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Jüdische Korrespondenz · 1917-01-18 · 3 (18.1.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
3 (18.1.1917)
Date
1917-01-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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3Udische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. Vierteljährlich K 120. NttMrack mit »öfter Qu« lleaangabe gestattet Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppel. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. E r s c he i n t j e d e n Donnerstag Ht*< 3* Wien, 18. Januar 1917. 3. Jahrgang. Die Enienfe-Nofe und Palästina. Die Entern 2 hat also das Friedensangebot der Mittelmächte und deren Bundesgenossen definitiv abgelehnt Sie hat auch die Note des Präsidenten Wilson ablehnend besehieden. Sie will vorläufig vom Frieden nichts hören und ihrem Wahnwitz weiterhin höhnen in der allerdings lächerlichen Erwartung, das Kriegsglück könnte doch eine andere Wendung als bisher nehmen und tiem Zehnverband ein holdes Oesicht zeigen. In der Note an Wilson ist die Entente noch weiter gegangen und hat ihre eigentlichen Kriegsziele, respektive Bedingungen bekanntgegeben. Diese sind allerdings nicht bescheiden und man begreift es, daß die Herren in London und Paris so lange gezögert haben, ihre Weisheit der ungeduldigen Welt leuchten zu lassen. Einen größeren Unsinn, als diese Friedensziele, hat wohl noch nie jemand verkündet. Nicht bloß die Wiederherstellung der seitens der Mittelmächte und deren Bundesgenossen im bisherigen Kriegsverlaufe eroberten Königreiche und Länder wird gefordert, nicht bloß eine Entschädigung noch dazu beansprucht, nicht bloß auch noch die Zurückgabe von Provinzen und Ländern, die in längst vergangenen Zeiten erobert wurden, wird verlangt, es wird auch von der „Befreiung" eines halben Dutzends von Völkern gefaselt, merkwürdigerweise nur von solchen, die in den Ländern des Vierbundes wohnen. Italiener, Rumänen. Slaven, Slovenen, Tschechen, ArffleflÄf^oMCTr-ibeffeit*-wmteir —"Von den Itländern, Finnländern, Ukrainern, usw. usw. ist keine Rede. Selbst die Befreiung der Polen, die eigentlich schon tatsächlich befreit sind, wird großmütig dem Zaren überlassen. Außerdem soll noch die Türkei aus Europa gänzlich verschwinden und auch in Asien sollen ihre Besitzstände unter die Russen, Engländer, und Franzosen aufgeteilt werden. Die Russen bekommen das Protektorat über Armenien, die Engländer erhalten Arabien und die Franzosen sollen die Herren von Syrien werden. Mit einem Worte: Ganze Reiche sollen verschwinden, um den Zorn der Briand. Lloyd George und Pokrowsky zu stillen und deren Ambitionen zu befriedigen. Wie lächerlich dieses angebliche Friedensprogramm ist, darüber braucht wahrlich kein Wort verloren zu werden. Wenn wir aber diese Angelegenheit an dieser Stelle zur Sprache bringen, so geschieht es deswegen, weil wir in dem Ententeprograinm einen Punkt vermissen, der eigentlich sehr gut in dasselbe hineingepaßt hätte: Die Rückgabe von Palästina an das jüdische Volk. Man lache darüber nicht! Es ist kein Witz, den wir uns da erlauben. Es handelt sich uns hiebei um eine sehr ernste Frage, die auch ausführlich erörtert werden soll. Ist es doch bekannt, daß die Herren in Paris und London seit dem Eingreifen der Türkei in den Krieg mit dem Gedanken gespielt haben, Palästina den Juden wiederzugeben. Freilich war es mehr eine Spiegelfechterei, als ein ernster Plan. Das ganze war darauf berechnet, die jüdische öffentliche Meinung in den eigenen Ländern und noch mehr diejenige im neutralen Auslande damit zu beeinflußen und für die Kriegsziele der Entente zu gewinnen. Die Juden, die ja über die russischen Greueltaten ihren Brüdern gegenüber so empört waren und es gar nicht begreifen konnten, daß die Westmächte zu all dem so beharrlich schweigen, wo es ihnen doch ein leichtes war, die Herren in Petersburg zu einer Taktikänderung zu bewegen, sollten damit geködert und irregeführt werden, daß man ihnen die ..fata