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Jüdische Korrespondenz · 1917-01-11 · 2 (11.1.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
2 (11.1.1917)
Date
1917-01-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2. Jiidiscfoe Korrespondenz Seite 3 16 Geiseln dem Kriegs^wrveruear vorgeführt, der sie ohne nähere ßegrüjsdung in Haft setieu Meß, in welcher •sie zunächst mehrere läge verblieben. Am 20. Stsptoohex üäeraatan Graf öabrinsky die LetstHg der Geschäfte der Stadt «öd erklärte die Geisels ihr«r Veepilieirtung esthobe». AUeni nicht lange g<eaosvea (Sc iädiscäieB Geiseln die Freiheit, denn nach dem 27. Saptcniber. an welch«» Tag eine pogramartige Verfoteung m Leafeerg ausbrach, wurde« die vier Geiseln der Lemberger Judenscoait, darunter Dr. Diamand, aeuenüngs in Haft gebracht und dann ran dem Leiter des gesamten Polusewasens, dem Grado-Natschaiaik Baron E.cfce, tas «am 27. November in der unwürdigsten Weise zurückbehalten. Nach 4er Entlassung durfte er nach Hause zurückkehren, mußte sich aber Rden Mittag zu einer bestimmten Stunde bei der russischen Polizei in Lemberg meiden, ein Vorgang, der acht Monate laag anhielt aad jeden Tag neu* Qualen hervorrief; der als Geisel Behandelte konnte nie übersehen, \i as altes in»ertoalb der letzten 24 Stunden in der grollen Stadt Lemberg »eh ereignet haben mochte uBd für welche erdichteten Vergehen er zur Verantwortung gezogen werden würde. Weon irgendwo in einer ent- L'g »es Straße des Nachts ein Konflikt zvischen einem Einheimischen und einem russischen Soldaten entstandeB war, wurde Dr. Diamand aus dem Bette geholt und so lauge auf dem PoÜzeiamt zurückbehalten, bis das amtliche Proiokoli über diesem nichtigen Vorfall abgefaßt war. Dabei spielte Dr Diamand nicht etwa die Rolle eines Protokollzeugen, sondern die eines eventuell zur Sühne bestimmten Häftlings! In dieser beständigen SeeteHjuaL die ihn auch 'könperlich angriff, verbrachte Dr. Diamand die Zeit bis zum Entsätze Lembergs durch unsere Trupj»en. Schon schien es. als nahte das Ende dieser unwürdigen Behandlung, als Dr. Diamand am 21. Junj 1915 gegen zwei Uhr nachts ran neuem von Kosaken aus dem Bett geholt und dem Polizeiamt überstellt wurde. Dort fand er bereits 35 Bürger der Stadt vor. die gleichfalls als Geiseln festgenommen worden waren, und mit dem letzen Evakuationszug, der gleichfalls das Ende der russischen Herrschaft in Lemberg bedeutete, wurden die 36 Bürger unter militärischer Bewachung verschleppt, ohne daß es ihnen auch nur gestattet worden wäre, ihre Angehörigen zu verständigen. Es ging ziemiieh rasch in das Innere Rußlands. Der Aufenthalt in den Waggons war gräßlich. Endlich langten die ihrer Heimat Beraubten in Kiew an und wurden sofort in Arrestlokale geführt. Da in Rußland die Scheidung nach Konfessionen selbst für Arrestanten streng durchgeführt wird, wurde Dr. Diamand mit andern in das unter staatlicher Aufsicht vom jüdischen hülfskamitee verwaltete Arrestgebäude transportiert, ein kleines Häuschen, das von dem Kiewer Industriellen Brodsky für diese Zwecke eingeräumt wurde. Hier befanden sich bei der Ankunft der Lemberger Geiseln schon mehr als tausend galizische Geiseln. Männer, Frauen und sogar Kinder, aus den kleinsten Orten wie aus den größeren Städten Ost- und Westgaliziens. Von den Russen zusammengetrieben, lagerten diese Armen in den engen Zimmern, die von Schmutz starrten, oder in dem Hofe, der mehr einem Morast glich, beständig von Epidermen heimgesucht. Viele dieser Unglückseligen wurden hier von ihren Oualen durch den Tod erlöst, der, barmherziger als die russische Polizeigewalt, ihren Leben ein Ende machte. Anfang Septi-mber wurden die Gefangenenlager in Kiew aufgelöst und die Geiseln über ganz Rußland verteilt. Die allerärmsten dieser