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Jüdische Korrespondenz · 1917-01-11 · 2 (11.1.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
2 (11.1.1917)
Date
1917-01-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische KoiTegponderuE Tragische an dem allen ist, daß kein Mittel zur Besserung vorhanden sei. Man kann sieht straflos ein Uebermaß von Menschen an eisern Orte konzentrieren, die nichts gelernt haben. Hei solcher wirtschaftlicher Lage ist auch der Kulturstand der jüdischen Massen äußerst niedrig. Hygienische Zustände müssen trostlos sein in einem Milieu, wo ein Kind bis zu einem Jahre nicht gebadet werden darf, wo bis zu üieser Zeit keine Nägel abgeschnitten werden dürfen usw. Die Meinung, daß es unter den Juden keine Analphabeten gäbe, ist grundfalsch. In den oben erwähnten Ortschaften gab es unter den Greislern A5 bis 50 Prozent Analphabeten, unter den Schneidern 50 bis 90 Prozent, Hilter den Schustern 80 bis 90 Prozent. Sogar unter den jüdischen Lehrern (Melameds) in Kaluszyn gab es zirka 25 Prozent Analphabeten (bezüglich der polnischen Sprache. Die Red.) Auch in einem mächtigen Staate würde ein srlcher Zustand eine drohende Oefahr bilden. 1 <iese unglückselige jüdische Masse ist ein Werkzeug der polenfeindlichen Politik geworden. Die jüdischen Nationalisten stehen auf dem Standpunkt, daß den Juden in Polen eine vollständige nationale Autonomie gebührt, und daß Polen für ein gemischtsprachiges Land mit allen Konsequenzen erklärt werden soll. Während der russischen Herrschaft erfreuten sich diese Forderungen der Unterstützung der Kadetten. Aus diesen Zeiten stammen die berühmten Berichte aus Warschau, in denen die augebliche Barbarei der Polen und die Judenverfolgungen angeführt wurden. Fine drastische Bestätigung dieses inneren Zusammenhanges zwischen den jüdischen Separatisten und den Kadetten war die Intervention Miljukows in der Frage der Wahlen in die vierte 1 Huna. I damals erfuhr zum erstenmal die polnische Allgerneinheit, daß den Polen die Einmischung fremder polenfeindlicher Faktoren droht. Der Krieg hat einen unerwarteten Ausbruch des Hasses gezeitigt. Die Polen wurden der Anzettelung von Massenpogromen beschuldigt. Redner stellt fest, daß Pogrome niemals eine den Polen eigentümliche Methode war. Sogar im alten Polen wurden antijüdische Tumulte von den polnischen Staatsbehörden sehr rasch unterdrückt. Erst während der russischen Revolution fanden in Polen Pogrome in Bialystok und Siedice statt, sie waren aber von den russischen Soldaten angezettelt. Die Anklage gegen die Polen konnte demnach von vornherein als unglaubwürdig erscheinen. Sie ging von Warschau aus und kam von dort nach Kopenhagen, wo ein russisches Nachrichten- Bureau besteht, welches alle Russengreuel den Polen in die Schuhe schob. Diesem Nachrichten-Bureau ist Brandes und Luzzatti zum Opfer gefallen. Es gab kein Blatt in Europa, welches unter jüdischem Einfluß stand, welches die Anklagen gegen die Polen nicht wiederholen würde. Den Einfluß des russischen Nachrichten-Bureaus spürte man sogar in der Türkei. Wahre Orgien erlebte man in Amerika. Die jüdische nationalistische Presse in Amerika suchte die Russen reinzuwaschen und die Polen anzuschwärzen. Der New-Yorker „Tag" brachte in der Nummer vom 14. Jänner 1915 die Beschuldigung Bernsteins, daß die polnischen Legionen zwangsweise die Juden rekrutieren und sie dort taufen. Redner