Großrabbiner von Czortkow. Husiatyn, Bojari, Sadagora, Wiznitz. Ottynia usw.. die gemeinsam mit einigen einsichtsvolleren Rabbinern den Oedanken zur Gründung einer „Agudas Charedim", eines Verbandes der Strenggläubigen, propagierten und auch die einleitenden Schritte hierzu unternommen halten. Ein Jahr darauf setzte auch die „Agudas-Jisroel"-Be\vegung ein und versprach gute Aussichten. Einen wesentlichen Einfluß auf die Gestaltung der Verhältnisse konnten aber weder die „Agudas-Charedim", noch die „Agudas-Jisroel" ausüben, einerseits infolge gewisser Widerstände von bewußter Seite, die erst überwunden werden mußten, andererseits infolge der Kürze der Zeit und dem Mangel an gehörigen agitatorischen und organisatorischen Kräften. Nun war der Krieg ins Land gekommen und hat auch die Keime jener Arbeiten fast ganz vernichtet. Aber, wie bei jedem Dinge, sind auch da neben den Schattenseiten auch Lichtseiten vorhanden. Die Kriegsereignisse und die Kriegserfahrungen haben uns vielfach reifer und tatkräftiger gemacht. Wir, d. h. die strenggläubigen Juden, haben als Flüchtlinge den Wert und die Tragweite einer Organisation erkannt, wir haben vieles gelernt und vieles erfahren und wir stehen heute nicht mehr so hilflos und noch weniger so verständnislos den Ereignissen und dem Leben gegenüber, wie früher. Wir wissen heute, was uns fehlt, was uns fromrnt und wir wissen auch, daß man mit einein starken Willen auch das angestrebte Ziel erreichen kann. Wo ein Wille, dort ist auch ein Weg! Nun ist es unsere heiligste Pflicht, diese Lehren zu beherzigen und schon jetzt das nötige zum geistigen Wiederaufbau des Judentums in Galizien zu unternehmen, insotange wir. offen gestanden, infolge der Verhältnisse über genügend freie Zeit und Muße verfügen. Wir müssen schon jetzt, als Flüchtlinge, das Fundament zum Wiederaufbau unseres religiösen Lebens legen. Hier, in Wien, sind wir jetzt in großer Zahl beisammen, wir haben die Gelegenheit, zusammenzukommen und über die wichtigen Fragen zu beraten, wir können ohne viel Zeremonien Konferenzen abhalten, Komitees bilden, unsere geistigen Fül rtr um Rat fragen. Rabbinerversammlungen einberufen usw.. mit einem Worte: Wir können gegenwärtig hier die Arbeit leisten, für welche uns zu Hanse Zeit und Gelegenheit fehlten. „Der Kaiser! Der Kaiser!" (Skizze). Von D. S. Silber Ii usch.4) (Aus dem Jiddischen). lNoeh hat Ghana Lea das fünfzigste Lebensjahr nicht voll erreicht und schon ist sie ein altes, gebrochenes Mütterchen. Ihre Knochen sind kraftlos, s>e hustet die ganze Nacht, kaum daß sie zu Atem kommen kann. Ihr runzliges Uesicht ist last stets von einer schweren Wolke umdiistert, als würde ein ihr übelwollender Geist jede Lebensfreude aus ihrem Kreise bannen. Und doch ein Mal. ein einziges Mal, ieuchttven wieder, Funken sprühend, zwei grolSe. schwarze Augen aus dieser dichten Wolke hervor. Der Abglanz einer lichtvollen Erinnerung aus ihrer frühesten Jugend: Sie war die einzige Tochter eines angesehenen jüdischen Kaufmannes in Dohna. Der Augapfel ihrer Litern. Autgewachsen in L:cht und Freude. Erzogen zmn Wohlgefallen Gottes und der Menschen. Mit fünfzehn Jahren verlobt. Umhangt mit prächtigem Geschmeide. Die Augen ihrer titern weideten sich verzückt an diesem Augenblicke. Mit siebzehn Jahren verheiratet. Ihr Mann, ein neunzehnjähriger, rotwangiger und schwarzhaariger Krausko.pt. Fromm und gelehrt wie Seiten einer seines Alters. Gut und lieb wie der lichte Tag. Ihre Altersgenossinnen beneiden sie. Nicht finsterer Neid, nicht häßliche Mißgunst, sondern sonniger Eifer, reiner Herzenswunsch nach einem gleichartigen Glücke. >= * * Mit achtzehn Jahren Mutter. Ein Mädchen, dem Vater wie aus dem Gesichte geschnitten, kommt in einer Glückshaube zur Welt. *) Aus „Strechalych", Bilder aus dem Kriege 1914/16. Preis 5 Kronen. Zu beziehen vom Verfasser: Wien, XX.. WaUensteinstraße 25. Diese Gelegenheit müssen und sollen wir gehörig ausnützen. Schon jetzt muß unsererseits ein festes Programm bezüglich des Wiederaufbaues unseres religiösen Lebens ausgearbeitet und in allen Details klargelegt werden. Wir müssen unter uns die Rabbiner-Frage, die Dajanim-Frage, die Jeschiboth-Frage, die Talmud-Tora-Frage, die Chedarim-Frage usw., kurz