rnorgana", eines jüdischen Staates in Palästina vorspiegelte. Nur wenige Juden waren wohl naiv genug, um diesem Schwindel auf den Leim zu gehen. Aber manche haben sich doch gefunden, die den Mut hatten, die große Erlösung zu verkünden und für die Entente Stimmung zu machen. Hat sich ja der bekannte zionistische Hitzkopf Zabotynski sogar" dazu bereit gefunden, in Aegypten eine „zionistische Maulesel-Brigade" zu bilden, mit der Aufgabe, gegen Palästina an der Seite der Engländer zu operieren, welche auch später auf Gallipoii erbarmungslos hingeopfert wurde . . . Hat doch derselbe Zabotynski und einige seiner hitzköpfigen Freunde es später unternommen, unter den in England weilenden russischen Juden eine Agitation für die Bildung einer speziellen jüdischen Legion Propaganda zu machen, ein Versuch, der allerdings schmählich Schiffbruch erlitt, der aber nichtsdestoweniger im zionistischen Lager heftige Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten hervorgerufen hat. Es fehlte auch nicht an gewissen jüdischen Kreisen, die zwar nicht so verblendet waren, die Versprechungen der Grey und Konsorten ernst zu nehmen, die aber trotzdem heimlich die Hoffnung nicht aufgeben wollten, daß es unter Umständen nicht unmöglich sein könnte, daß die Entente diesmal im eigenen Interesse Wort halten und nach einer Zertrümmerung der Türkei den Juden Palästina ausliefern werde. Wer die Diskussionen über die Palästinafrage in der jüdischen Presse des neutralen Auslandes näher verfolgte, konnte sich darüber klar sein, daß man bei allem Mißtrauen eine derartige Eventualität doch nicht von der Hand weisen wollte. Und nun ist die grobe Enttäuschung da' Die Entente hat offiziell ihre Kriegsziele bekanntgegeben. Unter denselben befindet sich auch die Vernichtung der Türkei und die Aufteilung ihrer Länder, notabene im Sinne der „Völkerbefreiung". Was wäre natürlicher, als wenn sich auch die Entscheidung über der Zu- *t»nfr iPaSKmisr^inrsims der ztemtsttectretr Forderungen auf diesem Wunschzettel befunden hätte? Ja, es wäre dies vielleicht gewissermaßen die einzige Forderung, die mindestens eine ideale Grundlage hätte! Das vor zwei Jahrtausenden an dem jüdischen Volke verübte Unrecht wieder gut zu machen, dem ewigen Juden endlich eine Ruhestätte zu gönnen, welches herrliche, moralische und menschliche Ziel! Und doch haben die Herren Lloyd George. Briand, Sonnino und selbst Pokrowsky, der doch die Juden so gerne los werden möchte, geschwiegen und sich nicht dazu aufraffen können, mit dieser herrlichen Rose das Buquet ihrer Kriegsziele zu schmücken. Beweis genug dafür, wie wenig ernst die Herren der Entente ihre diesbezüglichen Versprechungen und Andeutungen genommen hatten. Sie dachten natürlich nicht im geringsten daran, sich irgendwie für die Juden einzusetzen. Ebenso, wie sie zum gegenwärtigen Judenelend und zur gegenwärtigen Judennot im Reiche ihres Bundesgenossen Rußland und ihres jüngsten Bundesgenossen Rumänien schweigen, ebensowenig dachten sie daran, bei der Wiederherstellung des Friedens sich irgendwie für die Sicherung der jüdischen Zukunft zu engagieren. Wir haben dies immer vorausgesagt und unsere Stammesbrüder vor Illusionen gewarnt. In diesen Blättern ist diese Frage wiederholt behandelt worden und bei jeder Gelegenheit haben wir darauf verwiesen, wie eitel und grotesk alle derartigen Hoffnungen und Erwartungen seien. Unsere Ausführungen haben vielleicht nicht immer und nicht überail Zustimmung gefunden. Der Wunsch war oft der Vater des Gedankens und gar mancher Jude ließ sich von einer falschen Hoffnung betören und denken: vielleicht doch! Nun, glauben wir, dürften die Akten darüber geschlossen sein. Die Entente hat wieder einmal den krassen Beweis geliefert, daß sie gar nicht daraii denkt, ihre Versprechungen einzulösen, am wenigsten natürlich den Juden gegenüber, die wohl dazu gut waren, für dieselbe die Kastanien aus dem Feuer zu holen und für deren Sache Stimmung zu machen, die aber immerhin für diese mächtigen Herren keinen