stellte sodann folgendes ..polnische Programm" in der jüdischen Frage auf: Das jüdische (ihetto ist gefährlich für die Polen, und dessen Aufhebung ist eine dringende Sache. Die Aufhebung kann durch das Prinzip geschehen: gleiche Rechte und gleiche Pflichten für alle Staatsbürger Polens. Die bürgerliche (ileichberechtitgung der Juden, die vereinte Arbeit zur Verbürgerlichung der jüdischen | Massen, die Hebung ihrer wirtschaftlichen j! atfe - dies sollte ein Programm des ent- J stehenden polnischen Staates sein. Redner besprach sodann die Frage der jüdischen Schulen (Cheders). Unser pädagogisc es Ideal ist eine interkonfessionelle Schule, die für jedermann zugänglich sein soll. Die trostlosen Zustände in den Cheders schildert der jüdische Politiker Alkerin. welcher im Jahre 1912 im Auftrage des jüdischen Volksbildungs-Vereines in Rußland die Zustände in 125 Uteders im (iouvernement Plock und Luhlin erforscht hat. Die Ergebnisse sind haarsträubend. Redner spricht dein jüdischen Jargon den pädagogischen Wert ab. Die Cheders rnrc'ien sich der Anhänglichkeit der Juden aus religiösen Gründen. Die polnische Schule muß mit den Cheders konkurrieren. Ein Schulz\\;i"g wird da nichts helfen, denn es werden geheime Cheders entstehen. Aus diesem (irunde müsse man vorläufig polnische Schulen für Juden mit Berücksichtigung der religiösen Gewohnheiten der Massen behalten. Daneben sollte die gemeinsame Schule denjenigen Juden offenstehen, welche ihre Kinder nicht einer konfessionellen Schate anvertrauen wallen. Die schwierige Aufgabe des pohlischen Staates wird erleichtert werden, wean die Vertreter des jüdischen Volkes in die dargebotene Hand einschlagen, und auf den Standpunkt gleicher Rechte und gleicher Pflichten sich stellen werden. Kjriegsanlelhe-Zeichnungsverein »Agudas-Jisroel« Am 10. d. M. endete die Zeichnungsfrist für die V. österreichische Kriegsanleihe. Das endgültige Resultat ist zurzeit noch nicht genau bekannt . Der lebhafte Verlauf der Zeichnungsbewegung läßt jedoch mit Sicherheit erwarten, daß das Ergebnis auch diesmal ein überaus glänzendes sein und einen neuen finanziellen Sieg des Vaterlandes bedeuten wird. Wie die tapferen Helden aui allen Schlachtfeldern, so haben die Bürger im Hinterlande alles getan, um dem Vaterlande neue Triumphe zu ver-; schaffen. Das Resultat der Kriegsanleihe wird zum fünften Male den Feinden zurufen: Oesterreich-Ungarn ist finanziell ebensowenig zu besiegen, wie es militärisch nicht bezwungen werden kann. Mit besonderer Genugtuung konstatieren wir auch diesmal, daß unsere Glaubensgenossen auch jetzt sehr wesentlich zur Erreichung dieses glänzenden Resultates beigetragen haben. Ein Blick in die Zeichnungslisten genügt, um den Eindruck zu gewinnen, i wie zahlreich dort diejenigen Namen zu finden | sind, die unsere Feinde stets mit einem Ausrufungszeichen zu versehen pflegten. Diesbezüglich wird aber höchstwahrscheinlich niemand die Vornahme einer Judenzählung fordern. Wir konstatieren dies alles mit Genugtuung, ohne uns jedoch darauf etwas besonderes einzubilden. Unsere Brüder haben einfach ihre Pflicht gegenüber Kaiser und Vaterland erfüllt. Mit einer ganz besonderen Satisfaktion können wir jedoch eine Aktion verzeichnen, die verhältnismäßig ein glänzendes Resultat gebracht hat. Der Kriegsanleihe - Zeichnungsverein „Agudas-Jisroel", der schon gelegentlich der vierten Kriegsanleihe, ein Ergebnis von