sämtliche das religiöse Leben betreffenden Fragen ins reine bringen und das nötige veranlassen, um nach der hoffentlich bald erfolgenden Rückkehr in die Heimat sofort die eigentliche Arbeit aufnehmen zuJNNRien. Man spricht gegenwärtig viel von einer Neuordnung Oesterreichs, man spricht viel von einer Neuordnung der Verhältnisse in Galizien. Es ist unmöglich, daß diese Neuordnungen und Veränderungen auf unser Leben ohne jeden Einfluß bleiben sollen. Wir müssen daher rechtzeitig auf dem Plan erscheinen, damit nicht Unberufene in unserem Namen sprechen und in unserem Namen handeln. Wir sind nun einmal reif genug, um selbst über unsere geistigen Interessen zu wachen. Wir brauchen weder die Vormundschaft der sogenannten Assimilanten, noch die aufdringliche demagogische Fürsorge der Nationalisten. Wir müssen selbst für die Wahrung unserer geistigen Interessen sorgen. Wir müssen den Wiederaufbau des galizischen Judentums in unsere eigenen Hände nehmen. Die englische Presse zur russischen Judenfrage. In früheren Zeiten geschah es manchmal, daß man in der englischen Presse ein kräftig Wörtlein gegen die Unterdrückung der Juden in Rußland fand. Seitdem aber die Ententeländer einander zu „verstehen" trachten, scheint es, daß nicht England seinen Einfluß gebraucht, um die unerhörte Behandlung der Juden in Rußland zu verhindern, sondern im Gegenteil diese zu rechtfertigen und damit den Antisemitismus des englischen Publikums zu schüren. Das „Israeliitische Wochenblatt für die Schweiz" bringt einen Aufsatz aus der „Morning Post" mit der Ueberschrift „Das privilegierte Volk", dem wir folgende Stellen entnehmen: „Kaum jemand außerhalb Rußlands weiß, daß die russischen Juden, welche sechs Millionen zählen, die für ein Volk wichtigsten Privilegien genießen (!) zumal der nichtjüdischen Bevölkerung des Ansiedlungsrayons diese Privilegien nicht zustehen, (sie.) Unter diesen Privilegien seien folgende genannt: Das Recht der Selbstbesteuerung (korobotschnyi, svetschvnoj sbor); das Recht, ausschließlich jüdische Schulen auszuhalten (Cheder, Jeschiboth), wo die Kinder anderer Nationalitäten nicht zugelassen werden: ferner das Recht der Selbstverwaltung in inneren Gemeindeangelegenheiten (Kahal) und — was noch merkwürdiger erscheint •- das Recht der eigenen Gerichtsbarkeit (Betdin) und das freie Versammlungsrecht in den Synagogen. Es ward Licht. Um und um helle Freude. Die Augen ihres Mannes erglänzten in schimmernden Vatertränen. Großvater und Großmutter sehen einander lachend an. Selbst der Himmel lacht. Nur das Herz der jugendlichen Mutter flattert unruhig. Eine unbestimmte Angst, vor allzuviel Licht, vor allzuviel Seligkeit, überkommt sie. * * * Und es ward Finsternis. Ghana Lea war mit neunzehn Jahren Witwe. Ein tückischer Feind verzehrte gierig die Lebenskräfte ihres Mannes. Ein Lichtlein flackerte rasch zu Ende. Sie jammerte nicht. Bloß den jähen Sprung einer Saite verspürte sie in ihrem Herzen. Finsternis, tiefe F nsternis drang in ihr Gemüt, Nach kurzer Zet schon versuchten ihre Eltern sie zu trösten. Sie wendeten jede mögliche Mühe an, um ihr den Verlust zu ersetzen. Aber alles vergebens. „Pür sie genügte ihre kleine Rachela. Sie braucht sonst niemanden mehr." * * * Einige Jahre vergingen und Chana Lea ward selbst eine Waise. Ihre Eltern hinterließen ihr keine großen Reichtümer. Bloß ein Haus in Dohna, darin eine kleine Wohnung für sie selbst und eine größere für einen Mieter. Der Ertrag dieser Miete bildet den größten Teil ihres Einkommens. Sie lebt eingeschränkt und dürftig. Für sich braucht sie auch gar wenig.. Aber für ihre Rachela. Für Rachela ist nichts zu teuer. Ist sie doch eine wahre Prinzessin. Ihr Vater war ja einem Königssohne ähnlich. * * * Rachela ist vierzehn Jahre alt. Sie blüht heran wie eine Rose, ist schlank wie eine Tanne und klug wie die Sonne. Chana Lea's Mutterherz zappelt. Sie gönnt es sich kaum, ihr Töchterlein anzusehen. Chana Lea sticht mit ihrer Tochter wie mit einer alten Freundin. Vor ihr schüttet sie ihr Herz aus, Ihr erzählt sie nwier wieder und wieder Wunder über Wunder von einem blendend strahlenden Meteor, wel- Ungeheuere politische Privilegien genießen somit die russischen Juden unter religiösem Vorwande, und