Gefangenen wurden bis nach Sibirien transportiert, andre, unter ihnen Dr. Diamand, gelangten nach Nishnij - Nowgorod, ein Teil nach Pensa oder Perm. Die Zeit der Gefangenschaft in Nishnij-Nowgorod verbrachte Dr. Diamand verhältnismäßig am besten. Die Stadt, in der alljährlich die berühmten Märkte abgehalten werden, in denen europäische mit asiatischen Kaufleuten zum Warenaustausch zusammenkommen, ist überaus interessant. Eine ziemlich reiche Bürgerschaft bewohnt Nishnij-Nowgorod, das mehr als 150.000 Seelen zählt; die sanitären Verhältnisse sind durchaus einwandfrei. Der Sitz einer großen Industrie in Manufakturen und Leder gibt der Stadt das Gepräge, während der Marktplatz selbst eine Sehenswürdigkeit ist, die in Europa ihresgleichen nicht findet. Die Stadtverwaltung hat einen demokratischeren Zug, als er sonst russischen Großstädten eigen ist, und da Nishnij-Nowgorod außerhalb des Kriegsbereiches liegt, so werden die Meldevorschrüten doch nicht so drückend kontrolliert wie anderwärts. Dies mag auch damit in Zusammenhang gebracht werden, daß ein einsichtsvoller Polizeimeister die Verwaltung ausübt. Für Militärpersonen, insbesondere für die in Nishnii-Nowgorod zahlreich internierten österreichisch-ungarischen und deutschen Offiziere, bestehen allerdings strengere Vorschriften und ist es ihnen verboten, bei Spaziergängen mit den Zivilgefangenen zu verkehren. Unter den in dieser Stadt internierten Offizieren befindet sich auch der heldenmütige Verteidiger von Przemysl FML. von Kusmanek, den Dr. Diamand wiederholt in den Straßen der Stadt sah. Der General befand sich stets in Begleitung seines Adjutanten and in einer mäßigen Entfernung von den beiden Offizieren war ein russischer Soldat als Aufsichtsorgan zu sehen, eine Vorkehrung, die, zumindest solange Dr. Diamand sich in Nishnij-Nowgorod befand, bei allen Offizieren streng beobachtet wurde. Den Zivilgefangenen war, wie bereits erwähnt, keine besondere Beschränkung innerhalb des Weichbildes der Stadl auferlegt, und so konnten auch die Lemberger Ge.seia geselischaftlicben Verkehr pflegen. Hinsichtlich des Essens bestand im Anfang kern be- Stfaderer Mangel, die Mahlzeiten wareu reichlich und gut, und ein Mittagessen kostete etwa 90 Kopeken. Zur Zeit der Abreise waren die Lebensmittel sdtos kttaipper; ein Mittagessen, weniger reichlich und minder gut zubereitet, kostete bereits zwei Rubel; dazu waren drei fleischlose Tage >n der Woche eingeführt; an Milch uod Zucker herrschte besorgniserregender Mangel. Ein besonderer Uehelstand» der von den Gefangenen sehr schmerzlich empfunden wurde, waren die Postverhältnisse. Monate hindurch bMebe« alle Nachrichten aus der Heimat aus, und trotz fleißiger Absendung von Briefen und Karten gelangte, aie nun festgestellt worden ist, nur eine geringe Zahl in die Hände der Empfänger. Abi 2. September 1916 wurde Dr. Diamand enthaftet und „über höheren Auftrag" nach Petersburg transportiert. Der Zweck des Auftrages blieb dem Häftling unbekannt. Die Reise sollte in Etappen zurückgelegt "werden, allein Dr. Diamand vermochte es durch Aufwendung eigener Mittel, zu denen auch die Bezahlung der Spiesen der Begleitperson gehörten, zu erreichen, daß ihm die Begünstigung einer Reise im Personenzug zuteil wurde. Ueberhaupt mußten die Häftlinge die Kosten ihres unfreiwilligen Aufenthaltes in Rußland vollständig aus eigenen Mitteln bestreiten, da ihnen sonst Sibirien als Verhannungsort drohte. Am 4. Oktober 1916 traf Dr. Diamand mit seiner Aufsichtsperson in Petrograd ein und wurde vor den Grado-Naschälnik gebracht, der ihn in das Gefängnis Grado-Natschalnik gebracht, der ihn in das Geinngnis bringen imd ihm ein Einzelgefängnts zuweisen ließ. In Einzelhaft verbrachte er mm drei Monate und acht Tage ohne Verkehr jnit der