etwa 235.000 K in Anteilen zu 25 K gebracht hat, kann diesmal auf ein noch schöneres Resultat verweisend" Bis Ende voriger Woche erreichte das Zeichnungsergebnis dieses Vereines etwa 280.000 K in Anteilen zu 50 K und das Endresultat dürfte sich wahrscheinlich auf 300.000 K stellen. Will man dieses Ergebnis richtig einschätzen, so muß man sich vor Augen halten, daß der „Agudas - Jisroel" - Zeichnungsverein unter etwa 30 derartigen Vereinen in Wien die erste Stelle einnimmt. Noch höher ist dieses Resultat einzuschätzen, wenn man bedenkt, daß es zumeist sogenannte „kleine Leute", vornehmlich jüdische Flüchtlinge aus Galizien, waren, die dasselbe ermöglichten. Es war geradezu rührend, zu sehen, wie da diese Kreise, darunter auch viele Frauen, in das Vereinslokal gekommen sind, um ihre kleinen, manchmal schwer erworbenen Ersparnisse in Kriegsanleihe anzulegen, in dem Bewußtsein, damit eine gute jüdische Tat zu begehen und eine patriotische Pflicht zu erfüllen. Wesentlich hat auch der warme Appell der ehrwürdigen Großrabbiner von Bojan, Czortkow, Husiatyn, Ottynia, Sadagora, Kopyczynce, Drohobycz und Gwozdziec beigetragen, der in den Kreisen der orthodoxen Juden den tiefsten Eindruck hervorgerufen hat. Es waren auch vornehmlich orthodoxe Juden, die bei der „Agudas-Jisroel" die Kriegsanleihe zeichneten . Die „Agudas-Jisroel" als solche hat sich durch die Gründung des Kriegsanleihe-Zeichnungsvereines ein großes Verdienst erworben und den Beweis geliefert, daß sie würdig ist. die Juden Galiziens um ihre Fahne zu vereinigen und dieselben zu repräsentieren. Nicht unerwähnt mögen hiebei die Verdienste des Vorsitzenden der „Agudas - Jisroel" - Organisation, des Herrn J. .1. Thumim, bleiben, der mit besonderem Eifer und Hingebung die Kriegsanleiheaktion, wie auch alle anderen Agenden der Organisation geleitet und wesentlich zu dem Erfolg derselben beigetragen hat. Eine Kaisergedäcritnlsstiflung der ungarischen juden- Das ungarische Judentum hat eine Bewegung eingeleitet, um das Andenken des verewigten Kaisers Franz Josef 1., unter dessen Regierung die Emanzipation der jüdischen Glaubensgemeinschaft durchgeführt und damit den ungarischen Juden der Weg zu gedeihlicher Entwicklung eröfinet wurde, durch eine Franz-Josef-Stiftung zu ehren. Das Erträgnis der Stiftung soll dazu dienen, um im Rahmen des Landes-Rabbiiierseoiirtars und der Israelitischen ljmdes-LehreTpräparsndie ZögScgsstternate zu schaffen. Die Israelitische Landeskamlei wendet sich nun in einem Aufruf an die imgamche J*- denschaft mit der Bitte, ntr VerwMtliefe»« dieses Werkes der Pietät durch Spenden beizutragen. Der Aufruf hat folgenden Wortlaut: Der Schmerz über den Tod Sr. kaiserlichen und apostolisch königlichen Majestät Franz Josef I. wurde in der gesamten ungarischen Judenschaft durch ein inniges OeffiM des Dankes vertieft, das jenem erhabenen, verewigten Herrscher galt, unter dessen Regierung unsere bürgerlichen Rechte und die staatsrechtliche Stellung unserer Religion durch Grundgesetze gesichert wurden, und dessen Name durch die Schaffung hervorragender Kulturinstirutionen unserer Glaubensgemeinschaft im Kreise der heimischen Judenschaft ewig unvergeßlich bleiben wird. Die Geschichte des ungarischen Judentums bewahrt als heiliges Vermächtnis die segensvolle und nach den Leiden der Vergangenheit von uns doppelt gefühlte Gerechtigkeitsliebe unseres großen Königs, die unter