Faktor darstellen, mit dem man rechnen und dem gegenüber man Wort halten muß. Allerdings: Selbst die Aufnahme der Palästinafrage in den Wunschzettel der Entente hätte keine wie immer geartete reale Bedeutung. Das Schicksal des Krieges ist bereits so gut wie entschieden und die frommen Wünsche der Herren in London und Paris werden absurde Träume bleiben. Es ist aber gut. daß selbst die formelle Aufnahme der Palästiuafrage seitens der Entente unterblieben ist. Die Naiven, die sich irgendwie irreführen ließen, sind nun von ihrer Illusion befreit. Es ist dies auch eine Art Völkerbefreiung..... Spectator. Der Wiederaufbau des galizischen Judentums. (Von einem galizisehen Rabbiner). Der Wiederaufbau Galiziens stellt eines jener Probleme dar, die gegenwärtig die gesamte öffentliche Meinung des Landes, sowie weite Kreise der Monarchie lebhaft beschäftigen. Der Krieg hat dieses Land arg mitgenommen und der restlose Wiederaufbau ist demnach ein Gebot der Notwendigkeit, will man nicht Gefahr laufen, daß Ualizien noch Jahrzehnte hindurch an den Folgen des Krieges laborieren und damit sich selbst und der Gesamtmonarchie zur Last fallen soll. In der Tat herrscht in allen in Betracht kommenden Kreisen das vollste und weitgehendste Verständnis für dieses Problem und man muß ohne jede Uebertreibung zugeben, daß die Regierung, wie auch die anderen maßgebenden Faktoren die diesbezügliche Aktion systematisch und großzügig eingeleitet haben. Sind wir Juden als Bürger des Landes ■: . an. dem Wiedeyauib^u^e^ teressiert, haben wir ~aücW "'TmtfigeTHrerrer eigenartigen Lage im Wirtschaftsleben Galiziens ganz spezielle Interessen zu vertreten und zu wahren, bezüglich welcher wir leider bisher unsererseits jede Initiative und jede Einheitlichkeit vermissen und nur die Hoffnung hegen, daß die hohe k. k. Regierung nichts unterlassen werde, um den Wiederaufbau von Handel und Gewerbe ebenso zu fördern, wie dies bezüglich der Landwirtschaft und des allgemeinen öffentlichen Lebens geschieht, so stehen wir andererseits vor einem Wiederaufbauproblem, das vornehmlich eine innerjüdische Angelegenheit ist und bezüglich dessen für uns die Worte des weisen Hillcl maßgebend sein müßten: „Wenn ich nicht selbst für mich etwas tue. wer wird es für mich tun?" Es handelt sich um den Wiederaufbau des Judentums in Galizicn. das infolge der Kriegsercignisse nicht minder gelitten hat, als die Juden. Schon vor dem Kriege ließ die Lage des Judentums in Galizien sehr vieles zu wünschen übrig. Das religiöse Leben war im stetigen Schwinden begriffen. Assimilation einerseits, Pseudo-Nationalismus andererseits brachten es mit sich, daß die Position des strenggläubigen Judentums im Lande immer stärker erschüttert wurde. Der Mangel einer festen Organisation, der Mangel an entsprechenden Führern, die Gleichgültigkeit Vieler, die berufen waren, eine führende Rolle zu spielen und die es aus Mangel an Verständnis, aus Bequemlichkeit, oder gar aus Furcht vor einem gegnerischen Terrorismus unterlassen haben, ihre Pflichten zu erfüllen, haben dazu geführt, daß die strenggläubigen Juden immer mehr im Lager solcher Gruppen zu finden waren, die dem wahren, unverfälschten Judcntume zumindest nicht förderlich waren. Mit einem Worte: Es hat in unserem Lager eine Stagnation platzgegriffen, die sich nur mit dem bekannten Ausspruch charakterisieren läßt: „Nach mir die Sintflut!" Selbst diejenigen, die noch selbst streng fromm waren, kümmerten sich bereits weniger um die Erziehung ihrer Kinder im religiösen Geiste. Selbst diejenigen, denen das religiöse Leben noch heilig und teuer war. duldeten es ruhig, wenn nicht-religiöse Elemente sich in der jüdischen Gasse breit machten, wenn man in den jüdischen Gemeinden immer mehr Zustände einführte, die sich mit den religiösen Anforderungen nicht vereinbaren ließen, wenn man das Schlagwort von der nationalen Erziehung anstelle der religiösen verbreitete und die leidige Politik zum Faktor des öffent-

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