Außenwelt, ausgenommen die wenigen Minuten seines täglichen Spazierganges im düstern Hof, umgeben von lauter Bajonetten. In dem Gefängnis durfte er weder korrespondieren noch sich mit dem Lesen von Büchern beschäftigen; das Warten auf die Mahlzeiten, die selbstverständlich auch hier nur auf eigene Kosten erfolgten, bildete die tägliche Beschäftigung. Dabei mußte diese Einzelhaft noch als Wohltat empfunden werden, denn die „Kresta" beherbergt 1000 Gefangene, darunter die schwersten Verbrecher von Petrograd, gemeingefährliche Subjekte, mit denen die gemeinsame Haft zu vollbringen eine Gefahr für das eigene Leben bedeutet. Angeblich befand sich auch der yerdiente Bürgermeister von Lemberg Doktor Rtitowski, der als Geisel verschleppt worden war, zur gleichen Zeit in diesem Gefängnis in Einzelhaft. Nach Mitteilungen eines Aufsehers sollte er bereits im Austauschwege nach Oesterreich zurückgekehrt,sein, und Dr. Dianiand war sehr erstaunt, ihn bei der Rückkunft in Oesterreich nicht anzutreffen. Uebcr die Verhältnisse in Petrograd selbst konnte Dr. Diamand nur in Erfahrung bringen, daß die Lebcnsmittelnot sehr groß ist, daß es an den notwendigsten Bedarfsartikeln mangelt und man sich beispielsweise um Milch schon m den Abendstunden anstellen rrruß, wenn man am nächsten Vormittag ein kleines Quantum erhalten will. Ebenso fehlt es an Zucker und infolge der schlechten Transnortverhältnisse an Mehl und Fleisch. Die Einführung der fleischlosen Tage besteht auch in Petrograd, und die Verhältnisse sind um so furchtbarer, als seitens der Verwaltung keine Vorkehrungen zur Abhilfe getroffen worden sind. Die schlechte Behandlung im Petrograder Gefängnis dauerte ununterbrochen bis zum 11. Dezember 1916. Angeblich waren die Verhandlungen wegen der zum Austausch bestimmten russischen Gefangenen aus Oesterreich-Ungarn noch nicht abgeschlossen. Endlich nahte die Erlösung, und nach zwei Grenzrevisionen in Bialostow und Torneo, bei denen dem Gefangenen Korrespondenzen, Bücher, Noten und 650 Rubel an Bargeld sosvie bereits zensurierte Briefe abgenommen wurden, durfte er schwedischen Boden betreten, um von hier aus in die Heimat r.u gelangen. Konstituierende Plenar-Silzunq des Wiener Kultus Vorstandes vom 7. Jänner 1917. Nach Eröffnung der Sitzung begrüßt der Vorsitzende, Präsident Dr. Alfred Stern, den in der letzten Plenar-Sitzung in den Vorstand der Kultusgemeinde kooptierten Herrn Professor Neumann als neuen Kollegen auf das herzlichste. Herr Professor Neumann dankt für die ehrende Auszeichnung, in den Kultusvorstand aufgenommen worden zu sein und verspricht, nach Kräften sich an den Arbeiten für das Wohl der Gemeinde betätigen zu wollen. Nach Verlesung des Einlaufes fand im Sinne des Statutes die Neuwahl der Vize-Präsidenten, des Vertreter - Kollegiums sowie der Mitglieder der verschiedenen Komitees, Kommissionen und Stiftungs-Kuratorien statt. Eine Neuwahl des Präsidenten hatte nicht stattzufinden, da der Präsident Dr. Alfred Stern in der Plenar-Sitzung vom 6. Jänner 1916 für eine dreijährige Funktionsdauer gewählt worden ist. Es wurden einstimmig gewählt: Für eine einjährige Funktionsdauer: Dr. Benjamin Rappaport, k. k. Hofrat, als erster Vize-Präsident, Dr. Leopold Kohn als zweiter Vize-Präsident. In das Vertreter - Kollegium wurden gewählt: Für eine einjährige Funktionsdauer die Herren: Sab Cohn, Privatier, M. B. Eißler, Großindustrieller, Siegmund Kauders, kais. Rat, Wemgroßhändler, Dr. Wilhelm Pappenheim, Hof- und Gerichtsadvokat. Bezirksschulrat, Eduard Schwarz, Fabrikant, Leopold Simon, k. k. Kommerziälrat. Dr. Markus Spitzer, Hof- und Gerichtsadvokat, Landesschulrat. Neugewählt: Ernst Hirsch, Fabriksbesitzer. Herr Ernst Hirsch dankt für die auf ihn gefallene Wahl. Er sei sich dessen bewußt, daß er seine