seiner glorreichen Herschaft gemachten sieghaften Errungenschaften des Prinzips der Reichsgleichheit und sein strahlendes Herrscherbeispiel, das durch das Dunkel der Vorurteile den Völkern und Regierungen voranleuchtete. Wir wollen unsere Gefühle auch in Verbindung mit unseren, durch die besondere Gunst Sr. Majestät des verewigten Königs geweihten Institutionen dauerndverinnerlichen, und haben daher in Treue zu seinem erhabenen Geiste beschlossen, aus unserer bescheidenen Kraft eine großzügige Landes- Franz-Josef-Stiftung zu schaffen, die zur Stärkung des Glaubens und der nationalen Kultur und zur Förderung der idealen Berufen sich widmenden Jugend dienen und im Rahmen der Institutionen des Landes- Rabbinerseminars und der Israelitischen Landes-Lehrerpräparandie, deren Entstehung sich an die Regierung unseres großen Königs knüpft, zur Schaffung von Internaten verwendet werden soll. Es ist das erstemal, daß die Gesamtheit der Mitglieder unserer Glaubensgemeinden und Korporationen zu einem gemeinsamen großen und geheiligten Opfer der Pietät aufgefordert wird. Es ist unser Ziel, einerseits den Dank der Judenschaft und andererseits den idealen Glauben des dahingeschiedenen Herrschers, den Geist seines Kultur und Liebe atmenden harmonischen Lebenswerkes in den Institutionen des Judentums zu verewigen. Die Stiftung soll daher würdig sein unseres gütigen Königs, unserer tatbereiten Pietät und der hehren Aufgaben unserer gesamten Glaubensgemeinschaft. Voll Vertrauen rufen wir die heimische Judenschaft zum Spenden auf. Wir hoffen zuversichtlieh, daß unsere Kultusgemeinden und Korporationen die Sammlung mit Liebe organisieren werden, damit unsere Glaubensgemeinschaft auf diesem gemeinsamen Altar der Dankbarkeit unter Teilnahme der breiten Schichten der Mitglieder aus vollem Herzen und mit voller Bereitschaft opfern können. Gott segne und beschütze unser geliebtes Vaterland. Zwei Jahre als Geisel in Rußland. Vor einigen Tasten ist der bekannte Advokat Dr. Jakob Di am and. Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeiiide in Lemberg, im Austauschwege aus Rußland nach Oesterreich zurückgekehrt, nachdem er sich mehr als zwei Jahre als Geisel in russischer Oe- fangenschaft befunden und alle damit verbundenen Oualen und Leiden in Hülle und Fülle bestanden hatte. Dr. Diamand hatte in der galrzischen Hauptstadt in der genannten Eigenschaft sowie als Vorstandsmitgjlied der Advokatenkammer und als Bezirksschulrat der Stadt Lemberg eine besonders angesehene Stellungitme. Als min Anfang Saptember 1914 die Russen in Lemberg eingezogen sind, war Dr. Diamand, der damals in Abwesenheit des Präsidenten die Geschäfte der Kultusgernemde leitete, dem Komitee der Bürger beigezogen worden, das die Uebergabe der Stadt an die Russen, zu vollziehen und die Gegner um Schonung der ruhigen BevSIkerung zu ersuchen hatte. Sofort bei dem Einmarsch steJhe bekanntlich der Kriegsgouverneur Seherem e t i e w das Verlangen, ihm sechzehn Geiseln aus der Bürgerschaft auszuliefern, die für den Fall von Unruhen oder einer Gefahr für die russischen Truppen mit ihrem Leben dafür büßen sollten. Unter den nach Nationen und Konfessionen bestimmten Geiseln befand sich also auch Dr. Diamand, der sich dem Bürgermeister Dr. v. Rutowski freiwillig als Geisel für seine Glaubensgenossen anbot. Am 3. September 1914 wurden dann die

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