diese werden von der russischen Regierung heilig geschützt, wodurch die Regierung dem Judentum eine kolossale Macht verleiht. - Das Ueberhandnehmen der Juden in den russischen Finanzkreisen, im Handel, in der russischen Presse und im Theater überrascht alle Ausländer, welche Rußland besuchen. Alle diese Ausländer erkennen ohne Ausnahme, daß die russische Regierung sehr schwach ankämpft gegen die jüdische „Vergewaltigung", was aus der traditionellen Furcht derselben, dem religiösen Leben der Juden irgendwie nahezutreten, herrührt. Infolgedessen genießen die Juden in Rußland politische Rechte, welche den eingeborenen Russen, unter denen sie leben, versagt sind. Freilich sieht sich nun die russische Regierung genötigt, dem wachsenden Antisemitismus Rechnung zu tragen. Sie versucht die Bevölkerung Polens und Litauens vor dem schweren ökonomischen Drucke der jüdischen Kahale zu-schützen, indem die Regierung den jenigen Juden, welche nicht persönlich Landwirtschaft betreiben, verbietet, auf dem Lande zu wohnen. Diese Maßnahme schützt jedoch den Bauer wenig vor der Ausbeutung durch den jüdischen Wucherer, und in der Tat entgeht in der ganzen westlichen Hälfte des europäischen Rußlands kein einziger Meterzentner Getreide dem jüdischen Vermittler. Die Juden haben Besitz ergriffen von 95 Prozent des russischen Handels und der Industrie in den 18 reichsten Gouvernements, welche die Ausdehnung Frankreichs und Deutschlands zusammengenommen übertreffen. Ueberall, wo Juden den Wunsch äußern, persönlich Landwirtschaft zu betreiben, werden dieselben von der Regierung in vollem Maße und bedingungslos unterstützt. Aber die Regierung sah sich genötigt, den Juden den Ankauf und die Pacht von Land und Wäldern zu Spekulationszwecken zu verbieten. Die Erfahrung bewies, daß die verhängnisvolle Entwaldung der enormen Waldflächen Polens und des Westgebietes der Tätigkeit der jüdischen Spekulanten zu verdanken ist. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß Aeußerungen von Personen, welche mit der jüdischen Frage in Rußland nicht vertraut sind, mit größter Vorsicht entgegengenommen werden müssen. Diese vielfach ehrenhaften, aber durchaus leichtsinnigen Personen verstehen nicht, was sie begehen, wenn sie, ohne von der historischen Entwicklung der jüdischen Frage in Polen und Rußland eine Ahnung zu haben, die ohnedies allmächtige politische Organisation von sechs Millionen russischer Juden in Schutz nehmen". Das ist der neue Kurs in England! eher am Horizonte erschien und rasch verschwand, von ihrem seligen Manne, von Rachelas Vater. Und ihr erzählte sie auch alle Erlebnisse ihrer eigenen Mädchenzeit. * # * Bei der Schilderung eines Erlebnisses aber glühen Chana Lea's Wangen und ein überirdischer Qlanz erhellt ihr Antlitz. Als sie, Chana Lea. 9 Jahre alt war, passierte gerade der Kaiser Franz Josef die Stadt Dohna. Und als alle kleinen Mädchen, weiß gekleidet und mit Blumen geschmückt, dem Kaiser entgegengingen, da gins sie, Chana Lea. und Jadwiga, des Bürgermeisters Töchterlein, mit einem Blumenbuquet in der Hand, dem Zuge voran. Und da hat der Kaiser ihr lächelnd die Wange gestreichelt und sie um ihren Namen gefragt. Und alle waren erstaunt, daß sie so unerschrocken geantwortet hatte . . . Wovor hätte sie auch Angst haben sollen? „Er" hat ihr doch so freundlich zugelächelt, strahlte ja die Güte aus seinem lichten Antlitz. Dieses wunderliche Erlebnis wuchs gewissermaßen mit ihr auf. In ihrem Heirzen und in ihrem Sinnen nimmt es einen großen Raum ein. Für alles, was am Kaiserhofe vorging, interessierte sie sich lebhaft. Als sie am ersten Freitag nach ihrer Hochzeit zum ersten Male die Sabbatkerzen anzündete, hat sie in ihr stilles Qebet — es ist dies ihr heiligstes Geheimnis — auch ein Gebet für das Leben und die Gesundheit des Kaisers eingeschlossen. Und bei jedem Leid, das ihn traf, beim Tod seines einzigen Sohnes, beim Tode seiner Gemahlin, der Kaiserin, hat sie in ihrer stillen Stube heimlich gar viele Tränen vergossen. Sie weiß es auch ganz bestimmt, daß ihr gottseliger Mann — Friede sei mit ihm! — ebenso von gioßer Liebe und Anhänglichkeit zum guten Kaiser erfüllt war. (Schluß folgt.)

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