Wahl in erster Linie den Verdiensten seines gottseligen Vaters, des langjährigen Vize-Präsidenten der Kultusgemeinde, kais. Rates Moritz Hirsch, zu verdanken habe. Redner werde gewiß bestrebt sein, den Intentionen seines Vaters gemäß, der Kultusgemeinde zu dienen. Hierauf wurden die Wahlen in die einzelnen Kommissionen, Komitees und Stiftungs- Kuratorien vorgenommen. Die Konstituierung derselben wurde einem späteren Zeitpunkte vorbehalten. Jüdische Rundschau. Jüdische Herrenhausmitglieder. Wie verlautet, dürften gelegentlich des bevorstehenden Pairs-Schubs auch einige Juden ins Herrenhaus berufen werden. In erster Reihe wird hiebei der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, Herr Dr. Alfred Stern, genannt. Man spricht aber auch von der Berufung einiger jüdischer Publizisten und Literaten, wie auch von Vertretern der Finanzwelt. Die Vizepräsidenten Dr. Schleicher und Dr. Diamand. Aus Lemberg wird uns geschrieben: Der frühere Vizepräsident der Stadt Lemberg, Dr. Filip Schleicher, der bekanntlich während der russischen Invasion in Lemberg geblieben war und beim Abzüge derselben als Geisel nach Rußland verschleppt wurde, von wo er vor einiger Zeit zurückkehrte, ist zum Stellvertreter des Regierungskommissärs von Lemberg ernannt worden. Dr. Schleicher übernimmt die Leitung der Approvisionierungsangelegenheiten. Dr. Schleicher hat sich während der Rttsseninvasion um die Stadt und die Bevölkerung große Verdienste erworben und seine Berufung zum Stellvertreter des Regieungskommissärs hat in allen Bevölkerungskreisen die lebhafteste Befriedigung hervorgerufen. Am Sonntag isl hier der gewesene Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Jakob Diamand, eingetroffen, der ebenfalls seitens "der Russen als Geisel nach Sibirien verschleppt wurde und erst vorige Woche im Austauschwege zurückkehren konnte. Am Bahnhof wurde dem Heimkehrenden ein feierlicher Empfang bereitet. Sämtliche Mitglieder des Beirates, der an Stelle des aufgelösten Vorstandes die Kultusgemeinde-Agenden führt, das Rabbinat, Vertreter vieler Vereine und Korporationen, Vertreter der Stadtverwaltung usw. waren zur Begrüßung erschienen. Im Namen der Gemeinde begrüßte Rabbiner Dr. Guttmann den Heimkehrenden mit einer hebräischen und polnischen Ansprache, worauf die Vertreter der erschienenen Körperschaften Begrüßungsansprachen hielten. Der Kultusbeirat veranstaltet dieser Tage eine spezielle feierliche Sitzung zu Ehren des Dr. Diamand. Der Staatsrat für Polen. Aus Warschau wird berichtet: In den nächsten Tagen dürfte die Ernennung des Staatsrates erfolgen, der dazu berufen ist, provisorisch die Agenden des polnischen Staates zu leiten. Unter den 25 Mitgliedern des Staatsrates befindet sich auch ein Jude und zwar Kazimierz Natansohn, ein bekannter Führer der Warschauer Assimilanten-Oruppe. Natansohn ist Vorsitzender des Warschauer Börsenkomitees, Direktor vieler Finanzinstitute usw. Dr. Zw\ Spitzer-Bickels s. A. In Lemberg verschied vorige Woche nach kurzer Krankheit der jiddische Literat und Publizist Dr. Zwi Spitzer - Bickels, im Alter von 31 Jahren. Der Verblichene begann seine literarische Tätigkeit im „Tag" und im „Jüdischen Arbeiter", veröffentlichte auch einige Aufsätze in jiddischen Sammelschriften und galt als einer der besten Kenner der jiddischen Literatur in Galizien. Seit etwa einem Jahre redigierte er das „Jüdische Tagblatt" in Lemberg. Dr. Spitzer-Bickels widmete sich seiner publizistischen Aufgabe mit demselben Ernst, wie seiner Literaturkritik und selbst noch auf dem Krankenbette legte er nicht die Feder aus der Hand. Alle diejenigen, die Gelegenheit hatten, den Verstorbenen persönlich kennen zu lernen, werden ihm ein ehrendes Angedenken bewahren.

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